Vorschlag für ein Gesetz über digitale Dienste

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Flagge der Europäischen Union

Vorschlag für eine Verordnung

Titel: Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über einen Binnenmarkt für digitale Dienste und zur Änderung der Richtlinie 2000/31/EG
Kurztitel: Gesetz über digitale Dienste
Bezeichnung:
(nicht amtlich)
Digital Services Act, DSA
Geltungsbereich: EWR
Rechtsmaterie: Wettbewerbsrecht
Grundlage: Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, insbesondere Artikel 116
Verfahrensübersicht: Europäische Kommission
Europäisches Parlament
IPEX Wiki
Volltext Grundfassung
Regelung ist ein aktueller Vorschlag im Rechtsetzungsprozess.
Bitte den Hinweis zur geltenden Fassung von Rechtsakten der Europäischen Union beachten!

Der Vorschlag für ein Gesetz digitale Dienste (englisch Digital Services Act) ist Teil eines von der Kommission von der Leyen vorgeschlagenen Regelungspakets, welches unter anderem Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen, Dienste und Produkte schaffen und den digitalen Binnenmarkt vollenden soll.[1]

Der Digital Services Act soll dabei den rechtlichen Rahmen für Online-Plattformen der Europäischen Union aktualisieren, insbesondere die 2000 in Kraft getretene Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr.[2][3] Dabei soll der Rahmen an die neuen Gegebenheiten der Plattformökonomie angepasst werden, ohne aber dabei die Grundsätze des freien Internets zu missachten.[4][5]

Weiterer Bestandteil des sogenannten Regelungspakets ist das Gesetz über digitale Märkte (Digital Markets Act, DMA), das neue Regelungen für sogenannte Gatekeeper-Plattformen schaffen soll.[6][7]

Am 6. Juli 2022 wurde das Gesetz vom EU-Parlament verabschiedet.[8]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europäische Kommission sah insbesondere nach dem Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes Probleme in der Regulierung des digitalen Binnenmarktes, sodass eine gemeinsame Regulierung für die Moderation von strafbaren Inhalten durch Plattformunternehmen geschaffen werden soll.[9]

Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinen Sitzungen am 19. und 20. Januar 2022 beschloss das Europäische Parlament den Bericht zum Vorschlag für ein Gesetz über digitale Dienste.[10][11][12] Der angenommene Bericht[13] wurde im Trilog zwischen Parlament und Rat verhandelt.[14] Am 23. April 2022 teilten die Berichterstatter von Parlament[15] und Rat[16] unter Beteiligung der Kommission[17][18] die politische Einigung über die Inhalte des Entwurfs mit. Im nächsten Schritt wird das Dossier von Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz für das Parlament und dem Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten für den Rat zur endgültigen Beschlussfassung durch die Gremien vorbereitet.[19][20]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die EU-Kommission verfolgt mit dem Vorschlag nach eigenen Angaben primär drei Ziele:

  • Besserer Schutz der Verbraucher und ihrer Grundrechte im Internet,
  • Schaffung eines leistungsfähigen bzw. klaren Transparenz- und Rechenschaftsrahmens für Online-Plattformen,
  • Förderung von Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit im Binnenmarkt[21].

Der Vorschlag enthält zudem Vorschriften für vermittelnde Online-Dienste, die von Menschen in Europa genutzt werden. Die Pflichten der Online-Unternehmen variieren je nach Rolle, Größe und Auswirkung im Online-Umfeld[21].

Anforderungen an Online-Plattformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den neuen Vorschriften müssen Vermittlungsdienste (‘intermediary services’), d. h. Online-Plattformen – wie soziale Medien und Marktplätze – Maßnahmen ergreifen, um ihre Nutzer vor illegalen Inhalten, Waren und Dienstleistungen zu schützen:[19][20]

  • Die Europäische Kommission und die Mitgliedsstaaten werden Zugang zu den Algorithmen sehr großer Online-Plattformen erhalten
  • Plattformen müssen ein klareres „Melde- und Aktions“-Verfahren vorhalten, bei dem die nutzenden Personen die Möglichkeit haben, illegale Inhalte online zu melden; Meldungen von nutzenden Personen müssen von den Plattformen zügig bearbeitet werden
  • Meldungen müssen nicht-willkürlich und diskriminierungsfrei und unter Wahrung der Grundrechte, einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung und des Datenschutzes, bearbeitet werden
  • Online-Marktplätze müssen dafür sorgen, dass Verbraucher sichere Produkte oder Dienstleistungen online erwerben können, indem sie die Kontrollen verstärken, um nachzuweisen, dass die von Händlern gemachten Angaben zuverlässig sind („Kenne deinen Geschäftskunden“), und Anstrengungen unternehmen, um zu verhindern, dass illegale Inhalte auf ihren Plattformen erscheinen, auch durch Stichproben
  • Nicht einvernehmlich weitergegebene illegale Inhalte (Rachepornos) sollen sofort aus dem Verkehr gezogen werden
  • Online-Plattformen und Suchmaschinen können mit Geldbußen von bis zu 6 % ihres weltweiten Umsatzes belegt werden. Im Falle sehr großer Online-Plattformen (mit mehr als 45 Millionen Nutzern) wird die EU-Kommission die alleinige Befugnis haben, die Einhaltung der Vorschriften zu verlangen

