Warenlehre

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Definitionen von Waren

Die Warenlehre / Warenwissenschaft ist ein Generalismus, der sich der Komplexität von „Ware“ widmet. Sie befasst sich transdisziplinär mit der Untersuchung der gesamtwirtschaftlichen Funktion der Waren und fachdidaktisch mit der Vermittlung von Orientierungswissen in den beruflichen Fach- und Oberschulen.

Die Warenwissenschaft begreift die Ware als Wirtschaftsgegenstand insgesamt und geht von einem naturwissenschaftlichen Zugang zur Realökonomie aus. Die Warenlehre unterscheidet in der Abfolge zwischen Naturwert als physische Ressourcen, den Gebrauchswerten und Tauschwerten im Sozialwert der Waren. Sie betrachtet die Ware als Gesamtheit der Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, die als Gegenstand des Handels und als Gegenbegriff zu Geld in Betracht kommen.

Die Ganzheitlichkeit der Fachausrichtung fokussiert auf den vom physischen Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ausgehenden biologischen und kulturellen Zweck der Ware. Diesen Ansatz der Verbindung zwischen Wirtschaft und deren Umwelt hat Nicholas Georgescu-Roegen (1906–1994) als „Bioeconomics“ bezeichnet.

Warenlehre und Warenkunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der naturwissenschaftlich orientierten Warenlehre gilt Viktor Pöschl (1884–1948) mit seinem Hauptwerk „Prinzipien natürlicher Ordnung in Technik und Wirtschaft“ (1947) als richtungsweisend. Die Warenlehre dient dem theoretischen Rahmen der Warenkunde.

Die Warenkunde baut auf den Naturwissenschaften auf und benutzt zur Beschreibung der Waren die in der Naturgeschichte üblichen Fachausdrücke. Da die Waren unmittelbar oder mittelbar den drei Naturreichen entstammen, pflegt die Warenkunde die Waren aus dem Pflanzenreich, dem Tierreich und dem Mineralreich zu unterscheiden. Die Warenlehre begreift die Ware als lebensdienliche Mittel zur Bedürfnisbefriedigung und fasst die wichtigsten Warengruppen analog zur Biologie nach den Gesichtspunkten des Gebrauchswertes zu Warenkategorien zusammen: Warenart, Warengattung, Warenfamilie (als Unter- u. Obergruppen) und Warenordnung (Warenbereiche: Gebrauchs- und Verbrauchswaren).

Die Warenlehre ist ganzheitlich angelegt, von den natürlichen Ressourcen ausgehend behandelt sie die Waren in deren „Life-Cycle“ von der Produktion über den Konsum bis hin zur Entsorgung. Zum Warenkreislauf erfasst die allgemeine Technologie der Ware die Wechselbezüge von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Im Konzept geht die Umweltorientierung der Warenwissenschaft auf Artur Kutzelnigg und die „Biologie und Warenlehre“ auf den Ordinarius für Warenwissenschaft Josef Hölzl zurück.

Integrationsfach an den kaufmännischen Schulen Österreichs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich ist die Warenlehre an den kaufmännischen Schulen im Gegenstand „Biologie, Ökologie und Warenlehre“ ein integratives naturwissenschaftliches Fach. In der Lehrplanreform 2014 wurde der Gegenstand umbenannt.[1] In den Handelsschulen wird 3 Jahre lang der Gegenstand Angewandte Naturwissenschaften und in den Handelsakademien wird der Gegenstand Naturwissenschaften in den ersten 4 Jahrgängen und Technologie, Ökologie und Warenlehre im 5. Jahrgang unterrichtet. Darüber hinaus können in Seminaren, Freigegenständen und Unverbindlichen Übungen Vertiefungen in Teilbereichen des Faches vermittelt werden. Handelsschule - Lehrplan 2014,[2] Handelsakademie - Lehrplan 2004 (auslaufend),[3] Handelsakademie - Lehrplan 2014.[4]

Im Unterschied zur Warenwirtschaftslehre (= Wirtschaftliche Warenlehre) wird die physische Ökonomie, der naturwissenschaftliche Zugang zu den Waren und den Wirtschaftswissenschaften, betont. Die Warenlehre geht daher dort von dem Verhältnis aus, das zwischen dem Menschen und seiner Umwelt besteht, denn alle sozioökonomische Wertschöpfung basiert auf Natur. Stoffstromanalysen und Abfallwirtschaft sowie Energiestrombilanzen sind naturwissenschaftliche Anwendungen auf die Realökonomie. Die Warenlehre ist in Hinblick auf die Ressourcen eine wirtschaftsorientierte Humanökologie, in physischer Orientierung an der Ökonomie ein bioökonomisches Fach. Sie befindet sich an der Schnittstelle zwischen Natur- und Wirtschaftswissenschaften, in Reflexion gesellschaftlicher Naturverhältnisse hat die Warenlehre den Kontext zur Sozialen Ökologie.

