Vier Tage von Neapel

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Neapel, 28. September 1943

Die Vier Tage von Neapel (italienisch: Quattro giornate di Napoli) bezeichnen den Zeitraum vom 27. bis zum 30. September 1943, in dem sich die Bevölkerung Neapels während des Zweiten Weltkriegs in einem Aufstand selbst von der Besatzung durch deutsche Truppen befreite.

Erst einen Tag später, am 1. Oktober, marschierten die ersten alliierten Truppen in Neapel ein.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1940 und 1943 war Neapel wiederholt Ziel alliierter Luftangriffe, die in der Stadt schwere Schäden verursachten und rund 20.000 Einwohnern das Leben kostete. Über 3.000 Zivilisten starben bei dem Luftangriff am 4. August 1943. Nach der Bekanntgabe des Waffenstillstands von Cassibile am 8. September 1943 herrschte bald Chaos in der Stadt, da sich italienische Militärverbände auflösten und zivile Behörden ihre Dienste angesichts der Machtübernahme durch deutsche Militärkommandos nur noch eingeschränkt leisteten.

Nachdem es bereits Anfang September zu Schüler- und Studentenprotesten gegen den Krieg gekommen war, intensivierten sich solche Aktionen in den Tagen nach dem Waffenstillstand; sie richteten sich nunmehr jedoch gegen die deutsche Besatzungsmacht. Am 10. September kam es zu ersten blutigen Zusammenstößen auf der Piazza del Plebiscito und in den angrenzenden Gärten am Palazzo Reale. Als Vergeltung für vier getötete deutsche Soldaten wurde die Nationalbibliothek im Palazzo Reale in Brand gesteckt, auf eine Menschenansammlung geschossen und im Golf von Neapel etliche Schiffe versenkt. Als am folgenden 12. September rund 4.000 italienische Soldaten und Zivilisten zur Zwangsarbeit abtransportiert werden sollten, eskalierten die Straßenschlachten. Der neue deutsche Stadtkommandant, Oberst Walter Scholl, verkündete den Belagerungszustand und verhängte Ausgangssperren. Die Zivilbevölkerung wurde verpflichtet, ihre Waffen binnen 24 Stunden abzugeben; für jeden getöteten deutschen Soldaten kündigte man die Exekution von 100 italienischen Zivilisten an. Zivilisten wurden noch am 12. September an verschiedenen Orten in Neapel und Umgebung zusammengetrieben, um die Exekution italienischer Soldaten und Polizisten zu verfolgen, die sich in unterschiedlicher Weise der Besatzungsmacht widersetzt hatten. Diese Maßnahmen beruhigten die Lage in Neapel nur oberflächlich. Von rund 30.000 Männern im Alter zwischen 18 und 33 Jahren, die man in vier Stadtteilen zur Zwangsarbeit in Norditalien und Deutschland verpflichten wollte, meldeten sich 150. Es folgten Razzien und Exekutionen. Am 23. September befahl Stadtkommandant Scholl die Räumung aller entlang der Küste gelegenen Häuser Neapels. Bei einer Distanz von 300 Metern vom Meer betraf dies etwa 240.000 Bürger, die in wenigen Stunden ihre Wohnungen verlassen mussten. Auf diese Weise sollte ein militärischer Sicherheitsbereich entlang des Hafens gebildet werden, was auf dessen Zerstörung hindeutete. Ab dem 26. September begannen Zivilisten auf Razzien und Deportationen mit Gewalt zu reagieren; etliche Gefangene wurden dabei befreit.

Der Aufstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schauplätze der Vier Tage von Neapel

Auslöser der Insurrektion war am 27. September die Festnahme von rund 8.000 Neapolitanern, auf die knapp 500 Zivilisten reagierten, die sich in den Tagen davor bewaffnet hatten. Gleichermaßen als Auslöser gilt ein Überfall auf ein Fahrzeug der deutschen Truppen, bei dem ein deutscher Soldat im Stadtviertel Vomero getötet wurde. Feuerkämpfe dauerten in verschiedenen Stadtteilen nunmehr den ganzen Tag an. Besonders umkämpft waren das Castel Sant’Elmo und die Gegend um das Museo di Capodimonte. Gegen Ende des Tages erbeuteten die Aufständischen in einigen Kasernen weitere Waffen.

