Veza Canetti

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Veza Canetti (geboren als Venetiana Taubner-Calderon 21. November 1897 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben 1. Mai 1963 in London) war eine österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Venetiana Taubner-Calderon war die Tochter einer sephardischen Mutter und eines ungarisch-jüdischen Vaters. Sie wurde ohne linken Unterarm geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg war die hoch begabte Literaturkennerin zunächst als Englischlehrerin tätig. 1924 begegnete sie Elias Canetti, den sie 1934 heiratete.

Veza Canetti gehörte zum engeren Kreis um Karl Kraus, stand aber gleichzeitig dem Austromarxismus nahe. In der Wiener Arbeiter-Zeitung erschien im November 1933 ihre Erzählung Der Kanal in drei Fortsetzungen. Veza Canetti publizierte im Malik-Verlag und in Exilzeitschriften unter den Pseudonymen Veronika Knecht, Martha Murner, Martina Murner und Veza Magd. Unter letzterem Pseudonym erschienen ihre Übersetzungen aus dem Englischen.

Ihre eigenen Romane fanden zu ihren Lebzeiten keinen Verleger; die Manuskripte zu einem Roman über Kaspar Hauser und zum Thema „Die Genießer“ hat sie zerstört. Der erhaltene Roman Die Schildkröten ist autobiographisch geprägt und verarbeitet ihre Flucht nach England.

Über Jahrzehnte hinweg war Veza Canetti die literarische Ratgeberin ihres Mannes, dessen Werke sie im Exil lektorierte. Inwieweit dieser ihre eigene literarische Tätigkeit gefördert hat, ist umstritten. Als Germanisten in den 1980er Jahren auf das schmale publizierte Werk Veza Canettis aufmerksam wurden, behauptete Elias Canetti, seine (um acht Jahre ältere) Gattin habe, durch ihn angeregt, 1931 zu schreiben begonnen, und gab ab 1990 einige Manuskripte aus ihrem Nachlass zur Publikation frei – in seiner dreibändigen Autobiografie ist allerdings von Vezas eigener schriftstellerischer Arbeit nicht die Rede. In seinem Nachlass befinden sich Entwürfe zu Kapiteln dieses Werkes, in denen er ausführlich auf ihre literarische Tätigkeit eingeht. Er meinte letztendlich ihr Schreiben nicht besprechen zu können, ohne sie als gescheitert darzustellen, was er unbedingt zu vermeiden suchte. Das Verhältnis Vezas zu ihrem erst nach ihrem Tod berühmt gewordenen Mann gilt als ein schwieriges, nicht zuletzt wegen seiner häufigen und intensiven Beziehungen zu anderen Frauen.

Veza Canetti starb 1963 in London, wo sie und ihr Mann seit 1938 lebten. Gerüchte, denen zufolge sie Selbstmord begangen hat, beruhen nicht auf Tatsachen. Sie wollte nach 1945 auf keinen Fall nach Wien zurück, denn dort würden die Nazis „bald alle jüdische Pässe haben“, so urteilte sie über ihre Landsleute.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gedenkplakette zu ihren Ehren: „Die Wahrheit darin ist verschüttet.“ Wien-Leopoldstadt, Ferdinandstraße 29 (Widmungstafel an ihrem Schreibhaus), Einweihung am 6. Mai 2013 Zum Projekt
  • Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien seit 2014, Literaturpreis, dotiert mit jährlich 10.000 Euro.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Neuausgaben im Carl Hanser Verlag, München
    • Die gelbe Straße. Roman, 1990.
    • Der Oger. Ein Stück, 1991.
    • Geduld bringt Rosen, 1992.
    • Die Schildkröten. Roman, 1999.
    • Der Fund. Erzählungen und Stücke, 2001.
  • mit Elias Canetti: Briefe an Georges. Hanser, München 2006, ISBN 3-446-20760-0.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ingrid Spörk, Alexandra Strohmaier (Hrsg.): Veza Canetti. Verlag Droschl, Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung der Universität Graz 2005, ISBN 3-85420-685-2. (ausführliche Bibliographie, darin: Jenseits der Bildung: Veza Canetti als jüdische Schriftstellerin in Wien)
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Veza Canetti. Text und Kritik, München 2002.
  • Gaby Frank: Veza Canetti. In: Britta Jürgs (Hrsg.) "Leider hab ich's Fliegen ganz verlernt." Portraits von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Neuen Sachlichkeit. Aviva, Berlin 2000, ISBN 3-932338-09-X.
  • Edda Ziegler: Magd und Knecht: Veza Canetti. In: Verboten, verfemt, vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. dtv, 2010, ISBN 978-3-423-34611-5, S. 153–157.
  • Julian Preece: The Rediscovered Writings of Veza Canetti: Out of the Shadows of a Husband. Rochester NY 2007, ISBN 978-1-57113-353-3.
  • Gerhild Rochus: Canetti, Veza. In: Andreas B. Kilcher (Hrsg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02457-2, S. 100–102.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Briefe an Georges bei Hanser (PDF; 71 kB)