Vicco von Bülow-Schwante

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Vicco Karl Alexander von Bülow-Schwante (* 10. Mai 1891 in Berlin; † 14. März 1970 in Düsseldorf)[1] war ein deutscher Diplomat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er entstammte dem mecklenburgischen Uradelsgeschlecht derer von Bülow und war ein Sohn des preußischen Generalfeldmarschalls Karl von Bülow.[2] Sein Onkel war Bernhard Wilhelm von Bülow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1930 bis 1936.[3]

Bülow trat nach Absolvierung des Gymnasiums am 16. September 1910 als Fahnenjunker in das 2. Garde-Regiment zu Fuß der Preußischen Armee ein. Dort wurde er am 27. Januar 1912 mit Patent vom 30. Januar 1910 zum Leutnant befördert.[4] Während des Ersten Weltkriegs war er dem Oberkommando der Heeresgruppevon Below“ zugeteilt. Nach dem Krieg wurde Bülow als Rittmeister verabschiedet.

Er war Stahlhelmgauführer von Havelland. 1924 kaufte Bülow von dem Finanzmann Ledwin das Schloss Schwante, der dieses zuvor 1919 den Erben von Richard Sommer abgekauft hatte und wurde deshalb von Bülow-Schwante genannt.

Bülow-Schwante war seit 1928 Mitglied der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP),[5] später der NSDAP[6] und in der Zeit des Nationalsozialismus vortragender Legationsrat beim Außenminister. Innerhalb der Sturmabteilung war Bülow-Schwante Standartenführer z. V. bei der Obersten SA-Führung (OSAF).[1]

Ferner war er Brigadeführer im NSKK.

Sonderreferat Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Protektion des Vorsitzenden des Stahlhelms und neuen Arbeitsministers Franz Seldte und gegen den Protest seines Onkels, des Staatssekretärs Bernhard Wilhelm von Bülow, der eine „Politisierung des auswärtigen Dienstes“ fürchtete, wurde er ohne entsprechende Vorbildung in den höheren Dienst des Auswärtigen Amtes übernommen.[7] 1933 wurde im Auswärtigen Amt unter der Leitung von Bülow-Schwante das Sonderreferat Deutschland gegründet. Zu den Aufgaben dieses Referates gehörten ab dem 20. März 1933, neben Anderen, die bisher von der Abteilung III behandelten jüdisch-politischen Angelegenheiten, welche nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten als Judenfrage im Auswärtigen Amt bezeichnet wurden. Zunächst setzte er die Weisung des Staatssekretärs von Bülow vom 13. März 1933 um, Material zum angeblich überproportionalen „Vordringen der Juden im öffentlichen Leben Deutschlands zu sammeln“.[8] Unter Bülow-Schwantes Ägide wurde dann ein von Emil Schumburg verfasster Runderlaß zur Entwicklung der Judenfrage in Deutschland und ihre Rückwirkungen im Ausland an die diplomatischen und berufskonsularischen Vertretungen, gegeben.[9]

Neben dem APA, der NSDAP/AO und dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda förderte das Sonderreferat Deutschland die Verbreitung der Ideologie der NSDAP im Ausland.

Das Sonderreferat Deutschland lud die Führer der spanischen Falangisten 1934 in das Deutsche Reich ein.[10]

Beim Bemühen, Juden aus dem Deutschen Reich zu vertreiben, sah Bülow-Schwante Ende Februar 1934 Gemeinsamkeiten mit den Zionisten, welche zur Auswanderung nach Palästina aufriefen.

1935 war er Leiter des Protokolls unter Konstantin Freiherr von Neurath. In diesem Jahr hatte er auch den Schaden zu begrenzen, nachdem Hitlers Definition von Ariern und Semiten und die Nürnberger Rassegesetze in den arabischen Ländern bekannt geworden waren. Ein Junge mit ägyptischem Vater war deshalb sogar aus der Hitler-Jugend geworfen worden. Bülow schrieb herum, die Gesetze gelten nicht für Ägypter, Iraker, Iraner, Türken usw., aber insbes. die Regierungen Ägyptens und Irans (das behauptete, Stammland der „Arier“ zu sein) waren kaum zu überzeugen. Die Gesetze gelten „nur gegen Juden“. Er musste zugeben, dass unter den Deutschen weitere Gespräche dazu nötig sind. Die Ägypter drohten, die Olympiade 1936 zu boykottieren.[11] Man half sich dann mit der Erfindung des „artverwandten Blutes“ dieser Leute. 20 hochrangige Beamte des AA versammelten sich am 1. Juli 1936 um Bülow und Wilhelm Stuckart zu diesem Thema zu einer Konferenz. 1937 schrieb Bülow-S., das Weltjudentum will Palästina erobern, aber die Araber haben die Gefahr erkannt. Auch Mussolini ist gegen die jüdische Einwanderung. Deshalb werden die Deutschen jetzt ihre Meinung ändern, gegen die Einwanderung sein und die Juden spalten müssen. Die Judenfrage ist auch nicht gelöst, wenn es keine deutschen Juden mehr gibt; Bülow bezieht sich also auf eine angebliche Weltmacht des „internationalen Judentums“; so, wie die Protokolle der Weisen von Zion sie behaupten. Keinesfalls sollen die Juden eine Machtbasis im Osten erhalten, welche der des Vatikan für die Katholiken entspricht.[12]