Am 28. September nahm die Zahl der Aufständischen zu. Heftige Schießereien gab es im Stadtteil Materdei, an der Porta Capuana, um das Castel Nuovo am Hafen, bei Monteoliveto und an anderen Orten. Im Stadtteil Vomero konzentrierten deutsche Einheiten Gefangene auf dem Sportplatz Campo Sportivo del Littorio, heute Stadio Arturo Collana, die am folgenden Tag nach Verhandlungen freikamen.

Die zunehmenden Aufstände blieben auch am folgenden 29. September unkoordiniert; erste Führungsstrukturen der Resistenza waren andernorts erst im Aufbau. Auf der Piazza Giuseppe Mazzini griffen deutsche Einheiten mit Kampfpanzern an, was 12 Aufständische das Leben kostete. Zu schweren Kämpfen kam es auch im Arbeiterviertel Ponticelli, wo deutsche Soldaten wahllos Zivilisten umbrachten. Schauplatz von Kämpfen war auch die Gegend um den Flugplatz Capodichino. Beim deutschen Hauptquartier im Corso Vittorio Emanuele, das mehrmals angegriffen worden war, begannen Verhandlungen zwischen Oberst Walter Scholl und dem italienischen Oberleutnant Enzo Stimolo: man einigte sich grundsätzlich auf die Freilassung der italienischen Gefangenen und im Gegenzug auf den freien Abzug der deutschen Truppen.

Während die deutschen Truppen am 30. September mit dem Abzug aus Neapel begannen, erklärte sich der Lehrer Antonio Tarsia in Curia zum Anführer der Aufständischen und übernahm das Kommando in Neapel. Die Kämpfe in der Stadt gingen noch weiter: von den Höhen von Capodimonte beschossen deutsche Truppen noch den ganzen Tag die Gegend zwischen Port’Alba und der Piazza Mazzini, und auch um die Porta Capuana dauerten die Gefechte an. Abziehende deutsche Truppen töteten weiter wahllos Zivilisten und steckten Gebäude in Brand, darunter das Staatsarchiv Neapel.

Der Abzug der deutschen Truppen erfolgte auch wegen der alliierten Truppen, die sich Neapel von Nocera Inferiore aus näherten. Am Vormittag des 1. Oktober 1943 erreichten die ersten alliierten Einheiten die zu großen Teilen zerstörte Innenstadt Neapels. Wieviele Menschen während der vier Tage von Neapel ihr Leben ließen, konnte nicht abschließend geklärt werden, vermutlich waren es auf italienischer Seite zwischen 500 und 600.

„Beim Versuch zu erklären, was in Italien nach dem 8. September 1943 geschah, ist Neapel ein wichtiger Indikator. Denn hier erfuhren erstmals in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges von kämpfenden Bürgern aus einer besetzten Stadt vertriebene deutsche Streitkräfte, was entschlossener ziviler Widerstand zu bewirken vermochte.“

Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Täter, Opfer, Strafverfolgung. (Seite 137)

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel für die Vier Tage von Neapel im Stadtviertel Vomero

Die Stadt Neapel wurde nach dem Krieg für den Aufstand mit der goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.[1] Postum erhielten diese höchste militärische Auszeichnung Italiens vier minderjährige Aufständische: der elfjährige Gennaro Capuozzo,[2] der dreizehnjährige Filippo Illuminato,[3] sowie die beiden siebzehnjährigen Pasquale Formisano[4] und Mario Menichini.[5] Es wurden auch silberne und bronzene Tapferkeitsmedaillen sowie einige Kriegsverdienstkreuze an Aufständische verliehen.

Der 28. September ist heute in Italien ein nationaler Gedenktag, an dem landesweit eine besondere Beflaggungsregel gilt. Die vier Tage von Neapel bilden einen der bedeutendsten Ausgangspunkte des bewaffneten Widerstands der Resistenza, der am 25. April 1945 in Norditalien seinen Abschluss fand und dem mit dem Tag der Befreiung Italiens gedacht wird.

In Neapel wurden ein Platz, ein Straßentunnel, eine U-Bahn-Haltestelle und eine Schule nach den Vier Tagen von Neapel benannt. Etliche Gedenktafeln erinnern an Kämpfe und Opfer. An der Riviera di Chiaia ist ein Denkmal den zahlreichen minderjährigen Aufständischen gewidmet.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Vier Tage von Neapel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag auf quirinale.it
  2. Eintrag Gennaro Capuozzo auf quirinale.it
  3. Eintrag Filippo Illuminato auf quirinale.it
  4. Eintrag Pasquale Formisano auf quirinale.it
  5. Eintrag Mario Menichini auf quirinale.it