Waltger

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Die heutige barocke Wolderuskapelle neben dem Münster zu Herford
Schild Waltgeristraße in Herford mit Hinweistafel zum Heiligen Waltger

Der Heilige Waltger, auch Wolderus oder Walter (* 8. Jahrhundert bei Kirchdornberg; † 16. November 825 in Herford), gründete um 789 die spätere Reichsabtei Herford. Er gilt auch als Gründer der Stadt Herford in Westfalen. Waltgers Festtag ist der 16. November, er wird dargestellt in gräflicher Kleidung mit Kirchenmodell. Weitere Attribute in der sakralen Kunst sind Ähren, Weintraube sowie ein Vogel, der ihm einen Fisch bringt.

Die Existenz Waltgers als historische Persönlichkeit ist von Teilen der Geschichtswissenschaft lange angezweifelt worden, so von Roger Wilmans[1], der in ihm lediglich eine legendäre Gestalt sah, die für die Herforder Fürstäbtissin von Nutzen war. Die Auffindung der Fundamente von Müdehorst bei Bielefeld 1949 erhärteten jedoch Aussagen, die in der Lebensbeschreibung Waltgers, der im Umfeld der Reichsabtei Herford entstandenen Vita sancti Waltgeri, gemacht werden, erheblich. Die dort aufgefundene Ruine zeigt einen für die Zeit um 800 im sächsischen Missionsgebiet nicht untypischen Kirchentypus eines Rechtecksaales mit quadratisch eingezogenem Chor.[2] In der Literatur wird die Historizität Waltgers heute allgemein anerkannt.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waltger entstammte vermutlich einer Familie sächsischer Edler, die während der Eingliederung Sachsens in das Frankenreich gute Kontakte zum karolingischen Hof, unter Umständen sogar verwandtschaftliche Beziehungen dorthin besaß. Von mütterliche Seite aus gehörte ihm ein Erbgut in Bielefeld-Kirchdornberg, das sich schließlich noch bis zur Reformation im Besitz der Reichsabtei Herford befinden sollte. Die Erbauung der St. Peterskirche zu Kirchdornberg muss zudem ebenso im Zusammenhang mit der Familie Waltgers stehen. Auch dort ist archäologisch unter der heutigen gotischen Kirche ein früher Sakralbau vom Typus Müdehorsts nachgewiesen.[4]

Die Vita Waltgeri berichtet, Waltger habe zunächst in Müdehorst, unweit Kirchdornbergs, den Gründungsversuch eines Kanonissenstifts unternommen, der jedoch zunächst scheiterte. Daraufhin verlegte er seine Gründung an den Zusammenfluss von Werre und Aa im heutigen Herford, wo sich eine bedeutende Furt und Wegekreuzung befand. Waltger stattete die Gründung mit seinem Besitz aus und erreichte schließlich durch persönliche Intervention bei Kaiser Ludwig dem Frommen die Unterstellung des Stifts unter das Herrscherhaus und die Erhebung zur Reichsabtei. Dabei ist er von den Gründern der Reichsabtei Corvey, den Brüdern Adalhard und Wala, unterstützt worden, die Herford erheblich ausbauten. Zu Herfords Mutterkloster wurde die alte Reichsabtei Soissons im karolingischen Kernland, nach deren Vorbild der Ausbau stattfand. Laut der Herforder Heiligenvita soll Waltger auch Kontakte zu einem englischen Königshaus unterhalten und so Reliquien des Heiligen Oswald erhalten haben, deren Verehrung in Kirchdornberg und Herford noch für das gesamte Mittelalter nachgewiesen ist. Der Historiker Pape vermutet, dass die Beschaffung der Reliquien aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen zu englischen Angelsachsen möglich gewesen war.[5]

Die sogenannte Wolderuskapelle neben dem Herforder Münster St. Marien und Pusinna galt dem Herforder Konvent als Grablege Waltgers. Mehrfache Wunder am Grab des Stiftsgründers bewogen die Fürstäbtissin Swenehildis um 1051, eine Suchgrabung nach den Gebeinen Waltgers durchzuführen. Schließlich im Chorraum gefundene Gebeine wurden als die Waltgers angesprochen und auf Betreiben der Reichsabtei vom Paderborner Bischof Imad erhoben. Die Elevation und Translation der Gebeine Waltgers durch Imad in das Herforder Münster kamen einer ortsgebundenen Kanonisation Waltgers gleich. Die Schaffung eines bedeutenden Waltger-Kultes ist in Herford jedoch niemals gelungen. Die Spur der erhobenen Reliquien verliert sich in der Reformationszeit.[6]

Neben der Wolderuskapelle erinnert in Herford heute noch die Waltgeristraße an den Stiftsgründer.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Bérenger: Müdehorst und Jostberg. Zwei Klosterkirchenruinen in Bielefeld. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg. Band 92, 2007, S. 7–26.
  • Ralf Dorn: Die Kirche des ehemaligen Damenstifts St. Marien und Pusinna in Herford. Petersberg 2006.
  • Caspar Ehlers: Die Integration Sachsens in das fränkische Reich. Göttingen 2007.
  • Gustav Engel: Um die Vita Waltgeri. In: Ravensberger Blätter. 1954.
  • Klemens Honselmann: Reliquientranslationen nach Sachsen. In: Victor Elbern (Hg.): Das erste Jahrtausend. Band 1, Düsseldorf 1962.
  • Martin Kroker: Kaiser, Könige und fromme Frauen. Das Reichsstift Herford in ottonischer, salischer und staufischer Zeit. In: Olaf Schirmeister (Hg.): Fromme Frauen und Ordensmänner. Klöster und Stifte im heiligen Herford. Bielefeld 2000, S. 77–126.
  • Rainer Pape: Der Sachse Waltger. Confessor christi. In: Herforder Jahrbuch. Band 24, 1988, S. 136–163.
  • Carlies Maria Raddatz: Vita sancti Waltgeri. Leben des heiligen Waltger. Die Klostergründungsgeschichte der Reichsabtei Herford. Münster 1994.
  • Hedwig Röckelein: Reliquientranslationen nach Sachsen im 9. Jahrhundert. Stuttgart 2002.
  • Hans Thümmler: Neue Forschungen zur mittelalterlichen Baukunst in Westfalen. In: Deutsche Kunst- und Denkmalpflege. Band 10, 1952, S. 97–105.
  • Hans Jürgen Warnecke: 789 und wie alles begann. In: Theodor Helmert-Corvey u.a. (Hg.): 1200 Jahre Herford. Spuren der Geschichte. Herford 1989.
  • Hans Jürgen Warnecke: Wodan und die Heeresfurt. Die Vorgeschichte der Gründung des Stiftes Herford und der Kirche in Dornberg. In: Beiträge zur Geschichte und Kulter der Germania Sacra. 1989.
  • Roger Wilmans: Die Gründung Herfords und die vita Waltgeri. In: Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen 777–1313. Band 1, Münster 1867, S. 275–318.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilmans (1867)
  2. Thümmler (1952), Bérenger (2007)
  3. etwa Ehlers (2007)
  4. Engel (1954)
  5. Pape (1988), Warnecke (1989), Raddatz (1994)
  6. Dorn (2006)