Im Juni 1936 starb der Staatssekretär Bernhard Wilhelm von Bülow. Im Geschäftsverteilungsplän des Auswärten Amtes von 1936 und 10. März 1938 war Bülow-Schwante, Leiter der Abteilungen Protokoll (Diplomatisches Korps in Berlin, die ausländischen Konsuln im Deutschen Reiche, Einführung beim Führer und Reichskanzler, Zeremoniell, Ordenssachen) sowie Innerdeutsche Angelegenheiten[13]

1937 argumentierte Bülow-Schwante mit außenpolitischen Gründen dafür, die Nachkommen von Besatzungssoldaten der Ruhrbesetzung zu kasernieren, statt zu sterilisieren.[14]

Im Juli 1938 wurde Alexander Freiherr von Dörnberg als Nachfolger von Vicco von Bülow-Schwante zum Chef der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes ernannt.

Vom 14. Oktober 1938 bis 1940 war Bülow-Schwante deutscher Botschafter in Brüssel. Zur Vorbereitung auf den Polenfeldzug berief Joachim von Ribbentrop eine Konferenz der Botschafter des Deutschen Reichs in Europa nach Berlin ein. Ribbentrop fragte Bülow-Schwante, ob Belgien bei einem Krieg zwischen Deutschland und Polen neutral bleiben würde. Bülow erklärte, dass Belgien nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges eine militärische Sicherung bei Frankreich und England suchen würde, welche beide fraglos gegen das Deutsche Reich eingreifen würden. Ribbentrop tat kund, England und Frankreich dächten gar nicht an Krieg. Bülow erwiderte, wenn dem so sei, dann verstünde er die Frage Ribbentrops nicht, denn dass Belgien einsam und allein gegen Deutschland zu Felde zöge, wäre doch wohl ein absurder Gedanke.[15]

1940 sandte Bülow-Schwante die Militärattachés der Gesandtschaft in Brüssel, Ralph Wenninger und Friedrich-Carl Rabe von Pappenheim zu dem Gefangenen Helmut Reinberger, welcher am 10. Januar 1940 mit Plänen für den Westfeldzug bei Maasmechelen in der Nähe von Mechelen in Belgien mit einer Messerschmitt Bf 108 notgelandet war.

Bei einer Verhandlung eines Nürnberger Prozesses berichtete Hans Bernd Gisevius 1946, dass er Bülow-Schwante von Verbrechen der Gestapo berichtete, von welchen er über Arthur Nebe vom Mittagstisch der Gestapo-Abteilungsleiter informiert wurde, damit dieser sie von Neurath vortragen hätte können.[16]

1951 war er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Dr.-Hiller-AG sowie im Beirat der damaligen Kommanditgesellschaft Henkell & Co.[17]

1953 saß Bülow-Schwante im Aufsichtsrat der Stahlindustrie und Maschinenbau AG, Düsseldorf.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 82.
  2. Allgemeine deutsche Biographie & Neue deutsche Biographie, Band 2, Berlin, 1955, S. 736.
  3. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 42f.
  4. Freiherr von Bock: Stammliste des Offizierkorps des 2. Garde-Regiments zu Fuß 19.6.1813–15.5.1913. Verlag R. Eisenschmidt. Berlin 1913. S. 280.
  5. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 42.
  6. Robert E. Lester, President Franklin D. Roosevelts’s Office Files, 1933–1945 Part 5: The John Franklin Carter Files, on German Nazi Party Members (PDF; 279 kB)
  7. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 43 f.
  8. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 46.
  9. Magnus Brechtken, Madagaskar für die Juden: antisemitische Idee und politische Praxis 1885–1945. S. 173.
  10. Robert H. Whealey, Hitler and Spain: The Nazi Role in the Spanish Civil War, 1936–1939. S. 31.
  11. Arnd Krüger: Die Olympischen Spiele von 1936 und die Weltmeinung. Bartels & Wernitz, Berlin 1973, ISBN 3-87039-925-2.
  12. Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab world. Yale UP, New Haven 2009, S. 19f, 28f. und durchgehend im Buch, s. Reg.
  13. Geschäftsverteilungsplan Auswärtes Amt 1936 (PDF) 1938 (PDF)
  14. Alexandra Przyrembel: Rassenschande – Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Nationalsozialismus. 2003, 567 S., S. 61 FN.154
  15. Hammer, Sichel und Hakenkreuz. In: Die Zeit, Nr. 40/1949
  16. Nürnberger Prozess, Hauptverhandlung auf zeno.org
  17. Die Qualität des Sektes. In: Der Spiegel. Nr. 48, 1951 (online). Bülow-S. folgt hier nachzeitlich den Spuren des Ribbentrop, der ebenfalls als Sektvertreter groß geworden war.
  18. Aus den Unternehmungen. In: Die Zeit, Nr. 53/1953
VorgängerAmtNachfolger
Herbert von RichthofenDeutscher Botschafter in Belgien
1938–1940
Werner von Bargen