Waldthausen

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Dieser Artikel handelt von der Familie Waldthausen. Weitere Bedeutungen sind unter Waldthausen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Wappen der Waldthausen
Familienwappen am Schloss Waldthausen

Waldthausen ist der Name einer Patrizier- und Industriellenfamilie, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts, aus dem Braunschweiger Raum kommend, in Essen ansässig ist. Sie hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des Wirtschaftslebens im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Beginnend in der Textilwirtschaft, in der Hauptsache Wollhandel, investierte man die Gewinne in Kohle und Stahl. Gleichermaßen wuchs das Engagement im Bankwesen.

Im Laufe der Jahre wuchs die Anzahl der Familienmitglieder und -zweige beträchtlich an. Obwohl man teilweise auf gleichen Gebieten tätig war, kooperierte man innerhalb der Familie stets miteinander. Welches Ansehen sich die Familie in Essen erarbeitete, kann man u. a. auch daran ablesen, dass im Jahre 1828 von 104 Mitgliedern der Gesellschaft Verein, einer Vereinigung führender Essener Bürger, allein neun aus der Familie Waldthausen stammten. Im Jahre 1913 standen sie hinter der Montanunternehmerfamilie von Stumm, aber vor den ebenfalls montanindustriellen Grafen von Hochberg bzw. dem Fürsten von Pless, Grafen von Hochberg, an Platz 11 unter den reichsten Familien des Deutschen Kaiserreichs.[1]

Keimzelle Wollhandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der 1569 von Kaiser Maximilian II. mitgeadelten Vettern des bereits 1556 von Kaiser Karl V. geadelten braunschweig-lüneburgischen Kanzlers Jobst von Waldthausen (1508–1592), Kord Walthausen, war ein Ururgroßvater des Hamelner, später Essener Justus Walthausen. 1672 erlosch die männliche Linie des Kanzlers. Zunächst hatte nur sie den Adel geführt, nicht die übrige, wohl geringer vermögende Verwandtschaft. Der Apotheker Justus Walthausen, adelsberechtigter Nachfahre des als Vetter des Kanzlers 1569 mitgeadelten Kord Walthausen, war Stammvater des Essener Familienzweiges. Darauf besannen sich seine Nachfahren um 1884, als Friedrich Albert Waldthausen mit 1879 begonnenen familiengeschichtlichen Forschungen die Adelsverleihung nachwies. Ein konsequenter öffentlicher Gebrauch des Adelstitels setzte in dem Essener Familienzweig erst 1887 nach und nach wieder ein, nachdem Julius Waldthausen und Bruno Waldthausen, auf ihr Gesuch vom 11. Juni 1886 von Wilhelm I. als König von Preußen unter dem 6. Januar 1887 ihre Adelsbestätigung erlangt hatten. Der weitere Agnat Oskar Waldthausen erhielt die Adelsbestätigung 1904.[2]

Anfangs versuchte sich die Familie Waldthausen, nachdem sie 1679 mit dem Apotheker Justus Walthausen in Essen ansässig wurde, in diversen Handelsgeschäften. Es wurden Firmen gegründet, verschmolzen und wieder aufgelöst. Man versuchte es mit Kolonialwaren (Kaffee, Zucker, …), einer Färberei oder dem Handel mit Vitriolöl oder Hölzern. Mit der Zeit kristallisierte sich aber immer mehr der Schwerpunkt des Wollhandels heraus. Damit wurde das von Justus und Wilhelm gegründete Wollhandelshaus zu einem Ausgangspunkt des wirtschaftlichen Erfolges der Waldthausens. Im Jahre 1820 ging die Wollhandlung in die Essener „Wollhandlung Wilhelm & Conrad Waldthausen“ über. Die Söhne von Conrad Waldthausen, Ernst und Julius, übernahmen später das väterliche Geschäft. 1920 feierte man das 100-jährige Bestehen.

Über die geschäftlichen Abläufe der Gründungsunternehmen der rheinisch-westfälischen Industrie gibt es wenig direkte Überlieferungen. Anhand von Geschäftsunterlagen wie Kassenbüchern und Kopierbüchern mit der geschäftlichen Korrespondenz lassen sich aber die Lebensumstände und geschäftlichen Entwicklungen nachvollziehen. Für die Familie Waldthausen haben Karl Mews und Otto-Ernst Krawehl entsprechende Recherchen durchgeführt; ihre Schilderungen sind in den Essener Beiträgen zur Geschichte (Band 41 und Band 116) nachzulesen.

Um 1800 war das Tuchmacherhandwerk an der Ruhr bis hin ins Bergisches Land weit verbreitet. Den Bedarf an Wolle deckten die Wollhändler. Sie kauften die Wolle, so wie sie nach dem Scheren der Schafe anfiel, in den Hochburgen der Schafzucht. In der damaligen Zeit waren das Schlesien und Sachsen. Die Wollhändler reisten mit Postkutschen in wochenlangen Reisen zu den Wollmärkten. Spediteure transportierten anschließend die Ballen zu den Lägern der Wollhändler. Aufgrund der beschwerlichen Anreise fand eine solche Einkaufsreise in der Regel nur einmal im Jahr statt. Nachdem die Läger gefüllt waren, gingen die Wollhändler wieder auf Reisen, diesmal zur Akquisition bei ihren Kunden, den Tuchmachern. Einer der Hauptkunden von Conrad Waldthausen war die Tuchfabrik Scheidt in Essen-Kettwig.

Die wirtschaftliche Lage war in der damaligen Zeit nicht einfach. Einen guten Teil ihrer Zeit mussten die Wollhändler mit dem Eintreiben ihrer Außenstände verbringen. Erschwerend kam hinzu, dass es keine einheitliche Währung gab. So erhielten die Wollhändler für ihre Ware Taler, Brabanter, französische Kronen, Dukaten und viele Währungsarten mehr. Aber auch mit Wechseln oder Naturalien wurde bezahlt. Letzteres führte dazu, dass die Wollhändler auch einen Tuchhandel betreiben mussten. Das Zahlungsziel lag häufig bei zwölf Monaten. Wer sofort bezahlte, erhielt sechs Prozent Skonto.

Das Geld wiederum musste angelegt werden, damit der Wert der Einnahmen bis zur Einkaufreise gesteigert werden konnte. Daraus folgten viele Bankbeziehungen. Für Spareinlagen waren damals Zinssätze von drei bis vier Prozent üblich. Es lag in der Natur der Sache, dass die Waldthausens sich aufgrund des höheren Profits auch selbst mit der Investition der Gelder beschäftigten. Sie verliehen Gelder an die finanzbedürftigen Pioniere der wachsenden Industrie (Krupp, Stinnes, …). Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit mehrere Bankhäuser der Waldthausens.

Diese Mischung aus verschiedenen Geschäften brachte in diesen ansonsten unruhigen Zeiten Stabilität in die Unternehmen. Sie war gleichzeitig einer der Gründe für den außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolg der Familie Waldthausen.

Immobilien und Grundbesitz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Waldthausenpark

Das Ruhr Museum ist mit einer über 100-jährigen Geschichte eines der ältesten Museen im Ruhrgebiet. Als es für das Museum im ehemaligen Ledigenheim der Firma Krupp am Bahnhof Essen West zu eng wurde, entschied man sich die ortsgeschichtlichen Sammlungen auszugliedern. Die Stadt Essen erwarb im Jahre 1936 vom Bankier Albert von Waldthausen die „Waldthausen Villa“. Die Nationalsozialisten gründeten 1937 in der Villa zwecks Ausstellung der Sammlung das Haus Heimat. Mit der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gingen die historischen Bestände zum größten Teil verloren. Auf dem Grundstück befindet sich der heutige Waldthausenpark.

Ehemaliger Firmensitz

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte die Familie Waldthausen am Stadtgarten an der Brunnenstraße einen Firmensitz. Nach dem Krieg verkaufte sie das rund 100 Jahre zuvor errichtete Gebäude an die Stadt Essen. Zunächst richtete die Stadt dort eine kleine Druckerei ein. Auf Adressiermaschinen bedruckte man Lohnsteuerkarten und Wahlbenachrichtigungen. Ab 1982 nutzte die Folkwang-Musikschule das zentral gelegene Haus. Nachdem die Musikschule 2003 in größere Räumlichkeiten in die Weststadthallen umgezogen war, bezog nach einer Umbauphase im April 2007 die Verwaltungs-GmbH des Initiativkreis Ruhrgebiet im jetzt Alfred-Herrhausen-Haus benannten Gebäude ihr Quartier.

Fritz-von-Waldthausen-Villa

Julius von Waldthausen (1858-1935) erwarb das Schloss Bassenheim. Martin Wilhelm von Waldthausen (1875–1928) ließ 1908-10 das Schloss Waldthausen bei Mainz erbauen.

In Essen-Bredeney ließ Fritz von Waldthausen 1922 am Markuspfad von dem Architekten Oskar Kunhenn eine großzügige Villa bauen. Umgeben von einer Einfriedungsmauer steht das nahezu quadratische Gebäude auf einem rund 3.000 m² großen Grundstück. Die zweigeschossige Villa ist als Baudenkmal geschützt. Dort wohnte für einige Jahre auch Marianne, die Tochter seiner Adoptivtochter Asta von Kretschmann, mit ihrem Ehemann Richard von Weizsäcker, der von 1958 bis 1962 persönlich haftender Gesellschafter der von Fritz und Ernst von Waldthausen gegründeten Privatbank Waldthausen & Co. war.

Ehemalige Villa Waldthausen an der Hohenzollernstraße

Im Jahre 1950 fand die Gesellschaft Verein in einer ehemaligen Waldthausen Villa an der Hohenzollernstraße 40 ihr neues Quartier. Zunächst zur Miete, wurde das Gebäude 1959 von der „Aktiengesellschaft Bürgerheim“ gekauft. In dem Clubhaus treffen sich heute rund 170 Mitglieder, zumeist Banker, Unternehmer und Mediziner. Für das leibliche Wohl sorgt eine hauseigene Gastronomie.

Soziales Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die geschäftlichen Erfolge hat die Familie Waldthausen nie aus den Augen verloren, dass die Basis für ihren Handel in einem guten Umfeld begründet ist. So hat man sich stets in der Verantwortung für eine positive Entwicklung der Stadt Essen gesehen.

  • 1852 wurde ein Verein gegründet, mit dem Ziel in Essen ein Theater zu bauen. Zu den Gründungsmitgliedern dieser Initiative gehörten Alfred Krupp und Friedrich Waldthausen.
  • Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. kam der Wunsch auf, ihm in Essen ein Denkmal zu setzen. Fast 13.000 Bürger folgten 1888 dem Spendenaufruf und trugen 77.296 Reichsmark zusammen. Die größten Einzelspender hießen Krupp und Waldthausen, die je 20.000 Reichsmark beisteuerten. Nachdem der Rat der Stadt Essen weitere 100.000 Reichsmark bewilligte, konnte die Bronzeskulptur des zu Pferde sitzender Kaisers Wilhelm im Jahre 1898 enthüllt werden.
  • Im Jahre 1890 wurde der Historische Verein für Stadt und Stift Essen gegründet. Einer der Mitbegründer war Albert von Waldthausen. 1906 stiftete er 30.000 DM, um den nebenamtlich tätigen Stadtarchivar Konrad Ribbeck für drei Jahre vom Schuldienst freistellen zu lassen. Auf einer wissenschaftlichen Grundlage sollte er die „Geschichte der Stadt Essen“ aufarbeiten.
  • Im Jahre 1902 ermöglichte eine Spende der Waldthausen die Gründung der zentralen Stadtbibliothek. In einem Geschäftshaus an der Kettwiger Straße 8 wurde die „Städtische Bücherhalle“ mit einem Bestand von 4.000 Büchern eröffnet. Die Büchersammlung wuchs schnell, so dass schon bald ein Umzug in ein größeres Domizil an der Hindenburgstraße notwendig wurde. Auch dort wurde der Raum bald knapp. Julius von Waldthausen stellte daraufhin an der Chausseestraße ein Gebäude zur Verfügung und übernahm auch die Kosten für den Umbau.
  • Im Oktober 2004 wurde das 150-jährige Jubiläum des Krankenhauses Huyssens-Stiftung gefeiert. Neben Krupp und Baedeker engagierte sich auch die Familie von Waldthausen finanziell für das Krankenhaus.

Heute gibt es in Essen zwei Stiftungen mit Beteiligung der Familie Waldthausen:

  • Eugen-und-Agnes-von-Waldthausen-Platzhoff-Museums-Stiftung (Stiftungsziel: Förderung des Kunstsinns)
  • Julius-von-Waldthausen-Stiftung (Stiftungsziel: Förderung von medizinischen Hilfsberufen)

Bekannte Familienmitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Letzte Ruhestätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grabmal der Waldthausen

Ursprünglich fanden die meisten Mitglieder der Familie Waldthausen ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof am Kettwiger Tor in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dieser Friedhof musste 1955 anlässlich des Ausbaus des Ruhrschnellweges weichen. Der überwiegende Anteil der Gräber der Familie Waldthausen wurde auf den Friedhof Bredeney an der Westerwaldstraße und einige wenige Gräber auf den Ostfriedhof an der Saarbrücker Straße verlegt.

Auf dem Ostfriedhof sind die Gräber der Waldthausen im Feld 5 und 6 zu finden.

Im Feld 22 am Südrand des Bredeneyer Friedhofs liegen in einer langen Reihe zahlreiche Gräber der Waldthausens.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Essener Beiträge – Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen Band 116. – Essen : Klartext-Verlagsges., 2004. – ISBN 3-89861-398-4
  • Essener Beiträge – Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen Band 41. – Essen : Fredebeul & Koenen, 1923.
  • Essener Köpfe – wer war was. – Essen : Verlag Richard Bacht GmbH, 1985. – ISBN 3-87034-037-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rudolf Martin, Jahrbuch des Vermögens 1913
  2. Anlage 1 zur BV IX - Sitzung am 30. November 2004; Denkmalliste Stadt Essen, S. 3 (Digitalisat)