Walter Lübcke

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Walter Lübcke (2009)

Walter Lübcke (* 22. August 1953 in Bad Wildungen; † 2. Juni 2019 in Wolfhagen-Istha) war ein deutscher Politiker (CDU). Er war von 1999 bis 2009 Abgeordneter des Hessischen Landtags und von 2009 bis zu seinem Tod Regierungspräsident im Regierungsbezirk Kassel. 2015 wurde er durch sein Engagement für Flüchtlinge und seinen Widerspruch gegen Pegida-Anhänger deutschlandweit bekannt.

Am 1. Juni 2019 ermordete der Rechtsextremist Stephan Ernst Lübcke auf der Veranda vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss aus geringer Entfernung. Nach seiner Festnahme gestand er die geplante Tat und nannte als Motiv Lübckes Einsatz für Geflüchtete. Der überführte Täter wurde am 28. Januar 2021 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Mordfall Walter Lübcke, seine Hintergründe und Folgen wurden bundesweit diskutiert.

Ausbildung, Berufe, Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter Lübcke absolvierte eine Berufsausbildung zum Bankkaufmann. Es folgten acht Jahre als Zeitsoldat und eine Aufstiegsfortbildung zum Personalfachkaufmann.

Er arbeitete als Assistent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der documenta 7 und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Gesamthochschule Kassel mit Schwerpunkt Personalwirtschaft und Arbeitsökonomie.

Parallel zu seiner Tätigkeit als freier Referent für wirtschaftspolitische Themenstellungen erfolgte 1991 die Promotion mit dem Titel Die frühen wirtschaftlichen Planungsversuche in der Sowjetunion: 1924–1928; Sozialismus zwischen Utopie und Pragmatismus.

Mit seiner Ehefrau führte Lübcke als Landwirt in Wolfhagen-Istha einen Nebenerwerbsbetrieb. 2009 übergab er den Betrieb seinen beiden erwachsenen Söhnen und einem Neffen, die ihn zu einer Firma für Sonnenenergie ausbauten.[1]

Bildungsarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1986 bis 1999 war Lübcke Leiter des Instituts für berufliche und politische Bildung in Rosbach. In den 1990er Jahren war er zudem der erste Leiter der Jugendbildungsstätte Haus Mühlberg in Ohrdruf (Thüringen). Dort gab es nach der Wende eine starke Neonaziszene. Der Thüringer Heimatschutz, aus dem später die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) entstand, veranstaltete dort regelmäßige Aufmärsche. Häufig wurden „nichtrechte“ Jugendliche in und um Ohrdruf gewaltsam angegriffen. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung organisierte Lübcke die Sanierung von Haus Mühlbeck und besorgte Fördergelder dafür. Ab 1991 veranstaltete er regelmäßig Sommercamps in Ohrdruf, zu denen Jugendliche aus ganz Thüringen kamen. Er lud Politiker zu Workshops und Diskussionen über Demokratie ein. Gegen zunehmende rechtsextreme Gewalt organisierte er ab 1993 im Haus Mühlberg mehrere Konzerte unter dem Motto „Rock gegen Gewalt“. Zeitzeugen erinnerten sich an keine Drohungen gegen Lübcke aus jener Zeit. Jedoch schützte ein Sicherheitsdienst die Veranstaltungen im Haus Mühlberg vor möglichen rechtsextremen Angriffen.[2]

Politik und sonstige Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lübcke war seit 1986 Mitglied der CDU und von 1987 bis 2009 stellvertretender Stadtverbandsvorsitzender in Wolfhagen, von 1994 bis 2009 Kreisvorsitzender der CDU Kassel-Land und von 1997 bis 2009 stellvertretender Bezirksvorsitzender der CDU Kurhessen-Waldeck. Er war von 1989 bis 2009 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Wolfhagen und dort von 1997 bis 2006 als stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher aktiv.

