Waldstraßenviertel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Liviastraße im Waldstraßenviertel

Das Waldstraßenviertel ist ein Wohngebiet der Stadt Leipzig nordwestlich der Innenstadt. Es gilt als eines der größten geschlossen erhaltenen Gründerzeitviertel in Europa und genießt als Flächenarchitekturdenkmal besonderen Schutz.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang zum Rosental in der Rosentalgasse

Das Waldstraßenviertel erstreckt sich auf die Straßen rund um die Waldstraße in Leipzig und entspricht im Wesentlichen dem bebauten Teil des Ortsteils Leipzig-Zentrum-Nordwest, der durch die Friedrich-Ebert-Straße im Westen, Elstermühlgraben und Emil-Fuchs-Straße im Nordosten, die Pfaffendorfer Straße im Osten und Ranstädter Steinweg und Jahnallee im Süden begrenzt wird.[1] Zum Teil wird auch die Käthe-Kollwitz-Straße als südliche Grenze angesehen, danach gehören dann auch das Naundörfchen, die ehemalige Ranstädter Vorstadt und der Bereich um die nördliche Gottschedstraße zum Viertel.[2] Der Name Waldstraßenviertel ist keine amtliche Bezeichnung des Stadtviertels.

Nordöstlich des Waldstraßenviertels befindet sich das Rosental als öffentliche Grünanlage, im Westen schließt sich das Sportforum mit dem Zentralstadion und im Süden der Ortsteil Leipzig-Zentrum-West an.

Von der Jahnallee aus beginnt am Waldplatz die Waldstraße als zentrale Achse des Viertels in Nord-Süd-Richtung und teilt es in das westliche und das östliche Waldstraßenviertel. Der nördliche Bereich des östlichen Waldstraßenviertels ist in offener Villenbebauung ausgeführt, während in den anderen Teilen eine geschlossene Bebauung entlang der Straßenzüge überwiegt.

Die Waldstraße kreuzen von Süden beginnend Gustav-Adolf-Straße, Hinrichsenstraße (früher: Auenstraße), Fregestraße, Feuerbachstraße (früher: Sedanstraße), Wettiner Straße und Christianstraße; im westlichen Waldstraßenviertel schließen sich noch die Straßen Am Mückenschlösschen und Goyastraße an.

Die Große Funkenburg

Parallel zur Waldstraße führen hierbei Friedrich-Ebert-Straße (früher: An der alten Elster) und Max-Planck-Straße (früher: Elsässer Straße) im westlichen und Liviastraße, Tschaikowskistraße (früher: König-Johann-Straße), Funkenburgstraße, Leibnizstraße und Färberstraße im östlichen Waldstraßenviertel. Auf die Leipziger Kaufmannsfamilie Frege verweisen hierbei die Frege-, die Livia- und die Christianstraße.

Östlich des Elstermühlgrabens wird die Gustav-Adolf- zur Humboldtstraße und wird dort gequert von Jacobstraße, Rosentalgasse und Lortzingstraße. Auf dem Gebiet der Jacobstraße befand sich eine lange vor der Stadtgründung im 11. Jahrhundert entstandene Jacobskapelle als mittelalterliche Wallfahrtskapelle am Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Die Rosentalgasse war lange Zeit die einzige Zugangsstelle von Leipzig zum Rosental und führte zwischen Elstermühlgraben und Pleißemühlgraben entlang. An ihrem nördlichen Ende steht das Eingangsportal für die im 18. Jahrhundert geplante kurfürstliche Park- und Schlossanlage im Rosental. Die Lortzingstraße erinnert an den Leipziger Kapellmeister und Komponisten Albert Lortzing, der zeitweise in einem Gartenhaus der Großen Funkenburg nahe der Funkenburgstraße lebte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Gelände des Waldstraßenviertels befand sich ursprünglich Wald- und Wiesenland.

Wahrscheinlich entstanden schon sehr zeitig im Gebiet der Elster und der Pleiße slawische Siedlungen. Die Via Regia im heutigen Verlauf von Ranstädter Steinweg und Jahnallee war eine alte Handelsstraße, die durch königliche Privilegien geschützt wurde. Iroschottische Missionare nutzten die Via Regia bereits im 7. Jahrhundert und gründeten mit der Jakobskapelle die erste Kapelle im späteren Stadtgebiet.

