Volker Bräutigam (Publizist)

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Volker Bräutigam (* 21. Juni 1941 in Gera) ist ein ehemaliger Nachrichtenredakteur, Gewerkschaftsfunktionär, Universitätsdozent (Taipei) und Publizist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Tätigkeiten als Druckereihelfer, Redaktionsvolontär, Kraftfahrer und einer Zeit der Arbeitslosigkeit wurde Bräutigam Redakteur bei der Augsburger Allgemeinen, der Stuttgarter Zeitung und anderen. Von 1975 bis 1985 war er nach eigenen Angaben Nachrichtenredakteur der Tagesschau in Hamburg.[1]

Bräutigam war außerdem Studienleiter und Pressereferent der Evangelischen Akademie Loccum.

1960 wurde er Mitglied der Gewerkschaft ÖTV und wechselte später zur IG Druck. 1975 kam er zum NDR und wurde dort Mitglied der RFFU, die mit der IG Medien verschmolz und aus der die ver.di Gewerkschaft hervorging. Im Laufe seiner Gewerkschaftszugehörigkeit war Bräutigam Vorsitzender des Verbandes Nord der RFFU/IG Medien sowie Vorstandsmitglied der IG Medien und hatte weitere ehrenamtliche Funktionen im DGB inne.[2]

Im Juli 1988 organisierte Volker Bräutigam für die IG Medien/RFFU im Norddeutschen Rundfunk NDR die erste mit Programmausfall verbundene Arbeitsniederlegung in der deutschen Fernsehgeschichte.[3]

Er verlegte in den 1990er Jahren seinen Berufs- und Lebensmittelpunkt nach Taiwan. In Taipeh arbeitete Volker Bräutigam für ein Forschungsprojekt des National Science Council und als Lehrbeauftragter am Übersetzungswissenschaftlichen Institut der Fu-Jen-Universität. In den letzten Jahren bis zu seiner Pensionierung war er als Berater für Umweltschutz-Technologie der Environmental Protection Foundation (EPF) an der Taiwan National University in Taipei tätig.

Daneben schrieb er als Fernost-Korrespondent für die Zeitschrift Ossietzky (Hannover/Berlin), der Nachfolgerin der Weltbühne. Für den Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD und seine Ehemaligen-Organisation in Taiwan entwickelte Volker Bräutigam Idee und Konzept für die international besetzte Wissenschaftskonferenz „Sonne, Wind und heiße Quellen“ im September 2000 in Taipei. Zu dieser reisten auch aus Deutschland Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien an und der Staatspräsident Chen Shui-bian hielt die Eröffnungsrede.

Nach seiner Pensionierung 2002 kehrte Volker Bräutigam nach Deutschland zurück. Er schreibt gelegentlich u. a. für Ossietzky, für die DKP-Wochenzeitung Unsere Zeit oder für NRhZ-Online.

2012 trat er aus der Gewerkschaft ver.di aus. In seiner Austrittserklärung begründete er seinen Schritt damit, dass sich die deutschen Gewerkschaften im Unterschied zu den Gewerkschaften anderer Länder „hauptsächlich als duldsame Begleiter kapitalistischer Ausbeuterei, asozialer Schweinereien und als Stabilisatoren des schändlichen Systems“ betätigt hätten. Notwendige gesellschaftsverändernde Kampfziele seien gestrichen worden, allen voran die Verkürzung der Arbeitszeit (30-Stunden-Woche, Rente mit 60), das Verbot der Mehrarbeit, die Abschaffung der Leiharbeit, die Reduktion der Zeitarbeit, das Verbot aller Kettenarbeitsverträge und das Verbot prekärer Beschäftigungsformen. Auch bei immateriellen Kampfzielen wie beispielsweise der Presse- und Rundfunkfreiheit seien die Gewerkschaften untätig. Bräutigam wollte sich nicht weiterhin als „Mitläufer einer systemkonformen SPD-Kollaboration“ verbiegen.[4]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Die Tagesschauer. Ein Tagesschau-Redakteur berichtet (1982) analysierte Bräutigam Strukturen und Arbeitsweisen der Tagesschau-Redaktion im Spannungsgeflecht wirtschaftlicher und politischer Einflüsse und kam – als noch aktiver Redakteur – zu dem Schluss, dass die Tagesschau das bringe, „was unsere politischen Zustände bestätigt und verfestigt und was die von den öffentlichen Medien gesteuerten Massen angeblich hören und sehen wollen“. Ursachen machte Bräutigam vor allem in der von ihm mitbezeugten massiven parteipolitischen Einflussnahme über die Aufsichtsgremien aus: „Keiner wird bei uns Intendant, der den Parteien insgesamt kritisch gegenüber steht. Keiner wird Chefredakteur, es sei denn er hat die richtigen Beziehungen oder das richtige Parteibuch“.[5] In einer Rezension in der Zeit bezeichnete Hans Heinrich Obuch diese Einblicke als „anschaulich und exakt“.[6]

In Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrickern, von Klaus Stuttmann illustriert, stellt Bräutigam seine Kritik an der mangelnden Beachtung des Rundfunkrechts dar. Er schildert aus seiner Erfahrung, wie sich „verantwortungsvolle journalistische Arbeit abwürgen und der Informationsauftrag öffentlich-rechtlicher Medien zur methodischen Deformationsmasche mutieren lassen“. Bräutigam macht in seiner Analyse der Bundestagsdebatte zum Rundfunkrecht deutlich, wie nach seiner These das Rundfunkrecht und die verbürgte journalistische Unabhängigkeit gebeugt würden.[7] Die Massenmedien würden mehrheitlich „mittels Falschinformation und aggressiver Intoleranz“ die bestehenden gesellschaftlichen Missverhältnisse rechtfertigen, sie fördern und verschärfen. Dabei würden die Medien zu „Falschmünzer(n) im Interesse jener Eliten, die unbegrenzt Reichtümer aufhäufen und mittlerweile unbeschränkt Macht ausüben. Und dies ohne jede demokratische Legitimation.“[8] Bräutigams Kritik bezieht sich hauptsächlich auf die China-Berichterstattung.

Rundfunkbeschwerden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2014 hat Bräutigam gemeinsam mit Friedhelm Klinkhammer, dem ehemaligen Vorsitzenden des ver.di-Betriebsverbandes NDR, über hundert Programmbeschwerden beim NDR eingereicht. Ihrer Meinung nach sei die Berichterstattung „agitatorisch, propagandistisch und desinformativ“.[9] Die Programmbeschwerden werden auf den deutschsprachigen Internetseiten von RT, dem früheren Russia Today,[10] in einem Online-Flyer der Internetzeitung NRhZ-Online[11] und Internetforen und Blogs veröffentlicht.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • als Hrsg.: Die Meinungsfreiheit des Journalisten. (= Loccumer Protokolle. Nr. 02/75).
  • Die Tagesschauer. Reinbek 1982, ISBN 3-499-20302-5.
  • Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrichern. Kückenshagen 2009, ISBN 978-3-938398-90-6.

Aufsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Personalinformationssystem beim NDR. In: Monika Binas (Hrsg.): Das Datennetz – Computer bedrohen die Freiheit. Heidelberg 1983, ISBN 3-921265-40-1.
  • Die Kunst des Drachentötens – Zum Studium der deutschen Sprache in Taiwan. In: Freies Asien. 39. Jahrgang, Nr. 18/19, Taipei 1997.
  • mit Chen Yung-Yu: Disparität der Sprachebenen als Problem beim Übersetzen. In: Deutsch-taiwanesische Hefte. Nr. 1, Taipei 1999.
  • Sonne, Wind und heiße Quellen. In: Taipeh heute. 14. Jahrgang, Heft 1, Taipei 2001.
  • Die Erde ist alles, was wir an Himmel. In: Ursula Richter, Astrid Wiedemann (Hrsg.): Engelsgeschichten am Kamin. Reinbek 2005, ISBN 3-499-24013-0.
  • Günstig abzugeben – die deutsche Eisenbahn. In: Gabriele Gillen, Walter van Rossum (Hrsg.): Schwarzbuch Deutschland. Handbuch der vermissten Informationen. Reinbek, 2008, ISBN 978-3-498-02504-5.

Vorträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bildung und Kultur im Deutschen Fernsehen. Taipei 1996, Vorlesungsreihe, Fu Jen University, Graduate Institute for Translation and Interpretation.
  • Alltagssprache im Fernsehen. Taipei 1996, Vortrag auf dem 5. Jahreskongress des Germanisten- und Deutschlehrerverbandes Taiwan, Cheng Gong University, Tai-nan
  • Zur Problematik des Übersetzens ausländischer Filmdokumente. Taipei Nov. 1996, Beitrag zum übersetzungswissenschaftlichen Kongress der Fu Jen University
  • Fernsehprogramme in Taiwan: Das Land hat Besseres zu bieten. (urspr.) Hamburg 1997, Vortrag vor der „Bambusrunde“

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marcus Klöckner: "Bleiben Sie ARD-aktuell gewogen". In: Telepolis. Abgerufen am 21. Dezember 2016 (de-de).
  2. steinbergrecherche.com
  3. Alles ruck, zuck. In: Der Spiegel. 31/1988, 1. August 1988.
  4. Beendigung meiner Mitgliedschaft in ver.di. In: scharf-links.de. 20. Januar 2009, abgerufen am 11. Februar 2016.
  5. Volker Bräutigam: Die Tagesschauer. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1982.
  6. Hans Heinrich Obuch: Wahrheiten – vorgegeben. In: Die Zeit. 7. Mai 1982.
  7. nrhz.de
  8. mmm.verdi.de
  9. Marcus Klöckner: Bleiben Sie ARD-aktuell gewogen. In: Telepolis. 3. April 2016.
  10. Programmbeschwerde wegen kritikloser Übernahme von "US-Kriegspropaganda" auf tagesschau.de
  11. Russophobe Berichterstattung. Online-Flyer Nr. 539 der NRhZ. 2. Dezember 2015.