Wachstumskritik

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Wachstumskritik ist ein Überbegriff für mehrere Konzepte, die das gesellschaftliche, politische und unternehmerische Ziel des Wirtschaftswachstums kritisieren.[1] Es wird die Möglichkeit, Sinnhaftigkeit und Erwünschtheit von Wirtschaftswachstum hinterfragt.[2] Die These der Wachstumskritik ist, dass ab einem bestimmten Niveau eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts nicht mehr zielführend sei, um Ziele wie Wohlstand oder soziale Gerechtigkeit zu erreichen, weil die negativen Effekte wie höherer Verbrauch natürlicher Ressourcen, Umweltzerstörung, die Überschreitung planetarer Grenzen oder eine Beschleunigung des Alltags auftreten würden. In einigen Ländern ist eine wachstumskritische Bewegung als soziale Bewegung entstanden.

Begründungen für Wachstumskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökologische Grenzen: Ist dauerhaftes Wachstum möglich?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

einige Planetare Grenzen sind überschritten[3]
Sustainable Development Goals, Nummer 8: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit

Die bis heute dominante, umweltbasierte Wachstumskritik[2] betont die Endlichkeit des Planeten und seine Begrenztheit, natürliche Ressourcen bereitzustellen und menschliche Emissionen zu verarbeiten. Der ökologische Fußabdruck sei bereits zu hoch, der Mensch habe bereits gravierenden Einfluss auf die ökologischen Prozesse genommen, wie etliche wissenschaftliche Studien zu den globalen Umweltveränderungen und Zukunftsszenarien seit den 1950er Jahren belegen. Der Einfluss des Menschen auf alle irdischen Prozesse ist heute so weitgehend, dass der Beginn eines neuen Erdzeitalters unter dem Begriff Anthropozän vorgeschlagen wird. Unter Berufung auf Konzepte der Bioökonomie und Ökologischen Ökonomie sei eine Verringerung der wirtschaftlichen Aktivitität aufgrund von natürlichen Begrenzungen unvermeidbar, da die Umwelt nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung stellen kann und nur begrenzte Aufnahmefähigkeiten hat.[4] Daraus folge die Erkenntnis, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum auf der Erde unmöglich sei: In „Die Grenzen des Wachstums“ schrieben die Autoren: „Es zeigt sich nun, daß diese Schwierigkeiten letztlich eine gemeinsame, recht banale Ursache haben: unsere Erde ist nicht unendlich. Je mehr sich die menschliche Aktivität den Grenzen der irdischen Kapazitäten nähert, um so sichtbarer und unlösbarer werden die Schwierigkeiten.“[5] Dauerhaftes exponentielles Wachstum sei also ökologisch nicht denkbar.[6] Diese Aspekte werden seit 2009 unter dem Begriff der Planetary Boundaries (planetaren Grenzen) diskutiert.[3][7]

Die zentrale und seit Jahrzehnten umstrittene Frage ist dabei, ob Wirtschaftswachstum vom Verbrauch natürlicher Ressourcen und Emissionen zu entkoppeln ist.[2][8][9][10][11][12][13][14][15] Falls nicht, stünde Wirtschaftswachstum einer nachhaltigen Entwicklung entgegen und sei nicht miteinander kompatibel, wie das beispielsweise in den Sustainable Development Goals suggeriert wird.[16] Für die Wirtschaftswissenschaften ist die zentrale Frage, ob natürliche Ressourcen durch menschgemachtes Kapital im Produktionsprozess ersetzt werden können (Faktorsubstitution).[17] Wachstumskritiker bestreiten, dass dies in dem Maße möglich ist, wie es für eine nachhaltige Entwicklung nötig wäre.[18]

Es gäbe zwar Verbesserungen der Ressourcenproduktivität in einzelnen Ländern, aber die Probleme würden örtlich durch Handel in andere Länder verlagert[19][20] oder in die Zukunft verschoben, beispielsweise beim Klimawandel.[21] Letztlich würden die begrenzten Ressourcen das Ende des Wachstums bedeuten.[22][23]

Soziale Grenzen: Ist dauerhaftes Wachstum wünschenswert?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sozialen Grenzen des Wachstums wurden bereits von John Maynard Keynes diskutiert. Er schrieb 1930 über die „ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“[24][25] und betrachtete die Stagnation nicht als eine Katastrophe, sondern als eine Chance für ein „goldenes Zeitalter“.[26] Er fordert dafür Umverteilung, Arbeitszeitverkürzung und die Bereitstellung öffentlicher Leistungen.[27][28]

Ab den 1970er Jahren wurde zeitlich parallel zu den ökologischen Grenzen auch die sozialen Grenzen des Wachstums diskutiert. Die Erkenntnis der Glücks- und Zufriedenheitsforschung, wonach eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens nach Erreichen eines bestimmten Niveaus keinen weiteren Zuwachs an Glück bzw. subjektiven Wohlbefinden auslöse, wurde als Easterlin-Paradox bekannt.[29][30]

Fred Hirsch erklärte dieses Phänomen mit Positionswettbewerb.[31] Thorstein Veblen hatte bereits im Jahr 1899[32] vom Geltungskonsum gesprochen. Der Nutzen vieler Güter sei symbolischer Art, und Konsum diene dabei zur Abgrenzung gegenüber anderen, wodurch soziale Hierarchien entstehen würden.[33] Bestimmte Konsumgüter werden Symbole für die Familie, Freundschaft, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Identität, sozialen Status und Ziele im Leben – und ein hohes Einkommen wird essentiell für den Wohlstand.[18] Hierbei zählt nicht der individuelle materielle Wohlstand, sondern der Vergleich mit anderen.[34][35][36][37] Dementsprechend sei auf individueller Ebene die Steigerung des Einkommens der verzweifelte Versuch, im Konkurrenzkampf nicht zurückzufallen, aber Wirtschaftswachstum löse dieses soziale Problem nicht,[38] denn eine Steigerung des Konsums erhöhe nicht mehr die persönliche Zufriedenheit.[39]

Es wird diskutiert, wie ein individueller Ausweg aus diesem Dilemma aussehen könnte. Hartmut Rosa betont in seinen Büchern Beschleunigung sowie Beschleunigung und Entfremdung, dass die Menschen in einem Konsum- und Beschleunigungskreislauf gefangen wären. Die Menschen sollten das von Beschleunigung angetriebene Konkurrenzprinzip der Spätmoderne überwinden und stattdessen in „Resonanz“ mit der Welt zu leben.[40] Ähnlich vertritt Harald Welzer die Position, Wachstum sei als mentale Infrastruktur in den Menschen verankert,[41][42] und Umdenken und Widerstand seien nötig.[43]

Kritik an Wirtschaftswachstum als wichtigstes politisches Ziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltweites Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 1500 bis 2003
Wachstumskurven: Exponentielle oder lineare Wirklichkeit?

Die wahrgenommenen ökologischen und sozialen Grenzen des Wachstums sorgten für eine Kritik am Weltbild des „quantitativen Wachstumsparadigmas“, wonach „sämtliche wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme vor allem mit Wirtschaftswachstum“ zu lösen sind.[2] Das Bruttoinlandsprodukt misst den Wert der Güter- und Dienstleistungen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums in einem Land hergestellt worden sind.[44] In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf allgemein als Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung eines Landes und seine Steigerung ist ein weltweit anerkanntes, wirtschaftspolitisches Ziel.[45][46] Es weist eine sehr hohe Korrelation mit anderen sozio-ökonomischen Indikatoren wie Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit oder Bildung auf.[47] Es ist allerdings umstritten, ob es als Wohlfahrtsindikator verwendet werden kann und soll.[48][49]

Wachstumskritische Vertreter bezweifeln, dass sich das Bruttoinlandsprodukt eignet, Lebensqualität und Wohlstand abzubilden. Herman Daly prägte den Begriff des „uneconomic growth“, des unökonomischen Wachstums, dessen Schäden höher sind als die Vorteile.[50][51] Einerseits beinhalte das Bruttoinlandsprodukt schädliche Aktivitäten, wie Umweltzerstörung oder Aufräumarbeiten nach Umweltkatastrophen, während die oben diskutierten ökologischen und sozialen Aspekte bei der Berechnung des BIP unberücksichtigt blieben. Es gäbe die Notwendigkeit, alternative Wohlstandsindikatoren zu entwickeln und anzuwenden, die Aspekte wie die Stärkung von menschlichen Beziehungen, demokratische Teilhabe sowie den Schutz von Ökosystemen und die Verbesserung von Verteilungsgerechtigkeit berücksichten.[4] Die Perspektive, das Bruttoinlandsprodukt durch neue Indikatoren abzulösen, wird aber auch von der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission[52] oder der OECD[53] eingenommen, die dies nicht mit einer grundsätzlichen Wachstumskritik verbinden. Beispiele sind der Index der menschlichen Entwicklung, der Genuine Progress Indicator oder der Social Progress Index.

Andere Autoren betonen auch, dass das Wirtschaftswachstum empirisch ohnehin nicht exponentiell verlaufe, sondern allenfalls linear gewachsen sei.[54][55] Dies wiederum sei gleichbedeutend mit prozentual gesunkenen Wachstumsraten, was „weder konjunktur- noch politikbedingt, sondern systemimmanent“ sei.[56][57] Daher müsse man über den Umgang mit sinkenden Wachstumsraten ohnehin nachdenken.

Kritik an grünem oder qualitativen Wachstum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der Kritik am rein quantitativen Wachstum erschien für viele eine Wirtschaft ohne Wachstum nicht als erstrebenswert. Stattdessen wurden Konzepte wie qualitatives Wachstum,[58][59] The Blue Economy,[60] Green Economy,[61] Grünes Wachstum[62] oder der Green New Deal[63][64] vorgeschlagen, die das Wirtschaftswachstum innerhalb ökologischer Grenzen möglich machen sollten.[2]

Erneuerbare Energien und neue Technologien reichen laut der Wachstumskritiker nicht aus.

Der Fokus dieser alternativen Wachstumsstrategien liegt auf der Verbesserung der Konsistenz (Kreislaufwirtschaft) und der Ökoeffizienz.[65] Der Kerngedanke ist, dass mittels geeigneter politischer Rahmenbedingungen ein energie-, ressourcen-, sowie umweltschonender Wirtschaftsaufschwung erzielt werden kann. Der Staat hat die Rolle, entweder mit geeigneter Ordnungs- und Steuerpolitik diese Wende herbeizuführen, oder selbst Investitionen in innovative Technologien vorzunehmen. Beispiele sind Investitionen in energieeffiziente Gebäude, in erneuerbare Energien oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Ein weiterer Vorteil solcher Investitionen sei die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.[66] Manche Vertreter (beispielsweise Erhard Eppler[67] oder Holger Rogall[68] mit dem Begriff des selektives Wachstums) integrieren auch die dritte Strategie, die Suffizienz in dem Sinne, dass manche Branchen wie die fossile Energieindustrie schrumpfen müssen.

Wachstumskritiker bemängeln diese Konzepte.[4][69] Qualitatives oder grünes Wachstum sei utopisch, ein Paradox[70] oder ein Oxymoron,[71] bzw. genauer ein Contradictio in adiecto, welches verschiedene widersprüchliche Interessen und Strategien zusammenbinde und in einen Zusammenhang stelle. Der vermeintlich „grüne“ Aufschwung erhöhe nur die Konsumnachfrage und treibe die Wachstumsspirale weiter an.[72] Ein weiteres Problem von Effizienz- und Konsistenzmaßnahmen sei, dass durch die neuen Technologien zwar womöglich ein geringerer Ressourcen- und Energieeinsatz notwendig sei als bisher, für die Herstellung neuer Produktionsanlagen würden jedoch wiederum neue Ressourcen benötigt.[73] Das Vorhaben, ökologische Schäden durch Innovationen zu beheben, während niemand individuell auf Konsum verzichten müsse, sei deshalb nicht realisierbar.[74] Der Wunsch nach absoluter Entkoppelung, also einem fortschreitenden Anstieg des BIP während der Energie- und Ressourcenverbrauch zugleich signifikant zurückgeht, scheitere beispielsweise an Rebound-Effekten.[4][75]

Kritik am Wachstumszwang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Siemoneit (Geschäftsführer des Förderverein Wachstumswende) stellt bei der Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie in Oldenburg marktwirtschaftliche Auswege aus einem Wachstumszwang vor[76]

Die Theorie vom Wachstumszwang behauptet, dass wachstumsabhängige gesellschaftliche Institutionen eine Abkehr von Wachstum als politischem Ziel unmöglich machen. Ein Wachstumszwang beschreibt einen Sachzwang, wonach Wirtschaftswachstum derart essentiell ist, dass ihm vor allem ökologische, aber auch gewisse soziale Ziele systematisch untergeordnet werden müssen.[37][77][78][79] Dabei ist umstritten, worin eigentlich der Wachstumszwang besteht, wie makroökonomische und wirtschaftspolitische Bedingungen für Nullwachstum gestaltet werden müssen und welche Reformen und politischen Maßnahmen dafür zielführend sind.[80][81][82][83] Die daraus folgende, umstrittene Frage ist, ob eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus denkbar und sinnvoll ist.[77][84] Diskutiert wird beispielsweise der Zinseszinseffekt oder der technische Fortschritt, der Unternehmer zu Investitionen und Innovationen zwingt (Schöpferische Zerstörung) und zugleich stets die Gefahr von Arbeitslosigkeit birgt und damit die sozialen Sicherungssysteme gefährdet. Wachstumspolitik sei dann die einzige realistische politische Option, wenn man Massenarbeitslosigkeit verhindern wolle.[79][83][85]

Kritik am globalen Entwicklungsmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Länder mit hohem Einkommen sind farbig markiert.

Ein zentraler Bestandteil der Degrowth-Bewegung ist die Kritik an der Entwicklungstheorie sowie Globalisierungskritik. Inspiriert durch die post-development Theorie und Konzepte politischer Ökologen, stellen Wachstumskritiker mit kulturalistischem Hintergrund die Idee in Frage, dass der Globale Süden dem Entwicklungsmodell der reichen Industrieländer folgen sollte. Es wird bezweifelt, dass globale Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen durch ökonomische Expansion überwunden werden können und dass es wünschenswert sei, dass die Bewohner des globalen Süden die Entwicklung des Nordens übergestülpt zu bekommen.[86] Allerdings dürfe man es den ärmeren Ländern auch nicht verbieten, eigene Lösungen zu entwickeln, was auch ein beschränktes Wachstum (bis zu den ökologischen Grenzen) nicht ausschließen dürfe.[4] Vertreter der kulturalistischen Wachstumskritik sind unter anderem Ivan Illich, André Gorz oder Serge Latouche. Viele neuere Konzepte innerhalb der wachstumskritischen Bewegung konzentrieren sich neben dem Kulturalismus auf Fragen nach Demokratie, Gerechtigkeit oder dem Sinn des Lebens und dem Wohlergehen von Mensch und Umwelt.[87]

Historische Entwicklung der Wachstumskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine stationäre Ökonomie ohne Wachstum wurde bereits von einigen Vertretern der klassischen Nationalökonomie diskutiert.[88][89] John Stuart Mill sah im stationären Zustand einen wünschenswerten Endzustand.[90][88] John Maynard Keynes sah eine dauerhafte Wachstumsabschwächung als positive Perspektive für die Zukunft.[91]

1966 benutzte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kenneth E. Boulding den Begriff Raumschiff Erde im Titel seines Essays The Economics of the Coming Spaceship Earth.[92][93] Sein Text, der eine nicht wachstumsorientierte Wirtschaft theoretisch fundieren wollte,[94] ist von Ökologischen Ökonomen und Wachstumskritikern häufig rezipiert worden.[95] Die bis heute dominante umweltbasierte Wachstumskritik setzte in den 1970er Jahren ein.[2][96] Ein Wegbereiter war der amerikanische Mathematiker und Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen (1906–1994), der Bezüge zwischen Thermodynamik und wirtschaftlichen Prozessen herstellte und daraus eine allgemeine Wachstumskritik herleitete.[97][98][99][100][101][102] Eine umfassende Kritik an den Folgen des Wirtschaftswachstum war der 1972 erschienene Bericht an den Club of Rome mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums.[103] Der in 29 Sprachen übersetzte, kontrovers diskutierte[104] Bericht stellte dar, welche möglichen Folgen eines unbegrenzten Wachstums auf die Gesellschaft und auf die Ökologie unter der Prämisse haben können, dass die Ressourcen auf der Erde begrenzt sind und diese übernutzt werden.[105][106]

Als Alternative zu Wirtschaftswachstum wurden verschiedene Konzepte ausgearbeitet, die eine Stabilisierung oder Reduktion von wirtschaftlicher Produktion und Konsum anstreben. Dies soll sowohl zu einem gesteigerten Wohlergehen der Menschen und Umwelt auf lokaler und globaler Ebene als auch generationsübergreifend führen.[4] Anfang der 1970er veröffentlichte Herman Daly als Alternative zu Wachstum das Konzept der Stationären Wirtschaft (Steady-State Economy).[102][107][108][109]

