Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Basisdaten
Titel: Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite
Kurztitel: Viertes Bevölkerungsschutzgesetz (nicht amtlich)
Art: Bundesgesetz
Geltungsbereich: Bundesrepublik Deutschland
Erlassen aufgrund von: Art. 74 Abs. 1 Nr. 19 GG
Rechtsmaterie: Infektionsschutzrecht
Erlassen am: 22. April 2021
BGBl. I S. 802
Inkrafttreten am: 23. April 2021
Weblink: Text des Gesetzes
Bitte den Hinweis zur geltenden Gesetzesfassung beachten.

Mit dem Vierten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite, medial bekannt als Bundesnotbremse oder Corona-Notbremse,[1] sollen ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 je 100.000 Einwohnern bundeseinheitlich verbindliche Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Deutschland greifen.

Anlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Beschluss vom 3. März 2021 vereinbarten die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder in der Bund-Länder-Konferenz, dass ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 100 eine so genannte „Notbremse“ greifen soll:

„Steigt die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner an drei aufeinander folgenden Tagen in einem Bundesland oder einer Region auf über 100, treten ab dem zweiten darauffolgenden Werktag die Regeln, die bis zum 7. März gegolten haben, wieder in Kraft (Notbremse).“[2]

Im Beschluss vom 22. März 2021 wurde eine konsequente Umsetzung betont:

„Angesichts der exponentiell steigenden Infektionsdynamik muss die im letzten Beschluss vereinbarte Notbremse für alle inzidenzabhängigen Öffnungsschritte […] konsequent umgesetzt werden“[3]

Nachdem Bundeskanzlerin Merkel mit der Umsetzungspraxis einzelner Bundesländer unzufrieden war, sprach sie am 28. März 2021 in der Fernsehsendung Anne Will eine mögliche Anpassung des Infektionsschutzgesetzes an.[4] Am 29. März 2021 legten die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages eine Stellungnahme zur Gesetzgebungskompetenz des Bundes im Infektionsschutzrecht vor.[5] Darin führen sie aus, dass der Bund sämtliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie selbst regeln könne. So könne er beispielsweise vorgeben, welche Maßnahmen im Falle der Überschreitung eines bestimmten Inzidenzwertes ergriffen werden müssen, ohne den Ländern einen eigenen Entscheidungsspielraum zu überlassen.

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer ersten Fassung hatte der Gesetzentwurf die Bezeichnung Gesetz zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes (Infektionsschutzgesetzänderungsgesetz). Die Bundesregierung entschied sich dann am 13. April 2021 für den Namen Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite; sie knüpfte damit sprachlich an das Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite und dessen zwei Nachfolger an.

In den Medien und von der Bundesregierung werden das Gesetz bzw. die in ihm enthaltenen Maßnahmen auch als „Bundesnotbremse“,[6] „Corona-Notbremse“[7], „Notbremsegesetz“[8] oder „bundeseinheitliche Notbremse“[9] bezeichnet. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass das geplante Gesetz die Reaktion des Bundes auf eine gegenwärtig „bundesuneinheitliche Auslegung der gemeinsam von den Ländern in der regelmäßig stattfindenden Bund-Länder-Konferenz beschlossenen Maßnahmen“ ist.[10]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ergänzung des Infektionsschutzgesetzes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Artikel 1 des Gesetzes wurden in das Infektionsschutzgesetz (IfSG) zwei neue Vorschriften (§ 28b und § 28c IfSG neuer Fassung [n. F.]) eingefügt und die Bußgeldvorschriften in § 73 IfSG ergänzt.