Pflichten gegenüber nutzenden Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nutzende Personen müssen besser darüber informiert werden, wie ihnen Inhalte empfohlen werden, und es muss mindestens eine Option dazu angeboten werden, die nicht auf Profiling basiert
  • Zielgerichtete Werbung ist verboten, wenn sie auf besondere Kategorien personenbezogener Daten zielt (z. B. sexuelle Ausrichtung, Religion oder ethnische Herkunft)
  • Plattformen, die Minderjährige als Zielgruppe haben, müssen besondere Maßnahmen zu deren Schutz ergreifen, u. a. durch ein vollständiges Verbot zielgerichteter Werbung
  • Dark Pattern werden verboten. Online-Plattformen und -Märkte dürfen niemanden dazu bringen, ihre Dienste zu nutzen, indem sie z. B. eine bestimmte Wahlmöglichkeit stärker hervorheben oder Empfänger durch störende Pop-ups dazu drängen, ihre Wahl zu ändern. Außerdem sollte die Kündigung eines Abonnements für einen Dienst genauso einfach sein wie das Abonnieren
  • Personen, die digitale Dienste nutzen, werden das Recht haben, Entschädigung für Schäden oder Verluste zu verlangen, die sie aufgrund von Verstößen durch Plattformen erlitten haben.[19][20]

Pflichten bezogen auf Inhalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sehr große Online-Plattformen werden strengere Verpflichtungen erfüllen müssen, die in einem angemessenen Verhältnis zu den erheblichen gesellschaftlichen Risiken stehen, die von ihnen ausgehen, wenn sie illegale und „schädliche“ (‘harmful content’) Inhalte, einschließlich Desinformationen, verbreiten.[19][20]

