Walter Boll

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Walter Boll (* 9. Februar 1900 in Darmstadt; † 24. November 1985 in Regensburg) war ein deutscher Kunsthistoriker, Kulturdezernent und Museumsdirektor in Regensburg.

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter Boll war der Sohn des Rechnungsrats Wilhelm Boll (1866–1929) und dessen Ehefrau Bertha Katharina, geb. Rahny (1868–1946). 1955 erfolgte seine Eheschließung mit Doris Hellmuth. Die Ehe blieb kinderlos.[1]

Boll studierte Neuere Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Frankfurt am Main, Würzburg und München. 1922 legte er in Würzburg seine Promotionsschrift über Die Schönbornkapelle am Würzburger Dom vor. Anschließend war er Assistent an den Staatlichen Kunstsammlungen in Stuttgart und München.

Regensburger Jahre 1928 bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1928 kam Walter Boll unter Oberbürgermeister Otto Hipp als städtischer Konservator nach Regensburg und wurde 1931 beauftragt, ein Stadtmuseum zu gründen. Das 1931 gegründete Museum, heute Historisches Museum Regensburg, liegt am Dachauplatz in den Gebäuden des ehemaligen Minoritenklosters St. Salvator. Die Planungen für das städtische Museum wurden um 1935 verändert und es sollte nach dem Gau Bayerische Ostmark nun „Ostmarkmuseum“ heißen. Jedoch kam es erst 1949 zur Eröffnung des Museums.[2] Boll engagierte sich auch gleich im Kunst- und Gewerbeverein und wurde später 2. Vereinsvorsitzender (1932–1945). In der NS-Zeit bekleidete Boll das „Referat für Museums-, Archiv- und Bibliothekswesen“ und wurde von Oberbürgermeister Otto Schottenheim und auch dem 2. Bürgermeister Hans Herrmann in jeder Hinsicht unterstützt, so z. B. bei der Bewahrung der Gebäude des Herzogshofs auf dem Domplatz vor dem Totalabriss. Auch drohenden Plänen zum Abriss des Heuporthauses versuchte er zuvorzukommen und ließ die Fassade des Hauses mit der die Fassade seither prägenden gotischen Maßwerkfensterreihe umgestalten. Dadurch sollte das Haus zu einem in Deutschland touristisch einmaligen Kaffeehaus aufgewertet und ein Abriss unmöglich gemacht werden.[3][4][5]

Boll war Mitglied der NSDAP und ihr Kreiskulturwart.[6] Im November 1933 wurde er zum „Führer“ des gleichgeschalteten Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg gewählt. 1941 übernahm NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim (1890–1980) die Vereinsführung. Unter seiner Leitung wurden unliebsame Mitglieder aus der Vorstandschaft entfernt (Hanns von Walther, Eugen Wiedamann); der Verein verkam zum bloßen Instrument nationalsozialistischer Kulturpolitik.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entnazifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurde Boll von der Amerikanischen Militärregierung aus dem Dienst entfernt und im August 1948 nach Entnazifizierung als „Mitläufer“ wiedereingestellt.[6] Zum Ablauf der Entnazifizierung Bolls wurden 2019 neue Recherchen veröffentlicht.[7]

Kulturdezernent und Museumsdirektor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1949 wurde das Städtische Museum Regensburg (heute Historisches Museum) eröffnet und Boll Museumsdirektor. Unter dem ehemaligen 2. Bürgermeister, dem 1952 zum Oberbürgermeister gewählten Hans Herrmann[8], blieb er nahtlos Leiter des Stadtarchivs und Kulturdezernent. 1968 trat er als Beamter in den Ruhestand, sein Nachfolger als Museumsleiter wurde Wolfgang Pfeiffer (1926–1994).

Einsatz für Denkmalschutz und Kulturförderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Boll für den Erhalt und die Sanierung der mittelalterlichen Bausubstanz in der Regensburger Altstadt ein und verhinderte den Abbruch zahlreicher historischer Gebäude. Die Altstadt ist heute Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes.[9][10]