Maßnahmen, § 28b IfSG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel des Gesetzgebers[11] war es, bei einem hohen Infektionsgeschehen hinreichend weitgehende Maßnahmen zu ergreifen, „um den R-Wert verlässlich unter 1 zu senken und damit eine Abschwächung des Infektionsgeschehens zu erreichen.“ Die Reproduktionszahl (R-Wert) beschreibt, wie viele Menschen eine infizierte Person im Mittel ansteckt.[12][13]

Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes sieht § 28b Abs. 1 Nrn. 1–10 IfSG folgende Maßnahmen vor:

  • Beschränkung privater Zusammenkünfte im öffentlichen oder privaten Raum auf höchstens die Angehörigen eines Haushalts zuzüglich einer weiteren Person je Tag und Haushalt mit einer Höchstzahl von insgesamt fünf Personen, Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres nicht mitgezählt
  • nächtliche Ausgangssperren von 22 Uhr bis 5 Uhr, mit bestimmten Ausnahmen (u. a. dienstliche Tätigkeiten und Gassi gehen)
    • allein ausgeübte körperliche Bewegung (wie Joggen) bis 24 Uhr bleibt erlaubt.
  • Untersagung des Betriebs gewerblicher Freizeiteinrichtungen (z. B. Diskotheken, Schwimmbäder, Freizeitparks)
  • regelmäßige COVID-19-Tests in Schulen als Voraussetzung für Präsenzunterricht
    • im Fall einer Sieben-Tage-Inzidenz größer als 100: verpflichtend Wechselunterricht
    • im Fall einer Sieben-Tage-Inzidenz größer als 165: grundsätzliches Verbot des Präsenzunterrichts in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Hochschulen u. ä.
  • Verpflichtung der Arbeitgeber, Homeoffice zu ermöglichen; Verpflichtung der Beschäftigten, ins Homeoffice zu wechseln[14]
  • Schließung von Ladengeschäften und Märkten mit Kundenverkehr; ausgenommen sind Lebensmittelhandel einschließlich der Direktvermarktung, Getränkemärkte, Reformhäuser, Babyfachmärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Optiker, Hörgeräteakustiker, Tankstellen, Stellen des Zeitungsverkaufs, Buchhandlungen, Blumenfachgeschäfte, Tierbedarfsmärkte, Futtermittelmärkte, Gartenmärkte und der Großhandel
    • bis zu einer Sieben-Tage-Inzidenz von 150: Einkaufen nur mit Voranmeldung und negativem Test (Click & Meet)
    • Zulässig bleibt in jedem Fall die Abholung vorbestellter Waren (Click & Collect).
  • Schließung von Theatern, Opern, Konzerthäusern, Bühnen, Musikclubs, Kinos (mit Ausnahme von Autokinos), Museen, Ausstellungen und Gedenkstätten
    • zulässig bleibt der Besuch von zoologischen und botanischen Gärten mit negativem Test
  • Untersagung der Ausübung von Sport, ausgenommen Individualsport (z. B. Joggen) und Profisport (z. B. Fußball-Bundesliga) ohne Zuschauer
    • Für Kinder bis 14 Jahren bleibt kontaktloser Sport in Gruppen bis zu fünf Personen möglich.
  • Schließung von Gaststätten aller Art
  • Untersagung von Dienstleistungen, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist; Ausnahmen: Dienstleistungen, die medizinischen, therapeutischen, pflegerischen oder seelsorgerischen Zwecken dienen sowie Friseurbetriebe und Fußpflege mit der Maßgabe, dass alle Beteiligten Atemschutzmasken (FFP2 oder vergleichbar) tragen und vor dem Besuch eines Friseurbetriebs oder der Fußpflege durch die Kunden ein negatives Ergebnis Testung auf eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 vorzulegen ist
  • bei der Beförderung von Personen im öffentlichen Personennah- und -fernverkehr sowie bei Taxifahrten und bei der Schülerbeförderung Pflicht zum Tragen einer Atemschutzmaske (FFP2 oder vergleichbar) für Fahrgäste
  • Verbot von Hotelübernachtungen zu touristischen Zwecken

Die Maßnahmen gelten in Landkreisen oder kreisfreien Städten automatisch und obligatorisch bei Überschreiten der Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen an drei aufeinander folgenden Tagen ab dem übernächsten Tag. Vorhergehende Beschlüsse auf einer Bund-Länder-Konferenz sind insoweit entbehrlich. Aufgrund der Normenhierarchie können die Länder eigenmächtig keine Ausnahmen oder milderen Maßnahmen – durchaus aber noch strengere[15][16][17] – erlassen. Die Maßnahmen sollen solange gelten, bis an fünf aufeinander folgenden Werktagen die Sieben-Tage-Inzidenz in dem betreffenden Landkreis oder der kreisfreien Stadt den Schwellenwert von 100 wieder unterschritten hat (§ 28b Abs. 2 IfSG n. F.). Verstöße sind bußgeldbewehrt (§ 73 IfSG n. F.).

