Vickers Viscount

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Vickers Viscount
British Air Ferries Vickers Viscount
Typ: Verkehrsflugzeug
Entwurfsland: Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich
Hersteller: Vickers-Armstrongs (Aircraft) Ltd.
Erstflug: 16. Juli 1948
Indienststellung: 1953
Produktionszeit: bis 1964
Stückzahl: 445[1]
Vickers Viscount der British Airways, 1975

Die Vickers Viscount war ein Verkehrsflugzeug der britischen Vickers-Armstrongs (Aircraft) Ltd., das von 1948 bis 1964 gebaut wurde. Das für bis zu 75 Passagiere ausgelegte Flugzeug wurde von vier Rolls-Royce Dart-PTL-Triebwerken angetrieben und erreichte bis zu 584 km/h maximale Reisegeschwindigkeit.[2]

Als erstes Verkehrsflugzeug mit Turboprop-Antrieb leitete die Viscount eine neue Ära der Luftfahrt ein. Der Erstflug der für Mittel- und Kurzstrecken ausgelegten Maschine fand am 16. Juli 1948 statt, die Indienststellung erfolgte im April 1953. Bis zum Ende der Serienfertigung 1964 hatte Vickers 443 Maschinen an weltweit mehr als 50 Halter ausgeliefert, einen großen Teil davon nach Kanada und in die USA. Bei den Passagieren war die Maschine vor allem wegen ihrer großen Fenster und ihres ruhigen und weitgehend vibrationsfreien Antriebs beliebt. Heute ist keines dieser Flugzeuge mehr in Betrieb.

Geschichte und Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gedanke zum Bau eines Verkehrsflugzeuges mit Propellerturbinenluftstrahltriebwerk (PTL) reifte Ende 1944 bei Diskussionen zwischen dem Brabazon-Komitee und den Vickers-Konstrukteuren, die bereits an einer zivilen Ableitung des Wellington-Bombers als VC.1 Viking arbeiteten. Im März 1945 unterbreitete Vickers verschiedene Projekte eines derartigen Verkehrsflugzeuges mit Druckkabine für 24 bis 27 Passagiere und einem Abfluggewicht von 15.900 kg unter der Bezeichnung VC.2 auf dem Reißbrett. Das im Mai desselben Jahres vom Brabazon-Komitee aufgestellte Pflichtenheft IIB (8/46) sah ein für die europäischen Strecken der British European Airways (BEA) bestimmtes und von vier Propellerturbinen angetriebenes Mittel- und Kurzstreckenflugzeug mit 24 Plätzen vor, das eine Nutzlast von 3.400 kg über eine Entfernung von mindestens 1.600 km befördern sollte. Zum Jahresende hatte Vickers das Rolls-Royce-Dart-Triebwerk als möglichen Antrieb gewählt und das Projekt in Zusammenarbeit mit der BEA soweit weiterentwickelt, dass das britische Beschaffungsministerium am 9. März 1946 der Firma einen Regierungsauftrag zum Bau von zwei Prototypen erteilen konnte. Hiervon sollte je eine Maschine mit Triebwerken vom Typ Armstrong Siddeley Mamba, bzw. Rolls-Royce Dart angetrieben werden.

Bau und Erstflug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst benannte man das neue Flugzeugmuster „Viceroy“, gab den Namen aber nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens zugunsten der Bezeichnung „Viscount 609“ auf. Im Dezember 1946 konnte mit dem Bau des ersten Flugzeugs begonnen werden, welches auf Wunsch der BEA zur Beförderung von 32 Passagieren vergrößert werden musste und die Typenbezeichnung Viscount 630 erhielt. Als Antrieb dienten vier Dart 504 (R.Da.1)-Triebwerke. Der Erstflug (V.630, G-AHRF) erfolgte am 16. Juli 1948 in Wisley, doch erreichten die Flugleistungen nicht die Erwartungen. Potentielle Kunden, allen voran die Fluggesellschaft BEA, verhielten sich dem neuen Flugzeugmuster gegenüber vorerst reserviert, was zu einer Verlangsamung der Arbeiten am zweiten Prototypen zur Folge hatte. Diese Maschine wurde als fliegender Prüfstand für das Rolls-Royce Tay-Strahltriebwerk fertiggestellt.

