Maritime Verkehrssicherung

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VTS-Zentrale Horten im Oslo-Fjord
Ostende mit einem Radarturm der Schelde-Radar-Kette

Die Maritime Verkehrssicherung ist eine Dienstleistung im Rahmen der Verkehrssicherung für die Seeschifffahrt, die international als Vessel Traffic Service (VTS) bezeichnet wird. Auf der Grundlage von Informationen aus der maritimen Verkehrstechnik dient sie dem sicheren, geordneten und reibungslosen Schiffsverkehr innerhalb eines VTS-Gebiets oder auf einer Seeschifffahrtsstraße.[1] VTS wurde durch eine UN-Konvention verpflichtend eingeführt und ist in technischer Hinsicht vergleichbar mit der Flugsicherung im Luftverkehr.

In Deutschland haben die Behörden der zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) für diesen Dienst Verkehrszentralen eingerichtet. Diese im englischen als Vessel Traffic Service Center (VTSC) bezeichneten Zentralen sind rund um die Uhr mit nautischen Experten besetzt und überwachen den gesamten Schiffsverkehr in den deutschen Hoheitsgebieten. Arbeitsplattform ist ein VTS-Computersystem für Schiffsverkehrsdienste, das der Auswertung und Darstellung sämtlicher Informationen zum Schiffsverkehr dient.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die maritime Verkehrssicherung sollen Unfälle und Gefahren für menschliches Leben und die Gesundheit vermieden und die Schiffe, deren Ladung und die natürliche Umwelt geschützt werden. Dies erfordert u. a. folgende Maßnahmen und Dienste, die rund um die Uhr für die Schifffahrt verfügbar sein müssen, um die Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs jederzeit zu gewährleisten:[2]

  • Verkehrsinformation
  • Verkehrsunterstützung
  • Verkehrsregelungen
  • Verkehrslenkung (z. B. auf dem Nord-Ostsee-Kanal)
  • Notfallmeldungen

Zur präventive Gefahrenabwehr müssen mögliche Risiken, wie beispielsweise Kollisionen oder das Auflaufen von Schiffen auf Grund, rechtzeitig erkannt und verhindert werden. Dazu ist eine durchdachte, den Verkehrsstrukturen und Sicherheitsbedürfnissen angepasste Verkehrswegeführung notwendig, die den hydrologischen, morphologischen und wirtschaftlichen Anforderungen folgt. Um die Risiken zu minimieren können Verkehrstrennungsgebiete ausgewiesen werden, um gegenläufige Verkehrsströme räumlich voneinander zu trennen. Zur Navigationshilfe müssen Schifffahrtszeichen zur Markierung und Abgrenzung der Seeschifffahrtsstraßen ausgelegt und betrieben werden, um den Schiffen eine gefahrlose und sichere Fahrt zu gewähren. Die Bewältigung der Aufgaben erfordert eine kontinuierliche Erfassung, Beobachtung und Überwachung des gesamten Schiffsverkehrs, damit ggf. frühzeitig regelnd darauf eingegriffen werden kann.[3]

Rechtliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlage zur Einführung der maritimen Verkehrssicherung bildet die UN-Konvention zur Schiffssicherheit SOLAS (International Convention for the Safety of Life at Sea), die von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO (International Maritime Organization) herausgegeben wird. Im Kapitel V werden nach Regel 12 alle Mitgliedstaaten verpflichtet Verkehrssicherungsdienste überall dort einzurichten, wo Verkehrsdichte oder das Ausmaß der Gefahren solche Dienste erfordern.[4] Dies gilt beispielsweise für Hafenansteuerungen oder für Seebereiche, in denen ein Verkehrstrennungsgebiet etabliert wurde wie in der Deutschen Bucht oder im Ärmelkanal. Unter dem Eindruck verschiedener Schiffsunglücke mit verheerenden Umweltverschmutzungen hat die Europäische Union im Jahr 2002 diese Anforderung mit der Richtlinie 2002/59/EG über die „Einrichtung eines gemeinschaftlichen Überwachungs- und Informationssystems für den Schiffsverkehr“ konkretisiert.[5]

In Deutschland liegt die Zuständigkeit für die maritime Verkehrssicherung beim Bund, der die Umsetzung in deutsches Recht im Bundeswasserstraßengesetz und dem Seeaufgabengesetz sowie den darauf aufbauenden Verordnungen (Schiffssicherheitsverordnung und Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung) geregelt hat. Die verantwortliche Durchführung der Aufgaben liegt in den Händen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Oberste und zentrale Behörde ist die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS), der die regional agierenden Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter (WSA) unterstehen.[6]

Maritime Verkehrstechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn die klassischen Leuchttürme und Seezeichen weiterhin vorhanden und betrieben werden haben in den letzten Jahrzehnten die auf Funktechnik, Radar, Differential-GPS und Datenverarbeitung basierenden Systeme an Bedeutung gewonnen. Die wichtigsten Daten liefern die Radarstationen im Revier und das Automatische Schiffsidentifizierungssystem AIS (Automatic Identification System), das dem automatisierten Datenaustausch von Angaben zu Schiffsgröße, Position, Geschwindigkeit und Fahrtrichtung dient. Hinzu kommen visuelle Informationen über Kamerasysteme (CCTV), die Daten zum aktuellen und erwarteten Wettergeschehen bzgl. Wind und Sichtverhältnisse sowie Angaben zu den Wasserständen im Revier. Zusammen mit den Zuständen der Schifffahrtszeichen bilden diese Systeme die Grundlage der Maritimen Verkehrstechnik.