Die Vorschrift des § 28b IfSG n. F. und die aufgrund des Abs. 6 erlassene Rechtsverordnungen sollen für die Dauer der Feststellung einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite nach § 5 Absatz 1 Satz 1 IfSG gelten, längstens jedoch bis zum Ablauf des 30. Juni 2021 (§ 28b Abs. 10 IfSG n. F.).

Verordnungsermächtigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

§ 28b Abs. 6 IfSG n. F. enthält eine Ermächtigung zugunsten der Bundesregierung, mit Zustimmung von Bundestag und Bundesrat durch Rechtsverordnung zusätzliche Schutzmaßnahmen nach § 28 Abs. 1 und 2 und § 28a Abs. 1 IfSG anzuordnen, wenn die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz den Schwellenwert von 100 überschreitet.

Daneben wird Bundesregierung im neuen § 28c IfSG ermächtigt, Ausnahmen für Geimpfte, Getestete und Genesene zu beschließen. Hierauf beruht die COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung.

Änderung des Sozialgesetzbuchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Artikel 3 des Gesetzes wird die Bezugsdauer für das so genannte Kinderkrankengeld von 20 auf 30 Arbeitstage verlängert. Dazu wurde § 45 Abs. 2a Fünftes Buch Sozialgesetzbuch geändert. Die Änderung erfolgte rückwirkend zum 5. Januar 2021.

Analog dazu wird durch Artikel 2 des Gesetzes die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld von 20 auf 30 Tage verlängert, wenn erkrankte oder wegen KiTa- oder Schulschließungen betreuungsbedürftige Kinder betreut werden.

Gesetzgebungsverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu dem Gesetz wurde am 9. April 2021 eine sogenannte Formulierungshilfe[18] vorgelegt.[19] Sie wurde am 13. April 2021 mit leicht geändertem Inhalt vom Bundeskabinett verabschiedet[20][21] und noch am selben Tag als Gesetzentwurf[22] von den Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD in das parlamentarische Gesetzgebungsverfahren eingebracht. Die erste Lesung im Bundestag erfolgte am 16. April 2021.[23] Daran schloss sich eine öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses an. Die angehörten Experten waren sich dabei nicht einig, wie die geplanten Maßnahmen zu bewerten seien.[24][25] Aufgrund der Anhörung erfolgten noch Änderungen: Der Zeitraum für die nächtliche Ausgangsbeschränkung wurde verringert; Ausnahmen für abendliche Spaziergänger oder Jogger wurden eingefügt. Der Inzidenzwert, ab dem Präsenzunterricht an Schulen verboten ist, wurde von 200 auf 165 verringert. Außerdem wurde eine Verordnungsermächtigung eingefügt, um den Umgang mit Personen zu regeln, die negativ getestet, geimpft oder anderweitig immunisiert sind.[26][27]

Nach zweiter und dritter Lesung beschloss der Bundestag das Gesetz in der im Gesundheitsausschuss geänderten Fassung am 21. April 2021.[28] Über das Gesetz wurde im Bundestag namentlich abgestimmt.[29] CDU/CSU und SPD stimmten mehrheitlich dafür, FDP, AfD und Die Linke stimmten dagegen, Bündnis 90/Die Grünen enthielten sich.[30]

Am 22. April 2021 beschloss der Bundesrat, den Vermittlungsausschuss nicht anzurufen,[31] und billigte dadurch das Gesetz.[32][33] Bundesratspräsident Reiner Haseloff erklärte dazu, ein Einspruch hätte das Gesetz nur verzögert, nicht verbessert oder verhindert.[34] Am gleichen Tage unterzeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Gesetz.[35][36] Ebenso erfolgte an selbigem Tag die Verkündung im Bundesgesetzblatt.[37] Das Gesetz trat am Tag nach der Verkündung, also am 23. April 2021, in Kraft.

