Vitus Huonder

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Bischof Vitus Huonder (2013)
Bischofswappen

Vitus Huonder (* 21. April 1942 in Trun, Kanton Graubünden) ist Bischof von Chur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vitus Huonder besuchte von 1958 bis 1963 das Gymnasium der Klosterschule Disentis. Bis 1971 studierte er Philosophie und Theologie in Maria Einsiedeln, am Päpstlichen Athenaeum Sant’Anselmo in Rom sowie an der Universität Freiburg im Üechtland. Am 25. September 1971 empfing Vitus Huonder durch Bischof Johannes Vonderach in der Pfarrkirche Thalwil die Priesterweihe. 1973 wurde er an der Universität Freiburg mit der Dissertationsschrift Israel, Sohn Gottes. Zur Deutung eines alttestamentlichen Themas in der jüdischen Exegese des Mittelalters zum Doktor der Theologie promoviert. Anschliessend war er bis 1976 als Universitätsassistent in Freiburg und als Dozent für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Chur tätig. Von 1976 bis 1988 war er Seelsorger im Pfarrdienst in Kilchberg ZH (1976–1982), Sachseln OW (1982–1984) und Egg ZH (1984–1988).

1989 habilitierte sich Vitus Huonder im Fach Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg. 1990 wurde er von Bischof Wolfgang Haas zum Domkanoniker in Chur sowie zum Generalvikar für Graubünden, Glarus und das Fürstentum Liechtenstein berufen. 1991 wurde er in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem investiert. Von 1993 bis 1998 hatte er verschiedene Lehraufträge in Liturgiewissenschaft in Freiburg und Chur. 1998 bestätigte ihn der Bischof von Chur, Amédée Grab, als Generalvikar für Graubünden und ernannte ihn zum Moderator der bischöflichen Kurie (Moderator Curiae).

Am 6. Juli 2007 wählte das Churer Domkapitel aus einer vom Heiligen Stuhl vorgelegten Terna der römischen Kongregation für die Bischöfe Vitus Huonder zum Bischof von Chur. Papst Benedikt XVI. bestätigte mit Datum vom 8. Juli 2007 diese Wahl. Er wurde am 8. September 2007 im Kloster Einsiedeln zum Bischof geweiht. Die Bischofsweihe spendete ihm sein Vorgänger, Bischof Amédée Grab OSB; Mitkonsekratoren waren Erzbischof Francesco Canalini, Apostolischer Nuntius in der Schweiz, und Kurt Koch, Bischof von Basel. Der Wahlspruch Bischof Huonders lautet Instaurare omnia in Christo («Alles in Christus erneuern»).

Kurz nach deren Erscheinen im Jahr 2007 unterstützte Huonder die umstrittene, katholisch-traditionalistische Website gloria.tv mit einem Empfehlungsschreiben.[1] Im März 2013 distanzierte er sich jedoch von gloria.tv und entliess dessen Einzelprokuristen Reto Nay als Pfarradministrator von Tujetsch.[2] Bereits im Vorjahr hatte Huonder Nay wegen dessen Mitarbeit beim rechtsextremen Blog kreuz.net ermahnt.[3][4]

Vitus Huonder ist seit dem 6. Januar 2011 Mitglied der Bischöflichen Kommission «Ecclesia celebrans».[5]

Bischof Huonder steht für seine Äusserungen immer wieder in der Kritik[6], so etwa für die Aussage, dass göttliches Recht über dem weltlichen Recht stehe[7] oder für seine Ansichten über den Sexualkundeunterricht[8].

In dem zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2013 veröffentlichten Hirtenbrief Gender – die tiefe Unwahrheit einer Theorie sprach sich Huonder gegen die, seinen Worten zufolge, staatliche Vereinnahmung der Kinder durch die politische Infragestellung von Ehe und Familie aus. Dem sogenannten Genderismus gehe es vordergründig um die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen, tatsächlich würden aber Ehe und Familie als tragende Strukturen der Gesellschaft angegriffen. Ungerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter könne durch die Leugnung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht behoben werden. Die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau sei eine Vorgabe des Schöpfers, über die der Mensch nicht verfügen könne und dürfe. Darüber hinaus sei der Genderismus wissenschaftlich unhaltbar, er schade Männern, Frauen und Kindern.[9] Laut NZZ ergänzte sein Sprecher Giuseppe Gracia, dass der Bischof die Gläubigen ermutige, bei allen anstehenden Volksentscheidungen zu Ehe, Familie, Sexualerziehung, Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare oder Krankenkassenfinanzierung gemäss der Lehre der katholischen Kirche abzustimmen, etwa in der Volksinitiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache»[10], die es den Krankenkassen verbieten wollte, Schwangerschaftsabbrüche aus der Grundversicherung zu zahlen, oder der Initiative der CVP, mit der die Ehe als Partnerschaft zwischen Mann und Frau auf Verfassungsstufe definiert werden soll.[11]

Von den Einlassungen Huonders zum Gender-Konzept stimme «so ziemlich nichts», äusserte Rolf Trechsel, ein Vorstandsmitglied der Schwulenorganisation Pink Cross, gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung. Die Adoption von Kindern durch Homosexuelle als «Auslieferung» zu bezeichnen, sei ein «ungeheuerliches Wort und eine gemeine, billige Polemik, die jede Menschenfreundlichkeit vermissen» lasse. Dies treffe auch auf die Behauptung zu, Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen aufwüchsen, würden in ihrer psychischen Entwicklung geschädigt. Dies sei durch unzählige wissenschaftliche Studien widerlegt.[12]