In der Zeit vom 10. bis 12. Jahrhundert fanden zahlreiche Flussregulierungsmaßnahmen statt, so wurde der Elstermühlgraben errichtet und die Parthe nach Norden verlegt. Dadurch war eine weitere Besiedlung des Gebiets möglich.

Karte von Leipzig im Jahre 1823

Die Via Regia wurde bereits im Mittelalter am Ranstädter Steinweg von zwei Häuserreihen gesäumt, es entstanden nördlich die Mühlgrabensiedlung und südlich neben der Jacobskapelle das Jacobsviertel oder Jacobsparochie. Das Naundörfchen befand sich südlich des Jacobsviertels, es wurde 1295 erstmals urkundlich erwähnt.

Aus diesen Siedlungen entstand im 12. Jahrhundert die Ranstädter Vorstadt oder Rannische Vorstadt, die auf Höhe der jetzigen Leibnizstraße durch das Äußere Rannische Tor abgeschlossen wurde. In der Rannischen Vorstadt wohnten wegen der beiden Mühlgräben vor allem Fleischer, Gerber, Färber und Fischer.[3]

In der Nähe der Jacobskapelle stand die Jacobsmühle (die spätere Angermühle). Nördlich davon wurde 1212 auf Geheiß des Markgrafen von Sachsen Dietrich von Meißen das Georgenhospital zwischen Elstermühlgraben und Pleiße am Rand zum Rosental erbaut.

Außerhalb des Äußeren Rannischen Tores stand nördlich der Via Regia die Leipziger Ratsziegelei.[4] Im Bereich der heutigen Funkenburgstraße wurde um das Jahr 1600 herum ein großes Vorwerk, die Große Funkenburg, mit großem Garten, zwei Seen und mehreren Nebengebäuden erbaut, es diente unter anderem als Gaststätte und war ein beliebtes Leipziger Ausflugsziel.[5]

Stadtplan aus dem Jahre 1867: Straßen bis Fregestraße bereits angelegt.

Um 1830 wuchs die Bevölkerung der Stadt erneut sprunghaft an, so dass eine weitere Bebauung des Waldstraßenviertels nötig wurde. Die jährlichen Frühjahrshochwasser machten dies jedoch nahezu unmöglich und erst nach erneuten Regulierungsmaßnahmen konnte der Bebau in Angriff genommen werden.

Von der heute noch vorhandenen Bebauung entstand ab etwa 1830 der Bereich der Lortzingstraße/Rosentalgasse. Es folgte ab etwa 1860 das Gebiet der Leibnizstraße, die Anlage des Waldplatzes und des südlichen Teils der Waldstraße mit ihren Seitenstraßen bis zur Fregestraße – siehe nebenstehender Stadtplan von 1867.

Das Mückenschlösschen an der Waldstraße um 1900
Das Mückenschlösschen 2010.

Nach dem Abriss der Großen Funkenburg im Jahre 1897 wurde auch das noch verbliebene Gelände im Bereich der Funkenburg- und Tschaikowskistraße in das rechteckige Straßenmuster einbezogen und das Viertel nach Norden bis zur Christianstraße erweitert. Der nördliche Teil, von der Fregestraße an, entstand in offener Blockrandbebauung, oft in der nun modernen Formensprache des Jugendstils. Namhafte Architekten der Jahrhundertwende wie Paul Möbius, Emil Franz Hänsel oder Raymund Brachmann schufen markante Wohnbauten. Am Nordende des Viertels wurde die Waldstraßenbrücke über den Elstermühlgraben und 1892/93 ein Gartenrestaurant und Café erbaut, das wegen der ehemals mückenreichen Gegend den Namen Mückenschlösschen trägt.[6]

Nach der gesellschaftlichen Gleichstellung der Juden in Sachsen nahm der Anteil der jüdischen Bevölkerung zu. Besonders deutlich zeigte sich dies in der Handelsstadt Leipzig, wo ein Großteil der Händler Juden aus Osteuropa waren. Diese siedelten sich vielfach im heutigen Waldstraßenviertel an, wo fast 20 % der Bevölkerung jüdischer Herkunft waren. Es entstanden verschiedene jüdisch-soziale Institutionen wie das Eitingon-Krankenhaus oder die Ariowitsch-Stiftung als Altersheim. Die Juden des Waldstraßenviertels waren vor allem in der Rauchwarenindustrie beschäftigt. Bis 1933 lebten etwa 2.500 jüdische Menschen im Waldstraßenviertel.

