Webstuhl

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Arbeit an einem Handwebstuhl
(mit fliegendem Schützen)
Modell eines vertikalen Gewichtswebstuhls
Arbeit am Pedal-Webstuhl

Ein Webstuhl ist eine mechanische Vorrichtung zur Herstellung von Geweben. Nach DIN ISO 5247-1 ist die Bezeichnung Webstuhl für eine von Hand getriebene Webeinrichtung vorbehalten.[1] In der Praxis benutzt man jedoch in der Umgangssprache und oft auch in der Fachliteratur den Ausdruck Webstuhl für alle Webeinrichtungen, einschließlich Webmaschinen.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hölzerne Webrahmen und einfache Webstühle sind bereits aus der Jungsteinzeit bekannt. Die Existenz von Webtechniken kann indirekt bereits für das 7. vorchristliche Jahrtausend bewiesen werden, da webmusterartige geometrische Wandbemalungen im türkischen Tell von Çatalhöyük stark an gewebte Kelims erinnern. Auch die ab etwa 6000 v. Chr. übliche Keramikbemalung, die sich von Anatolien über Südosteuropa (Sesklo-, Karanowo-, Vinča-Kultur) bis nach Mitteleuropa (Bandkeramik) ausbreitete, weist zumeist geometrische Muster auf, wie sie für Webtechniken typisch sind. Da an Fundstellen dieser Kulturen keine tönernen Webgewichte gefunden wurden, wird die Verwendung kleiner, mobiler Webrahmen angenommen. Die älteste Abbildung eines horizontalen Webrahmens ist als Ritzzeichnung auf der Innenseite einer Keramikschale vom Fundplatz Badari (Ägypten) erhalten und wird auf etwa 4400 v. Chr. datiert. Die Schale (Badari, Grab 3802) wird zusammen mit etwa gleich alten Leinresten im Londoner Petrie Museum of Egyptian Archaeology ausgestellt.[3]

Erst im Spätneolithikum kann – mit tönernen Webgewichten – für Mitteleuropa der archäologische Nachweis des Gewichtswebstuhls erbracht werden. Hier ist jedoch bislang unbewiesen, ob neben pflanzlichen Fasern bereits Wolle gewebt wurde.

Aus dem Mittleren Reich (2137–1781 v. Chr.) in Ägypten, das zeitlich etwa mit der Frühbronzezeit in Mitteleuropa übereinstimmt, gibt es aus dem Grab des Meketre eine Modellszene, die das Weben mit horizontalen Webrahmen zeigt.[4] Der Gewichtswebstuhl wurde allmählich von Hüftwebstühlen oder Hüftwebrahmen abgelöst. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde in China ein Webstuhl bekannt, an dem der Weber die Fach (Weberei) Webschäfte durch das Treten auf Pedalen beherrschte, die mit Schnüren verbunden sind.

Der „fliegende Schützen“ des Engländers John Kay hat im Jahre 1733 etwa die dreifache Leistung des Webstuhls (ca. 40 m Schuss pro Minute) gegenüber dem damaligen Standard gebracht. Das Schiffchen mit Schussgarn wird mit sogenannten Treibern durch das Webfach „geschossen“. Die Treiber befinden sich an beiden Seiten des Webstuhls im Schützenkasten, verbunden mit einer Schnurvorrichtung. Der Weber bringt durch einen ruckartigen Zug an der Schnur den Treiber in Bewegung.[5]

Edmond Cartwright hat im Jahr 1785 mit seiner Erfindung des sogenannten power loom die erste mechanisierte Webmaschine konstruiert. Die bisher ausschließlich verwendeten (Hand-)Webstühle wurden insbesondere in den Industrieländern verhältnismäßig schnell durch Webmaschinen ersetzt. (Ein fünfzehnjähriger Junge konnte angeblich zwei Webmaschinen bedienen und brachte so etwa die dreieinhalbfache Leistung gegenüber einem Handweber.)[6]

Aufbau eines Flachwebstuhls[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schema eines Flachwebstuhls. Die Walze rechts (a) ist der Kettbaum. Die Walze links (b) ist der Warenbaum, auf den das fertige Gewebe aufgerollt wird.

