Warlord

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Warlord (Begriffsklärung) aufgeführt.

Der englische Begriff Warlord (Lehnübertragung von chinesisch 军阀, Pinyin jūnfá[1]) bezeichnet einen militärischen Akteur, der die Kontrolle über ein begrenztes Gebiet übernommen hat, das der Staatsgewalt entglitten ist, insbesondere in einem durch Bürgerkrieg geschwächten oder gescheiterten Staat.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wurde in dieser Bedeutung ursprünglich im Kontext der Ersten Chinesischen Republik (1912–1949) geprägt, in der weite Teile Chinas von konkurrierenden lokalen Machthabern kontrolliert wurden, die die Autorität der formell existierenden Zentralregierung in Nanjing nicht oder nur bedingt anerkannten.[2] Gegen Ende der 1990er Jahre wurde der Begriff wiederbelebt und wird heute vor allem im Zusammenhang mit Krisenherden in Afrika und der Großregion Nahost-Mittelost (insbesondere Afghanistan) gebraucht.[3]

Die Stellung eines Warlords beruht in der Regel nicht auf formalen Vollmachten, sondern auf der Möglichkeit, aufgrund der ihm geltenden Loyalität bewaffneter Verbände Macht bzw. Herrschaft auszuüben. Charakteristisch ist daher eine hohe Instabilität, da es einem warlord letztlich an Legitimität mangelt und er aus diesem Grund in hohem Maße von (meist militärischen) Erfolgen und Machtdemonstrationen abhängig ist. Ein solcher warlord ist daher nicht mit einem „Feldherrn“, einem Kommandeur einer großen regulären Truppe, zu verwechseln. Warlords sind oft vor allem auf die lokale Kontrolle und Sicherung ihres Machtbereiches bedacht.

Ein Warlord kann nur dann seine Position erreichen, wenn das Gewaltmonopol des Staates (zumindest lokal) zusammenbricht. Diese Situation tritt oft im Zusammenhang mit Bürgerkriegen auf; aber auch der Fall eines Machtvakuums, etwa nach einem Krieg oder dem Abzug von Besatzungstruppen, schafft die Bedingungen, unter denen Warlords möglich werden. Bei Erfolg entwickeln sie sich unter Vernachlässigung ursprünglicher Ziele regelmäßig zu „Gewaltunternehmern“ (Georg Elwert). Elwert hat demgemäß das Aufkommen von Warlords unter dem Gesichtspunkt der Entstehung von „Gewaltmärkten“ in „zerfallenden Staaten“ untersucht.[4]

Warlords in der ersten chinesischen Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im China der Ersten Republik (1912–1949) waren diese Warlords in der Regel im Beamtenapparat aufgestiegene Angehörige des niederen Landadels, die insbesondere in der Republik-Zeit (Herrschaft der Nationalpartei, chin. Guomindang, 1912–1949) als Gouverneure mehr oder weniger selbständig und mit eigener Hausmacht über Provinzen oder Teilgebiete Chinas herrschten.[5] So herrschten z. B. Liu Wenhui über Sichuan, die Provinz, die sich östlich an Tibet anschließt, und der muslim-chinesische Hui-Gouverneur Ma Bufang in Amdo / Qinghai. Als eigentliche Periode der Warlords gelten die Jahre 1916–1927. Nach dem Tod des chinesischen Diktators Yuan Shikai zerfiel die Autorität der Zentralregierung dermaßen, dass sie faktisch auf die Kontrolle der Hauptstadt Peking beschränkt war. Derjenige Warlord, der Peking dominierte, stellte somit auch die Zentralregierung. Mit dem Nordfeldzug der Guomindang 1927 einigte Chiang Kai-shek das Land zwar formell unter der neuen nationalchinesischen Regierung in Nanjing. Faktisch wechselten aber viele Warlords einfach die Seiten anstatt wirklich militärisch besiegt zu werden. Bis zu Beginn des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 gelang es der Nationalregierung nur begrenzt die lokalen Machthaber unter Kontrolle zu bringen. Diese reagierten auf derartige Versuche immer wieder mit Aufständen, und der Warlord Zhang Xueliang, auch als „Junger Marschall“ bekannt, unternahm es am 12. Dezember 1936 gar, den Staatspräsidenten Chiang Kai-shek zu entführen.