Mitte Februar 2014 gab das Bistum Chur bekannt, dass allein zu diesem Hirtenbrief über 3000 Dankschreiben, auch aus Nachbarländern und von Angehörigen anderer Konfessionen eingegangen seien, für die Huonder öffentlich dankte.[13]

Ende Juli 2015 hielt Huonder anlässlich des Kongresses Freude am Glauben des Forums Deutscher Katholiken in Fulda einen Vortrag mit dem Titel Die Ehe – Geschenk, Sakrament und Auftrag. Neben Beifall [14] löste er vor allem in der Schweiz Kritik wegen der Erwähnung zweier Stellen aus dem Alten Testament aus, darunter Lev 20,13 EU, von denen er die Ansicht vertrat, «die beiden zitierten Stellen allein würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben».[15] Diese Äußerung wurde mehrfach[16][17][18][19] als Aufruf zur Gewalt gegen Homosexuelle verstanden. In zwei Stellungnahmen im August 2015 brachte Huonder zum Ausdruck, selbstverständlich trete er «nicht für die alttestamentarische Forderung nach der Todesstrafe für homosexuell empfindende Menschen ein» und bedauerte, derart missverstanden worden zu sein.[20][21] Die Bündner Staatsanwaltschaft stellte ein auf eine Anzeige der Organisation Pink Cross hin eröffnetes Verfahren im Oktober 2015 jedoch ein[22]; das Kantonsgericht Graubünden wies in der Folge eine Beschwerde zurück, da kein strafbares Verhalten Huonders vorgelegen habe. Das Bistum Chur zeigte sich vom Ausgang des Verfahrens nicht überrascht.[23]

Nachdem Bischof Huonder im Hinblick auf seinen 75. Geburtstag im April 2017 sein Rücktrittsgesuch eingereicht hatte, verlängerte Papst Franziskus Huonders Amtszeit um zwei Jahre.[24]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Israel, Sohn Gottes: Zur Deutung eines alttestamentlichen Themas in der jüdischen Exegese des Mittelalters. (Dissertation) Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1973, ISBN 3-525-53307-1.
  • Auf der Suche nach Gott: Der christliche Glaube und die anderen Religionen. Kanisius, Freiburg 1982, ISBN 3-85764-141-X.
  • Gnadennovenen. Kanisius, Freiburg 1984, ISBN 3-85764-170-3.
  • Zur Feier des Sonntags. Kanisius, Freiburg 1986.
  • Die Psalmen in der Liturgia horarum. (Habilitationsschrift) Universitätsverlag, Freiburg 1991, ISBN 3-7278-0758-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joel Bedetti, Pascal Sigg: Sie nennen ihn Don Reto, Die Zeit, 18. April 2013
  2. Schweiz: Gloria.tv-Mitarbeiter vom Bischof entlassen, Radio Vatikan, 15. März 2013
  3. Hakenkreuze: Bischof von Chur enthebt Pfarrer seines Amtes, Katholische internationale Presseagentur, 15. März 2013
  4. Daniel Klingenberg: «Jesus war kein Populist», St. Galler Tagblatt, 14. Juni 2012
  5. Schweiz: Ernennung für Bischof Huonder, Radio Vatikan, 21. Februar 2011
  6. Daniel Meier: Der einsame Bischof In: NZZ am Sonntag vom 25. März 2017
  7. Simone Rau: Bischof Huonder relativiert die Menschenrechte, Tages-Anzeiger, 6. Dezember 2011
  8. Pascal Hollenstein: «Es gibt ein Recht auf Widerstand» (Interview), NZZ am Sonntag, 4. Dezember 2011
  9. http://www.bistum-chur.ch/wp-content/uploads/2013/12/Wort_des_Bischofs_VIII_2013.pdf
  10. Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache», abgelehnt in der Volksabstimmung vom 9. Februar 2014
  11. Die Abstimmung über die Initiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» ist noch ausstehend.
  12. Vitus Huonder. Churer Bischof kanzelt Homosexuelle ab, NZZ am Sonntag, 8. Dezember 2013
  13. http://www.kath.net/news/44910
  14. Michael Meier: Huonder hetzt weiter gegen die Homo-Ehe - Der Churer Bischof erinnert an die biblische Todesstrafe für Schwule. tagesanzeiger.ch, 03.08.2015, abgerufen am 11. Mai 2017 (deutsch).
  15. Text des Kurzvortrags (PDF)
  16. Bischof aus der Schweiz spricht von Todesstrafe für Homosexuelle, Telepolis, 3. August 2015.
  17. Todesstrafe für Homosexuelle: Schweizer Bischof vergreift sich böse im Ton, huffingtonpost.de, 3. August 2015.
  18. Schweizer Bischof griff erneut Schwule an, kurier.at, 3. August 2015.
  19. Bischof bringt Todesstrafe für Homosexuelle ins Spiel – doch wie sollen sie sterben?, wochenblatt.de, 7. August 2015.
  20. http://www.bistum-chur.ch/aktuelles/stellungnahme-des-bischofs-bedauern-ueber-missverstaendis/
  21. http://www.bistum-chur.ch/aktuelles/stellungnahme-bischof-vitus-huonder/
  22. Huonder: PINK CROSS reicht Beschwerde gegen Einstellungsverfügung ein. Abgerufen am 11. Mai 2017.
  23. https://www.nzz.ch/schweiz/aktuelle-themen/kantonsgericht-graubuenden-schwulenverband-scheitert-mit-anzeigen-gegen-bischof-huonder-ld.83745
  24. http://www.bistum-chur.ch/aktuelles/papst-franziskus-verlaengert-amtszeit-von-bischof-vitus-huonder/
Vorgänger Amt Nachfolger
Amédée Grab OSB Bischof von Chur
seit 2007
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