Modell 700[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Briefmarke 1980

Nachdem das leistungsfähigere Dart-505-(D.Ra.3)-Triebwerk verfügbar wurde, entschied sich Vickers zum Bau einer vergrößerten Version für bis zu 53 Passagiere. Der Prototyp (G-AMAV) dieser als Viscount 700 bezeichneten Version wurde am 19. April 1950 fertiggestellt und führte schließlich am 28. August 1950 seinen Erstflug aus.

Erster Einsatz im Linienverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vickers Viscount Model 701 der Cambrian Airways, Bristol Airport, England, 1963.
Aer Lingus Viscount 808 in Manchester, 1963
Austrian Airlines Viscount 837, 1960

Zur Bewältigung des intensiven Sommerverkehrs wurde der Prototyp V.630 ab dem 29. Juli 1950 für einen Monat von der BEA probeweise auf den Strecken London–Edinburgh und London–Paris im Passagier-Liniendienst eingesetzt. Die während dieser Zeit gesammelten positiven Erfahrungen führten Ende August desselben Jahres zum Auftrag für 20 Maschinen der V.700, welcher kurz vor Jahresende auf 26 Exemplare erhöht wurde. Die nach dem Standard der BEA für 47 Passagiere ausgelegten Flugzeuge hatten ein maximales Startgewicht von 24.000 kg und erhielten die Typenbezeichnung Viscount 701. Die erste Serienmaschine (G-ALWE) startete am 20. August 1952 zu ihrem Erstflug und wurde mit dem Taufnamen Discovery am 3. Januar 1953 der BEA übergeben. Der neue Flugzeugtyp erhielt seine Musterzulassung am 17. April 1953 und bereits am nächsten Tag flog die Viscount ihren ersten Liniendienst zwischen London und Nikosia (Zypern).

Export[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Auslandskunden für die Viscount wurden Air France, Aer Lingus und Trans Australia Airlines. Den Durchbruch auf dem nordamerikanischen Markt bedeuteten die Bestellungen von Trans-Canada Air Lines (V.724; MTOW 27.216 kg) über 51 Maschinen im November 1952 und von Capital Airlines (V.745, MTOW 29.256 kg) über 40 Maschinen im Juni 1954 sowie 20 weitere im Dezember 1954.

Die Viscount erhielt die US-Luftverkehrszulassung am 7. November 1955 und am 14. November 1955 wurde die erste V.745 an die Capital Airlines abgeliefert. In der Folge entschieden sich verschiedene amerikanische Fluggesellschaften für die Viscount, damals das einzige verfügbare Passagierflugzeug mit Propellerturbinenantrieb. Obwohl die wechselnde Innenausstattung die Verwendung zahlreicher Typennummern bedingte, gab es grundsätzlich nur drei Versionen der V.700-Serie: Viscount 700 mit Dart 505 oder 506; Viscount 700D mit Dart 510 (R.Da.6) und größerem Kraftstoffvolumen und schließlich die Viscount 770D, das für den amerikanischen Markt bestimmte Gegenstück der V.700D. Einige Viscount dieser Serien sind zusätzlich noch mit unter den Flügeln angeordneten Außentanks ausgestattet. Abgesehen von den Prototypen wurden insgesamt 287 Viscount der Serie 700 produziert, von denen einige noch lange als Geschäftsreiseflugzeuge Verwendung fanden. Dagegen stehen seit Mitte der 1980er-Jahre keine solchen Flugzeuge mehr im Einsatz bei Luftverkehrsgesellschaften.

Modell 800[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cockpit einer Vickers Viscount 806

Die größten Versionen der Viscount waren die Modelle 800 und 810. Sie waren 1,20 Meter länger als die 700er und boten Platz für bis zu 75 Passagiere.