Damit werden die Positionen und Bewegungen der Schiffe laufend erfasst und verfolgt und jedes Schiff kann sicher auf seinem Weg Richtung Ziel begleitet und entsprechend den nautischen Anforderungen geführt werden. Die eigentliche Überwachung und Führung der Schiffe im Wachbereich obliegt den Nautikern der VTS-Zentralen, die sich in der Mehrzahl aus erfahrenen Kapitänen rekrutiert. Sie bedienen und beobachten das VTS-System mit der dargestellten Verkehrssituation und den zugehörigen Messwerten. Aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung bewerten sie die Gesamtsituation und greifen bei Bedarf regelnd ein. Zentrales Kommunikationsmittel ist der Sprechfunk auf Ultrakurzwelle.[7]

In Deutschland betreibt die GDWS die maritime Verkehrstechnik mit:[8]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage der Verkehrszentralen an der deutschen Küste

Die maritime Verkehrssicherung ist integraler Bestandteil des Systemkonzepts Maritime Verkehrssicherheit der GDWS[9], das dem Sicherheitskonzept Deutsche Küste folgt. Der IMO-Vorgabe folgend wurden dafür bei den nachgeordneten Wasserstraßen- und Schifffahrtsämtern neun Verkehrszentralen an Nord- und Ostsee eingerichtet. Eine zehnte Zentrale für den Hamburger Hafen wird als Nautische Zentrale von der Hamburger Hafenverwaltung HPA (Hamburg Port Authority) betrieben.

Ähnliche Einrichtungen der Binnenschifffahrt werden als Revierzentrale bezeichnet.[10]

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Aufgabe der Verkehrszentralen ist die Ordnung und Überwachung des Schiffsverkehrs im Rahmen der rechtlichen Vorgaben als Schifffahrtspolizei. Als Instrument zur maritimen Verkehrssicherung sorgen sie für die Abwehr von Gefahren, die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs sowie die Verhütung der von der Schifffahrt ausgehenden Gefahren und schädlichen Umwelteinwirkungen.

Jede Verkehrszentrale ist jeweils für ein oder mehrere nautische Reviere (traffic) zuständig und kann beispielsweise ein Schiff von der Ansteuerung auf See bis zum Zielhafen begleiten. Insgesamt ist das deutsche Küstengebiet zwischen der niederländischen, der dänischen und der polnischen Grenze in 23 Reviere aufgeteilt.[11] Für jeden traffic ist ein Wachtisch vorhanden, von dem aus in drei Schichten rund um die Uhr qualifizierte Nautiker und Nachrichtentechniker den Schiffsverkehr in ihrem Zuständigkeitsbereich beobachten, überwachen und Hilfestellung für die Kapitäne und Lotsen an Bord der Schiffe leisten. Bei Bedarf können sie regelnd eingreifen, um einen möglichst effizienten Verkehrsablauf zu ermöglichen. Zur Gefahrenabwehr dürfen sie Anweisungen an die betroffene Schiffsführung abgeben, um diese zu einem bestimmten Tun, Dulden oder Unterlassen zu zwingen.[9]

Bei Bedarf oder auf Anforderung können die Nautiker jederzeit den Schiffsführern Unterstützung bei der Navigation bieten. Als regelmäßiger Dienst werden Informationen über Verkehrs- und Wetterlage im Revier verbreitet. Die stündlichen Lagemeldungen enthalten Angaben zu Wind, Wasserständen, Sichtweiten und den Zustand der Wasserstraßen. Diese informieren auch über Besonderheiten im Revier, wie z. B. Offshorebauwerke, Baustellen, Baggerarbeiten, außergewöhnliche Fahrzeuge oder militärische Übungen. Außerdem nehmen sie die Schiffsmeldungen zur Weiterverarbeitung entgegen, wachen über die Einhaltung der Verkehrsvorschriften und erteilen Genehmigungen und Befreiungen.