Im Hessischen Landtag war er vom 5. April 1999 bis 2009 Abgeordneter. Während er bei der Landtagswahl in Hessen 1999 und 2008 über die Landesliste gewählt wurde, konnte er bei der Landtagswahl in Hessen 2003 den Wahlkreis Kassel-Land I gewinnen. Im Landtag war er verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion. Ab April 2003 war er stellvertretender Vorsitzender im Unterausschuss für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung und Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr, Kulturpolitischen Ausschuss, Kuratorium der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Landeskuratorium für Weiterbildung in Hessen sowie im Verwaltungsausschuss beim Staatstheater Kassel.

Bei der Landtagswahl in Hessen 2009 unterlag Lübcke seiner SPD-Mitbewerberin und schied aus dem Landtag aus, da die CDU viele Direktmandate gewonnen hatte. Im Mai 2009 ernannte Innenminister Volker Bouffier ihn als Nachfolger von Lutz Klein zum Regierungspräsidenten in Kassel.[3]

Neben seiner politischen Tätigkeit gehörte Lübcke dem Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden, dem Verwaltungsausschuss des Staatstheaters Kassel und dem Beirat der Flughafen Kassel GmbH an.

Er förderte früh erneuerbare Energien und Windparks im ländlichen Raum. Seit seiner Ernennung zum Regierungspräsidenten kritisierten politische Gegner mangelnde Neutralität bei der Antragsprüfung für solche Projekte. Umwelt- und Vogelschützer warfen ihm vor, mit von der Industrie bezahlten Gefälligkeitsgutachten Windkraftanlagen im schützenswerten Reinhardswald durchzusetzen. Dagegen betonte Lübcke, die Regionalversammlung Nordhessen habe die Vorrangflächen für Windenergie überparteilich festgelegt.[1]

Als Regierungspräsident setzte sich Lübcke für den Ausbau des Flughafens, von Autobahnen und Schienen ein. Auf Wunsch von Ministerpräsident Volker Bouffier wollte er ein halbes Jahr über seine Altersgrenze hinaus im Amt bleiben. Wenige Tage vor seinem Tod feierte er sein zehnjähriges Dienstjubiläum. Er galt als offen, kommunikativ und bürgernah.[4]

Anfeindungen und Morddrohungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahre bevor Lübcke bundesweit bekannt wurde, führte der NSU ihn auf einer Feindesliste mit rund 10.000 Namen. Dort stand er laut Ermittlern im hinteren „8000er Bereich“. Die Liste wurde zwischen April 2006 (dem NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel) und November 2011 (als das NSU-Trio aufflog) erstellt.[5]

Als Regierungspräsident hielt Lübcke 2015 in mehreren Ortschaften des Regierungsbezirks Kassel ohne größere Zwischenfälle Informationsveranstaltungen zu geplanten Flüchtlingsunterkünften ab. Am 14. Oktober 2015 informierte er eine Bürgerversammlung in Lohfelden über eine Erstaufnahmeunterkunft des Landes Hessen im Ort. Laut Lübckes damaligem Pressesprecher stand auch dort die Bürgermehrheit dem Projekt positiv gegenüber.[6] Augenzeugen und Recherchen zufolge hatten sich jedoch Anhänger von Kagida, dem Kasseler Pegida-Ableger, für gezielte Störrufe im Saal verteilt und Lübcke mehrmals beschimpft und ausgebuht.[7] Darauf sagte er:

„Ich bin stolz drauf, dass wir als Regierungspräsidium mit der Mannschaft, mit den Ehrenamtlichen hier, dazu beigetragen, da danke ich aber auch den Schülern, was ich in der Zeitung gesehen habe, und den Lehrern. Ich hab mich hier mal für die Schule mal eingesetzt, dass wir auch das in der Schule weitergeben, trägt auch Früchte davon, dass wir eine tolle Schule haben, dass wir mit Kirchen, die eine Wertevermittlung haben, wo wir sagen, es lohnt sich in unserem Land zu leben. Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“[8]

Sofort nach der Veranstaltung verbreiteten Kagida-Anhänger ein kurzes Video mit Lübckes Schlussaussagen über YouTube[6] und Facebook, das aber die vorangegangenen Beleidigungen wegließ. Bis zum Folgetag erhielt er rund 350 E-Mails, teils mit Morddrohungen, sodass der Gesamtvorgang verabredet wirkte. Er gab alle Mails zur strafrechtlichen Prüfung an die Staatsanwaltschaft weiter und erhielt zeitweise Polizeischutz.[9] Viele der Hassmails und Drohungen kamen laut Lübckes Sprecher von sogenannten Reichsbürgern.[10]

Am Folgetag äußerte Lübcke, es sei ein Fehler von ihm gewesen, auf die Provokationen einzugehen, „ohne die Anwesenden über Lautsprecher darüber zu informieren, was vorn für Beleidigungen gefallen sind“.[9] Er verwies auf die große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge vor Ort und betonte, seine Aussage sei nur an die Staatsverächter im Publikum gerichtet gewesen. Auf deren häufige Zwischenrufe wie „Scheiß Staat“ und auf „hämische Bemerkungen“ habe er an die christlichen Werte der Verantwortung und Hilfe für Menschen in Not erinnert:

„Ich wollte diese Zwischenrufer darauf hinweisen, dass in diesem Land für jeden und für jede, die diese Werte und die Konsequenzen aus unseren Werten so sehr ablehnen und verachten, die Freiheit besteht, es zu verlassen; im Gegensatz zu solchen Ländern, aus denen Menschen nach Deutschland fliehen, weil sie diese Freiheit dort nicht haben.“[11]

Am selben Tag veröffentlichte der rechtsextreme Blog Politically Incorrect (PI-News) einen Kurztext, der Lübcke falsch zitierte: „Wem das nicht passt, hat das Recht und die Möglichkeit, das Land zu verlassen“. Dazu gab der Blog Adresse und Telefonnummer von Lübckes Büro bekannt.[12] Darunter erschien mehrfach Lübckes private Anschrift. Kommentare riefen dazu auf, dort vorbeizuschauen. Manche kündigten Lübckes Tod an („Der Kasper aus Kassel macht es nicht mehr lange“).[13] Dann verbreitete PI den Videoausschnitt mit Lübckes Antwort und der Notiz „Abgelegt unter Volksverräter“. Darunter posteten in den Folgewochen hunderte deutsche und nichtdeutsche Kommentatoren Gewaltfantasien und Mordaufrufe. Sie stilisierten Lübcke zum Musterbeispiel deutscher Politiker, die angebliche Geheimpläne der „Globalisten“ und der „Neuen Weltordnung“ zum Austausch der weißen Bewohner durch fanatische Muslime umsetzen wollten. Als Beleg dafür erschien eine Fotografie, die Lübcke beim Besuch der Jüdischen Gemeinde Kassel unter deren Davidstern zeigt.[12] Die rechtsextreme Seite „Nürnberg 2.0 Deutschland – Netzwerk demokratischer Widerstand“ führte Lübcke auf einer Feindesliste: Er habe sich an der „Islamisierung, der Entdemokratisierung, der Umvolkung Deutschlands“ beteiligt.[14]

Angesichts der aggressiven Reaktionen warnte der Kasseler SPD-Geschäftsführer Patrick Hartmann bereits am 16. Oktober 2015 vor dem Gefahrenpotential des Videos und meinte, Lübckes Reaktion sei bewusst durch einige wenige Anwesende provoziert worden: „Es ist verantwortungslos, dieses Video so verkürzt zu posten und den Zusammenhang falsch darzustellen. Die dafür verantwortlich sind, spielen mit den Ängsten der Menschen und haben keine Lösungen.“[9]

Bei einer Pegida-Kundgebung am 19. Oktober 2015 in Dresden kommentierte der Redner Akif Pirinçci Lübckes Aussage: Die „Macht“ in Deutschland scheine „die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert“. Es gebe zwar auch andere Alternativen, aber „die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“.[15] Für seine Rede wurde Pirinçci später wegen Volksverhetzung verurteilt.[16]

Auch in den Folgejahren (Januar 2016 und Februar 2018) verbreiteten verschiedene Personen den rund einminütigen Videoclip von Lübckes Antwort immer wieder im Netz. Stets begleiteten Gewaltaufrufe, Morddrohungen (etwa: „Aufhängen diese Schweine“) und öfter auch Bilder von Galgen und Pistolen die Videolinks.[17] Die Hasskommentare gegen Lübcke blieben jahrelang online stehen (etwa: „Den Kerl sollte man gleich an die wand stellen“; „auf der Stelle abknallen, diesen Bastard !“).[18]

Im Februar 2019 griffen zwei rechtsextreme Blogs den Videoausschnitt ohne aktuellen Anlass und Hinweis auf sein Alter wieder auf und verzerrten dabei Lübckes Aussage. Ein bekannter Reichsbürger-Blog verbreitete den Clip sofort weiter. Seitdem wurde Lübcke erneut und verschärft bedroht. Die AfD-nahe Politikerin Erika Steinbach, die Anfang 2017 aus der CDU ausgetreten war, hatte den Clip im Mai 2017 auf Twitter und Facebook verlinkt und teilte ihn am 18. Februar 2019 abermals mit ihren rund 80.000 Twitter- und 40.000 Facebook-Followern. Auf Twitter kommentierte sie: „Zunächst sollten die Asylkritiker die CDU verlassen, bevor sie ihre Heimat aufgeben!“ Auf Facebook ergänzte sie: „Nichts hat sich nämlich wirklich gebessert…“. Demnach wusste sie, dass sie eine alte Information wieder hervorholte. Droh- und Mordaufrufe unter ihrem Facebook-Post wurden nicht entfernt.[19]

Die direkt an Lübcke adressierten Hassmails liefen jedoch vor längerer Zeit aus. Nach Angaben aus dem Kasseler Regierungspräsidium gingen kurz vor Lübckes Ermordung keine politisch motivierten Drohungen gegen ihn mehr ein.[20]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Juni 2019 zwischen 23:20 und 23:30 Uhr erschoss der Rechtsextremist Stephan Ernst Lübcke nach einem kurzen Wortwechsel auf der Terrasse seines Wohnhauses.[21] Am 2. Juni 2019 um 0:30 Uhr fand Lübckes jüngerer Sohn ihn leblos und mit einer Kopfwunde vor. Nach erfolglosen Wiederbelebungsversuchen stellte die Kreisklinik Wolfhagen um 2:35 Uhr Lübckes Tod fest.[22]

Am 15. Juni 2019 nahm die Polizei Ernst als dringend Tatverdächtigen fest und überführte ihn mit DNA-Spuren an Lübckes Hemd und der Tatwaffe. Am 25. Juni gestand Ernst die Tat und gab an, er habe am 14. Oktober 2015 an der Bürgerversammlung in Lohfelden teilgenommen und sich stark über Lübckes dortige Aussagen empört. Seitdem habe er erwogen, Lübcke zu töten, und sei deshalb seit 2017 schon mehrmals bewaffnet zu dessen Haus gefahren.[23] Später beschuldigte er seinen Helfer Markus H. als ausführenden Täter. Am 5. August 2020 in seinem Strafprozess räumte er jedoch ein, dass er selbst den tödlichen Kopfschuss abgefeuert hatte.[24] Am 28. Januar 2021 verurteilte das Gericht ihn dafür zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ließ eine spätere Sicherheitsverwahrung zu. Markus H. wurde von Mordbeihilfe freigesprochen.[25] Gegen diesen Freispruch beantragte die Familie Lübcke am 3. Februar 2021 Revision.[26]

Trauer und Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 13. Juni 2019 wurde in der Kasseler Martinskirche ein von tausenden Bürgern besuchter Trauergottesdienst abgehalten. Polizei und Bundeswehr hielten die Ehrenwache am Sarg, den eine hessische Landesdienstflagge bedeckte. Trauerredner waren unter anderem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sowie der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle.[27] In allen Dienststellen des Regierungspräsidiums wurden Kondolenzlisten ausgelegt.[28] Alle hessischen Regierungspräsidien und oberen Landesbehörden hatten Trauerbeflaggung angeordnet.[29]

Am 15. Juni 2019 fand in Wolfhagen-Istha ein Trauergottesdienst für seine Angehörigen, Freunde und Wegbegleiter statt. Danach wurde er auf dem Friedhof seines Wohnorts beigesetzt.[30] Am 22. Juni vormittags veranstalteten der evangelische Kirchenkreis und die Stadtverordneten von Wolfhagen auf dem dortigen Marktplatz eine Mahnwache für Lübcke, an der sich hunderte Bürger aus der Region beteiligten. Redner betonten die christlichen Impulse von Lübckes Handeln und riefen zum Widerstand gegen Rechtsextremismus auf. Am Nachmittag demonstrierten rund 2000 Menschen in Kassel gegen „rechten Terror“, für Verbot und Auflösung der rechtsextremen Gruppe Combat 18, erinnerten an Lübcke und den NSU-Mord an Halit Yozgat (2006) und warfen weiße Rosen in die Fulda. Dazu aufgerufen hatten 60 lokale Organisationen.[31]

In mehreren Landtagen sowie im Bundesrat wurden Ende Juni 2019 Schweigeminuten zum Andenken Lübckes abgehalten.[32][33] Als sich das Plenum bei einer Gedenkminute des Bayerischen Landtags zu Ehren Lübckes erhob, blieb der AfD-Abgeordnete Ralph Müller provokativ sitzen – was von den übrigen Anwesenden als „Schande für dieses Parlament“ und als ein „menschlich widerlich[er]“ Akt von „Pietätlosigkeit sondergleichen“ aufgenommen wurde.[34][35]

Am 27. Juni 2019 fand vor dem Gebäude des Regierungspräsidiums in Kassel eine durch die Ermordung Lübckes angestoßene Demonstration für „Demokratie, Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit“ mit rund 10.000 Teilnehmern statt.[36][37][38]

Am 1. Dezember 2019, dem hessischen Verfassungstag, wurde Lübcke von Ministerpräsident Volker Bouffier postum mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des Landes Hessen.[39] Im Januar 2020 wurde ihm ebenfalls postum der Herkules-Ehrenpreis verliehen.[40] Außerdem wurde vom Land Hessen ein neuer Walter-Lübcke-Demokratie-Preis ausgelobt, mit dem Persönlichkeiten, Vereine oder Institutionen geehrt werden sollen, die sich in besonderer Weise für demokratische Werte einsetzen.[41]

Am 22. Juni 2020 beschloss der Kreistag in Vellmar (Kreis Kassel), die Wilhelm-Filchner-Schule in Wolfhagen in Walter-Lübcke-Schule umzubenennen.[42]

Anlässlich des Geburtstages von Walter Lübcke am 22. August 2020 wurde der große Sitzungssaal des Regierungspräsidiums Kassel 2020 in Walter-Lübcke-Saal umbenannt.[43] Zudem gab das Regierungspräsidium, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Post AG, eine Briefmarke Individuell heraus. Der Erlös aus dem Verkauf ist für ein Kunstwerk vorgesehen, das drei Aspekte darstellen soll: der Person Dr. Walter Lübcke gerecht werden, die Betroffenheit über die Tat zum Ausdruck bringen und den rechtsextremen Hintergrund der Tat und die Konsequenzen daraus. Mit Unterstützung und Beratung des langjährigen Dozenten der Kasseler Kunsthochschule und Vorsitzenden des Kasseler Kunstvereins Bernhard Balkenhol wurde ein Ausschreibungstext erarbeitet. Das Kunstwerk, das offensiv die Ermutigung und Forderung formulieren soll, für Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine offene Gesellschaft einzustehen. Unterstützt wird das Projekt auch durch die Bürgerstiftung für Stadt und Landkreis Kassel und den Kasseler Kunstverein.