Bei einem Flachwebstuhl verlaufen die Kettfäden waagerecht. Die Kettfäden werden vom Kettbaum (a) abgewickelt und zum Warenbaum (b) transportiert. In der Mitte des Webstuhls sind zwei Schäfte (c) quer zu den Kettfäden angeordnet. Jeder Schaft besteht aus einer oberen und einer unteren waagerechten Tragschiene, die mit Drähten verbunden sind. An jedem Schaft ist eine Reihe von Litzen (f) senkrecht aufgehängt. Durch die sogenannten Augen (Öffnungen) in der Mitte der Litzen verlaufen die Kettfäden.

Durch die Mechanik wird jeweils ein Schaft angehoben und gleichzeitig der andere Schaft gesenkt. Mit den Schäften werden zugleich die Litzen und damit auch die Kettfäden auf und ab bewegt: Während ein Kettfaden angehoben wird, werden die benachbarten Kettfäden gesenkt. Dadurch wird die Kette (Gesamtheit der Kettfäden) gespreizt und bildet ein Fach für den Schützen (i), auch „Schiffchen“ genannt. Durch den Schuss mit dem Schiffchen wird der Schussfaden quer zu den Kettfäden eingetragen (anschauliches Video: siehe [7]).

Das Weberblatt (h) befindet sich zwischen den Schäften und dem Warenbaum. Nach jedem Schuss wird das Weberblatt in Richtung Warenbaum bewegt. Das Weberblatt drückt dadurch den neu eingetragenen Schussfaden an das schon fertige Gewebe an und presst die Fäden aneinander.

Eine ähnliche Darstellung desselben Aufbaus findet sich auch unter Aufbau und Funktionsweise einer einfachen Webmaschine.

Webstuhl im 3. Jahrtausend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pakistanische Gefängnisinsassen bei der Arbeit an Webstühlen (2010)
Handgewebter indischer Sari
Tonaufnahme eines Handwebstuhls
  • In einigen Entwicklungsländern sind immer noch mehr Handwebstühle als Webmaschinen für gewerbliche Zwecke im Betrieb. In Indien wurden im Jahr 2010 auf ca. 2,4 Millionen Handstühlen (über 80 % Anteil an der weltweiten Kapazität) mehr als 7 Milliarden m2 Gewebe produziert.[8] Neue Webstühle werden in Indien für etwa 1000 Euro angeboten.[9]
  • In Europa verbleiben nur noch Designer-Webwerkstätten für exklusive Erzeugnisse.[10]
  • Beschäftigung von Betreuten in karitativen und erzieherischen Anstalten.[11]
  • Privatpersonen betreiben Handweben als Hobby.[12]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. DIN ISO 5274 -1: Textilmaschinen und Zubehör – Webmaschinen – Einteilung und Begriffe, Mai 2005.
  2. Autorenkollektiv: Weberei-Technik, Arbeitgeberkreis Gesamttextil, Frankfurt/Main 1988, ISBN 3-926685-39-5, S. 0.02
  3. Barber: Prehistoric Textiles. Princeton University Press 1991, ISBN 0-691-00224-X.
  4. Abbildung des Modells im Grab des Meketre, Quelle: Website des UCL
  5. John Kay – Famous Inventor (englisch)
  6. Power Loom spartacus-educational.com (englisch)
  7. Wie funktioniert ein Webstuhl? Video mit anschaulicher Erläuterung, entstanden im LVR-Industriemuseum Euskirchen (Tuchfabrik Müller).
  8. Note on Handloom Sector Government of India, Ministry of Textiles, 30. Dezember 2015 (englisch)
  9. Angebote neuer Webstühle in Indien (Beispiel)
  10. Beispiel: Sakkomanufaktur in Hamburg, Teppichweberei in Basel
  11. Beispiel für Handweberei in einer sozialtherapeutischen Anstalt: Himmelschlüsselhof Texing/
  12. Beispiel für Handweben-Kurse

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Webstuhl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien