Villa Rustica (Meßkirch)

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Restaurierte Mauerreste mit Weihestein des Dianatempels der Villa Rustica Meßkirch

Die Villa rustica (auch: Altstadt[1]) liegt westlich von Meßkirch, einer Kleinstadt im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg. Es handelt sich bei ihr um einen ehemaligen römischen Gutshof. Sie gilt mit einer Fläche von fast acht Hektar als das größte bekannte römische Landgut in Südwestdeutschland. Heute sind oberirdisch nur noch Schutthügel und Wälle sowie die rekonstruierten Grundmauern einer kleinen Tempelanlage der Jagdgöttin Diana erhalten.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundriss der Anlage
(Grabungen 1882)

Der römische Gutshof befindet sich etwa 4,5 km westlich von Meßkirch, etwa auf halbem Wege zwischen dem Meßkircher Ortsteil Heudorf und dem Sauldorfer Ortsteil Hölzle. Das Bodendenkmal liegt im Waldstück „Bändlehau“ und erstreckt sich etwa je zur Hälfte auf beiden Seiten der das Areal durchschneidenden Bundesstraße 311. Der Dianatempel befindet sich auf der nördlichen Seite, etwas außerhalb des ehemaligen Hofgeländes.

In römischer Zeit dürfte der Gutshof schon ob seiner Größe eine nicht unbedeutende Stellung innerhalb der ländlichen Besiedlung dieser Region besessen haben.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1834 bis 1836 wurde diese Siedlung durch den Bietinger Pfarrer Joseph Anton Eitenbenz erstmals ergraben, vermessen und in einer kleinen Broschüre publiziert[2]. Eitenbenz interpretierte die Befunde seinerzeit noch als römische Festung mit einem Prätorium, Quästorium, Wohnung für die Cohorte, ein Krankenhaus, die Thore eines Winterlagers. Eitenbenz Entdeckung der Altstadt als aus der Römerzeit stammendes Castrum ließ hier das ptolemäische „Bragodurum“ vermuten.[3]

1864 stellte Eduard von Peucker die Behauptung auf, dass es sich bei der Altstadt um „Samulocenis“ handele. Das heißt, dass die befestigte Anhöhe bei Meßkirch Stützpunkt für die Verteidigung des ganzen Bergterrains innerhalb des bogenförmigen Verlaufs der Donau zwischen Möhringen (Möhringen an der Donau) und Ennentach (Ennetach) bis zum nördlichen Ufer des Bodensees war.[4]

Umfangreichere archäologische Ausgrabungen, bei denen die Siedlung eindeutig als Villa rustica identifiziert werden konnte, wurden dann 1882 im Auftrage des Fürsten zu Fürstenberg von J. Näher durchgeführt[5].

1977 und 1978 wurden, bedingt durch eine Neutrassierung der Bundesstraße 311, neuerliche Ausgrabungen notwendig, in deren Verlauf unter anderem auch der Dianatempel, der bereits bei den Grabungen von 1882 entdeckt worden war, wieder freigelegt und anschließend konserviert und teilrekonstruiert wurde.

Gutshof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Befundskizzen
(Grabungen 1882)

Die Ausgrabungen förderten eine 1,2 km lange Umfassungsmauer zu Tage, die ein trapezförmiges Areal von knapp 8 ha umschließt. Die Ummauerung mit Seitenlängen von Nordseite 216 m, Südseite 260 m, Westseite 354 m, Ostseite 310 m[6]. Mit dieser eingefriedeten Fläche ist die Villa rustica Altstadt die größte derzeit bekannte römische Gutsanlage Südwestdeutschlands. Innerhalb der Einfriedung befanden sich insgesamt 17 Steingebäude. Aus dem Zentrum leicht in nordöstliche Richtung verschoben, wurde das Anwesen vom Herrenhaus dominiert, einer einschließlich Innenhof rund 1600 m² großen Portikusvilla mit Eckrisaliten. Zwei ihrer Räume konnten über eine Hypokaustanlage beheizt werden.

Unter den übrigen Gebäuden konnten zwei, ebenfalls mittels Hypokaustanlagen beheizbare Thermen identifiziert werden. Die Versorgung dieser Badehäuser wie auch des gesamten Anwesens mit dem notwendigen Wasser erfolgte über zwei Brunnen. Sie zeichnen sich als zwei hohe Schutthügel rund 100 Meter südlich der Straße ab.