Daneben sind die Verkehrszentralen für die Aufrechterhaltung der Wasserstraßen in einem für die Schifffahrt erforderlichen Zustand verantwortlich und sorgen für die Überwachung der Funktion, Position und Unterhaltung der festen und schwimmenden Seezeichen. Alle technischen Einrichtungen dieser Außenstationen werden über die Verkehrszentralen fernbedient und überwacht und Nachrichtentechniker sorgen für die Aufnahme, Übertragung, Verarbeitung und Speicherung aller Informationen und die Wartung aller technischen Einrichtungen. Mit Hilfe des küstenweiten Datennetzes der GDWS werden alle anfallenden Daten und externen Informationen in den Verkehrszentralen gesammelt, ausgewertet und zur Darstellung der Verkehrssituation im VTS-System aufbereitet.[12]

Nach einem Unfall im Revier erfolgt durch die Verkehrszentrale das Notfallmanagement mit Einleitung der Sofortmaßnahmen in der Unfallbekämpfung und die Alarmierung der Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter und ggf. des Havariekommandos. Bei Seenotfällen wird die Seenotleitung Bremen eingeschaltet, die mit den Rettungsbooten der DGzRS schnelle Hilfe bei SAR-Einsätzen leisten kann.[9]

Zusammenarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um einen möglichst sicheren und leichten Schiffsverkehr im Revier zu gewährleisten, arbeiten die Verkehrszentralen eng in einem Netzwerk verschiedener Partner zusammen.

Die Verkehrszentralen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehrszentrale Brunsbüttel
Verkehrszentrale Travemünde
Verkehrszentrale Warnemünde
Verkehrszentrale VZ Behörde Rufname und Revier Ort
VZ Ems WSA Ems-Nordsee westlich von Emden an der Knock,
VZ Wilhelmshaven WSA Weser-Jade-Nordsee Wilhelmshaven, Schleusenstraße,
VZ Bremerhaven Bremerhaven, am alten Vorhafen,
VZ Bremen
  • Bremen Weser Traffic: Unterweser zwischen Brake und Bremen
  • Bremen Hunte Traffic: Hunte bis Oldenburg
Bremen, an der Wilhelm-Kaisen-Brücke,
VZ Cuxhaven WSA Elbe-Nordsee Cuxhaven, Am alten Hafen 2,
VZ Brunsbüttel
  • Brunsbüttel Elbe Traffic: Unterelbe und Nebenflüsse von Ostemündung bis Hamburger Landesgrenze
Brunsbüttel, auf der Schleuseninsel,
VZ Nord-Ostsee-Kanal WSA Nord-Ostsee-Kanal Brunsbüttel, auf der Mittelinsel der großen Schleusen,
Nautische Zentrale Hamburg Hamburg Port Authority Hamburg-Waltershof, am Lotsenhaus Seemannshöft,
VZ Travemünde WSA Ostsee Lübeck-Travemünde, Am Leuchtenfeld 12,
VZ Warnemünde Warnemünde, Rostock-Hohe Düne,

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Versuche mit Radarzentralen in Deutschland wurden Anfang der 1960er Jahre in Cuxhaven, Brunsbüttel und Bremerhaven gemacht. Am 6. September 1965 wurde in Bremerhaven die erste dauerhafte Radarzentrale in Betrieb genommen.[13]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland sind die Verkehrszentralen auch zuständig für den Maritime Assistance Services.

Am Maritimen Simulationszentrum Warnemünde auf dem Campus des Bereiches Seefahrt Warnemünde der Hochschule Wismar befindet sich seit 1999 ein Simulator für Verkehrszentralen (VTSS).[14][15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Vessel traffic service – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vessel Traffic Services auf vtmis.info, abgerufen am 10. April 2021
  2. Verkehrszentralen. In: elwis.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  3. Verkehrssicherungskonzept Deutsche Küste – Maritime Verkehrssicherung. In: elwis.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  4. IMO – Vessel Traffic Services (engl.). In: imo.org. International Maritime Organization, abgerufen am 10. April 2021.
  5. Richtlinie 2002/59/EG der EU. In: eur-lex.europa.eu. Portal of the Publications Office of the EU, abgerufen am 10. April 2021.
  6. GDWS – Geschäftsbereich. In: gdws.wsv.bund.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  7. Verkehrsmanagement und Verkehrszentralen. In: gdws.wsv.bund.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  8. Die maritime Verkehrstechnik. (PDF) In: wsv.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  9. a b c Aufgaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. In: gdws.wsv.bund.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  10. GDWS – Binnenwasserstraßen Revierzentralen. In: gdws.wsv.bund.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  11. VTS-Sektoren Nord- und Ostsee. (PDF) In: elwis.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  12. Maritime Verkehrstechnik. In: gdws.wsv.bund.de. Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, abgerufen am 10. April 2021.
  13. „Die Schifffahrt auf dem Schirm“ - 50 Jahre Radar an der deutschen Küste. In: hafen-hamburg.de. Port of Hamburg, 7. September 2015, abgerufen am 7. Januar 2021.
  14. Simulation für Verkehrszentralen VTSS, Hochschule Wismar, abgerufen am 9. Juli 2018.
  15. Tom Dehmel, Max Dolberg, Uwe Gabert: 10 Jahre Vessel Traffic Service Simulator – Erfahrungen in der Fort- und Weiterbildung (Memento vom 10. Juli 2018 im Internet Archive), Zwischen Weser und Ems 43, 2009, S. 13–19, hdl:20.500.11970/104975.