Des Deutschen Vaterland

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Was ist des Deutschen Vaterland?

Des Deutschen Vaterland ist ein politisches Lied, das Ernst Moritz Arndt 1813 vor der Völkerschlacht bei Leipzig verfasste.

Entstehung und Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arndt schrieb das zugrundeliegende Gedicht Anfang 1813 in Königsberg, als er im Auftrag des Freiherrn vom Stein für eine Erhebung der Ostpreußen gegen Napoleon agitierte (siehe Ostpreußische Landwehr 1813). Unmittelbar darauf wurde das Gedicht in Flugblättern und an unterschiedlichen Druckorten weit verbreitet.[1] Arndt und vom Stein waren mit der russischen Armee im Januar 1813 aus St. Petersburg nach Königsberg gekommen, die von dort aus weiter nach Westen zog und im März 1813 in Berlin ankam, während die bestehende Zensur gegen politische Schriften weitgehend gelockert wurde.[2] Anlässlich des Sieges über Napoleon und des Einmarsches von Blüchers Truppen in Paris wurde das Lied 1814 erstmals in Berlin aufgeführt.

Im Text des Liedes stellt Arndt zunächst die deutsche Frage und fordert schließlich einen großdeutschen Nationalstaat, der alle deutschsprachigen Länder bzw. den deutschen Sprachraum Europas umfassen solle, auch Österreich und die Deutschschweiz. Dabei weist eine Strophe antifranzösische Tendenzen auf, was auf ihre Entstehung während der napoleonischen Besatzung (Franzosenzeit) und der hiergegen gerichteten Befreiungskriege zurückzuführen ist. Der Historiker Helmut Bock sieht im Text des Gedichts ein Dokument für den damaligen „deutschtümelnden Zeitgeist“, „der mit den weltbürgerlichen Humanitätsideen der Aufklärung brach“ und damit paradigmatisch den Ideologiewandel des 19. Jahrhunderts verkörpere.[3]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jenaer Student und Burschenschafter Johannes Cotta komponierte 1815 zu dem Gedicht eine Melodie, die bald in vielen Liederbüchern abgedruckt wurde und so für eine weite Verbreitung sorgte.[4] Diese Melodie fand jedoch beim Publikum wenig Anklang. Von den vielen Vertonungen des Liedes ist diejenige Gustav Reichardts heute am bekanntesten, die er 1826 in einer Sammlung von Männerquartetten veröffentlichte. Reichardt war die Melodie eingefallen, als er mit vier Freunden die Schneekoppe bestiegen hatte. Später ließ der Deutsche Sprachverein an der dortigen Kapelle eine Gedenktafel anbringen.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Historiker Thomas Vordermayer bezeichnet das zugrundeliegende Gedicht als Arndts bekanntestes.[5] Das Lied wurde ab 1815 vor allem durch den Abdruck in Kommersliederbüchern popularisiert und stieg insbesondere bei den Burschen- und Turnerschaften „zum patriotischen Volkslied Nr. 1“ auf, was es bei restaurativen Obrigkeiten wie der preußischen ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unbeliebt machte.[6] Das Lied wurde beispielsweise beim Hambacher Fest 1832 vom Festchor gesungen, sein Urheber immer wieder zur Beschwörung der deutsch-französischen Erbfeindschaft herangezogen.[7] Ab 1870 wurde das Lied in dieser Funktion durch Die Wacht am Rhein verdrängt.

