Viktor Agartz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Viktor Agartz (* 15. November 1897 in Remscheid; † 9. Dezember 1964 in Marienheide bei Köln) war ein deutscher sozialistischer Wirtschaftswissenschaftler und Gewerkschafter.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn eines Metallarbeiters kam während seines Studiums der Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaften und Politik an den Universitäten Marburg und Köln mit sozialistischen Ideen in Berührung. Schon als Student trat Agartz der SPD bei, wo er zum linken Flügel gehörte.[1] 1920 beteiligte er sich am Generalstreik und Widerstand gegen den Kapp-Putsch. Nach der Promotion zum Dr. rer. pol. 1924 (Das praktische Verhalten der Arbeiterschaft gegenüber der Durchführung des Betriebsschutzes) arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent und später als Vorstandsmitglied bei der Kölner Konsumgenossenschaft und war in der Bildungsarbeit der freien Gewerkschaften tätig.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Agartz aus seiner Position bei den Konsumgenossenschaften nach der Übernahme durch die Deutsche Arbeitsfront aus politischen Gründen entlassen, arbeitete als Wirtschaftsprüfer und beteiligte sich im Rahmen sozialdemokratischer Gruppen am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In seiner beruflichen Position konnte er, nach der eigenen Darstellung in seinen Erinnerungen Verraten und verkauft, das Vermögen verschiedener katholischer Vereinigungen (Kolpingwerk, PAX – Vereinigung katholischer Kleriker e.V. und Steyler Missionare) vor dem Zugriff des nationalsozialistischen Regimes retten. Nach dem 20. Juli 1944 wurde gegen ihn ein Haftbefehl erlassen, dem er durch Untertauchen bei Freunden entkommen konnte.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus im Mai 1945 beteiligte sich Agartz aktiv am Wiederaufbau der Gewerkschaften und der SPD. Am 9. März 1946 wurde er zum Generalsekretär des Deutschen Wirtschaftsrates in der britischen Zone berufen, der am 20. Oktober 1945 von der britischen Militärregierung zur Beratung der Wirtschaftsabteilung der britischen Kontrollkommission in Minden eingerichtet worden war. Vom 9. bis 11. Mai 1946 fand in Hannover in einem Saal der Hanomag der erste Parteitag der SPD nach dem Kriegsende statt, auf dem Agartz in den Vorstand gewählt wurde. Nach Kurt Schumachers programmatischen Rede über Aufgaben und Ziele der deutschen Sozialdemokratie sprach Viktor Agartz über eine sozialistische Wirtschaftspolitik.[2] Im Juli 1946 wurde er für die SPD in den Landtag Nordrhein-Westfalen delegiert.

Ende April 1946 wurde Agartz, nachdem er das Amt des Oberbürgermeisters von Köln nach der Entlassung Konrad Adenauers ausgeschlagen hatte, auch Leiter des Zentralamts für Wirtschaft in der britischen Zone in Minden, das aus dem Sekretariat des Wirtschaftsrates hervorgegangen war. In diesem Amt arbeitete er aktiv gegen die alliierte Demontagepolitik und konnte manche Demontagen verhindern. Nach Bildung der Bizone bot er wegen unklarer Kompetenzen seinen Rücktritt an. Nach seiner Entlassung reiste er zusammen mit Kurt Schumacher nach London, um sich für die Lockerung der wirtschaftlichen Einschränkungen und auch die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen einzusetzen. Vom 19. Dezember 1946 bis 19. April 1947 war er Mitglied des Landtag NRW.[3]

Zum Leiter des neuen bizonalen Verwaltungsamtes für Wirtschaft (VAW) in Minden wurde zunächst mit den Stimmen der süddeutschen Länder der parteilose wirtschaftsliberale Rudolf Müller aus Hessen gewählt. Nachdem jedoch in allen Ländern der Bizone die Wirtschaftsminister von der SPD gestellt wurden und diese Sitz und Stimme im Wirtschaftsrat hatten, wurde Müller abberufen und am 16. Januar 1947 Agartz wieder ohne Gegenstimme zum Leiter des VAW in Minden berufen. Seine Forderung nach einer geplanten Wirtschaft führte jedoch schnell zu heftigen politischen Widerständen. Im Mai 1947 schied er krankheitshalber wegen chronischer Unterernährung aus dem Amt und legte am 11. Juli 1947 sein Amt als Vorsitzender des Verwaltungsrates und als Leiter des VAW endgültig nieder.[4]

Er gehörte sowohl dem Zonenbeirat für die britische Besatzungszone als auch dem Wirtschaftsrat für die Bizone an. Er leitete von 1948 bis 1955 das Wirtschaftswissenschaftliche Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes (WWI) und gehörte als Mitglied der SPD dem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums an. Agartz entwickelte das Konzept der „expansiven Lohnpolitik“, nach der Tarifverhandlungen auch als Mittel der Umverteilung gesehen werden. Hohe Lohnforderungen sollten einen Anreiz zur Rationalisierung darstellen. Innerhalb des DGBs konnte sich aber Agartz' radikale marxistische Linie, nachdem er zunächst das Grundsatzprogramm von 1949 und das Aktionsprogramm von 1954 mitverfasst hatte, nicht durchsetzen. Nach seinem Rücktritt von der Leitung des WWI 1955 infolge innergewerkschaftlicher Auseinandersetzungen gab er die linkssozialistisch orientierte Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – WISO heraus. Ab Oktober 1956 war er der Vorsitzende der deutschen Sektion der kurzlebigen Internationalen Gesellschaft für sozialistische Studien.