Warlords in der Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der gegenwärtigen Diskussion bezeichnet „Warlord“ eine Person, die militärische wie zivile Kontrolle über ein Territorium besitzt. Diese Kontrolle ist nicht politisch legitimiert, sondern gestützt auf bewaffnete Einheiten, die nur dem Warlord gegenüber loyal sind. Das Auftreten von Warlords ist besonders in gescheiterten Staaten häufig zu beobachten. Beispiele für von Warlords dominierte Länder in der jüngsten Geschichte sind Somalia (Mohammed Farah Aidid, Ali Mahdi Mohammed) seit 1991, Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, der Sudan, Syrien und Libyen. Aber auch andere Länder der Dritten Welt kennen Warlords, wenn auch in geringerem Ausmaße.

Ein Warlord beherrscht als „Gewaltunternehmer“[6] und alleiniger Machtinhaber ein mehr oder weniger regional abgegrenztes Gebiet, das sich innerhalb eines Staatsgebietes befindet. Dies ist nur möglich, wenn der Zentralstaat einem Warlord Autonomie zugesteht oder vielmehr nicht in der Lage ist, das staatliche Gewaltmonopol gegenüber dem Warlord durchzusetzen. Darum findet man Warlords oft in Krisen- bzw. Bürgerkriegsregionen.

Spätantike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der neueren historischen Forschung werden von einigen angelsächsischen Autoren wie zum Beispiel Penny MacGeorg und Stuart Laycock im Rahmen der Betrachtung des zusammenbrechenden weströmischen Reichs in der ausgehenden Spätantike mehrere römische und nichtrömische Machthaber als „Warlords“ bezeichnet. Mit diesem an sich anachronistischen Begriff soll vor allem zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich um keine rechtlich legitimierte, sondern um eine faktisch rein auf militärische Macht basierte Herrschaftsausübung handelte und diese Personen auch nicht etwa als Gegenkaiser auftraten, sondern sich anfangs in die Matrix der römischen Staatlichkeit einzuordnen suchten, indem sie etwa den Rang eines Heermeisters beanspruchten.

Im 5. Jahrhundert kam es in Westrom aufgrund der zunehmenden Schwäche der kaiserlichen Zentralgewalt[7] zur Etablierung von lokalen Machthabern, die illegitim und auf militärische Macht gestützt Herrschaft in begrenzten Territorien des zusammenbrechenden Reiches ausübten. Darunter sind Römer wie Aegidius (gest. 464), Marcellinus (gest. 468) und Syagrius (~464 bis ~486),[8] aber auch Nichtrömer wie Geiserich und Chlodwig[9] zu nennen, wobei letztere teils auch gleichzeitig als Heerkönige angesehen werden; hinzu kamen regionale Kleinkönige, wie insbesondere in Britannien.[10] Einigen von ihnen gelang es, nach dem Zusammenbruch Westroms stabile Reiche zu bilden: aus diesen spätantiken warlords wurden schrittweise mittelalterliche Könige.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kimberly Marten: Warlordism in Comparative Perspective. In: International Security 31/3, 2006/2007, S. 41–73.
  • Michael Riekenberg: Warlords. Eine Problemskizze. In: Comparativ, Nr. 5/6, 1999, S. 187–205.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oxford English Dictionary, 2. Auflage, 1989. s. v. warlord, Bed. 2.
  2. Vgl. einführend David Bonavia: China's Warlords. Hong Kong 1995.
  3. Conrad Schetter: Kriegsfürstentum und Bürgerkriegsökonomien in Afghanistan. (PDF; 720 kB). In: Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Außenpolitik, AIPA 3/2004. S. 3 f. Abgerufen am 8. November 2010.
  4. Vgl. Georg Elwert: Markets of Violence. In: Georg Elwert, Stephan Feuchtwang, Dieter Neubert (Hrsg.): Dynamics of Violence. Processes of Escalation and De-Escalation in Violent Group Conflicts. Duncker & Humblot, Berlin 1999, S. 85–102.
  5. Edward A. McCord: The Power of the Gun. The Emergence of Modern Chinese Warlordism. Berkeley 1993 (online).
  6. bpb-Glossar
  7. Vgl. dazu Henning Börm: Westrom. Stuttgart 2013.
  8. Vgl. Penny MacGeorge: Late Roman Warlords. Oxford 2002.
  9. Bernhard Jussen: Chlodwig und die Eigentümlichkeiten Galliens. Ein Warlord im rechten Augenblick. In: Mischa Meier (Hrsg.): Sie schufen Europa. Historische Portraits von Konstantin bis Karl dem Großen. München 2007, S. 141–155.
  10. Vgl. Stuart Laycock: Warlords. The Struggle for Power in Post-Roman Britain. Stroud 2009.