Der Bereich zwischen Christian- und Goyastraße wurde als letzter Bauabschnitt etwa ab 1925 bis in die 1960er Jahre bebaut. Neben Wohnhäusern befindet sich hier unter anderem das ehemalige jüdische (Eitingon-)Krankenhaus in der gleichnamigen Straße.

Die Frankfurter Straße, die heutige Jahnallee, in westlicher Richtung, um 1904.

Während der Zeit des industriellen Wohnungsbaus ab den 1970er Jahren wurde die zum Teil stark beschädigte Gebäudesubstanz vernachlässigt, so dass der Verfall der Häuser weiter fortschritt. Nach der Wiedervereinigung kam es zur schrittweisen Sanierung der Gründerzeithäuser.

Im Gebiet nördlich der Goyastraße wurden nach 1990 noch einzelne Wohnhäuser neu gebaut.

Für ihre Strategie zum Erhalt des Waldstraßenviertels erhielt die Stadt beim Bundeswettbewerb vom Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1994 eine Goldmedaille. Andererseits wurden noch nach dem Jahr 2000 mehrere gut erhaltene und denkmalgeschützte Gebäude, zum Beispiel die spätklassizistische kleine Funkenburg und das Wohn- und Geschäftshaus Friedrich-Ebert-Straße 81 a/b, vornehmlich aus Gründen der Verkehrsplanung, abgerissen, was zu massiven Protesten in der Öffentlichkeit führte.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bestanden im Waldstraßenviertel vielfältige Handwerksbetriebe, deren Gewerbebetrieb sich überwiegend in den Innenhöfen der Straßenviertel abspielte. Weiterhin gab es eine Klavierfabrik in der Sedanstraße, einen Posamentenhersteller und zwei Fabriken für ätherische Öle. Der Anteil der Handwerke verringerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach. Nördlich der Goyastraße entstanden Produktionsstätten des Automobil- und Maschinenbaus. Heute sind entlang der Waldstraße, der Jahnallee und teilweise auch an anderen Straßen viele Einzelwarengeschäfte und andere Gewerbe zu finden. Der grundlegende Charakter des Waldstraßenviertels als Wohngebiet wird dadurch jedoch nicht in Frage gestellt.

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Viertel befindet sich die Lessing-Grundschule und die Sportmittelschule sowie das Naturkundemuseum Leipzig im Gebäude einer früheren Höheren Bürgerschule. Das Gebäude der ehemaligen Höheren Israelitischen Schule in der Gustav-Adolf-Straße beherbergt seit 1954 die Deutsche Zentralbücherei für Blinde.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gustav Mahlers Wohnhaus

Im Waldstraßenviertel wohnten zahlreiche bekannte Personen, darunter auch viele Musiker. Beispiele dafür sind: Albin Ackermann-Teubner, Samuel Josef Agnon, August Bebel, Max Beckmann, Georg Bötticher, Hans Driesch, Bernard Katz, Paul Alfred Kleinert, Heinrich August Marschner, Hans Mayer, Paul Julius Möbius, Joachim Ringelnatz, Auguste Schmidt, Georg Trexler.

Albert Lortzing komponierte in einem Gartenhaus der Funkenburgstraße seine Oper Zar und Zimmermann.[7][8]

Gustav Mahler wohnte 1887/88 im Haus Gustav-Adolf-Straße 12 und schrieb dort unter anderem seine 1. Sinfonie.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig, Pro Leipzig, 2005; u. a. Stichworte Waldstraßenviertel, Große Funkenburg, Karten der Einbandseiten
  • Internetseite der Stadt Leipzig www.leipzig.de
  • André Loh-Kliesch: Leipzig-Lexikon www.leipzig-lexikon.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Waldstraßenviertel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Album zum Waldstraßenviertel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. André Loh-Kliesch: Leipzig-Lexikon
  2. Bürgerverein Waldstraßenviertel: Lage des Viertels
  3. Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig, Pro Leipzig, 2005, S. 268, S. 486 Jacobsviertel, Rannische Vorstadt
  4. Vgl. Riedel 2005, S. 268 Jacobsviertel
  5. Vgl. Riedel 2005, S. 200 Große Funkenburg
  6. Vgl. Riedel 2005, S. 414 Mückenschlösschen
  7. Gedenktafel Funkenburgstr. 8
  8. Vgl. Riedel 2005, S. 368 Lortzing, Alfred
  9. Gedenktafel am Wohnhaus des Komponisten

Koordinaten: 51° 20′ 57″ N, 12° 21′ 19″ O