1957[5] wurde Agartz wegen der Aufnahme landesverräterischer Beziehungen zur SED und zum FDGB angeklagt und vor Gericht gestellt, vor welchem ihn Gustav Heinemann und Diether Posser verteidigten. Der Generalbundesanwalt warf Agartz vor, dieser betreibe mit der WISO eine Tarnorganisation zur Unterstützung der verbotenen KPD. Tatsächlich hatte der FDGB eine gewisse Anzahl an WISO-Abonnements abgenommen, was in der Agartz gegenüber kritischen Presse als „Ostfinanzierung“ bezeichnet wurde. Nachdem gegen Agartz am 25. März 1957 auf Antrag des Bundesanwalts Wagner Haftbefehl und die Anordnung zur Durchsuchung der Wohnung und der Geschäftsräume erlassen worden war, wurde Agartz in Untersuchungshaft genommen, nach zwei Monaten gegen Kaution von 50 000 DM jedoch wieder freigelassen.[1] Der Bundesgerichtshof sprach Agartz schließlich mit Urteil vom 13. Dezember 1957 frei: Agartz habe sich nicht „zum Werkzeug der staatsfeindlichen oder verfassungsfeindlichen Bestrebungen der fremden Regierung“ machen wollen.[6]

1958 wurde er wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SPD und dem DGB ausgeschlossen. Er wurde danach zu einem führenden Vertreter der Vereinigung unabhängiger Sozialisten (VUS), einem Zusammenschluss von Linkssozialisten, die aus der SPD ausgeschlossen oder ausgetreten waren. Da er deren Annäherung an die neu gegründete DFU nicht mitvollziehen wollte, trat er im April 1961 wieder aus. Im gleichen Jahr musste er die WISO aus finanziellen Gründen einstellen und zog sich verbittert aus der Öffentlichkeit zurück.

Im Dezember 1964 starb er an einem Lungenleiden.[7]

Zu seinem 110. Geburtstag würdigte 2007 das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nordrhein-Westfalens die historische Bedeutung von Viktor Agartz.[8]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ich lehne die politische Justiz ab. Das Urteil über meine politische Haltung erwarte ich nicht von diesem Gericht. Das Urteil über mich überlasse ich der deutschen Arbeiterklasse.“ (während des Prozesses 1957 vor dem Bundesgerichtshof)

Schriften (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sozialistische Wirtschaftspolitik Karlsruhe 1946.
  • Gesetz 75 und Ruhrstatut. Bund-Verlag, Köln 1950 (gemeinsam mit Heinrich Deist)
  • Verraten und verkauft. Eine Abrechnung Fulda 1958 (unter Pseudonym Hans G. Hermann). Erneut: az Verlag, Frankfurt am Main, 1983, ISBN 3-923440-05-7
  • Gewerkschaft und Arbeiterklasse: Die ideologische und soziologische Wandlungen in der westdeutschen Arbeiterbewegung. Ausgewählte Schriften, herausgegeben von Lutz Ziegenbalg, Trikont-Verlag, München 1971 ISBN 3-920385-32-2
  • Wirtschaft, Lohn, Gewerkschaft: ausgewählte Schriften Berlin 1982 ISBN 3-88114-226-6
  • Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft Frankfurt/Main 1985 ISBN 3-923440-09-X
  • Wirtschafts- und Steuerpolitik, expansive Lohnpolitik Berlin 1986 ISBN 3-88107-048-6

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • G. Sellin: Agartz, Viktor. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Dietz Verlag 1970, S. 7–8.
  • Reinhard Bispinck, Thorsten Schulten, Peeter Raane (Hrsg.): Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik. Zur Aktualität von Viktor Agartz. VSA-Verlag Hamburg 2008. ISBN 978-3-89965-282-6 online
  • Christoph Jünke: Das dritte Leben des Viktor Agartz. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Nr. 40/2008, S. 39–60. ISSN 0173-2471.
  • Jürgen Treulieb: Der Landesverratsprozeß gegen Viktor Agartz. Verlauf und Bedeutung in der innenpolitischen Situation der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. SZD-Verlag, Münster 1982.
  • Gregor Kritidis: Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Bundesrepublik. Offizin, Hannover 2008, ISBN 978-3-930345-61-8.
  • Diether Posser: Anwalt im Kalten Krieg; Deutsche Geschichte in politischen Prozessen 1951 -1968, Dietz Verlag 2000; ISBN 3-8012-0291-7
  • Norbert Nail: Ökonom mit sozialistischen Prinzipien. Kommilitone zweier Bundesminister – Das biografische Rätsel rund um die Philipps-Universität. In: Marburger UniJournal Nr. 39 (2012), 56; Nr. 40 (2013), 52 [Viktor Agartz].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Friedrich Kießling, Christoph Safferling: Staatsschutz im Kalten Krieg: Die Bundesanwaltschaft zwischen NS-Vergangenheit, Spiegel-Affäre und RAF. 2. Auflage. dtv Verlagsgesellschaft, München 2021, ISBN 978-3-423-28264-2, S. 327–330.
  2. Siegfried Heimann: Gegen die Partei von Stalins Gnaden. In: Vorwärts 05/2011, S. 32.
  3. www.landtag.nrw.de
  4. Kristan Kossack: Viktor Agartz und das "Zentralamt für Wirtschaft" in Minden. Wirtschaftspolitische Initiativen in den ersten Nachkriegsjahren. Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins, Jahrgang 65 (1993), S. 95–119.
  5. bundesarchiv.de
  6. BGH, Urteil vom 13. Dezember 1957 – 1 StE 8/57 –, BGHSt 11, 171–181 (juris); zitiert aus dem Leitsatz.
  7. Der Spiegel 51/1964: Gestorben
  8. Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik