Viešvilė

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Viešvilė
Wappen
Wappen
Staat: Litauen Litauen
Bezirk: Tauragė
Rajongemeinde: Jurbarkas
Koordinaten: 55° 4′ N, 22° 23′ OKoordinaten: 55° 4′ N, 22° 23′ O
 
Einwohner (Ort): 843 (2011)
Zeitzone: EET (UTC+2)
Viešvilė (Litauen)
Viešvilė
Viešvilė

Viešvilė (deutsch Wischwill, russisch Вешвиле (Weschwile)) ist ein Städtchen (litauisch: Miestelis) im litauischen Bezirk Tauragė (Tauroggen), gehört zur Rajongemeinde Jurbarkas (Georgenburg) und bildet einen eigenen Amtsbezirk (litauisch: Seniūnija) mit 16 Orten.

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viešvilė liegt 31 Kilometer östlich von Sowetsk (Tilsit) am rechten Ufer der Memel, die hier die Grenze zwischen Litauen und Russland bildet und in die das gleichnamige Flüsschen Viešvilė (Wischwill) mündet. Der Ort liegt an der litauischen Hauptstraße KK 141, die von Kaunas über Jurbarkas und Šilutė (Heydekrug) nach Klaipėda (Memel) führt. Zwischen 1902 und 1944 hatte das Dorf zwei Bahnstationen (Wischwill West und Wischwill Ost) an der Bahnstrecke Pogegen–Mikieten–Schmalleningken (litauisch: Pagėgiai–Mikytai–Smalininkai) der Kleinbahn Pogegen–Schmalleningken.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das frühere Wischwiller Amtsgerichtsgebäude in Viešvilė

Das frühere Dorf Wischwill[1] war im einstigen Ostpreußen ein kultureller, kirchlicher und wirtschaftlicher Mittelpunkt einer großen Region auf beiden Seiten der Memel. Im Jahre 1910 zählte die Landgemeinde 1528 Einwohner,[2] im Jahre 1925 waren es noch 1410.[3] Wischwill gehörte bis 1922 zum Kreis Ragnit, zwischen 1922 und 1939 zum Kreis Pogegen im Memelland, und danach bis 1945 zum Landkreis Tilsit-Ragnit im Regierungsbezirk Gumbinnen der preußischen Provinz Ostpreußen. Der Ort war Amtssitz und namensgebend für einen Amtsbezirk[4] mit zuletzt sieben Dörfern:

Deutscher Name Litauischer Name
Antgulbinnen Antgulbiniai
Antuppen Antupiai
Baltupönen Baltupėnai
Kallwehlen Kalveliai
Pagulbinnen Palgubiniai
Wischwill Viešvilė
ab 1937: Abschruten Apšriūtai
Fischtreppe in Viešvilė im Jahre 2010

Zu Wischwill gehörte ein Gut, daneben aber auch mehrere größere Betriebe wie Wassermühlen, Sägewerke, eine Papierfabrik, ein Walkwerk und eine Messingschmiede.[5][6] Lange Zeit war das Dorf ein wichtiges Industriezentrum rechts der Memel, bis die industrielle Revolution andere diesbezügliche Zentren in den Ballungsgebieten schuf. Kleinere mittelständische Betriebe ergänzten das Angebot: eine Molkerei, eine Käserei, drei Schmieden, mehrere Tischlereien und Stellmacherbetriebe. Außerdem war Wischwill ein Zentrum der Memelschifffahrt mit großen Lastkähnen und Boydaks.

Den Zweiten Weltkrieg überstand Wischwill mit einigen Blessuren. Als das nördliche Gebiet Ostpreußens jenseits der Memel zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik der Sowjetunion kam, gingen etliche Gebäude und kulturelle Einrichtungen verloren. Die während der Kriegshandlungen beschädigten bedeutenden Gebäude wurden nicht erneuert, sondern einfach abgetragen. Dazu gehörte auch die evangelische Pfarrkirche. In den Folgejahren orientierte sich Viešvilė verwaltungstechnisch an Jurbarkas und ist heute ein Städtchen in der Rajongemeinde Jurbarkas im Bezirk Tauragė.