Die Viscount 810 wurde gegenüber der 800 mit nochmals stärkeren Triebwerken ausgestattet, die ihr bessere Leistungsdaten ermöglichten, u.a. eine um gut 60 km/h höhere maximale Reisegeschwindigkeit. Allerdings mussten dafür auch strukturelle Verstärkungen vorgenommen werden.

Weitere Änderungen an Rumpf und Triebwerken waren geplant; dieses Muster wurde dann jedoch zur Vickers Vanguard weiter entwickelt.

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einsatz im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lufthansa setzte von 1959 bis 1971 insgesamt elf Viscount 814 ein. Vier davon wurden zeitweise auch von Condor Flugdienst betrieben. Austrian Airlines betrieb sechs werksneue Viscount 837, zwei von Capital Airlines gebraucht erworbene 745D sowie vier von Fred. Olsens Flyselskap gemietete 779D. Air Commerz hatte zwei Viscount 808 im Einsatz, fünf ehemalige Maschinen der Lufthansa wurden durch Nora Air Services erworben und SATA in Genf betrieb zwei Viscount 803.[3]

Militärische Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

AustralienAustralien Australien
BrasilienBrasilien Brasilien
China VolksrepublikVolksrepublik China Volksrepublik China
IndienIndien Indien
OmanOman Oman
PakistanPakistan Pakistan
Sudafrika 1928Südafrikanische Union Südafrikanische Union
TurkeiTürkei Türkei
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich

Zwischenfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den 447 gebauten Viscounts wurden 144 in verschiedenen Zwischenfällen zerstört oder irreparabel beschädigt. Dabei sind in 66 Flugunfällen 1.238 beförderte Personen tödlich verunglückt.

  • Am 21. Dezember 1959 verunglückte eine Viscount 785 (Seriennummer [S/N] 378) der Alitalia (Luftfahrzeugkennzeichen I-LIZT) beim Landeanflug auf den Flughafen Rom-Ciampino. Die Maschine, an der auf einem Prüfungsflug zwei der vier Triebwerke auf Leerlauf gestellt waren, wurde während des Landemanövers unterhalb der Mindestgeschwindigkeit für Triebwerksausfall unbeherrschbar und stürzte ab. Beide Personen an Bord (die Piloten) kamen ums Leben.[4]
  • Am 18. Januar 1960 stürzte eine Viscount 745 S/N 217 der Capital Airlines (Kennzeichen N7462) in Holdcroft bei Charles City in Virginia, USA ab, nachdem alle Triebwerke aufgrund der nicht eingeschalteten Enteisungsanlage ausfielen. Alle 50 Menschen an Bord starben.[5]
  • Am 29. Januar 1963 stürzte eine Viscount 812 der Continental Airlines (N242V) während der Landung auf dem Flughafen Kansas City Municipal Airport ab, wobei alle 8 Insassen ums Leben kamen. Der Unfall wird auf eine unentdeckte Vereisung des Höhenleitwerks zurückgeführt, die zum Kontrollverlust führte.[6][7]
  • Am 14. April 1963 verunglückte eine Viscount 759D der Flugfélag Islands (TF-ISU), die zu diesem Zeitpunkt bereits international den Namen Icelandair verwendete. Das Flugzeug stürzte im Landeanflug sechs Kilometer vom Flughafen Oslo-Fornebu entfernt ab. Die Maschine befand sich auf dem Flug von Kopenhagen über Oslo und Bergen in Norwegen nach Reykjavík. Alle zwölf Insassen kamen ums Leben, davon acht Passagiere und vier Besatzungsmitglieder.[8]
  • Am 17. April 1973 machte eine Viscount 735 der Iraqi Airways (YI-ACL) eine Bauchlandung auf dem Flughafen Mosul, nachdem der gesamte Treibstoff verbraucht war. Alle 33 Insassen überlebten den Unfall; die Maschine wurde irreparabel beschädigt.[10]
  • Am 31. Juli 1975 geriet eine Viscount 837 der Far Eastern Air Transport (B-2029) bei Taipei in einen Wirbelsturm und stürzte ab. 27 Menschen starben, 48 konnten gerettet werden.[11]
  • Am 15. August 1976 verschwand eine Viscount 785D der ecuadorianischen SAETA (HC-ARS) mit 59 Menschen an Bord auf ihrem Flug von Quito nach Cuenca. Erst 2002 wurde das Wrack am Osthang des Vulkans Chimborazo gefunden (siehe SAETA-Flug 232).

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kenngröße Daten der Vickers Viscount 800
Länge 26,11 m
Spannweite 28,55 m
Höhe 8,15 m
Flügelfläche 89,42 m²
Leergewicht 18.700 kg
Maximales Fluggewicht 32.840 kg
Zuladung drei bis vier Besatzungsmitglieder und bis zu 75 Passagiere
Maximale Treibstoffkapazität 8.842 Liter
Antrieb vier Rolls-Royce-Dart-510-Triebwerke mit je 1.768 PS (1324 kW)

(Vierblatt-Propeller mit 3,05 m Durchmesser)

Maximale Reisegeschwindigkeit 522 km/h (in 7.000 m)
Flugreichweite je nach Nutzlast bis zu 3.040 km
Dienstgipfelhöhe 7.620 m

Erhaltene Exemplare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Flugausstellung L.+P. Junior in Hermeskeil besitzt die ehemalige Viscount 814 der Lufthansa D-ANAM. Das Auto- und Technikmuseum Sinsheim besitzt eine frühere Viscount 708 der Air Inter (F-BGNU). Eine zum Restaurant umfunktionierte Viscount 814 ohne Motoren und Propeller befindet sich in Hannover-Ricklingen an der Bückeburger Allee/Mercedesstraße. Diese Viscount führte früher bei der Lufthansa das Kennzeichen D-ANAB und diente bereits von 1971 bis 2002 auf dem Ith an der B240 bei der Einfahrt zum Sonderlandeplatz Ithwiesen als Restaurant. Eine weitere Vickers Viscount 814 (D-ANAF) stand seit 1972 auf dem Flughafen Frankfurt am Main bei der Lufthansa Technik als Trainingsobjekt für die Ausbildung. Dieses Trainingsflugzeug wurde in Frankfurt am 18. September 2012 zerlegt und nach Speyer gebracht. Dort wurde es von Azubis der Lufthansa wieder zusammengebaut und ist im Technikmuseum Speyer seit Frühjahr 2013 ausgestellt.

Im Bournemouth Aviation Museum in Christchurch (England) ist der begehbare Nasenteil einer Vickers Viscount 806 ausgestellt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrews/Morgan, S. 537–552
  2. Jane's All The World's Aircraft 1959-1960, London 1959
  3. Ulrich Klee, Frank Bucher et al.: jp airline-fleets international. Zürich-Airport 1967 bis 1980.
  4. Unfallbericht I-LIZT, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 21. März 2016.
  5. Unfallbericht N7462, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 21. März 2016.
  6. ICAO Aircraft Accident Digest 15 Volume II, Circular 78-AN/66, S. 34–46
  7. Unfallbericht N242V, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 22. Januar 2016.
  8. Flugunfalldaten und -bericht des Unglückes der Vickers Viscount TF-ISU am 14. April 1963 im Aviation Safety Network, abgerufen am 29. Mai 2011
  9. Unfallbericht VH-RMQ, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 21. März 2016.
  10. Unfallbericht YI-ACL, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 23. Januar 2016.
  11. Unfallbericht B-2029, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 21. März 2016.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C.F. Andrews, E.B. Morgan: Vickers Aircraft since 1908. Second Edition, Putnam, London 1988, ISBN 0-85177-815-1.
  • Len Cacutt (Hrsg.): Vickers Viscount. In: Great Aircraft of the World. Marshall Cavendish, London 1989, ISBN 1-85435-250-4.
  • Gerry Manning: Airliners of the 1960s. Zenith Imprint, Minneapolis 2000, ISBN 0-7603-0944-2.
  • H.A. Taylor: The Viscount ... Vickers Peer Without a Peer. In: Air Enthusiast. No. 25, August–November 1984, ISSN 0143-5450, S. 1–17.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Vickers Viscount – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien