Wahrnehmungsstörung

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Eine Wahrnehmungsstörung ist eine Störung in der Verarbeitung von Sinneseindrücken im Zentralnervensystem. Wahrnehmungsstörungen im engeren Sinne liegen dann vor, wenn das verlässlichste Umweltorientierungssystem – das Spüren –, die Verbindung der Sinnessysteme untereinander oder die geordnete Abfolge von Sinnesreizen betroffen sind. Man unterscheidet nach Félicie Affolter zwischen modalitätsspezifischer, intermodaler oder serialer Wahrnehmungsstörung.[1]

Wahrnehmungsstörungen allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ist man taub oder blind, sieht schlecht oder hört schlecht, ist dies für gewöhnlich auf eine Schädigung des Sinnesorgans zurückzuführen; die Reizaufnahme aus der Umwelt durch die Sinnesorgane ist nicht möglich oder gestört. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Sinnesorgane offenbar zu funktionieren scheinen – verschiedene Reize werden empfangen: das Ohr hört, die Nase riecht und die Augen sehen. Dennoch scheint die Verarbeitung der Sinneseindrücke gestört – die Wahrnehmung des Gesehenen oder Gehörten gelingt nicht. In diesem Falle ist die mangelhafte Weiterverarbeitung der aufgenommenen Sinnesreize Grund für die Störung, es gibt eine Störung im Wahrnehmungsprozess:

Der Wahrnehmungsprozess ist vereinfacht gesagt ein Zusammenspiel aus einer Sinnesempfindung und der geistigen Bewertung dieser Empfindung. Die Sinnesempfindung („sensation“) ist das, was an Informationen durch die Sinnesorgane aus der Umwelt empfangen wird – beispielsweise ein Bild in Form von Lichtenergie oder einen Ton in Form von Schallwellen. Die als Reiz aufgenommene Energie wird durch elektrische Impulse an das ZNS weitergeleitet. Diese Verarbeitung der Sinnesempfindungen bis hin zum Verständnis, was die, durch die Sinnesorgane empfangende Energie, bedeutet, ist die Wahrnehmung („perception“). Dadurch kann dem Sinneseindruck Bedeutung verliehen werden. Der Wahrnehmungsprozess ist ein Zusammenspiel aus „sensation“ und „perception“. [2]

Die Ursache von Wahrnehmungsstörungen kann in der Umwelt liegen oder aber organischen Ursprungs sein. Ein Beispiel für eine organische Ursache ist eine Störung der Hirnfunktion, welche wiederum pränatale, perinatale oder postnatale Gründe haben kann; also bereits im Mutterleib, bei der Geburt oder erst nach der Geburt des von Wahrnehmungsstörungen betroffenen Menschen erworben sein.[3]

Arten von Wahrnehmungsstörungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb des Wahrnehmungsprozesses kann es an verschiedenen Stellen zu Störungen kommen. Im Bereich der modalitätsspezifischen Wahrnehmungsstörung ist nur die Verarbeitung einer Art von Sinnesreizen gestört, z.B. auditiv, visuell, taktil-kinästhetisch oder olfaktorisch. Eine Möglichkeit hier ist die fehlende Zuordnung von Bedeutung zu einem Sinnesreiz; die Integration von Reize und vorhandenem Wissens bzw. Erfahrungen gelingen nicht. Ein Beispiel einer visuellen Wahrnehmungsstörung wäre: der visuelle Reiz einer Rose wird nicht als „Rose“ identifiziert. Weitere Möglichkeiten einer modalitätsspezifischen Wahrnehmungsstörung sind beispielsweise die Unfähigkeit, ähnliche Reize zu unterscheiden: Ähnlich aussehende Buchstaben oder ähnlich klingende Laute können nicht oder nur schwer nicht unterschieden werden. Auch die Unfähigkeit, aus einer Vielzahl von Geräuschen ein einziges herauszufiltern, also einen bestimmten Reiz unter anderen Reizen wahrzunehmen.[4][5]

Eine intermodale Wahrnehmungsschwäche liegt dann vor, wenn Reize verschiedener Sinnesorgane nicht miteinander in Verbindung gebracht werden können. Schaut man beispielsweise fern, sind mehrere Sinnesorgane an der Aktivität „fern sehen“ beteiligt: das Ohr hört und das Auge sieht. Der Zuschauer integriert die Geräusche des Filmes mit dem gesehenen Bild. Dasselbe Zusammenspiel mehrerer Reize lässt sich auch beobachten, wenn man nach einem Gegenstand greift: ein Gegenstand wird visuell wahrgenommen und man streckt die Hand aus, um ihn zu ergreifen.[6] Bei einer intermodalen Wahrnehmungsstörung gelingt dieses Zusammenspiel mehrerer Reize nicht. So kann sich eine intermodale Wahrnehmungsstörung dadurch äußern, dass eine Person nicht zeitgleich eine Melodie hören kann und rhythmisch zu dieser klatschen kann, oder wenn eine Person bei einem Diktat nicht folgen kann- die auditiven und die taktil-kinästhetischen Reize lassen sich nicht miteinander in Verbindung bringen, es kommt zu „Aussetzern“ wie vielen Schreibfehlern oder das Auslassen von Wörtern.[4]

Bei der serialen Wahrnehmungsstörung können Sinnesreize in keine (sinnvolle) Reihenfolge gebracht werden. Beispielsweise vergessen wahrnehmungsgestörte Personen Schritte in der Abfolge einer Tätigkeit oder vertauschen die Reihenfolge der Schritte, so dass ein Erreichen des Tätigkeitsziels verhindert wird. Dies kann ein Schritt beim Kochen sein, oder eine fehlerhafte Abfolge beim Anziehen. Werden beispielsweise die Schuhe vor den Socken angezogen, ist die Abfolge des Anziehens gestört - das Anziehen der Socken gelingt nun nicht mehr. Wird beim Kochen vergessen die Herdplatte einzuschalten, ist das Kochen der Nudeln nicht möglich. Wahrnehmungsgestörte Menschen sehen häufig nur den „gegenwärtigen“ Schritt, sind aber nicht in der Lage, die nächsten Schritte der Tätigkeit in ihr Handeln miteinzuplanen. Häufig ist ein „Wiederansetzen“ an dem Punkt, an dem der Fehler entstanden ist nicht möglich und die wahrnehmungsgestörte Person beginnt die gesamte Tätigkeit von vorn, da es ihr nicht möglich, ist in der Mitte der Tätigkeit wiedereinzusteigen und den Fehler zu beheben.[7]

Folgen von Wahrnehmungsstörungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wahrnehmungsstörungen beeinträchtigen das Leben der betroffenen Personen – nicht nur durch die Störung selbst, sondern auch durch die daraus resultierenden Folgeerscheinungen wie beispielsweise Probleme beim Lernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch für das Leben in der Gesellschaft haben Wahrnehmungsstörungen Folgen: Störungen in der Wahrnehmung sind für andere Personen auf den ersten Blick häufig nicht sichtbar, die betroffenen Menschen wirken erst einmal gesund und normal. Ihr durch die Wahrnehmungsstörung beeinflusstes Verhalten wird von Außenstehenden als aggressiv, unangepasst, ungeschickt, passiv oder überdreht wahrgenommen.[8][9]

Beispiele für Wahrnehmungsstörungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Beispiel Prosopagnosie, auch Gesichtsblindheit genannt, ist eine visuelle Wahrnehmungsstörung. Die Betroffenen können zwar sehen, die Gesichter aber nicht verarbeiten. Die Störung ist auf die Verarbeitung von Gesichtern beschränkt, alles andere was visuell aufgenommen wird, kann auch weiterverarbeitet und eingeordnet werden.[2]

Auditive Wahrnehmungsstörungen sind unter Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen zusammengefasst, bei welchen die Verarbeitung von Schallwellen trotz intakten Gehörs nicht reibungslos ablaufen und sich deshalb in verschiedenen Störungen äußert.

Behandlungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Auseinandersetzung mit der Umwelt im Rahmen von problemlösenden Alltagsgeschehnissen gelangt ein Mensch zum Wissen, wie die Beziehung zwischen Körper und Umwelt beschaffen ist; er erhält gespürte Wahrnehmungsinformation. Bei gestörter taktil-kinästhischer Wahrnehmung kann man nach der Affolter-Methode durch gezieltes „Führen“ an Händen und Körper zur Verbesserung der gespürten Informationssuche beitragen.

Ziel des therapeutischen Führens ist eine Erweiterung der gespürten Erfahrung und die Verbesserung der Wahrnehmungsorganisation. Dadurch können die betroffenen Menschen im Laufe der Zeit ein größeres Verständnis, mehr Flexibilität, Selbstständigkeit und verbesserte sprachliche Leistungen erreichen.

Bei einer visuellen Wahrnehmungsstörung wie der Prosopagnosie kann es dem Betroffenen eine Hilfe sein, Personen soweit möglich nicht durch ihr Gesicht zu unterscheiden, sondern beispielsweise durch ihre Stimme, ihre Kleidung, die Frisur oder andere besondere Merkmale. [2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Affolter, F. (1975): Wahrnehmungsprozesse, deren Störung und Auswirkung auf die Schulleistung, insbesondere Schreiben und Lesen. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 3, S. 223-234. Zitiert nach: Renate Zimmer: Handbuch Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung S.159
  2. a b c David G. Myers: Psychologie. 3. Auflage. Springer Verlag. Berlin, Heidelberg 2014. S.234-235.
  3. Renate Zimmer: Handbuch Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. 2. Auflage der überarbeiteten Neuausgabe. Herder Verlag. Freiburg im Breisgau 2012. S.158
  4. a b Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen (Hrsg.). Behinderungen und Schule. Leyendecker, C.: Studienbrief Wahrnehmungsstörungen. Tübingen 1988. S.55-57
  5. Renate Zimmer: Handbuch Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. 2.Auflage der überarbeiteten Neuausgabe. Herder Verlag Freiburg im Breisgau S.157.
  6. Félicie Affolter: Wahrnehmung Wirklichkeit und Sprache. Neckar –Verlag. Villingen Schwenningen 1990. S.30
  7. Félicie Affolter: Wahrnehmung Wirklichkeit und Sprache. Neckar –Verlag. Villingen Schwenningen 1990. S.149
  8. Félicie Affolter: Wahrnehmung Wirklichkeit und Sprache. Neckar –Verlag. Villingen Schwenningen 1990. S.102-111
  9. Renate Zimmer: Handbuch Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. 2.Auflage der überarbeiteten Neuausgabe. Herder Verlag .Freiburg im Breisgau S.163

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Felicie Affolter: Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache. Neckar, Villingen 1987; 10. A. 2007, ISBN 3-7883-0255-0
  • Felicie Affolter: Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache. Neckar, Villingen 1987; 4. A. 1990, ISBN 3-7883-0255-0
  • Zimmer, Renate: Handbuch Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung. 2.Auflage der überarbeiteten Neuausgabe. Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2012, ISBN 978-3-451-32560-1
  • David G. Myers: Psychologie. 3. Auflage. Springer Verlag. Berlin, Heidelberg 2014. ISBN 978-3-642-40781-9
  • Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen (Hrsg.). Behinderungen und Schule. Leyendecker, C.: Studienbrief Wahrnehmungsstörungen. Tübingen 1988.
  • Walter F. Haupt, Kurt-Alphons Jochheim, Helmut Remschmidt: Neurologie und Psychiatrie für Krankenpflegeberufe. 15 Tabellen. Thieme, 7. überarb. A. Stuttgart 1993, ISBN 3-13-453607-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]