Die Landkreise und kreisfreien Städte bewerten und veröffentlichen seitdem auf Grundlage der Inzidenzwerte der letzten drei Tage, welche Maßnahmen dort ab dem nächsten Tag gelten. Erstmalig wirkte sich das Gesetz auf die Bevölkerung also am 24. April 2021 aus.[38] Dies wurde klargestellt durch den Absatz 6 des § 77 IfSG, der durch das Vierte Bevölkerungsschutzgesetz in das Infektionsschutzgesetz eingefügt wurde.

Kritik, Bewertung, Verfassungsbeschwerden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Demonstration am 21. April 2021 auf der Straße des 17. Juni.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik kam u. a. vom thüringischen Bildungsminister Helmut Holter, der eine Einschränkung des Mitspracherechts der Bundesländer befürchtete.[39]

FDP-Parteichef Christian Lindner sagte: „Die vorgesehene scharfe Ausgangssperre schließlich ist unverhältnismäßig. Beispielsweise geht vom abendlichen Spaziergang eines geimpften Paares keinerlei Infektionsgefahr aus.“[40]

Kritisiert wurde außerdem die Beschränkung auf eine haushaltsexterne Person und das Fehlen von Regelungen zu Unternehmen, insbesondere einer regelmäßigen Testpflicht in den Betrieben.[41][42] Die Bundesregierung führte daraufhin in die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung verpflichtende betriebliche Testangebote ein.[43]

Während der Debatten zu dem Gesetz kam es zu Demonstrationen im Regierungsviertel. So nahmen an den Protesten zur 2. und 3. Lesung des Gesetzes am 21. April 2021 laut Polizei Berlin 8.000 Personen teil; die Polizei war mit 2.200 Einsatzkräften vertreten. Es kam zu 152 Festnahmen.[44]

Juristische Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben den Gesetzentwurf unter rechtlichen Aspekten geprüft. In ihrer Ausarbeitung vom 15. April 2021[45] gehen sie von der Prämisse aus, dass der Gesetzgeber in der gegenwärtigen Krise tätig werden müsse, um seiner Schutzpflicht gegenüber der Bevölkerung nachzukommen. Auch sei der ohnehin bestehende Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers derzeit „erheblich vergrößert“. Dennoch enthalte der Gesetzentwurf drei besonders problematische Regelungen:

  • Alleiniges Abstellen auf die Sieben-Tage-Inzidenz von über 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner: Dies könne unverhältnismäßig sein, außerdem müsse geprüft werden, ob „andere für das Infektionsgeschehen relevante Umstände“ einzubeziehen seien.
  • Ausgangsbeschränkungen: Es sei zweifelhaft, ob sie einer verfassungsrechtlichen Prüfung standhielten.
  • Ausnahmen für geimpfte Personen: Diese fehlten und müssten ergänzt werden.

Den Bedenken des Wissenschaftlichen Dienstes wurden im Gesundheitsausschuss teilweise Rechnung getragen; das Gesetz wurde in einigen Punkten geändert und ergänzt.

Verfassungsbeschwerden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen das Vierte Bevölkerungsschutzgesetz wurden bis zum 6. Mai 2021 334 Verfassungsbeschwerden und Anträge auf Erlass von einstweiligen Anordnungen beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) eingereicht.[46] Bis zum Ablauf des 31. Mai 2021 sind „insgesamt 424 Verfahren beim Bundesverfassungsgericht eingegangen, darunter auch ein Verfahren mit über 7.000 Beschwerdeführenden.“[47]

Bereits am 22. April 2021 erhob der Bundestagsabgeordnete Florian Post (SPD) gemeinsam mit vier weiteren Personen Verfassungsbeschwerde gegen die in § 28b IfSG verankerten Freiheitsbeschränkungen. Zugleich beantragte er den Erlass einer einstweiligen Anordnung, wonach die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen nicht automatisch gelten sollen, sondern erst dann, wenn und soweit zuvor die Landesbehörden die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen festgestellt und die Geltung der Maßnahmen durch Allgemeinverfügung angeordnet haben.[48] Florian Post wird vertreten von dem Verfassungsrechtler Dietrich Murswiek.

Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) unterstützt zwölf Personen, die am 24. April 2021 Verfassungsbeschwerde gegen die nächtlichen Ausgangssperren eingelegt haben. Zeitgleich mit der Verfassungsbeschwerde wurde der Erlass einer einstweiligen Anordnung beantragt. Die zwölf Beschwerdeführer, darunter die Bundestagsabgeordnete Canan Bayram (Bündnis 90/Die Grünen), der Rechtsanwalt Sven Kohlmeier, sowie die Politiker Sebastian Schlüsselburg (Die Linke), Anne Helm (Die Linke), Petra Vandrey (Bündnis 90/Die Grünen) und Stefan Förster (FDP), halten die Ausgangssperren für weitgehend wirkungslose Symbolpolitik. Prozessvertreterin ist die Jura-Professorin Anna Katharina Mangold.[49]

Sämtliche 80 Mitglieder der FDP-Bundestagsfraktion haben gemeinsam Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingelegt. Ihre Beschwerde vom 27. April 2021 richtet sich gegen die Ausgangssperren sowie „gegen die alleinige Orientierung an der Inzidenz, die das reale Pandemiegeschehen vor Ort nur sehr ungenau“ abbilde.[50] Die Beschwerde wurde nicht im Namen der Fraktion erhoben, sondern durch die Abgeordneten selbst als „Bürgerinnen und Bürger dieses Landes“. Prozessbevollmächtigter ist der Staatsrechtler Thorsten Kingreen.