  • Nach 1945 ergaben Recherchen von Walter Boll, dass die Statue von Bischof Sailer, die eingeschmolzen werden sollte, in Hamburg aufgefunden werden konnte und im August 1949 wieder nach Regensburg gelangte. Da der Emmeramsplatz als ehemaliger Standort des Standbildes nach 1950 in den Mittelpunkt der städtischen Verkehrsplanung geraten war und später als Parkplatz benötigt wurde, bot sich als neuer Standort für die Statue ein Ort in der Nähe des Denkmals für König Ludwig I. in den Grünanlagen beim Peterskirchlein in Bahnhofsnähe an.[11]
  • Nach 1952 war Walter Boll mit Zuschüssen aus dem Etat des Stadtmuseums behilflich bei Maßnahmen zur Erhaltung der Schmuckgitter von Grabdenkmälern auf dem Gesandtenfriedhof bei der Dreieinigkeitskirche.[12]
  • Mit Unterstützung von Walter Boll konnte 1950 der Maler Xaver Fuhr, der von den Nationalsozialisten Mal- und Ausstellungsverbot erhalten hatte, in Regensburg in einer Mansardenwohnung im Haus Albertstraße Nr. 7a eine Wohnung beziehen und ein eigenes kleines Atelier einrichten, wo er bis zu seinem Tod wohnhaft blieb.[13]
  • Walter Boll leitete die 1966 als Museum in der Rechtsform einer Stiftung gegründete „Ostdeutsche Galerie“ seit ihrer Eröffnung 1970 als Museumsdirektor bis 1978. Die Gründung der Stiftung geht u. a. auf Walter Bolls Initiative zurück.[14][15] Bereits in einem Aufruf vom 15. Februar 1949 in der Mittelbayerischen Zeitung zur Eröffnung des damaligen Regensburger Museums (heute Historisches Museum Regensburg) hatte Boll geschrieben: „Insbesondere aber bitten wir die Bayerische Staatsregierung und die Vertreter staatlicher Sammlungen, aus ihrem überreichen Bestand durch geeignete Leihgaben dazu beizutragen, die von uns angestrebte echte und überzeugende Darstellung der altbayerischen Kulturleistung und ihres ehemaligen Mittelpunktes Regensburg abrunden und vervollständigen zu helfen.“
  • Gemeinsam mit Ernst Schremmer[16] (1916–1998), Geschäftsführer der Künstlergilde e.V. Esslingen, und von 1940 bis 1945 Presse- und Kulturreferent des Reichsstatthalters im Sudetenland Konrad Henlein, gab er als Museumsdirektor mehrere Publikationen zur Ostdeutschen Galerie heraus, die im Literaturverzeichnis der offiziellen Website des Kunstforum Ostdeutsche Galerie jedoch nicht genannt werden.
  • Auch leitete er mehrere Jahre das Deutsch-Amerikanische Institut in Regensburg.

1982 führte die Wochenzeitung Die Zeit ein Gespräch mit Walter Boll, in dem man ihn so beschrieb: „Er ließ sich durch nichts aufhalten, auch nicht durch die Nazis, deren Uniform er anzog, um „unsere Dinge irgendwie weiterzumachen“. Danach glitt er glatt in die neue Zeit hinüber, machte einfach weiter, wo er aufgehört hatte, und wurde später Kulturdezernent.“[17]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadtratsfraktion der Regensburger ÖDP beantragte in den Jahren 2008 und 2010, eine Straße nach Boll zu benennen. Dieser Antrag stieß wegen der NSDAP-Mitgliedschaft Bolls auf Kritik, ein Beschluss wurde vertagt.[23]

Der Regensburger Stadtheimatpfleger Werner Chrobak organisierte Ende Januar 2019 eine Veranstaltung, in der die Regensburger Autorin Waltraud Bierwirth in einem öffentlichen Vortrag ihre Forschungsergebnisse zu Bolls aktiver Mitwirkung bei „Arisierungen“ jüdischen Eigentums vorstellte. Die Pressestelle der Stadt Regensburg gab daraufhin Anfang März 2019 bekannt, dass das Amt für Archiv und Denkmalpflege „eine umfassende kulturelle und geschichtliche Prüfung“ vornehmen werde.[24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred Krinner: Boll, Walter, Kunsthistoriker. In: Karl Bosl (Hrsg.): Bosls bayerische Biographie. Ergänzungsband. 1000 Persönlichkeiten aus 15 Jahrhunderten. Pustet, Regensburg 1988, ISBN 3-7917-1153-9, S. 16 (Digitalisat).

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Regensburg (Deutsche Lande - Deutsche Kunst), Aufnahmen von Werner Neumeister und Wilkin Spitta, 4. Auflage, Deutscher Kunstverlag München / Berlin 1983 (Erstausgabe 1955), ISBN 3-422-00123-9.
  • Ostdeutsche Galerie Regensburg. Westermann Braunschweig, 1978.
  • Reichstagsmuseum. Mittelbayer. Druck- und Verlagsgesellschaft, 1973.
  • Die Schönbornkapelle am Würzburger Dom. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des XVIII. Jahrhunderts. G. Müller, München 1925, DNB 579229467 (Dissertation Universität Würzburg, Philosophische Fakultät 1922, 146 Seiten).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Universitätsbibliothek Regensburg: Bosls bayerische Biographie / hrsg. von Karl Bosl. - Regensburg : Pustet [2] . Ergänzungsband : 1000 Persönlichkeiten aus 15 Jahrhunderten, 1988. - XVI, 189 S.http://bosl.uni-regensburg.de/?seite=32&band=2
  2. Mittelbayerische Zeitung. Regensburger Museum und die Geschichte seines Werdens. Von Museumsdirektor Dr. Walter Boll, Seite 4 Nr. 18 vom 15. Februar 1949
  3. Peter Morsbach: Regensburg als Denkmal deutschen Geistes im Dritten Reich. In: Arbeitskreis Regensburger Herbstsymposium (Hrsg.): „Zum Teufel mit den Baudenkmälern“ 200 Jahre Denkmalschutz in Regensburg. Band 25. Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg 2011, ISBN 978-3-937527-41-3, S. 32.
  4. Eugen Trapp: Domplatz, Die Rückkehr des Königs. In: Stadt Regensburg, Amt für Archiv und Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalpflege in Regensburg. Band 12. Friedrich Pustet, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7917-2371-6, S. 134.
  5. Christine Schimpfermann: Planen und Bauen. In: Kunst und Gewerbeverein Regensburg e.V. (Hrsg.): Es ist eine Lust zu leben! Die 20er Jahre in Regensburg. Dr. Peter Morsbach Verlag=Regensburg, 2009, ISBN 978-3-937527-23-9, S. 92 – 94.
  6. a b Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz. Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit (hrsg. von den Museen und dem Archiv der Stadt Regensburg), 1994, S. 384.
  7. Wie Walter Boll zum Widerständler wurde. Abgerufen am 10. März 2019.
  8. Hans Herrmann – ein Bürgermeister für jedes System. regensburg-digital vom 6. August 2012, abgerufen am 6. März 2018.
  9. Ein respektables „Boll-Werk“, in: Mittelbayerische Zeitung, 8. Februar 1975.
  10. Dr. Walter Boll wird 80 und Ehrenbürger – Ein Bollwerk, in: Die Woche, 7. Februar 1980.
  11. Eugen Trapp: Domplatz, Die Rückkehr des Königs. In: Stadt Regensburg, Amt für Archiv und Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalpflege in Regensburg. Band 12. Friedrich Pustet, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7917-2371-6, S. 136 f.
  12. Klaus-Peter Rueß: Der Gesandtenfriedhof bei der Dreieinigkeitskirche in Regensburg, seine Entstehung und seine Baugeschichte. Staatliche Bibliothek Regensburg, Regensburg 2015, S. 132ff.
  13. Karl Bauer: Regensburg Kunst- Kultur- und Alltagsgeschichte. MZ-Buchverlag in H. Gietl Verlag & Publikationsservice GmbH, Regenstauf 2014, ISBN 978-3-86646-300-4, S. 590 f.
  14. P. Mai: Dr. Walter Boll in memoriam „Er gründete die Kunsthalle am Stadtpark und die Ostdeutsche Galerie, die ihm bis zuletzt besonders am Herzen lag und die er liebevoll ‚sein Museum‘ nannte.“ http://www.heimatforschung-regensburg.de/2222/1/1001577_DTL2008.pdf
  15. Universitätsbibliothek Regensburg: Bosls bayerische Biographie / hrsg. von Karl Bosl. - Regensburg : Pustet http://bosl.uni-regensburg.de/?seite=32&band=2
  16. Ernst Schremmer: https://www.literaturportal-bayern.de/nachlaesse?task=lpbestate.default&id=1102
  17. Aus dem Mittelalter erwacht, Regensburg: Von Manfred Sack im Gespräch mit Walter Boll. 9. Juli 1982, http://www.zeit.de/1982/28/aus-dem-mittelalter-erwacht/komplettansicht
  18. Stadt Regensburg – Ehrenbürger und Medaillen Homepage der Stadt Regensburg
  19. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 31, Nr. 5, 9. Januar 1979.
  20. Stadt Regensburg – Ehrenbürger und Medaillen Offizielle Internetpräsenz der Stadt Regensburg
  21. Boll – auch Herz der Stadt, in: Mittelbayerische Zeitung
  22. http://bosl.uni-regensburg.de/?seite=32&band=2
  23. Walter-Boll-Straße muss noch warten,. Bericht in der Mittelbayerischen Zeitung vom 23. September 2010.
  24. Robert Werner: Stadtverwaltung überprüft Ehrenbürger Walter Boll. Abgerufen am 10. März 2019