Demonstration am Ende der vierten Degrowth-Konferenz, Leipzig, 2014

In verschiedenen industrialisierten Ländern entstand über die Jahrzehnte, aber insbesondere ab 2008, eine wachstumskritische Bewegung als soziale Bewegung aus Aktivisten und Wissenschaftlern, die das vorherrschende Entwicklungsmodell kritisieren.[2] Während weitgehend Einigkeit herrscht, dass der Erhalt des ökologischen Gleichgewichts der Erde eine Reduktion der materiellen Produktion bzw. des Ressourcenverbrauchs erfordere und dafür gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen nötig seien, sind die Strömungen und Positionen ziemlich vielfältig und teils widersprüchlich.[110][111][112] Im Gegensatz zu einer durch Depression erzwungenen Wachstumsrücknahme fordert die wachstumskritische Bewegung eine geplante und nachhaltige Wachstumsrücknahme, die von der Gesellschaft demokratisch vereinbart wird und Wachstum als oberstes Ziel der Wirtschaftspolitik ablöst.[4] Der Prozess der Wachstumsrücknahme soll dabei so lange andauern bis ein Zustand erreicht ist, in dem die Berücksichtigung von intakten sozialen und ökologischen Verhältnissen gleichermaßen gewährleistet ist.[113][114] Es ist innerhalb der sozialen Bewegung wiederum umstritten, wie eine alternative Zielvorstellung aussieht und wie sie in der Praxis umgesetzt werden soll.[2][77][112]

