Waltraud Wende

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Waltraud Wende 2012

Waltraud „Wara“ Wende (* 19. November 1957 in Birkelbach) ist eine deutsche Germanistin, Kultur- und Medienwissenschaftlerin. Vom 12. Juni 2012 bis zum 12. September 2014 war sie auf Vorschlag der regierenden SPD parteilose Ministerin für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein im Kabinett Albig. Zuvor war sie von 2010 bis 2012 Universitätspräsidentin in Flensburg.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wende besuchte zunächst die Volksschule, wechselte dann zur Realschule in Erndtebrück und legte schließlich 1977 am Johannes-Althusius-Gymnasium in Bad Berleburg das Abitur ab. Anschließend studierte sie die Fächer Allgemeine Literaturwissenschaft, Germanistik, Geschichte, Pädagogik und Soziologie an der Universität Siegen. Nach dem Ersten Staatsexamen 1984 wurde sie 1989 in Germanistik mit einer Dissertation zum Thema Ein neuer Anfang – Schriftsteller-Reden zwischen 1945 und 1949 promoviert.

Wissenschaftliche Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1989 bis 1994 arbeitete sie als Redakteurin der vom Rektor der Universität Siegen herausgegebenen interdisziplinären Zeitschrift Diagonal, später war sie auch Mitherausgeberin der Zeitschrift. Parallel dazu verfasste sie eine Habilitationsschrift, die 1995 unter dem Titel Goethe-Parodien – Zur Wirkungsgeschichte eines Klassikers vom späten achtzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart erschienen ist. Nach der Habilitation wurde sie an der Universität Siegen zur Hochschuldozentin ernannt. Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit in Siegen engagierte sie sich im Studium fundamentale der privaten Universität Witten/Herdecke.

Im Jahr 2000 erhielt sie – nach einer Gastprofessur an der Universität Kassel – den Lehrstuhl für deutschsprachige Literatur, Kultur und Medien an der Reichsuniversität Groningen (Niederlande). Im Jahr 2005 unterbrach sie ihre Lehrtätigkeit in Groningen, um eine Gastprofessur an der Universität Mainz wahrzunehmen. Beendet wurde die Zeit in den Niederlanden mit ihrer Wahl zur Präsidentin der Universität Flensburg (2010 bis 2012). Seit dem 12. Juni 2012 war sie parteilose Ministerin für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein.

Von 2006 bis 2012 hatte Wende die verantwortliche Projektleitung des niederrheinischen Kabarettpreises Das schwarze Schaf inne. Sie gehört sowohl der Zulassungjury wie der Endjury des Preises an.[1] Dem Aufsichtsrat der Verbraucherorganisation foodwatch gehörte sie von 2008 bis 2012 an. Im Jahr 2009 berief das Bundesministerium für Bildung und Forschung sie in das Kuratorium der Volkswagenstiftung. 2010 wurde sie vom Außenministerium in den Lenkungsausschuss des Deutsch-Niederländischen Forums berufen. Seit 2011 ist sie Jurymitglied des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Politische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 2014 begann sie als Ministerin des Landes damit, das Schulwesen Schleswig-Holsteins neu auszurichten. Während der Debatten innerhalb dieses Prozesses erklärte sie -dabei den Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagogen Hans Wocken zitierend [2]: „Die Sonderschule, auch wenn sie euphemistisch als Förderzentrum bezeichnet wird, reduziert Teilhabechancen. Sie – die Sonderschulen beziehungsweise die Förderzentren – gelten in der öffentlichen wie in der wissenschaftlichen Diskussion als Einrichtungen mit kränkenden, belastenden, beschämenden, erniedrigenden Wirkungen, mit Stigmatisierungen.“ Auf Grund dieses Wocken-Zitats geriet sie erstmals massiv in die öffentliche und oppositionelle Kritik. Der CDU-Landtagsfraktion war es gelungen, die „eindeutige Kritik an institutioneller Separieren“[3] als Angriff auf die Arbeit der Sonderpädagogen zu interpretieren. Kurz darauf entschuldigte sie sich vor dem Landtag für die Verwendung dieses Satzes und ging dabei von einem Missverständnis aus. Die Opposition ließ die Angelegenheit daraufhin auf sich beruhen. Zuvor hatte sie sich schon bei den Lehrern bei einem Treffen des Verbandes Sonderpädagogik entschuldigt.[4]

Sie organisierte schul- und hochschulpolitische Bildungskonferenzen Schleswig-Holsteins. Die Regionalschulen (als organisatorische Verbindung von Haupt- und Realschulen) wurden abgeschafft und die Zweigliedrigkeit des Schulsystems (bestehend aus Gemeinschaftsschulen und Gymnasien) wurden eingeführt. Hierbei befürchtet die Opposition die faktische Einführung der Einheitsschule durch entsprechende Umstellungen der Lehrerausbildung und Lehrerbesoldung.[5]

Sie erweiterte die Möglichkeiten einiger Gemeinschaftsschulen des Landes durch Einrichtung von zusätzlichen Oberstufen, womit diese das Recht erhielten, das Abitur zu vergeben.

Da „Ziffernnoten weder objektiv noch differenziert und leistungsmotivierend“ seien, schaffte sie in den Sommerferien 2014 die Benotung in den Grundschulen flächendeckend ab. An die Stelle von Benotungen in Form von Ziffern treten Kompetenzraster und Berichtszeugnisse, was so ähnlich auch bei Arbeitszeugnissen üblich ist. Die traditionelle Benotung ist seitdem nur mehr möglich, wenn die Schulkonferenz einer Schule eine solche beschließt. Auch die Schulübergangsempfehlungen wurden per Ministerverordnung abgeschafft und durch Entwicklungsberichte verbunden mit einem verbindlichen Elterngespräch ersetzt.[6] Zudem soll in Zukunft die klassische Benotung bis zur achten Klasse und wohl auch darüber hinaus abgeschafft werden.[7] Der Beschluss trat zum 1. August 2014 in Kraft.[8]

Wendes hochschulpolitische Ziele waren, die Vorlesungszeiten von Universitäten und (Fach-)Hochschulen zu synchronisieren und forschungsstarken (Fach-)Hochschul-Professoren das Promotionsrecht zu geben. Außerdem strebte sie die bauliche Sanierung des Universitätsklinikums in einem ÖPP-Verfahren sowie eine Neuorganisation der Hochschulmedizin, die in Schleswig-Holstein sowohl in Kiel wie in Lübeck angeboten wird, an.

Ihre Reform der universitären Lehrerausbildung mit mehr angestrebtem Praxisbezug sowie der Vereinheitlichung der Lehrerausbildung durch Einstellung der Spezialausbildung von Gymnasiallehrern war im Frühjahr 2014 Gegenstand heftiger Kritik. Neben der Opposition wurde sie dabei auch von ihrer sozialdemokratischen Vorgängerin Ute Erdsiek-Rave hinsichtlich der Art ihres Vorgehens kritisiert.[9]

Wende geriet zudem Mitte Juni 2014 im Zusammenhang mit ihren Forderungen nach einer Rückkehroption an die Universität Flensburg in die öffentliche sowie die oppositionelle Kritik. Wende soll dabei unter anderem massiv an der Entstehung eines Präsidiumsbeschlusses mitgewirkt haben, der – nach Ende ihrer politischen Karriere – eine Rückkehr an die Universität absichern sollte. Der amtierende Präsident der Universität Flensburg Werner Reinhart erklärte dazu: „[Waltraud Wende] hat den sehr ausgeprägten Wunsch nach finanzieller Sicherheit und politischer Unabhängigkeit geäußert.“[10] Neben Reinhart hatten die besagte Klausel der Senatsvorsitzende Uwe Danker, der Kanzler der Universität Frank Kupfer sowie der Vizepräsident Stephan Panther unterzeichnet. Uwe Danker erklärte darüber hinaus, dass Waltraud Wende den Wunsch nach einer Absicherung nachhaltig vorgetragen habe, dass sie jedoch keinen Druck ausgeübt habe.[10] Die Vereinbarung wurde von der Presse als rechtswidrig, interpretiert, so z.B. im Flensburger Tageblatt.[11] Die Vereinbarung wurde von der Universität storniert.[10] Der öffentlich gewordene E-Mail-Verkehr der Vorgänge belastete abermals die Koalition.[12] In Folge der Presseberichterstattung kam es zu einer Prüfung des Sachverhaltes durch die Kieler Staatsanwaltschaft, die offenbar im Juni 2014 begann.[13] Am 25. August 2014 wurden ihre Privaträume, die Universität Flensburg, das Bildungsministerium und die Staatskanzlei durchsucht, da die Staatsanwaltschaft wegen eines Anfangsverdachts ermittelt.[14]

Sie trat am 12. September 2014 als Ministerin zurück.[15][16] Bekannt gegeben wurde der Rücktritt von der Staatskanzlei Schleswig-Holstein erst drei Tage später. Im Oktober 2016 wurden die Ermittlungen gegen sie eingestellt. Die Kieler Staatsanwaltschaft begründete dies damit, dass keine für eine Anklageerhebung erforderliche „überwiegende Verurteilungswahrscheinlichkeit“ vorliegt.[17]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein neuer Anfang? Schriftsteller-Reden zwischen 1945 und 1949. (Dissertation) Stuttgart (Metzler) 1990
  • Gerhart Hauptmanns „Der Narr in Christo“ – Eine religions- und gesellschaftskritische Romananalyse. Frankfurt a. M. (Lang) 1990
  • Goethe-Parodien. Zur Wirkungsgeschichte eines Klassikers vom späten achtzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart. (Habilitation) Stuttgart und Weimar (Metzler) 1995, 2., unveränderte Neuauflage, 1999
  • Literatuurwetenschap als mediacultuurwetenschap. Voorstellen voor een vernieuwing van het vak. Oratie. Groningen (Universitätsverlag) 2002
  • Kultur – Medien – Literatur. Literaturwissenschaft als Medienkulturwissenschaft. Würzburg (Königshausen und Neumann) 2004
  • Filme, die Geschichten erzählen. Zur Darstellbarkeit der Historie im Film. Würzburg (Königshausen und Neumann) 2011

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Großstadtlyrik. Reclam, Stuttgart, 1999, unveränderte Neuauflage 2003
  • Dada Zürich. Texte, Manifeste und Dokumente. Reclam, Stuttgart, 1992, unveränderte Neuauflagen 1998 und 2006
  • Nora verläßt ihr Puppenheim. Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur ästhetischen Innovation. Metzler, Stuttgart und Weimar, 2000
  • Geschichte im Film. Mediale Inszenierungen des Holocaust und kulturelles Gedächtnis. Metzler, Stuttgart und Weimar, 2002
  • Krieg und Gedächtnis. Ein Ausnahmezustand im Spannungsfeld kultureller Sinnkonstruktionen. Königshausen & Neumann, Würzburg, 2005
  • Der Bologna-Prozess und die Veränderungen in der Hochschullandschaft. Synchron Verlag, Heidelberg, 2007
  • Wie die Welt lacht – Lachkulturen im Vergleich. Königshausen & Neumann, Würzburg, 2008
  • Krisenkino: Filmanalyse als Kulturanalyse – Zur Konstruktion von Normalität und Abweichung im deutschen Spielfilm. transcript, Bielefeld, 2010

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Schwarze Schaf: Gremium. Archiviert vom Original am 5. Dezember 2013, abgerufen am 27. Juli 2014.
  2. [vgl. Hans Wocken: Frei herumlaufende Irrtümer. Eine Warnung vor pseudoinklusiven Betörungen, pdf. www.schule-mv.de; S. 7 und S. 9, abgerufen am 15. April 2017]
  3. [Brigitte Schumann: Die Rolle der Sonderpädagogik in Zeiten inklusiver Bildung. www.zedis-ev-hochschule-hh.de; S. 5; abgerufen am 15. April 2017]
  4. Wende entschuldigt sich für Äußerungen zu Förderzentren. Hamburger Abendblatt, 10. April 2014, abgerufen am 28. Juli 2014.
    Gerrit Hencke: Ministerin in der Kritik: Waltraud Wende: In acht Schritten zur Demontage. Flensburger Tageblatt, 20. Juni 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  5. Lehrerbesoldung: Streit um Finanzierung des Einheitslehrers. dpa-Artikel im Flensburger Tageblatt, 26. Juni 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
    Lehrerausbildung in SH: Reform beschlossen: Der Einheitslehrer kommt. dpa-Artikel im Flensburger Tageblatt, 10. Juli 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
    Widerstand gegen Einheitslehrer: Lehrerverbände torpedieren Reform. dpa-Artikel im Flensburger Tageblatt, 22. Mai 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  6. Ministerin Wende schafft Noten an Grundschulen ab. dpa-Artikel im Hamburger Abendblatt, 25. Juli 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  7. Matthias Iken: Wie Torsten Albig seine Wiederwahl gefährdet. Hamburger Abendblatt, 28. Juli 2014, abgerufen am 20. Juli 2014
  8. Notenfreie Grundschule ab August. (Memento vom 25. Juli 2014 im Internet Archive) Norddeutscher Rundfunk, 24. Juli 2014; abgerufen am 1. August 2014
  9. Kritik an Ministerin Wende von einer Amtsvorgängerin. Flensburger Tageblatt, 28. April 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  10. a b c Carlo Jolly: Rückkehr-Option: Uni Flensburg: Wie viel Druck übte Wende aus? Flensburger Tageblatt, 21. Mai 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  11. Carlo Jolly: Rückkehr-Option: Uni Flensburg: Wie viel Druck übte Wende aus? Flensburger Tageblatt, 21. Mai 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  12. Ulrich Exner: Bildungsministerin stürzt Kiels Koalition in Krise. Die Welt, 21. Juni 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  13. Keine Strafanzeige, Staatsanwaltschaft prüft im Fall Wende. dpa-Artikel in der Kieler Nachrichten, 20. Juni 2014, abgerufen am 28. Juli 2014
    Rückkehroption an Uni Flensburg: Waltraud Wende beschäftigt Staatsanwaltschaft. dpa-Artikel im Flensburger Tageblatt, 13. Juli 2014; abgerufen am: 28. Juli 2014
  14. Bastian Modrow: Großeinsatz in Kiel: Razzia bei Ministerin Wende. Kieler Nachrichten, vom 25. August 2014, abgerufen am: 25. August 2014
    Rückkehroption an Uni Flensburg: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Waltraud Wende. Flensburger Tageblatt, vom 25. August 2014, abgerufen am 25. August 2014
  15. Landesregierung: Kieler Bildungsministerin Wende tritt zurück. SHZ Online, vom 15. September 2014
  16. Bildungsministerin Wende zurückgetreten. Staatskanzlei Schleswig-Holstein, 15. September 2014
  17. Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag: Korruptionsverdacht: Verfahren eingestellt – Waltraud Wende kritisiert Justiz, vom: 13. Oktober 2016