Zur biologischen Bedeutung von Ware und Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesellschaft ist ein Teil der Biosphäre. Die Schnittstellen zwischen der Gesellschaft und der Biosphäre sind die „materia prima“ der Bioökonomik (so gedacht ist die biophysikalische und wirtschaftsphysiologische Grundbedeutung dieses Begriffs). Der Mensch strebt danach, sein Lebensumfeld und seine Lebensbedingungen optimal zu gestalten und seine Lebensfunktionen zu erhalten.

Die Sonderstellung des Menschen in der Biosphäre ist, dass er mithilfe von Politik seine Bedürfnisse zu befriedigen und das Überleben der Nachkommen zu sichern versucht. Die Fragen nach dem Einfluss von Macht und Politik auf die Produktion von Waren und das Wissen um die Praktiken verschiedener Akteure sind Gegenstand der Politischen Ökologie.

Die Bioökonomik ist eine im Interesse der Lebensfähigkeit transdisziplinäre Verbindung von Biologie und Ökonomie, die strukturellen Mittel zur Lebenserhaltung und Lebensqualität sind die Waren. Der Gebrauchswert der Ware ist dessen bio-kultureller Zusammenhang zur Gesundheit. Waren sind die (biologischen) Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, die als (kultureller) Gegenstand des Handels in Betracht kommen, insofern sind sie der (ökonomische) Gegenbegriff zu Geld.

Im Mittelpunkt der Wirtschaft steht der Mensch als Wirtschaftssubjekt, die Ware ist das Wirtschaftsobjekt: zu unterscheiden ist zwischen den funktionalen, institutionellen und gesamtwirtschaftlichen Interessen. Waren sind über deren materielle Beschaffenheit hinaus auch Wissensträger, die Problemlösungskapazität der Ware beruht auf der in sie investierten Information. Wirtschaftsethisch kommt der Ware – Lebensmittel und Mittel zum Leben – die integrative Aufgabe der sozioökonomischen Zukunftsfähigkeit und der biologischen Lebensfähigkeit zu: Biokratie ist ein Konzept, in dem die Ware als Prinzip des Wahrens im Kontext der Bioökonomie diskutiert wird. In der Dreiecksbeziehung Ökologie-Ökonomie-Gesellschaft ist die Warenlehre auf Grundlage naturverstehender Wirtschaftsweise als Nachhaltigkeitslehre anzusehen.

In ökologischer Sicht ist alles menschliche Wirtschaften eine durch Arbeit bewirkte Erweiterung des menschlichen Stoffwechsels: Die biologische Leistung und kulturelle Aufgabe der Wirtschaft ist die Erhaltung und Verbesserung der Qualität menschlichen Lebens. Das ist das primäre Sachziel der Wirtschaft; daran zu „verdienen“ ein sekundäres Formalziel. Die Warenlehre führt damit - in Unterscheidung zwischen Ökonomik und Chrematistik - zum Gegenstandsbereich der Verbraucherbildung. Der betriebswirtschaftliche Zugang zur Warenlehre ist die Warenwirtschaftslehre (engl.: Trade & Commerce), die sich an der Ware als Gegenstand des Handels (engl.: Commodity, Handelsware) am Tauschwert und dem Bedarf orientiert. An Warenbörsen werden fungible Naturprodukte gehandelt. Für die Wertschöpfung aus Naturprodukten ist das Stoffstrommanagement bedeutend. Im Weg von den Ressourcen zum Nutzen verbindet das Systemdenken die Warenlehre mit der lebensdienlichen Managementlehre.