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Evangelisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pfarrkirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1517 gab es in Wischwill eine evangelische Kirche,[5][6] deren Bauplatz Herzog Albrecht selber ausgesucht haben soll. 1734 bis 1737 entstand eine neue massive Kirche. Nach einem Brand 1808, wohl ausgelöst durch einen Blitzschlag, der den Turm vernichtete, baute man 1811 die Kirche als Feldsteinbau mit Fachwerkgiebeln wieder auf[7]. Der Turm mit Uhr und Glocken kam erst 1895 hinzu. Die Kirche wurde in den ersten Jahren der Sowjetzeit abgetragen. Heute erinnert ein Gedenkkreuz an den ehemaligen Standort der Pfarrkirche.[8]

Kirchengemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die evangelische Kirchengemeinde in Wischwill wurde 1517 gegründet[9] und gehörte zunächst zur Inspektion Insterburg (heute russisch: Tschernjachowsk). Das große Kirchspiel wurde im Laufe der Jahrhunderte aufgrund der Abtrennung neuer Pfarrgemeinden verkleinert. Im Jahre 1925 zählte die Wischwiller Kirchengemeinde 3000 Gemeindeglieder, die in nahezu 20 Ortschaften und Wohnplätzen lebten. Die Kirche war patronatlos. Im 20. Jahrhundert gehörte sie zum Kirchenkreis Ragnit, später dann zum Kirchenkreis Pogegen in der Kirchenprovinz Ostpreußen bzw. im Landessynodalverband Memelland der Kirche der Altpreußischen Union.

Die heute in Viešvilė lebenden evangelischen Kirchenglieder sind jetzt der Pfarrgemeinde in Vilkyškiai (Willkischken) in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Litauen zugeordnet.

Katholisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die katholische Kirche in Viešvilė

Im Ortsteil Riedelsberg (litauisch: Ridelkalnis) gab es seit 1863 eine katholische Gemeinde. Hier war im 19. Jahrhundert eine kleine Kirche errichtet worden. Das Gebäude hat den Zweiten Weltkrieg überstanden. Seit 1992 steht eine neue Kirche nördlich des Ortes am Waldrand. Ein neuer Kirchenbau ist geplant. Bis 1945 war die Gemeinde Teil der Freien Prälatur Memel im Bistum Ermland. Heute gehört sie zum Dekanat Šilutė (Heydekrug) im Bistum Telšiai (Telschen) der Römisch-katholischen Kirche in Litauen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Wischwill/Viešvilė gebürtig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Ort verbunden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Brock (1900–1986), deutscher Seemann und Schriftsteller, lebte bis 1914 auf dem Gut in Wischwill

Amtsbezirk Viešvilė[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lage des Amtsbezirks Viešvilė im Südwesten der Rajongemeinde Jurbarkas

Seit 1995 besteht die Viešvilės seniūnija, die zur Rajongemeinde Jurbarkas gehört. Im Amtsbezirk sind neben dem Städtchen Viešvilė zehn Dörfer und drei Einsitze (lit. viensėdis) mit insgesamt 1.076 Einwohnern auf einer Fläche von 120,6 km² zusammengeschlossen (Stand 2011). Der Amtsbezirk ist seit 2009 in die fünf Unterbezirke (lit. Seniūnaitija) Drūtgalio seniūnaitija, Jūravos seniūnaitija, Ridelkalnio seniūnaitija, Užupio seniūnaitija und Vidurio seniūnaitija eingeteilt. Zum Amtsbezirk gehören[10] (die beiden mit * versehenden Orte sind verlassen):

Ortsname deutscher Name Status Unterbezirk
Antiupiai Antuppen Dorf Jūrava
Apšriūtai Abschruten Dorf Jūrava
Baltupėnai* Baltupönen Dorf
Išdagai Isztaggis Dorf Jūrava
Jūrava Jura Dorf Jūrava
Kalveliai Kallwehlen Dorf Jūrava
Leipgiriai Leibgirren Dorf Jūrava
Naumalūnis Neumühl Einsitz ?
Pagulbiniai Pagulbinnen Dorf Ridelkalnis
Ridelkalnis Riedelsberg Dorf Ridelkalnis
Smaladaržis* Smalodarßen Einsitz
Viešvilė Wischwill Städtchen [11]
Vilkdaubis Wolfsgrund Einsitz Jūrava
Žardeliai Szardehlen Dorf Jūrava

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Viešvilė (city) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dietrich Lange: Geographisches Ortsregister Ostpreußen: Wischwill (2005)
  2. Uli Schubert: Gemeindeverzeichnis, Landkreis Ragnit
  3. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Stadt Tilsit und Landkreis Tilsit–Ragnit/Pogegen. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  4. Rolf Jehke: Amtsbezirk Wischwill-Dorf
  5. a b Viešvilė - Wischwill bei ostpreussen.net
  6. a b Wischwill bei GenWiki
  7. Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen. Göttingen 1968, S. 109
  8. Gedenkkreuz am ehemaligen Standort der Kirche
  9. Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 3: Dokumente. Göttingen 1968, S. 513
  10. gemäß der Volkszählung von 2011
  11. Das Städtchen Viešvilė ist in drei Unterbezirke eingeteilt: Drūtgalis (Klaipėdos gatvė 1–54), Viduris (Klaipėdos gatvė 55–95 und Darželio gatvė) und Užupis (Klaipėdos gatvė 96–120, Upelio gatvė und Mokyklos gatvė).