Die übrigen 14 Gebäude wurden zwar archäologisch erfasst und messtechnisch aufgenommen, ihre Funktion entzieht sich aber bislang einer schlüssigen Deutung.

Der isoliert liegende Gutshof war von einer 80 cm starken Mauer umgeben, die zu Nähers Zeiten noch über bis zu 1,20 m hohes aufgehendes Mauerwerk verfügt haben soll. Heute ist sie nur noch als flacher Schuttwall im Gelände auszumachen. Eine weitere Binnenmauer im Südosten der Anlage umfasste vermutlich den Bereich der frühesten Bauphase des wahrscheinlich mehrphasigen Gutshofes.

Die Villa rustica entstand wahrscheinlich am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts und dürfte bis ins erste Drittel des 3. Jahrhunderts bestanden haben. Vermutlich ist sie einem der ersten Alamannenvorstöße ab 233 zum Opfer gefallen.

Weiterführende Erkenntnisse sowohl über die einzelnen Entwicklungsphasen als auch über die Funktion der noch nicht identifizierten Gebäude können nur durch großflächige Grabungen gewonnen werden.

Dianatempel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kopie des Weihesteins

Knapp 60 m von der nördlichen Umfassungsmauer entfernt (47° 59′ 11″ N, 9° 3′ 13″ O) befindet sich ein kleiner Tempel der ausweislich der Inschrift eines schon bei den 1882er Grabungen gefundenen Weihesteins der Göttin Diana gewidmet war. Die Inschrift lautet:

DIANA(E)
SACRVM
M(ARCVS)AVREL(IVS)
HONORATVS
PANCRATIVS
V(OTVM) S(OLVIT) L(IBENS) L(AETVS) M(ERITO)

Frei übersetzt: „Marcus Aurelius Honoratus Pancratius hat der Diana einen Altar errichtet, indem er sein Gelübde froh und frei nach Gebühr erfüllt hat.“

Pancratius dürfte zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt, wohl im 2. oder frühen 3. Jahrhundert, Eigentümer des Gutshofs gewesen sein. Der originale Weihestein an die Göttin Diana befindet sich in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen, vor Ort ist eine Kopie aufgestellt.

Weder die 1982er Grabung noch die Untersuchungen der Jahre 1977/1978 konnten vollständigen Aufschluss über das Aussehen des Tempels in antiker Zeit geben. Mit den Seitenlängen von 3,9 m mal 3,6 m betrug seine Grundfläche 14,04 m². Gesichert ist, dass er ziegelgedeckt und sein Fußboden mit Ziegelsteinplatten belegt war. Ob das rezente, aufgehende Kalksteinmauerwerk, möglicherweise zur optischen Gliederung mit dazwischenliegenden Tuffsteinlagen[7] versehen, bis zum Dach reichte, oder ob nur ein Sockel gemauert war und der Rest der Wände aus Fachwerk bestand, lässt sich heute nicht mehr erschließen. Ebenso wenig, ob es sich um ein allein stehendes Gebäude oder um die Cella eines gallo-römischen Umgangstempels gehandelt hat, wobei letztere Annahme eher unwahrscheinlich ist.

Befundsicherung, Fundverbleib und Denkmalschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verbleib der Eitenbenz-Funde, unter anderem zwei erzerne römische Münzen (eine der älteren Faustina, der Gemahlin des Antoninus Pius, und eine des Commodus) und Gefäße, ist ungesichert.[8] Reste der fragmentierten Malerei aus dem 2. nachchristlichen Jahrhunderts befinden sich in der Sammlung des Landesmuseums Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart.[9] Nachdem Überlegungen, alle bei den Grabungen der 1970er Jahre freigelegten Gebäude zu konservieren, aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes und der damit einhergehenden hohen Kosten gescheitert waren, entschloss man sich, als Kompromisslösung wenigstens den Dianatempel und Teile eines an die westliche Umfassungsmauer angesetzten Gebäudes der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den konservierten und teilrekonstruierten Tempel brachte man eine Kopie des Weihesteins ein. Das Original sowie andere Funde aus den Grabungen befinden sich in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen im Schlossmuseum[10] in Donaueschingen. Auskunft über die Villa Rustica gibt eine Informationstafel beim Parkplatz an der nördlichen Straßenseite.