Die ‚Ware’ als Wissenschaftsbegriff ist ein auch bio-ökonomischer Grundbegriff zur Nachhaltigen Wirtschaftslehre, der Ökosystemdienstleistungen und sonstige nicht monetarisierbaren Grundlagen lebensdienlichen Wirtschaftens einschließt: Beispielsweise sind Luft und Wasser keine geeigneten Handelswaren im Dienste von Nachhaltigkeit. 'Ware' als Oberbegriff ist umfassender wie ‚Produkt’ oder ‚Gut’; in sozialwissenschaftlicher Terminologie werden Wasser und Luft als 'öffentliche Güter' angesehen. Im „gesellschaftlichen Stoffwechsel“ betrifft die Warenlehre die Wirtschaftsphysiologie.

Begriffe der Warenlehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der Entmaterialisierungstendenzen der Realökonomie ist die strikt materielle Auffassung von „Ware“, so wie sie – auch noch wirtschaftswissenschaftlich – tradiert wird, de facto überholt. In der Warenlehre geht es um die Substanz der Wirtschaft.

Die Begriffe Ware, Gut und Produkt sind aufgrund der unterschiedlichen Betrachtungshorizonte von Biosphäre, Gesellschaft und Markt nicht synonym. Deren Unterscheidung beruht insbesondere auf:

  • der Unterscheidung von Ware und Produkt, d. h. von Bedürfnis (Biokybernetik) und Bedarf (Kaufkraft auf Märkten);
  • der Unterscheidung von Ware (die Wirkung : Bedürfnisbefriedigung) und Gut (die Leistung : Tausch);
  • dem Gesamtblick in der Warenlehre (die Ware als Oberbegriff ist der Gegenstand des Wirtschaftens).

Die ganzheitliche Bedeutung der Kategorie „Ware“ hat als Begriff im Englischen keine Entsprechung. Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist die wissenschaftliche Tradition und Weiterentwicklung der Warenkunde/Warenlehre nicht vertreten. Technologie ist nicht gleichbedeutend mit englisch „technology“. Der anglo-amerikanische Begriff „commodities“ (frz.: „commodité“, von lat.: „commoditas“) reduziert die Bedeutung von Ware auf die Käuflichkeit. Aufgrund von Verengungen am ökonomischen Denkrahmen wendet sich die sozialwissenschaftliche Kritik gegen die Kommodifizierung allen Lebens. Das Verstehen der Zusammenhänge von Ware und Wirtschaft als Ganzes setzt naturwissenschaftliches Wissen voraus.

Die aus der Warenkunde hervorgegangene Warenwissenschaft betrachtet das Phänomen „Ware“ interdisziplinär in den evolutionären Wechselwirkungen von Technik, Wirtschaft und Umwelt. Sie reflektiert die sozialen, ökonomischen wie auch ökologischen Hintergründe der Genese von „Ware“. Deren Ontologie ist eine sozialökologische Verschränkung aus Materie, Energie und Information.

Wesentlich ist, dass die systemtheoretische Auffassung von „Ware“ unter dem Paradigma der Nachhaltigkeit viel umfassender ist wie die strikt warenwirtschaftliche Begriffsbestimmung. Aus der Sicht der Evolutionsökonomik sind die „Waren“ exosomatische Strukturen eines größeren Ganzen, der Bioenergetik und Ökonomie des Lebendigen. Die „ökologische Modernisierung“ zielt auf Geosoziologie, eine tragfähige Ko-Evolution der Gesellschaft mit der Biosphäre.

Die Warenlehre ist für die physischen Grundlagen der ökologischen Ökonomie von Bedeutung. Das sozialökologische Umweltproblem ist ein Problem zunehmender Entropie, insbesondere ein bioökonomischer Mangel an Information (Negentropie). Als physischer Zustand niedriger Entropie ist die Ware das ökonomische Äquivalent zum Geld.

Anfänge enzyklopädischer Erfassung des Warenwissens gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. Im 18. Jahrhundert wurde unter „Enzyklopädie“ zunehmend als ein System der Wissenschaften verstanden. Der Beginn der Warenkunde/Warenlehre fällt in die Epoche der Physiokratie, welche in der Natur die Quellen wirtschaftlichen Vermögens sah. Das Fach hat die naturwissenschaftliche und ökonomische Perspektive der Ware zugleich im Blick und ist seit der Regentin Maria Theresia im kaufmännischen Schulwesen Österreichs tradiert.

Mit Änderung der österreichischen Rechtsvorschriften für die Lehrpläne an Handelsakademien und Handelsschulen wurde die „Warenlehre“ als integrativer Bestandteil von „Naturwissenschaften“ verordnet und wird im Schulabschlussjahr zu „Technologie, Ökologie und Warenlehre“ zusammengefasst (BGBl. II Nr. 209/2014).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachartikel

Fachtheoretischer Hintergrund

  • Ernst Kapp: Grundlinien einer Philosophie der Technik. 1. Auflage. Braunschweig 1877. (Photomechanischer Neudruck: Stern-Verlag Janssen & Co, Düsseldorf 1978)
  • Ernst Mach: Kultur und Mechanik. Verlag W. Spemann, Stuttgart 1915. – Neudruck: Westhafen Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-942836-07-4.
  • Viktor Pöschl: Prinzipien natürlicher Ordnung in Technik und Wirtschaft. Eine Einführung in die Wirtschaftswissenschaft, insbesondere in die Technologie und Warenkunde. Ferdinand Enke, Stuttgart 1947.
  • Wilhelm Ostwald: Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft. Klinkhardt, Leipzig 1909. (Reprint: BiblioLife LCC, 2009).
  • Alfred J. Lotka: Elements of Physical Biology. Williams & Wilkins Company, Baltimore 1925. (Reprint: Nabu Press, 2011).
  • Erwin Schrödinger: Was ist Leben? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet. (Originaltitel: What is Life?, 1944). Piper, München/ Zürich 1989.
  • Ludwig von Bertalanffy: General System Theory: Foundations, Development, Applications. George Braziller, New York 1968. (Revised Edition, With a Foreword by Wolfgang Hofkirchner & David Rousseau, 2015)
  • Rupert Riedl: Die Ordnung des Lebendigen, Systembedingung der Evolution. Verlag Paul Parey, Hamburg/ Berlin 1975.
  • Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 1971.
  • Gerhard Vogel: Der Beitrag der Ressourcenökonomie zur Minimierung der Entropieproduktion der irreversiblen Wirtschaftsprozesse im offenen System Erde. Habilitationsschrift. Wirtschaftsuniversität Wien, 1982.
  • Kenneth E. Boulding: Commodities as an Evolutionary System. In: Evolutionary Economics. 2. Auflage. Sage Publications, Beverly Hills/ London 1982, ISBN 0-8039-1648-5, S. 49–81.
  • Hans Hass: Energon. Das verborgene Gemeinsame. Verlag Fritz Molden, Wien 1970.
  • Hans Hass: Die Hyperzeller. Das neue Menschenbild der Evolution. Carlsen Verlag, Hamburg 1994.
  • Hans Sachsse: Einführung in die Kybernetik unter besonderen Berücksichtigung von technischen und biologischen Wirkungsgefügen. Vieweg, Braunschweig 1971.
  • Hans Sachsse: Anthropologie der Technik. Ein Beitrag zur Stellung des Menschen in der Welt. Vieweg, Braunschweig 1978.
  • Frederic Vester: Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1980
  • Frederic Vester: Unsere Welt – ein vernetztes System. Begleitbuch zur internationalen Wanderausstellung (1978–1996). dtv, München 2002.
  • Joël de Rosnay: Das Makroskop. Systemdenken als Werkzeug der Ökogesellschaft. Rowohlt, Reinbek 1979.
  • Hans Ulrich, Gilbert Probst: Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Handeln. Haupt, Bern/ Stuttgart 1988.
  • Heinz von Foerster : KybernEthik. Merve Verlag, Berlin/ Schöneberg 1993, ISBN 3-88396-111-6.
  • Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie. Haupt-Verlag, Berlin/ Stuttgart/ Wien 1997.
  • Carsten Herrmann-Pillath: Grundriss der Evolutionsökonomik. Wilhelm Fink Verlag, München 2002.
Fachdidaktik

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lehrplan der Handelsakademie, BGBl. II Nr. 209, ausgegeben am 27. August 2014, Anlage A1
  2. Lehrplan der Handelsschule, BGBl. II Nr. 209/2014
  3. Lehrplan der Handelsakademie, BGBl. II Nr. 291/2004 (auslaufend!)
  4. Lehrplan der Handelsakademie, BGBl. II Nr. 209/2014