Als August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) 1843 im Exil war, bezog er sich in seinem autobiographischen Lied vom deutschen Ausländer darauf. Zu Beginn schildert Hoffmann, als Knabe habe er sich kein Österreich und kein Preußen gewünscht, sondern ein einiges, großes Deutschland. Im Schweizer Exil „Sang er in Lieb’ und Zorn entbrannt: / Was ist des Deutschen Vaterland? / Ein Oesterreich, ein Preußen nur! / Von deutscher Freiheit keine Spur.“[8] Nach der gescheiterten Deutschen Revolution schrieb er am 28. April 1849 zur Melodie von Gute Nacht, gute Nacht, schöne Anna Dorothee die bissige Parodie mit dem Titel Vetter Michels Vaterland: „Sag, wo ist, sag, wo ist Vetter Michels Vaterland? […] Wo Belagerungszustand ein Recht ist / Und das Volk ein gehorsamer Knecht ist, / Da ist Vetter Michels Vaterland!“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz-Gerhard Quadt: Adolf Pompe, Gustav Reichardt, Charles Voss – Ein Beitrag zu Musikgeschichte in Pommern. In: Beiträge zur Geschichte Vorpommerns. Die Demminer Kolloquien 1985–1994. Thomas Helms, Schwerin 1997, ISBN 3-931185-11-7.
  • Sigrid Nieberle: »Und Gott im Himmel Lieder singt«: Zur prekären Rezeption von Ernst Moritz Arndts Des Deutschen Vaterland. In: Walter Erhart, Arne Koch (Hrsg.): Ernst Moritz Arndt (1769–1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven. German Nationalism – European Visions – American Interpretations (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 112). De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-092887-7, S. 121–136.
  • Helmut Bock: Was ist des Deutschen Vaterland? Zum 200. Gedenkjahr: 1813. In: Das Blättchen. Jg. 16, 2013, Nr. 21, 14. Oktober 2013. Abdruck aus ders.: Napoleon und Preußen. Sieger ohne Sieg. Karl Dietz, Berlin 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sigrid Nieberle: »Und Gott im Himmel Lieder singt«: Zur prekären Rezeption von Ernst Moritz Arndts Des Deutschen Vaterland. In: Walter Erhart, Arne Koch (Hrsg.): Ernst Moritz Arndt (1769–1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven. German Nationalism – European Visions – American Interpretations (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 112). De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-092887-7, S. 121–136, hier S. 124.
  2. Zu den zeithistorischen Umständen Karen Hagemann: Aus Liebe zum Vaterland. Liebe und Hass im frühen deutschen Nationalismus. In: Birgit Aschmann (Hrsg.): Gefühl und Kalkül. Der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts (= Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft. Beihefte. Bd. 62). Franz Steiner, Stuttgart 2005, S. 101–123, hier S. 108. Zur inhaltlichen Kontextualisierung von Arndts Schrift siehe Jörn Leonhard: Bellizismus und Nation. Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750-1914. R. Oldenbourg, München 2008, S. 261–264.
  3. Helmut Bock: Was ist des Deutschen Vaterland? Zum 200. Gedenkjahr: 1813. In: Das Blättchen. Jg. 16, 2013, Nr. 21, 14. Oktober 2013.
  4. Sigrid Nieberle: »Und Gott im Himmel Lieder singt«: Zur prekären Rezeption von Ernst Moritz Arndts Des Deutschen Vaterland. In: Walter Erhart, Arne Koch (Hrsg.): Ernst Moritz Arndt (1769–1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven. German Nationalism – European Visions – American Interpretations (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 112). De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-092887-7, S. 121–136, hier S. 124; Was ist des Deutschen Vaterland. In: Volksliederarchiv.de.
  5. Thomas Vordermayer: Die Rezeption Ernst Moritz Arndts in Deutschland 1909/10 – 1919/20 – 1934/35. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 58, 2010, Heft 4, S. 483–508, hier S. 499, Fn. 90 (PDF).
  6. Nils Grosch: Heil Dir im Siegerkranz! Zur Inszenierung von Nation und Hymne. In: Michael Fischer, Christian Senkel, Klaus Tanner (Hrsg.): Reichsgründung 1871: Ereignis, Beschreibung, Inszenierung. Waxmann, Münster, New York, München, Berlin 2010, ISBN 978-3-8309-2103-5, S. 90–103, hier S. 90 f.
  7. Helmut Bock: Was ist des Deutschen Vaterland? Zum 200. Gedenkjahr: 1813. In: Das Blättchen. Jg. 16, 2013, Nr. 21, 14. Oktober 2013.>
  8. „Das Lied vom Deutschen Ausländer“. In: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Deutsche Gassenlieder. Literarisches Comptoir, Zürich und Winterthur 1843, S. 33 (Online in der Google-Buchsuche).