In Fulda wird die Erschließungsstraße des geplanten Wohnquartiers am Waidesgrund Dr.-Walter-Lübcke-Straße genannt werden, wie der Fuldaer Magistrat einstimmig beschloss.[44]

Die Stadt Neu-Anspach wird den Platz vor dem Bürgerhaus in Dr.-Walter-Lübcke-Platz umbenennen.[45]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Walter Lübcke – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Christoph Schmidt-Lunau, Konrad Litschko: Mordfall Walter Lübcke in Hessen: Die Stille nach dem Schuss. taz, 8. Juni 2019
  2. Andreas Förster: Rechtsextremismus: Walter Lübcke stand schon früher auf einer Todesliste. Berliner Zeitung, 31. Mai 2020; Andreas Förster: Mord an Walter Lübcke: Er engagierte sich früh gegen Rechts – und stand auf der Gegner-Liste des NSU. Frankfurter Rundschau, 2. Juni 2020
  3. RP: „Regierungswechsel“ in Kassel. Waldeckische Landeszeitung, 20. Mai 2009
  4. Katharina Iskandar, Helmut Schwan: Lübcke wurde „aus nächster Nähe“ erschossen. FAZ, 3. Juni 2019
  5. Frank Jansen: Erschossener Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke war auch im Visier des NSU. Tagesspiegel, 21. Juni 2019
  6. a b Max Holscher, Anna-Sophie Schneider: Rekonstruktion der Bürgerversammlung in Kassel. Ein Satz - und der Hass danach. Spiegel Online, 26. Juni 2019
  7. Hans-Gerd Öfinger: Schreihälse am Saalmikrofon: Pegida-Ableger macht in Nordhessen Stimmung gegen Asylbewerber. Neues Deutschland, 20. Oktober 2015; Info-Abend zu Flüchtlingen: 800 Besucher in Lohfelden. Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA), 15. Oktober 2015
  8. Boris Naumann, Peter Katteritzsch: Flüchtlingsdebatte in Lohfelden: Lübcke ließ sich provozieren. HNA, 17. Oktober 2015
  9. a b c Christoph Sydow: Morddrohungen gegen Regierungspräsident Lübcke. Lokalo24, 16. Oktober 2015
  10. Zita Zengerling: Die Spur des Hasses. Süddeutsche Zeitung (SZ), 17. Juni 2019
  11. Peter Ketteritzsch: Walter Lübcke im Interview: „Ich bleibe bei meiner Aussage“. HNA, 16. Oktober 2015
  12. a b Matern Boeselager: So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker. Vice News, 4. Juni 2019
  13. Kasseler Regierungspräsident: Rechtsextreme verhöhnen Getöteten. Bayerischer Rundfunk (BR), 11. Juni 2019
  14. Katja Thorwarth: Mordfall Lübcke: „Wir schießen den Weg frei“ - bereitet die AfD-Sprache den Boden für rechten Terror mit? FR, 18. Juni 2019
  15. Eklat bei Pegida-Demo: „Die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“. Spiegel Online, 20. Oktober 2015
  16. Jost Müller-Neuhof: Akif Pirincci wegen Volksverhetzung verurteilt. Der Tagesspiegel, 25. September 2017
  17. Kai Biermann, Frida Thurm: Fall Walter Lübcke: Angestachelt zur Gewalt. Zeit online, 18. Juni 2019
  18. Kai Biermann et al.: Walter Lübcke: Wer hat ihn erschossen? Zeit online, 18. Juni 2019
  19. Lars Wienand: Erika Steinbach heizte Hass auf Walter Lübcke neu an. t-online.de, 17. Juni 2019
  20. LKA ermittelt nach Tod von Kasseler Regierungspräsident. SZ, 3. Juni 2019
  21. Martín Steinhagen: Mordfall Lübcke: Walter Lübckes letzte Nacht. Zeit Online, 27. Mai 2020
  22. Regierungspräsident Walter Lübcke starb durch Kopfschuss aus nächster Nähe. HNA, 3. Juni 2019
  23. Neue Details aus Mordgeständnis bekannt. FAZ online, 7. Juli 2019
  24. Stephan Ernst gesteht im Prozess tödlichen Schuss auf Walter Lübcke. Spiegel Online, 5. August 2020
  25. Stephan Ernst wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. SZ, 28. Januar 2021
  26. Familie von Walter Lübcke legt Revision gegen OLG-Urteil ein. Welt Online, 3. Februar 2021
  27. Ulrike Pflüger-Scherb, Frank Thonicke: Trauerfeier für Walter Lübcke: Tausende beim Gottesdienst in Kassel. HNA, 13. Juni 2019
  28. Trauer um Regierungspräsident Lübcke – Kondolenzlisten auch in der Region. Fuldaer Zeitung, 3. Juni 2019
  29. Trauerfeier für Walter Lübcke: „Ein trauriger, schmerzlicher und kaum fassbarer Anlass“. Spiegel Online, 13. Juni 2019
  30. Trauerfeier und Beerdigung: Hunderte nahmen in Istha Abschied von Walter Lübcke. HNA, 16. Juni 2019
  31. Tausende bei Demo gegen Rechts und Mahnwache für Lübcke. Hessenschau, 22. Juni 2019
  32. Nicholas Buschschlüter: Nach dem Gedenken kommen die kritischen Fragen. hessenschau.de, 18. Juni 2019
  33. Katja Thorwarth, Ulrich Weih, Daniel Dillmann, Melanie Bäder: Bundesratspräsident Günther fordert Konsequenzen aus Lübcke-Mord. Frankfurter Rundschau (FR), 28. Juni 2019
  34. Lübcke-Gedenken: AfD-Abgeordneter sorgt für Eklat. BR.de (Bayerischer Rundfunk), 27. Juni 2019
  35. Wolfgang Wittl: AfD-Abgeordneter löst Eklat beim Gedenken an Lübcke aus. Süddeutsche Zeitung Online, 26. Juni 2019
  36. 10.000 Menschen demonstrieren in Kassel gegen rechte Gewalt. tagesspiegel.de, 27. Juni; abgerufen am 29. Juni 2019
  37. Demo vor dem Regierungspräsidium: Über 10.000 Menschen setzen starkes Zeichen für Toleranz. osthessen-news.de, 28. Juni 2019; abgerufen am 29. Juni 2019
  38. Großdemonstration in Kassel: „Wir sind nicht der braune Sumpf der Nation“. FAZ.net, 27. Juni 2019; abgerufen am 29. Juni 2019
  39. Walter Lübcke erhält nach Tod höchste Auszeichnung. t-online.de, 18. Juli 2019.
  40. Walter Lübcke postum mit Herkules-Ehrenpreis ausgezeichnet. 18. Januar 2020, abgerufen am 18. Januar 2020.
  41. WELT: Neuer Preis soll an Lübcke erinnern und Demokratie fördern. 1. Dezember 2019 (welt.de [abgerufen am 18. Januar 2020]).
  42. Wolfhagen hat jetzt eine Walter-Lübcke-Schule. Hessenschau.de, 28. Februar 2020, abgerufen am 3. Juli 2020.
  43. Gedenken an Dr. Walter Lübcke lebendig halten. 21. August 2020, abgerufen am 20. Januar 2021.
  44. Stadt Fulda widmet Walter Lübcke eine Straße. 29. Mai 2020, abgerufen am 29. Mai 2020.
  45. Ein Zeichen für die Demokratie beantragt; in: Taunuszeitung vom 26. August 2020, S. 16.