Kritik der Wachstumskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits seit der Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums werden wachstumskritische Perspektiven ganz grundsätzlich kritisiert.[115][116] Weiterhin gilt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Wirtschaftswissenschaften als Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung eines Landes, weshalb Wirtschaftswachstum weiterhin von Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern gefordert und gefördert wird.[117][118] Nach dem Erstarken der wachstumskritischen Debatte ab der Weltfinanzkrise haben beispielsweise Karl-Heinz Paqué[119][120] und Ralf Fücks[121] explizite Plädoyers für Wirtschaftswachstum veröffentlicht. Auch Rainer Hank argumentiert, Wachstum schaffe Wohlstand und Freiheit und nicht Wachstum sei ein Fetisch, sondern die Kritik daran.[122] Politisch diskutiert wurden diese Fragen beispielsweise in der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität und den Debatten um eine Novelle des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes (StabG).[123][124] Auch innerhalb der wachstumskritischen Debatte gibt es eine Kritik an der theoretischen Einseitigkeit[125] bzw. der normativ aufgeladenen und ideologischen Debatten, bei denen sich „Wachstumskritik und Pro-Wachstumsdenken wie Glaubensartikel gegenüber stehen“.[126]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Degrowth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Felix Holtermann: Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs. LIT Verlag, Münster 2016, ISBN 978-3-643-13507-0, S. 31.
  2. a b c d e f g h Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter. 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435.
  3. a b Will Steffen u. a.: Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. In: Science. Band 347, Nr. 6223, 2015, doi:10.1126/science.1259855.
  4. a b c d e f g Giorgos Kallis, Joan Martinez-Alier, François Schneider: Crisis or opportunity? Economic degrowth for social equity and ecological sustainability. Introduction to this special issue. In: Journal of Cleaner Production. 18 (6) 2010, S. 511–518. doi:10.1016/j.jclepro.2010.01.014.
  5. Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums - Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 1972, S. 74.
  6. Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums - Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, S. 19.
  7. Steffen Rockström u. a.: Planetary boundaries:exploring the safe operating space for humanity. In: Ecology and Society. Band 14, Nr. 2, 2009 (ecologyandsociety.org).
  8. Christian Kerschner: Economic de-growth vs. steady-state economy. In: Journal of Cleaner Production. 18, 2010, S. 546. doi:10.1016/j.jclepro.2009.10.019.
  9. Nicholas Georgescu-Roegen: The economics of production. In: American Economic Review. 40, Mai 1970, S. 1–9.
  10. Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press, Cambridge MA 1971, ISBN 0-674-25780-4.
  11. Joseph E. Stiglitz: Growth with exhaustible natural resources. Efficient and optimal growth paths. In: Review of economic studies, symposium on the economics of exhaustible resources. 1974, S. 123–138.
  12. Herman Daly: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 261–266. doi:10.1016/S0921-8009(97)00080-3.
  13. Joseph E. Stiglitz: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 269–270. doi:10.1016/S0921-8009(97)00092-X.
  14. Robert M. Solow: Georgescu-Roegen versus Solow-Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 267–268. doi:10.1016/S0921-8009(97)00081-5.
  15. Herman Daly: Reply to Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics. 22(3), 1997, S. 271–273. doi:10.1016/S0921-8009(97)00086-4.
  16. Irmi Seidl, Angelika Zahrnt: SDGs: Steht Nachhaltigkeit unter Wachstumsvorbehalt?, blog postwachstum, 28. September 2015.
  17. Robert M. Solow: The economics of resources or the resources of economics. (= Richard T. Ely Lecture). In: American Economic Review. 1974, S. 1–14.
  18. a b Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum : Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. oekom, München 2013, ISBN 978-3-86581-414-2.
  19. H. Schandl, M. Fischer-Kowalski, J. West, S. Giljum, M. Dittrich, N. Eisenmenger, A. Geschke, M. Lieber, H. Wieland, A. Schaffartzik, F. Krausmann, S. Gierlinger, K. Hosking, M. Lenzen, H. Tanikawa, A. Miatto, T. Fishman: Global Material Flows and Resource Productivity: Forty Years of Evidence. In: Journal of Industrial Ecology. 22 (4), Aug. 2018, S. 827–838. doi:10.1111/jiec.12626.
  20. B. Plank, N. Eisenmenger, A. Schaffartzik, D. Wiedenhofer: International Trade Drives Global Resource Use: A Structural Decomposition Analysis of Raw Material Consumption from 1990–2010. In: Environmental Science & Technology. 52 (7), Apr. 2018, S. 4190–4198. doi:10.1021/acs.est.7b06133.
  21. Niko Paech: Befreiung Vom Überfluss - Auf Dem Weg in Die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3, S. 49.
  22. Richard Heinberg: Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines. 2007, ISBN 978-0-86571-598-1.
  23. Richard Heinberg: End of Growth. 2011, ISBN 978-0-86571-695-7.
  24. John Maynard Keynes: Economic Possibilities for Our Grandchildren. (1930). In: John Maynard Keynes: Essays in Persuasion. W.W. Norton & Co., New York 1963, S. 358–373.
  25. John Maynard Keynes: The general theory of employment, interest and money. 1936. Kapitel 16, 24.
  26. Max Polewsky: Die Ökonomik der langen Frist bei Marx und Keynes. In: ExMA-Papers. Universität Hamburg. S. 31.
  27. Karl Georg Zinn: Soziale Wachstumsgrenzen – ein neues Paradigma der ökonomischen Theorie. In: Wirtschaft und Gesellschaft. Band 10, 1984, S. 159–187.