Am 5. Mai 2021 lehnte das Bundesverfassungsgericht mehrere Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ab, darunter den von der GFF unterstützten Antrag.[51] Mit ihnen sollten die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. Der Antrag eines Beschwerdeführers, der nach eigenen Angaben nach überstandener COVID-19-Erkrankung immunisiert sei, wird in einem eigenen Verfahren behandelt.[52]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Verfassungsrechtliche Bewertung der neuen Infektionsschutzgesetzgebung. Hrsg.: Deutscher Bundestag. 15. April 2021 (bundestag.de [PDF; 304 kB; abgerufen am 16. April 2021]).
  • Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Reichweite der Gesetzgebungskompetenz des Bundes im Infektionsschutzrecht. Hrsg.: Deutscher Bundestag. 29. März 2021 (bundestag.de [PDF; 83 kB; abgerufen am 16. April 2021]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundestag – Bundeseinheitliche Corona-Notbremse beschlossen. In: MDR-Website. Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), 21. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  2. Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 3. März 2021. Beschluss.
  3. Videokonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 22. März 2021. Beschluss, Stand 24. März 2021.
  4. dpa: Merkel drängt Länder zum Umsetzen der Notbremse echo-online, 29. März 2021.
  5. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Reichweite der Gesetzgebungskompetenz des Bundes im Infektionsschutzrecht. Hrsg.: Deutscher Bundestag. 29. März 2021 (bundestag.de [PDF; 83 kB; abgerufen am 16. April 2021]).
  6. Infektionsschutzgesetz – Kabinett einigt sich auf „Bundesnotbremse“. Stand: 13. April 2021 17:30 Uhr. In: tagesschau.de. 13. April 2021, abgerufen am 13. April 2021.
  7. Bundestag beschließt bundesweite Corona-Notbremse. In: zeit.de. 21. April 2021, abgerufen am 21. April 2021.
  8. Covid-19 – Länderchefs kritisieren Notbremsegesetz. In: Deutschlandfunk.de. 17. April 2021, abgerufen am 20. April 2021.
  9. Infektionsschutzgesetz : Das regelt die bundeseinheitliche Notbremse. Deutsche Bundesregierung, 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  10. Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes (Infektionsschutzgesetzänderungsgesetz) (PDF) Formulierungshilfe der Bundesregierung für die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD, Bearbeitungsstand: 9. April 2021, S. 9.
  11. Entwurf eines Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. (PDF) Bundestagsdrucksache 19/28444. Deutscher Bundestag, 13. April 2021, S. 1, abgerufen am 14. April 2021.
  12. Nowcasting und R-Schätzung: Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie in Deutschland Robert Koch-Institut, Stand: 14. April 2021.
  13. Manuel Siekmann: Corona-Zahlen: R‑Wert für Deutschland 14. April 2021.
  14. Michael Fuhlrott: Verschärfter Infektionsschutz im Betrieb – Beschäftigte müssen ins Homeoffice. In: lto.de. Legal Tribune Online, 22. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  15. § 28b Abs. 6 IfSG n. F.:„Weitergehende Schutzmaßnahmen auf Grundlage dieses Gesetzes bleiben unberührt.“
  16. Fragen und Antworten zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz. Bundesministerium für Gesundheit, 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021: „Was entscheiden die Länder jetzt noch? Die bundeseinheitliche ‚Notbremse‘ greift ab einer stabilen Inzidenz von 100. Bei Inzidenzen unter 100 entscheiden weiterhin die Länder über Maßnahmen. Außerdem können die Länder bei Inzidenzen über 100 ergänzende Schutzmaßnahmen vorsehen.“
  17. Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD : Entwurf eines Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. In: Bundestags-Drucksache 19/28444. 13. April 2021, S. 15, abgerufen am 25. April 2021 (§ 28b Absatz 4 (Verhältnis zu anderen Regelungen)).
  18. Formulierungshilfen der Bundesregierung für den Bundestag. Bundesregierung, 2021;: „Es ist gängige Praxis, dass die Bundesregierung bei der Gesetzgebungstätigkeit des Bundestages Hilfestellung leistet. Dies geschieht nicht nur in Form von Hintergrundvermerken, durch die mündliche und schriftliche Beantwortung von Fragen einzelner Parlamentarier oder Fraktionen, sondern auch durch die Erarbeitung von Entwürfen einzelner Vorschriften (Regelfall) oder ganzer Regelwerke (Ausnahmefall). Diese Entwürfe werden als Formulierungshilfen bezeichnet.“
  19. Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes (Infektionsschutzgesetzänderungsgesetz) (PDF) Formulierungshilfe der Bundesregierung für die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD, Bearbeitungsstand: 9. April 2021.
  20. Entwurf eines Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. (PDF) Formulierungshilfe der Bundesregierung für die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD. Bundesministerium für Gesundheit, 13. April 2021, abgerufen am 14. April 2021.
  21. Bundesregierung: Ergänzung Infektionsschutzgesetz – Bundeseinheitliche Notbremse bei hohen Infektionszahlen. Bundesregierung.de, 13. April 2021, abgerufen am 13. April 2021.
