Violetter Dingel

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Violetter Dingel
Violetter Dingel (Limodorum abortivum)

Violetter Dingel (Limodorum abortivum)

Systematik
Familie: Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie: Epidendroideae
Tribus: Neottieae
Untertribus: Limodorinae
Gattung: Dingel (Limodorum)
Art: Violetter Dingel
Wissenschaftlicher Name
Limodorum abortivum
(L.) Sw.

Der Violette Dingel (Limodorum abortivum) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Dingel (Limodorum) in der Familie der Orchideen (Orchidaceae).

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abbildungen der in Deutschland und den angrenzenden Gebieten vorkommenden Grundformen der Orchideenarten, Tafel 42
Zygomorphe Blüte

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Violette Dingel ist eine ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 20 bis 60 Zentimetern. Sie bildet zahlreiche lange, fleischige Wurzeln. Dieser Geophyt bildet ein kurzes, dickes, fleischiges Rhizom. Der kräftige, feingestreifte Stängel trägt scheidige Schuppenblätter, aber keine Laubblätter.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blütezeit liegt in Mitteleuropa im (Mai) Juni. Der lockere Blütenstand enthält 5 bis 20 Blüten. Die Deckblätter sind länger als der Fruchtknoten. Der Blütenstiel ist kurz und gedreht. Die zwittrige Blüte ist zygomorph und dreizählig. Die Lippe der Blüte ist waagrecht- bis aufrecht-abstehend, nahe dem Grunde undeutlich eingeschnürt, Vorderglied (Epichil) mit hochgebogenen welligen Rändern, in der Längsrichtung nach außen gekrümmt.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 56 oder 64.[1]

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl die Pflanzen Chlorophyll enthalten und Photosynthese betreiben, reicht diese nicht aus, um die Atmungsverluste auszugleichen. Der Violette Dingel ist daher zur Ernährung auf die Versorgung durch seine Wurzelpilze angewiesen, hauptsächlich Ektomykorrhizapilze aus der Gattung Russula (Täublinge). Damit gehört der Violette Dingel zu den mykoheterotrophen Pflanzen.[2]

In der Literatur wird der Violette Dingel sowohl als autogam als auch als allogam beschrieben. Bei der Selbstbestäubung fallen die Pollenmassen aus den geöffneten Staubbeuteln auf die darunterliegende klebrige Narbe. Da die Blüten im Sporn Nektar absondern, ist aber auch Insektenbestäubung möglich. Aus dem östlichen Mittelmeerraum sind Solitärbienen der Gattung Anthophora als Bestäuber nachgewiesen. Der Fruchtansatz beträgt etwa 80 %.

Die Pflanzen können in ungünstigen (trockenen) Jahren auch unterirdisch blühen (Kleistogamie).

Vorkommen und Gefährdung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptverbreitungsgebiet dieser besonders wärmebedürftigen Art liegt im Mittelmeerraum. Nach Norden dringt der Violette Dingel bis Belgien, Deutschland und Tschechien, nach Osten bis in den Kaukasusraum und Iran vor.

In Deutschland ist der Violette Dingel nur an wenigen Standorten am Oberrhein und in der südlichen Eifel zu finden. Nur sehr selten tritt er in Einzelexemplaren auch außerhalb dieser Regionen - und dann in der Regel nur für kurze Zeit - auf, so zum Beispiel im Remstal. In Deutschland ist der Violette Dingel auf der Roten Liste gefährdeter Arten von 1998 auf Stufe 1 = vom Aussterben bedroht verzeichnet und ist besonders geschützt. In Österreich selten bis sehr selten von der collinen bis untermontanen Höhenstufe. Bevorzugt submediterranes Klima. Vorkommen in Burgenland, Wien(!), Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Tirol und Salzburg (?). In Österreich gilt der Violette Dingel als stark gefährdet. In der Schweiz liegen die größeren Verbreitungsgebiete in den Kantonen Tessin, Jura, Wallis und im Rheintal bei Chur, aber auch hier ist der Violette Dingel selten.

Als Standort gedeiht diese kalkliebende Pflanze am besten in lichten, sommerwarmen, trockenen Föhren- und Eichenwäldern sowie Magerrasen. In Deutschland gedeiht er meist unter Kiefern mit angehäuftem Nadelstreu-Moder-Mull.[1] Nach Ellenberg ist der Violette Dingel Verbandscharakterart der mitteleuropäisch-subozeanischen, trockenheitsertragenden Eichenmischwälder (Quercion pubescenti-petraeae). Nach Oberdorfer ist er in Mitteleuropa eine Charakterart des Quercetum-pubescentis-petraeae, überregional aber eine Charakterart der Ordnung Quercetalia pubescentis.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Füller: Orchideen Mitteleuropas, 7. Teil. Limodorum, Epipogium, Neottia, Corallorhiza (= Die Neue Brehm-Bücherei. Band 385). 3. Auflage (unveränderter Nachdruck der 2. Auflage von 1977). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2002, ISBN 3-89432-491-0.
  • Manfred A. Fischer, Wolfgang Adler, Karl Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 273.
  2. M. Girlanda, M. A. Selosse, D. Cafasso, F. Brilli, S. Delfine, R. Fabbian, S. Ghignone, P. Pinelli, R. Segreto, F. Loreto, S. Cozzolino, S. Perotto: Inefficient photosynthesis in the Mediterranean orchid Limodorum abortivum is mirrored by specific association to ectomycorrhizal Russulaceae. In: Molecular Ecology. Band 15, Nr. 2, 2006, S. 491-504, doi:10.1111/j.1365-294X.2005.02770.x.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Violetter Dingel (Limodorum abortivum) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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