Visegrád-Gruppe

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Logo der Visegrád-Gruppe
Lage der Visegrád-Gruppe in Europa, von Nord nach Süd:
PolenPolen Polen,
TschechienTschechien Tschechien und SlowakeiSlowakei Slowakei,
UngarnUngarn Ungarn

Die Visegrád-Gruppe (polnisch Grupa Wyszehradzka, tschechisch Visegrádská čtyřka, slowakisch Vyšehradská štvorka, ungarisch Visegrádi csoport), gelegentlich auch Visegrád-Staaten genannt und unter der Bezeichnung V4 bekannt, ist eine lose Kooperation der Regierungen der mitteleuropäischen Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Name kommt von der ungarischen Stadt Visegrád beim Donauknie. Dort trafen sich im Oktober 1335 die Könige von Böhmen, Ungarn und Polen, nämlich der ungarische König Karl von Anjou, Kasimir der Große von Polen und Johann von Böhmen, der mit seinem Sohn Karl kam (Karl wurde später sein Nachfolger als böhmischer König, deutscher König und ab 1355 römisch-deutscher Kaiser Karl IV.).[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Visegrád wurde am 15. Februar 1991 das Abkommen von den damaligen Gründerstaaten Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beschlossen, um nach dem Ende von Ostblock und Kaltem Krieg die großteils gemeinsamen Probleme möglichst kooperativ zu lösen. Diesbezüglich verstand sich die Gruppe als Ergänzung zur Pentagonale bzw. zur Zentraleuropäischen Initiative, welche durch die Mitgliedschaft auch westlicher Staaten (Österreich und Italien) politisch zu uneinheitlich war. Neben den gemeinsamen Interessen in Richtung EU- und NATO-Beitritt und verstärkter Zusammenarbeit auf den Gebieten Kultur und Wirtschaft ging es der Visegrád-Gruppe auch um technische Kooperation und einige Fragen nationaler Minderheiten. Ein weiteres Treffen der Gruppe fand am 6. Oktober 1991 in Visegrád statt. Im November 1998 haben die damaligen Regierungen bei einem Treffen in Budapest eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit in Form von regelmäßigen halbjährlichen Treffen beschlossen.

Mit Wirkung zum 14. Mai 1999 wurde der Internationale Visegrád-Fonds von den Mitgliedern in Bratislava gegründet. Der Fonds wird von allen Mitgliedern gemeinsam finanziert und unterstützt unter anderem kulturelle Netzwerke und vergibt jährlich Stipendien an Studenten, Promovierende und Wissenschaftler zum akademischen Austausch.

Kennzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der Mitgliedstaaten leben etwa 65 Millionen Menschen auf einer Fläche von ca. 530.000 km². Das gemeinsame BIP beträgt rund 940 Milliarden US-Dollar.

Mitgliedstaat Einwohner Hauptstadt BIP pro Kopf
(KKP)[2]
Staats-
schulden-
quote
[3]
Arbeits-
losen-
quote
[4]
Korruption[5] CO₂-Emission
pro Kopf[6]
Index der
menschlichen
Entwicklung
(2014)
[7]
PolenPolen Polen 38.485.779 Warschau 25.247 US$ 57 10,3 % 62 8,11 t 0,843
TschechienTschechien Tschechien 10.521.600 Prag 30.047 US$ 48 7,1 % 56 9,60 t 0,870
SlowakeiSlowakei Slowakei 5.421.349 Bratislava 28.279 US$ 55 14,4 % 51 6,28 t 0,844
UngarnUngarn Ungarn 9.908.798 Budapest 25.019 US$ 79 6,8 % 51 5,07 t 0,828

Visegrád-Gruppe seit 1999[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polen, Tschechien und Ungarn traten am 12. März 1999 der NATO bei, die Slowakei (zusammen mit sechs anderen mitteleuropäischen Staaten) am 29. März 2004 (→ NATO-Osterweiterung).

Am 13. Dezember 2002 wurden die Beitrittsverhandlungen zwischen der EU (die damals aus 15 Staaten bestand) und acht mitteleuropäischen Staaten (sowie Malta und Zypern) abgeschlossen; sie wurden zum 1. Mai 2004 aufgenommen.

Die Slowakei hat als einziges V4-Land den Euro als Währung eingeführt (zum 1. Januar 2009). Alle vier Staaten befürworten traditionell enge Beziehungen zwischen Europa und den USA.