Das Bodendenkmal „Villa Rustica Meßkirch“ ist als eingetragenes Kulturdenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes des Landes Baden-Württemberg (DSchG) geschützt. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde an die Denkmalbehörden zu melden.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Name Altstadt bezieht sich darauf, dass hier früher eine untergegangene Stadt vermutet wurde.
  2. Joseph Anton Eitenbenz: Römische Niederlassung bei Meßkirch. Bannhard, Konstanz 1836.
  3. Johann Nepomuk von Raiser: Der ober-Donau-Kreis des Königreichs Bayern unter den Römern. 1830, S. 14.
  4. Das deutsche Kriegswesen der Urzeiten in seinen Verbindungen und Wechselwirkungen mit dem gleichzeitigen Staats- und Volksleben. Dritter Theil. Das Verhalten der Deutschen Heere auf dem Schlachtfelde in den letzten beiden Jahrhunderten vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. R. v. Decker 1864. S. 402.
  5. J. Näher: Die Ausgrabung der römischen Niederlassung genannt die Altstatt bei Meßkirch. In: Jahrbuch des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 74. S. 52ff. Marcus, Bonn 1882.
  6. Hermann Bierl: Archäologieführer Deutschland. Bodendenkmäler und Museen. Wek-Verlag. Treuchtlingen, Berlin 2007. ISBN 3-934145-39-6
  7. Nach Hartmann Reim: Ein römisches Tempelgebäude bei Meßkirch, Kreis Sigmaringen. In: Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e.V. (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen 1978. Bodendenkmalpflege in den Regierungsbezirken Stuttgart und Tübingen. Gentner, Stuttgart 1979, S. 68, befanden sich im Bauschutt des Tempels „mehrere sorgfältig gesägte Tuffsteinquader“.
  8. Heidelberger Jahrbücher der Literatur. 31. Jahrgang. S. 1141. 1838
  9. Edwin Ernst Weber: Die Vor- und Frühgeschichte im Landkreis Sigmaringen. hrsg. vom Landkreis Sigmaringen, Stabsbereich Kultur und Archiv, und Kulturforum Landkreis Sigmaringen e.V. 2009
  10. Offizielle Webpräsenz des Schlossmuseums.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph Anton Eitenbenz: Römische Niederlassung bey Meßkirch. Entdeckt und beschrieben vom Pfarrer Eitenbenz zu Bietingen. Konstanz, Bauhard, 1836
  • Julius Naeher: Die baulichen Anlagen der Römer in den Zehntlanden (badischen Antheiles) – insbesondere: Die Anlage der Villen, mit Anhang über die Ausgrabung der Villa in der Altstatt bei Meßkirch. Karlsruhe, Macklot'sche Druckerei, 1883.
  • Hartmann Reim: Messkirch.Gutshof. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart, 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 210 f.
  • Hartmann Reim: Der römische Gutshof „Altstadt“ bei Meßkirch, Kreis Sigmaringen. (Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Bl. 57). Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart 1989.
  • Hartmann Reim: Meßkirch.Gutshof. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck und Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 442 ff.
  • Hartmann Reim: Ein römisches Tempelgebäude bei Meßkirch, Kreis Sigmaringen. In: Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e.V. (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen 1978. Bodendenkmalpflege in den Regierungsbezirken Stuttgart und Tübingen. Gentner, Stuttgart 1979, S. 66–68.
  • Hartmann Reim: Ausgrabungen im römischen Gutshof „Altstadt“ bei Meßkirch, Kreis Sigmaringen. In: Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e.V. (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen 1977. Bodendenkmalpflege in den Regierungsbezirken Stuttgart und Tübingen. Gentner, Stuttgart 1978, S. 51–55.
  • Hartmann Reim: Ausgrabungen im römischen Gutshof "Altstadt" bei, Kreis Sigmaringen. Archäologische Denkmalpflege und Straßenbau. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 6. Jg. 1977, Heft 4, S. 147–152. (PDF)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Villa Rustica – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 47° 59′ 4″ N, 9° 3′ 15″ O