  22. Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD : Entwurf eines Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. In: Bundestags-Drucksache 19/28444. 13. April 2021, abgerufen am 14. April 2021.
  23. Heftiger Streit über neues Bevölkerungsschutzgesetz. Deutscher Bundestag, 16. April 2021, abgerufen am 19. April 2021.
  24. Infektionsschutzgesetz in Anhörung kontrovers diskutiert bundestag.de, 16. April 2021.
  25. Juristen in Bezug auf Bundes-Notbremse uneins. In: becklink 2019514, beck-online. Redaktion beck-aktuell, Verlag C.H.BECK, 19. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  26. Beschlussempfehlung des Ausschusses für Gesundheit (14. Ausschuss) BT-Drs. 19/28692 vom 19. April 2021.
  27. Bericht des Ausschusses für Gesundheit (14. Ausschuss) BT-Drs. 19/28732 vom 20. April 2021.
  28. Bundesweite Notbremse gegen steigende Corona-Infektionen beschlossen. Deutscher Bundestag, 21. April 2021, abgerufen am 21. April 2021.
  29. *Endgültiges Ergebnis der Namentlichen Abstimmung Nr. 6 des Bundestages über den Entwurf zum Vierten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. Bundestag 13. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  30. Deutscher Bundestag - Namentliche Abstimmungen. Abgerufen am 22. April 2021.
  31. Beschluss des Bundesrates. Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite. In: Bundesrats-Drucksache 315/21. Deutscher Bundesrat, 22. April 2020, abgerufen am 22. April 2021.
  32. Sondersitzung zur Corona-Notbremse. In: BundesratKOMPAKT. Bundesrat, 22. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  33. Zeit Redaktion: Bundesrat billigt Notbremse. In: Zeit Online. Zeit Online, 22. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  34. Angelika Slavik: „Tiefpunkt in der förderalen Kultur“ – Trotz Kritik passiert das Infektionsschutzgesetz den Bundesrat. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 93, 23. April 2021, S. 5.
  35. Infektionsschutzgesetz passiert Bundesrat. Deutsche Bundesregierung, 22. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  36. Bundespräsident unterzeichnet Infektionsschutzgesetz – Haseloff: „Tiefpunkt in der föderalen Kultur“. In: handelsblatt.com. 22. April 2021, abgerufen am 22. April 2021.
  37. BGBl. I S. 802
  38. Fragen und Antworten zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz. Ab wann gilt das neue Infektionsschutzgesetz? Bundesministerium für Gesundheit, 23. April 2021, abgerufen am 23. April 2021: „[…] Auf Grundlage der Inzidenzen der letzten drei Tage bewerten und veröffentlichen dann alle Landkreise und kreisfreie Städte, welche Regeln bei ihnen am nächsten Tag gelten. Das erste Mal greift das Gesetz also am 24.04.2021.“
  39. Infektionsschutzgesetz – Kritik von Thüringens Bildungsminister Holter. deutschlandfunk.de, abgerufen am 10. April 2021.
  40. Coronavirus – Bund plant nächtliche Ausgangssperren. zeit.de, abgerufen am 10. April 2021.
  41. Corona-Maßnahmen: Machtgerangel um die Bundesnotbremse. In: tagesschau.de. 11. April 2020, abgerufen am 11. April 2021.
  42. Georg Ismar: Kanzlerin konkretisiert Notbremse: Merkel offenbar für konsequenten und kurzen „Brücken-Lockdown“. In: tagesspiegel.de. 11. April 2021, abgerufen am 11. April 2021.
  43. Verbindliche Testangebote in Betrieben kommen. Bundesmininsterium für Arbeit und Soziales, 13. April 2021, abgerufen am 13. April 2021.
  44. 150 Festnahmen bei Protesten gegen Corona-Politik. In: zeit.de. Die Zeit, 21. April 2021, abgerufen am 27. April 2021.
  45. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Verfassungsrechtliche Bewertung der neuen Infektionsschutzgesetzgebung. Hrsg.: Deutscher Bundestag. 15. April 2021 (bundestag.de [PDF; 304 kB; abgerufen am 16. April 2021]).
  46. Christian Rath: Ausnahmeverordnung für Geimpfte und Genesene – Wenige Wochen Ungleichheit. In: lto.de/. Legal Tribune Online, 7. Mai 2021, abgerufen am 13. Mai 2021.
  47. Bundesverfassungsgericht - Presse - Mehrere Eilanträge und Verfassungsbeschwerden gegen Vorschriften des Vierten Bevölkerungsschutzgesetzes („Bundesnotbremse“) erfolglos. Abgerufen am 13. Juni 2021.
  48. Michael Post, Dietrich Murswiek: Änderung des Infektionsschutzgesetzes – Meine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht. (PDF) In: florianpost.de. 22. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  49. GFF stellt Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht gegen Ausgangssperren in der Corona-„Notbremse“ – unverhältnismäßige Einschränkung von Freiheitsrechten. In: freiheitsrechte.org. Gesellschaft für Freiheitsrechte, 25. April 2021, abgerufen am 26. April 2021.
  50. Corona – FDP-Abgeordnete reichen Verfassungsbeschwerde gegen Infektionsschutzgesetz ein. In: FDPBT.de. Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag, 27. April 2021, abgerufen am 27. April 2021.
  51. BVerfG, Beschluss vom 5. Mai 2021, Az. 1 BvR 781/21, 1 BvR 805/21, 1 BvR 820/21, 1 BvR 854/21, 1 BvR 889/21.
  52. Eilanträge gegen bundesrechtliche nächtliche Ausgangsbeschränkungen abgelehnt. Pressemitteilung Nr. 33/2021 vom 5. Mai 2021. Bundesverfassungsgericht, abgerufen am 5. Mai 2021.