2010 eröffneten die V4 eine gemeinsame diplomatische Vertretung in Südafrika.[8]

Trotz Mitgliedschaft in der NATO ist die kollektive Sicherheit weiterhin eines der Kernanliegen der Gruppe. Das teils angespannte Verhältnis zu Russland ist ein Themenfeld der Visegrád-Gruppe. Auch Probleme wie der Terrorismus und die Regelung des Grenzverkehrs werden diskutiert. Beim V4-Treffen am 12. Mai 2011 in Levoča wurden Möglichkeiten zur Aufstellung einer gemeinsamen EU-Battlegroup bis zum Jahr 2016 erörtert. Die Einheit soll etwa Bataillonsstärke haben und unter der militärischen Führung Polens stehen[9][10]. Die Aufstellung der Kampftruppe bis 2016 wurde bei einem Gipfeltreffen der vier Verteidigungsminister in Warschau am 6. März 2013 beschlossen.

Treffen der V4-Ministerpräsidenten 2015: Robert Fico (Slowakei), Beata Szydło (Polen), Bohuslav Sobotka (Tschechien), Viktor Orbán (Ungarn)

Im Oktober 2015, während auf der Balkanroute hunderttausende Flüchtlinge Richtung Deutschland und Nordeuropa zogen, schickte Polen 70 Beamte zur Grenzsicherung nach Ungarn.[11] Diese gemeinsame Migrations- und EU-Außengrenzenpolitik wird insbesondere von Deutschland stark kritisiert, da sie im Widerspruch zu dem von Deutschland geforderten dauerhaften Verteilungsautomatismus von Asylbewerbern auf alle EU-Staaten mittels einer Verteilungsquote steht.

Am 15. Februar 2016, dem 25. Gründungstag der Gruppe, sagte der tschechische Premier Bohuslav Sobotka, man wolle in Zukunft verstärkt gemeinsam innerhalb der EU auftreten, da "der Einfluss der Mitgliedsstaaten in der EU durch eine Gruppierung vervielfacht" werde.

Im August 2016 trafen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der vier Visegrád-Staaten:

Die Regierungen dieser vier Länder (Kabinett Szydło, Kabinett Orbán III, Kabinett Sobotka und Kabinett Fico III) lehnen jegliche Quoten ab, mit denen die in der EU ankommenden Flüchtlinge und Migranten in der EU „umverteilt“ werden sollen. Seit dem Abschluss des EU-Türkei-Abkommens vom 18. März 2016 werden solche Quoten diskutiert.[12][13]

Visegrád Plus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman hat am 3. April 2014 auf einer Pressekonferenz in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana bekanntgegeben, dass in Zukunft auch Slowenien und Österreich an den Sitzungen einer erweiterten Visegrád-Gruppe teilnehmen sollen.[14] Am 4. April 2014 gab allerdings das ungarische Außenministerium durch seinen Sprecher Gábor Kaleta zu verstehen, dass eine Erweiterung der Visegrád-Gruppe nicht geplant sei, und zog somit das Angebot Zemans an Slowenien und Österreich zurück.[15] Als Alternativlösung in der Folge der ablehnenden Haltung Ungarns haben Tschechien, die Slowakei und Österreich im Frühjahr 2015 das Austerlitz-Format ins Leben gerufen. Das erste Treffen in diesem Format fand am 29. Januar 2015 in Slavkov u Brna (Austerlitz) in Tschechien statt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rundfunkberichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Staats-Vertrag von Visegrad vom 19. November 1335
  2. International Monetary Fund: World Economic Outlook Databases
  3. Liste der Länder nach Staatsschuldenquote, 2013
  4. CIA World Fact Book, 2012
  5. Transparency International – Korruption 2015, Zugriff am 16. Februar 2016
  6. Liste der Länder nach CO₂-Emission, 2013
  7. Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): Bericht über die menschliche Entwicklung 2015. Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin (undp.org [PDF; 9,3 MB; abgerufen am 1. November 2016]). Seite 246–249.
  8. 29. März 2010: Gemeinsame diplomatische Vertretung der Visegrád-Staaten in Südafrika
  9. The Slovak Spectator: Visegrad Four to form own battle group by 2016, 13. Mai 2011; letzter Abruf 17. Mai 2011
  10. CSIS: Eastern European Defense Review: Defense cooperation within the Visegrad Group. Unexplored opportunities?, 25. Februar 2011; letzter Abruf 17. Mai 2011
  11. 16. Oktober 2015: 70 polnische Beamte sollen Ungarn bei Grenzabsicherung helfen
  12. FAZ.net 26. August 2016 / Gerhard Gnauck: Geschlossen gegen Merkel
  13. radio.cz: Merkel in Prag: gutnachbarschaftliche Beziehungen – Pfiffe gegen Willkommenskultur
  14. Lothar Martin: Slowenien und Österreich werden an Sitzungen der Visegrad-Staaten teilnehmen. Radio Prag, 3. April 2014, abgerufen am 3. Dezember 2016.
  15. Expanding Visegrád Group not on the agenda. Ungarisches Außenministerium, 4. April 2014, abgerufen am 3. Dezember 2016 (englisch).