Wald von Rumbula

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Der Wald von Rumbula (auch Rumbuli) ist ein Kiefernwäldchen im gleichnamigen Stadtteil von Riga, Lettland.

Holocaust-Massaker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Opfern des Faschismus gewidmetes Mahnmal, 1964 in der Sowjetunion von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Riga errichtet. Inschriften in lettisch, russisch und jiddisch.

Im Wald von Rumbula wurden während des Holocaust etwa 27.500 Juden umgebracht. Die Massenerschießungen erfolgten an nur drei Tagen – am 30. November sowie am 8. und 9. Dezember 1941. Bei den Opfern handelte sich um lettische Juden aus dem Ghetto Riga und 1.053 deutsche Juden, die am 27. November 1941 von Berlin aus deportiert worden waren; sie wurden nach dreitägigem Transport sofort nach ihrer Ankunft in Riga erschossen.[1]

Die Opfer wurden gezwungen, sich bei den herrschenden eisigen Temperaturen zu entkleiden, und sodann in bereits zuvor ausgehobenen Gruben durch einen Genickschuss ermordet. Bekannt sind nur zwei Überlebende des Massakers; eine von ihnen, Frida Michelson (geb. Fried, 1906–1986), ließ sich in einem Moment, da das Wachpersonal unaufmerksam war, zu Boden fallen und stellte sich tot.

„Ich nutze den Moment, da der Schutzmann durch das Gespräch mit der Frau abgelenkt ist, indem ich mich mit dem Gesicht nach unten zu Boden werfe und reglos wie tot im Schnee liegenbleibe. Kurz darauf höre ich, wie in der Nähe zwei auf Lettisch miteinander reden:

‚Wer liegt da?‘

‚Ist sicher tot‘, antwortet der andere.

So, denke ich, jetzt werde ich weggezerrt und in die Grube geworfen. Ich bleibe stumm und starr wie ein Stein. Dann höre ich wieder die Stimmen der Schutzleute:

‚Schneller! Schneller!‘

Ich höre das ununterbrochene Dröhnen von Schritten. Die Menschen laufen und laufen ins Grab hinein. Eine Frau eilt jammernd an mir vorüber: ‚Oh weh, oh weh!‘ und wirft einen Gegenstand auf meinen Rücken, dann einen zweiten. Immer mehr prasseln auf mich herab. Mir ist klar, daß es Schuhe sind, weil sie paarweise geworfen werden. Bald bin ich von einem Berg aus Stiefeln, Filzstiefeln und Schuhen bedeckt. Die Last ist schwer, aber ich darf mich nicht rühren.“

Frida Michelson[2]

Simon Dubnow, ein bekannter russischer Historiker, war unter den Toten vom 8. Dezember 1941. Zu den Ermordeten aus Berlin gehörten der Berliner Porzellanfabrikant Julius Edelstein und seine Frau Margaretha.[3][4]

„In den beiden ‚Aktionen‘ am 30. November und 8. Dezember 1941 kamen fast alle meine Angehörigen ums Leben: meine Mama und ihre Eltern, meine Großmutter väterlicherseits, Onkel Max, die Familien meiner Tanten mit den kleinen Cousins – insgesamt siebzehn meiner nächsten Verwandten. […] Durch eine bittere Ironie des Schicksals wurden meine Eltern auf ihrem letzten Weg getrennt, und Mama konnte nicht gemeinsam mit ihrem Mann in den Tod gehen, wozu sie so fest entschlossen war. […]

Keiner von uns Überlebenden weiß, wo genau er für einen traurigen Augenblick der Erinnerung verweilen könnte, um Blumen oder ein Steinchen niederzulegen. Wir haben nur symbolische Stätten des Gedenkens.“

Valentīna Freimane, Adieu, Atlantis, S. 249 f.

Der Massenmord wurde von Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD mit Hilfe des Hilfspolizei-Kommandos von Viktors Arājs und der Unterstützung anderer Polizeieinheiten begangen. Der Hauptverantwortliche und Organisator dieses Massenmordes war Friedrich Jeckeln, Höherer SS- und Polizeiführer Russland Nord und Ostland. Er wurde u. a. wegen dieses Verbrechens von einem sowjetischen Kriegsgericht in Riga am 3. Februar 1946 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag öffentlich erhängt.

Während des Holocaust wurden 90 Prozent der lettischen Juden vernichtet. Als sich der Kriegsverlauf gegen die Deutschen wendete, wurden die Leichen im Wald von Rumbula ausgegraben und verbrannt. Im Laufe der Jahre wurde an diesem Ort eine Reihe von improvisierten Gedächtnistafeln aufgestellt. Im November 2002 wurde eine Holocaustgedenkstätte eröffnet.

Holocaustgedenkstätte Rumbula

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alfred Gottwaldt und Diana Schulle: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. Marixverlag, Wiesbaden 2005, S. 110 ff.
  2. Frida Michelson: Ich überlebte Rumbula (Übersetzung der lettischen Übersetzung von Ilze Eris der zweiten, erweiterten Fassung der russischen Übersetzung und literarischen Bearbeitung der verschollenen jiddischen Originalaufzeichnungen von David Silberman unter Berücksichtigung der englischen Bearbeitung von Wolf Goodman von Matthias Knoll, unveröffentlichtes Typoskript)
  3. Wolfgang Scheffler und Diana Schulle (Bearb.): Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, hrsg. v. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Saur Verlag, München 2003, S. 206 f. (Google Books).
  4. Kurzporträt Marianne Edelstein Orlando bei yumpu.com.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rumbula – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 56° 53′ 4″ N, 24° 14′ 39″ O