Vulkanausbruch auf Timor

Der Vulkanausbruch auf Timor im Jahr 1638 (in einer Publikation 1637) ist eine Naturkatastrophe, die nicht stattgefunden hat. Berichte darüber werden bis heute immer wieder veröffentlicht, meist ohne Quellenangabe, dafür aber mit Ausschmückungen und inhaltlichen Fehlern. Mit der Zeit veränderten sich die Beschreibungen dieses angeblichen Vulkanausbruchs.[1.1]
Ursprung der Legende
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Der Jesuit Athanasius Kircher berichtete in seinem Werk Mundus Subterraneus in einem kleinen Abschnitt von einer „flammenden Spitze“ und dem Einsturz eines hohen Berges durch ein „schreckliches Erdbeben“, das sich 1638 auf der südostasiatischen Insel Timor ereignet haben soll.[1.1] Kircher war selbst Augenzeuge des Erdbebens in Kalabrien am 27. März 1638 sowie eines Ausbruchs des Ätnas gewesen. Im selben Jahr stieg er in den Krater des Vesuvs hinab. Er befasste sich mit Höhlen und geologischen Kräften, daneben untersuchte er verschiedene Themen der Naturphilosophie. Aus verschiedenen Teilen der Welt erhielt er von anderen Jesuiten Berichte über astronomische Beobachtungen und ungewöhnliche Ereignisse sowie Pflanzen und Tiere. Am zweibändigen Mundus Subterraneus arbeitete Kircher zehn Jahre lang. Es erschien 1665 in Amsterdam.[1.2]

Der lateinische Text von Kircher wurde 1669 teilweise ins Englische übersetzt:
“Erat & alius in Timor Insula Mons Picus nomine, tantae altitudinis, ut per 300 milliaria flammeus in mari vertex se conspiciendium praeberet; hic anno 1638 concussis per horrendum terraemotum fundamentis una cum Insula absorptus, nil praeter ingentem lacum post se reliquit. Ita referunt Annales Soc. Jesu”[1.3]
“The Mountain Pico in the Island Timor, of such an height, that a flamy Spire or Pyramid was seen for three hundred miles in the Sea. This in the year 1638, had its very foundations shaken, by an horrible Earthquake; and was wholly swallow’d up, together with the Island, leaving nothing behind it, but an huge mighty Lake. So the Annals of the Jesuites Society relate.”
„Der Berg Pico auf der Insel Timor war von solcher Höhe, dass eine flammende Spitze oder Pyramide noch aus dreihundert Meilen Entfernung auf dem Meer zu sehen war. Im Jahre 1638 wurden seine alleruntersten Fundamente durch ein schreckliches Erdbeben erschüttert; und er wurde – mitsamt der Insel – gänzlich verschlungen, ohne etwas anderes zurückzulassen als einen gewaltigen, riesigen See. So berichten es die Annalen der Gesellschaft Jesu.“[1.1]
Kircher gab möglicherweise Berichte wieder, die aus Briefen jesuitischer Priester aus Ostasien stammten, aber heute nicht mehr aufzufinden sind. Jesuiten waren damals vor allem auf den Philippinen und in Japan zu finden. Auf Timor und den Nachbarinseln waren Dominikaner vorherrschend, was aber nicht bedeutet, dass nicht auch Jesuiten die Region besuchten.[1.4] Die Qualität der Arbeit Kirchers wird allerdings als sehr ungenau beschrieben, er wird von René Descartes sogar als „Scharlatan“ bezeichnet.[1.2]
In den folgenden Jahrhunderten gab es immer wieder Publikationen, die Kirchers Bericht vom Vulkan auf Timor wiederholten. Auch gab es weitere Berichte von Vulkanen auf Timor. Ihre Lage variierte immer wieder. Mal befanden sie sich angeblich im Nordosten der Insel oder südlich von Dili, der Hauptstadt von Portugiesisch-Timor, das andere Mal wieder im niederländischen Teil der Insel im Westen. Hier könnte es zu Verwechslungen mit den dort existierenden Schlammvulkanen gekommen sein. Alfred Russel Wallace, der selbst die Insel besuchte, erkannte zwar richtig, dass Timor aus „uralten geschichteten Gesteinen“ bestehe und dass man die Insel wohl kaum als vulkanisch einstufen könne. Trotzdem glaubte er, dass es im Zentrum Timors einen Vulkan gebe. Charles Daubeny verglich 1826 den Pico Kirchers mit einem Leuchtturm, ähnlich dem Stromboli. Ab dem 19. Jahrhundert verschwand der Hinweis auf das Erdbeben und man sprach mehr davon, dass der Vulkan in die Luft geflogen sei. Zweimal tauchen Berichte über den Vulkanausbruch in Publikationen der Royal Society auf (1888 und 1970).[1.5][2] In einem Buch von 2007 wird erstmals von Hunderten von Toten durch die Eruption berichtet.[1.1]
Geologischer Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Timor befindet sich auf dem Äußeren Bandabogen, dessen Inseln durch Auffaltung des Meeresbodens entstanden, im Gegensatz zum nördlich gelegenen Inneren Bandabogen, bei dem die Inseln durch Vulkanismus entstanden.[3] Aktive Vulkane gibt es auf Timor nicht, auch wenn es einige Regionen mit Gesteinen aus vulkanischem Ursprung gibt.[1.1]
In und um die Exklave Oe-Cusse Ambeno und an anderen Orten der Insel gibt es Schlammvulkane. So berichtete Arthur Wichmann bereits Ende des 19. Jahrhunderts vom Schlammvulkan Raitahu bei Bibiluto. Der noch heute aktive Schlammvulkan schleuderte laut Wichmann „Wasser und bituminöse Stoffe unter Feuererscheinungen aus“.[4] 2021 kam es hier zu einer großen Explosion mit einer großen Feuersäule.[5] Ein zweiter solcher „Vulkan“ soll sich nach Wichmann in Laclubar befinden, bei dem aber von keinen Ausbrüchen berichtet wird.[6]
Mögliche Erklärungen
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Der Berg soll laut Kircher über 300 Meilen zu sehen gewesen sein. Um dies möglich zu machen, hätte er eine Höhe von über 15000 m haben müssen. Die höchste Höhenangabe für den Vulkan stammt aus der Publikation von 2007 und gibt ihm 3200 m, höher als jeder heute existierende Berg auf Timor. Erklärbar wäre das Phänomen allerdings, wenn der Feuerschein des Vulkans von Wolken reflektiert worden wäre, die sich in entsprechenden Höhen befinden.[1.6]
Eine Erklärung für den falschen Bericht Kirchers könnte sein, dass der Vulkanausbruch an einem anderen Ort stattfand. Verschiedene historische Texte aus der Region bezeichnen allgemein die Inseln östlich von Java als „Timor“, abgeleitet von dem malaiischen Wort „Timur“ für „Osten“, sodass auch andere der Kleinen Sundainseln der Schauplatz der Katastrophe gewesen sein könnten.[1.7]
Verschiedene Wiedergaben von Kirchers Bericht ordnen die Insel Timor zu den Molukken, obwohl sie zu den Kleinen Sundainseln gehört. Auf der Karte der Molukken von Blaeu aus dem Jahre 1630 wird die Insel Moti als „Timor oder Motir“ bezeichnet. Moti ist vulkanischen Ursprungs. Allerdings gibt es von europäischen Kolonisatoren aus der Zeit von Kirchers Vulkanausbruch keine Berichte einer Eruption auf Moti.[1.7]
Eine Reihe von bekannten Vulkanen könnte Ursprung der Berichte Kirchers sein. Zum Beispiel brach 1638 der Raung im Osten der Insel Java aus. Nördlich von Timor liegt der Gunungapi, in den Molukken der Banda Api und der Gamalama und in der Bandasee der Batu Tara. Von all diesen Vulkanen gab es im 17. Jahrhundert bereits Berichte, aber keine Eruption im Zeitraum und dem Ausmaß von Kirchers Angaben. Mündliche Überlieferungen berichten von einer untergegangenen Insel zwischen Lembata und Pantar. Es gibt Vermutungen, dass dies in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts geschah, allerdings sind die Angaben sehr lückenhaft. Mündliche Berichte gibt es auch vom Yomba, einem Vulkan, der nach einem Ausbruch Anfang des 17. Jahrhunderts vor Neuguinea untergegangen sein soll. Einige Jahrzehnte später fiel bei einer gewaltigen Eruption der Vulkan auf der nahegelegenen Insel Long Island in sich zusammen und bildete mit seiner Caldera einen See.[1.8]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Russell Blong: The eruption of Timor in 1638: 350 years of plagiarism, embellishments and misunderstandings, 2019, Volcanica. 2. 191–210. doi:10.30909/vol.02.02.191210.
- ↑ Charles Daubeny: A description of active and extinct volcanos. Darwin's Beagle Library, 1826, abgerufen am 19. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Michael G. Audley-Charles: Timor–Tanimbar Trough: the foreland basin of the evolving Banda orogen, 1986, Spec. Publs int. Ass. Sediment, 8:91–102.
- ↑ Sammlungen des Geologischen Reichsmuseums in Leiden, Arthur Wichmann: Gesteine von Timor und einiger angrenzenden Inseln. Leiden, E. J. Brill, 1882–1887 1, Bände 10-11, S. 165.
- ↑ Lusa: Autoridades timorenses investigam explosão de origem natural no sudeste do país, 3. Mai 2021, abgerufen am 3. Mai 2021.
- ↑ Sammlungen des Geologischen Reichsmuseums in Leiden, Arthur Wichmann: Gesteine von Timor und einiger angrenzenden Inseln. Leiden, E. J. Brill, 1882–1887 1, Bände 10-11, S. 165.