  28. Karl Georg Zinn: Die Wirtschaftskrise. Wachstum oder Stagnation. Zum ökonomischen Grundproblem reifer Volkswirtschaften. BI-Taschenbuchverlag, Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich 1994, ISBN 3-411-10451-1.
  29. Richard Easterlin: Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence. In: Paul A. David, Melvin W. Reder (Hrsg.): Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz. Academic Press, New York 1974, S. 89–125. doi:10.1016/B978-0-12-205050-3.50008-7.
  30. Andrew E Clark, Paul Frijters, Michael A Shields: Relative Income, Happiness, and Utility: An Explanation for the Easterlin Paradox and Other Puzzles. In: Journal of Economic Literature. Band 46, Nr. 1. American Economic Association, 2008, ISSN 0022-0515, S. 95–144, doi:10.1257/jel.46.1.95.
  31. Fred Hirsch: Social limits to growth. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1976.
  32. Thorstein Veblen: The theory of the leisure class. MacMillan, New York 1899.
  33. Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3, S. 111.
  34. Joseph Stiglitz: Toward a general theory of consumerism: Reflections on Keynes’s Economic possibilities for our grandchildren. In: G. Piga, L. Pecchi (Hrsg.): Revisiting Keynes: Economic possibilities for our grandchildren. MIT Press, Cambridge, Mass./ London 2008, S. 41–86.
  35. Andreas Homburg, Ellen Matthies: Nachhaltiger Konsum – Einführung zum Themenschwerpunkt. In: Umweltpsychologie. 14. Jg., Heft 2, S. 6.
  36. Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral. campus, 2016, ISBN 978-3-593-50543-5.
  37. a b Oliver Richters, Andreas Siemoneit: How imperative are the Joneses? Economic Growth between Individual Desire and Social Coercion. VÖÖ Discussion Papers 4, Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Heidelberg. 2017.
  38. Juliet B. Schor: Wahrer Wohlstand. München: oekom Verlag, 2016, ISBN 978-3-86581-777-8.
  39. Niko Paech: Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. 8. Auflage. oekom verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-181-3.
  40. Hartmut Rosa: Resonanz eine Soziologie der Weltbeziehung. 2. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-58626-6.
  41. Harald Welzer: Mentale Infrastrukturen – Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Hrsg.: Heinrich-Böll-Stiftung (= Schriften zur Ökologie. Band 14). 2011, ISBN 978-3-86928-050-9 (Download [PDF]).
  42. Harald Welzer: Sendereihe Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum? Perspektiven der Überflussgesellschaft. 1. Januar 2010. In: deutschlandfunk.de
  43. Welzer, Harald.: Selbst denken: eine Anleitung zum Widerstand. S. Fischer, Frankfurt a.M 2013, ISBN 978-3-10-089435-9.
  44. N. Gregory Mankiw, Mark P. Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 5. Auflage. Schäffer-Poeschel Verlag, 2012, ISBN 978-3-7910-3098-2, S. 613 f.
  45. Matthias Schmelzer: The growth paradigm: History, hegemony, and the contested making of economic growthmanship. In: Ecological Economics. 118, 1110, 2015, S. 262–271. doi:10.1016/j.ecolecon.2015.07.029
  46. Matthias Schmelzer: The Hegemony of Growth. Cambridge University Press, Cambridge, New York. 2016.
  47. Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005, ISBN 3-486-57770-0, S. 497f.
  48. N. Gregory Mankiw, Mark P. Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 5. Auflage. Schäffer-Poeschel Verlag, 2012, ISBN 978-3-7910-3098-2, S. 613 f.
  49. Ulrich van Suntum: Zur Kritik des BIP als Indikator für Wohlstand und Wirtschaftswachstum. In: Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Nr. 2012, S. 7–9.
  50. Herman Daly: Uneconomic Growth in Theory and in Fact. The First Annual Feasta Lecture. Trinity College, Dublin, 26. April 1999.
  51. Uneconomic growth occurs when increases in production come at an expense in resources and well-being that is worth more than the items made.“ Herman E. Daly: Economics in a Full World. In: Scientific American. September 2005, S. 100–107, steadystate.org (PDF; 1,15 MB)
  52. Stiglitz, J. E., Sen, A., J.-P. Fitoussi: Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress.
  53. OECD: Statistics, Knowledge and Policy: Measuring and Fostering the Progress of Societies. Paris 2007.
  54. siehe z. B.Vorträge: Institut für Wachstumsstudien (PDF; 2,7 MB) oder Günther Moewes: Forschung
  55. Steffen Lange, Peter Pütz, Thomas Kopp: Do Mature Economies Grow Exponentially? In: Ecological Economics. Band 147. Elsevier BV, 2018, ISSN 0921-8009, S. 123–133, doi:10.1016/j.ecolecon.2018.01.011.
  56. Erhard Glötzl: Arbeitslosigkeit - Über die kapitalismusbedingte Arbeitslosigkeit in alternden Volkswirtschaften und warum Keynes recht hatte und doch irrte. Erweiterte Fassung eines Vortrages vom 11. Oktober 1997 im Rahmen eines Projektes des Institut für Internationales Management der Universität Graz
  57. Torben Anschau, Kay Bourcarde, Karsten Herzmann, Viola Hübner: Normalfall Wachstum? Warum die Wachstumsraten sinken. In: Deutscher Studienpreis (Hrsg.): Ausweg Wachstum? Arbeit, Technik und Nachhaltigkeit in einer begrenzten Welt. VS, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15300-1.
  58. bpb - Wirtschaftswachstum: Wachstum, Quantitatives Wachstum, Qualitatives Wachstum. Lexikon der Wirtschaft, Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 14. September 2018.
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  60. G. A. Pauli: The Blue Economy: 10 Years, 100 Innovations, 100 Million Jobs. Paradigm Publications, 2010, ISBN 978-0-912111-90-2, S. xxix.
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