  • Sehr große Online-Plattformen müssen systemische Risiken bewerten und abmildern und sich jedes Jahr unabhängigen Prüfungen unterziehen. Darüber hinaus müssen große Plattformen, die so genannte "Empfehlungssysteme" (Algorithmen, die bestimmen, was die Nutzer zu sehen bekommen) verwenden, mindestens eine Option anbieten, die nicht auf Profiling basiert
  • Wenn eine Krise eintritt, z. B. eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit oder der Gesundheit, kann die Kommission von sehr großen Plattformen verlangen, dringende Bedrohungen auf ihren Plattformen zu begrenzen. Diese besonderen Maßnahmen sind auf drei Monate begrenzt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bürgerrechtsbewegung European Digital Rights meldete in einer Pressemeldung[22] substanzielle Bedenken an und beurteilte den Vorschlag als Gefahr für die Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Abgeordnete der Piratenpartei bemängelten, dass sich mit dem Gesetzesvorschlag Industrieinteressen gegenüber digitalen Bürgerrechten durchgesetzt hätten.[23]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ursula von der Leyen: Eine Union, die mehr erreichen wil -l Meine Agenda für Europa. (PDF) Europäische Kommission, 2019, S. 16, abgerufen am 15. Dezember 2020: „Mit einem neuen Gesetz über digitale Dienste müssen bessere Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen, Dienste und Produkte geschaffen und der digitale Binnenmarkt vollendet werden.“
  2. Richtlinie 2000/31/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäftsverkehrs, im Binnenmarkt („Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr“). In: Amtsblatt der Europäischen Union. L, Nr. 178, 17. Juli 2000.
  3. Vorschlag der EU-Kommission: Wie das Digitale-Dienste-Gesetz das Internet verändern könnte Deutschlandfunk Kultur, 28. November 2020.
  4. The Digital Services Act package. In: digital-strategy.ec.europa.eu. Europäische Kommission, 26. April 2021, abgerufen am 30. Juni 2021 (englisch).
  5. Stefan Krempl: Digital Services Act: Rechtliches Betriebssystem gegen das wilde Netz. In: heise online. 16. Dezember 2020, abgerufen am 18. Januar 2021.
  6. Das Gesetz über digitale Märkte: für faire und offene digitale Märkte. In: ec.europa.eu. Europäische Kommission, 15. Dezember 2020, abgerufen am 30. Juni 2021.
  7. Neue EU-Regeln sollen Internetriesen Grenzen setzen. In: Reuters. Dezember 2020, archiviert vom Original am 14. Dezember 2020; abgerufen am 30. Juni 2021.
  8. EU-Parlament stimmt strengeren Regeln für Internetplattformen zu. In: Zeit Online. 5. Juli 2022, abgerufen am 6. Juli 2022.
  9. Eike Kühl: Digital Services Act: Das neue Grundgesetz für Onlinedienste. In: Zeit online. 14. Dezember 2020, abgerufen am 15. Dezember 2020.
  10. Christel Schaldemose: Bericht über den Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über einen Binnenmarkt für digitale Dienste (Gesetz über digitale Dienste) und zur Änderung der Richtlinie 2000/31/EG. (A9-0356/2021). In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, 20. Dezember 2021, abgerufen am 20. Januar 2022 (bulgarisch, spanisch, tschechisch, dänisch, deutsch, estnisch, griechisch, englisch, französisch, irisch, kroatisch, italienisch, lettisch, litauisch, ungarisch, maltesisch, niederländisch, polnisch, portugiesisch, rumänisch, slowakisch, slowenisch, finnisch, schwedisch).
  11. Protokoll - Ergebnis der namentlichen Abstimmungen - Anlage. (PDF; 1,3 MB) 19. Januar 2022. In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, 19. Januar 2022, abgerufen am 20. Januar 2022 (französisch).
  12. Protokoll - Ergebnis der namentlichen Abstimmungen - Anlage. 20. Januar 2022. In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, 20. Januar 2022, abgerufen am 21. Januar 2022 (französisch).
  13. Abänderungen des Europäischen Parlaments vom 20. Januar 2022 zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über einen Binnenmarkt für digitale Dienste (Gesetz über digitale Dienste) und zur Änderung der Richtlinie 2000/31/EG (COM(2020)0825 – C9-0418/2020 – 2020/0361(COD)). (P9_TA(2022)0014). In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, 20. Januar 2022, abgerufen am 21. Januar 2022.
  14. Ingo Dachwitz: Wie die Datenindustrie ein Verbot von Überwachungswerbung verhinderte. In: netzpolitik.org. 20. Januar 2022, abgerufen am 21. Januar 2022.
  15. Christel Schaldemose: auf Twitter. In: twitter.com. 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (englisch): „We have a deal on the #DSA! Better online rights for citizens, democratic control over algorithms and disinformation and a ban on targeted ads towards minors. A global golden standard. Great teamwork - proud!“
  16. Französische EU-Ratspräsidentschaft 2022: auf Twitter. In: twitter.com. 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (französisch): „‼️ACCORD‼️ Accord provisoire entre le @EUCouncil et le @Europarl_EN sur la loi sur les services numériques #DSA. Un texte essentiel pour mieux protéger l’espace en ligne et lutter contre la diffusion de contenus illicites tout en garantissant les droits fondamentaux. #PFUE2022“
  17. Margrethe Vestager: auf Twitter. In: twitter.com. 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (englisch): „Ta da! 16 hours, lots of sweets (but cookies still declined ;) We have a deal on the #DSA: The Digital Services Act will make sure that what is illegal offline is also seen & dealt with as illegal online - not as a slogan, as reality! And always protecting freedom of expression!“
  18. Thierry Breton: auf Twitter. In: twitter.com. 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (englisch): „Yes, we have a deal! With the #DSA, the time of big online platforms behaving like they are “too big to care” is coming to an end. A major milestone for 🇪🇺citizens. Congratulations to the European Parliament & Council and thank you to the great EU team working countless hours!“
  19. a b c d Yasmina Yakimova, Inga Höglund: Digital Services Act: agreement for a transparent and safe online environment. In: europarl.europa.eu. Europäisches Parlament, 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (englisch).
  20. a b c d Arianne Sikken: Digital Services Act: Council and European Parliament provisional agreement for making the internet a safer space for European citizens. In: consilium.europa.eu. Rat der Europäischen Union, 23. April 2022, abgerufen am 25. April 2022 (englisch).
  21. a b Europäische Kommission: Gesetz über digitale Dienste: mehr Sicherheit und Verantwortung im Online-Umfeld. In: Europäische Kommission. Europäische Kommission, 15. Dezember 2021, abgerufen am 1. Dezember 2021 (deutsch).
  22. EDRi: ON NEW CRISIS RESPONSE MECHANISM AND OTHER LAST MINUTE ADDITIONS TO THE DSA. In: https://edri.org/. EDRi, 12. April 2022, abgerufen am 26. April 2022.
  23. Christoph G. Schmutz: Schluss mit dem Wilden Westen im Internet: Die EU einigt sich auf das Gesetz zu digitalen Diensten. In: www.nzz.ch. NZZ, 23. April 2022, abgerufen am 26. April 2022.