Weglaufhaus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Weglaufhaus ist ein Zufluchtsort für Menschen, die psychiatrische Behandlungen meiden wollen oder eine Alternative zur herkömmlichen psychiatrischen Behandlung suchen. In den 1970er Jahren entstanden in den Niederlanden erste „Wegloophuizen“ durch die Gekkenbeweging (deutsch etwa ‚Verrückten-/Irren-Bewegung‘), Selbsthilfegruppen von Psychiatriepatienten und ehemaligen Psychiatriepatienten.[1][2]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertreter der Antipsychiatrie behaupten, ein Kontakt mit der Psychiatrie beinhalte immer das Risiko, Opfer von körperlicher oder psychischer Gewalt zu werden und Schäden in vielerlei Hinsicht zu erleiden (z. B. durch Zwangseinweisung oder Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka). Weglaufhäuser bieten im Rahmen des Selbsthilfegedankens alternative Methoden im Umgang mit den betroffenen Menschen an, in denen die Ideen einer nutzergetragenen Antipsychiatrie umgesetzt werden.

Ein Weglaufhaus kann demnach Zuflucht bieten für:

  • psychisch kranke Menschen oder ehemalige psychiatrische Patienten, die obdachlos oder von Obdachlosigkeit bedroht sind,
  • Menschen, die aus psychiatrischen Einrichtungen weglaufen (sofern nicht gerichtlich untergebracht),
  • Menschen, die eine psychiatrische Behandlung brauchen, aber eine Alternative zu herkömmlichen Behandlungsmethoden suchen.

Typische Merkmale der Arbeit in einem Weglaufhaus sind:

  • Verzicht auf Psychopharmaka, soweit möglich,
  • Verzicht auf Zwangsbehandlungen,
  • Krisenbewältigung und Hilfe zur Selbsthilfe.

Weglaufhäuser und Initiativen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das bisher einzige deutsche Weglaufhaus, offiziell Villa Stöckle genannt, wurde nach einer Vorlaufzeit von 15 Jahren 1996 in Berlin vom Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. gegründet, einer Abspaltung der frühen Irren-Offensive.[3][4] Es ist dem Berliner Leistungstyp „Kriseneinrichtung“ zur Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten zugeordnet.[5] Neben dem Wohnprojekt betreibt der Verein eine Informations- und Beratungsstelle und ist außerdem Träger des Einzelfallhilfe-Projekts Support, das in Berlin überbezirklich eine Krisenbetreuung zur Vermeidung von (Zwangs-)Unterbringung anbietet.[6]

Von 1996 bis 2014 war die Hälfte der Mitarbeiter des Berliner Weglaufhauses selbst ehemals von Psychiatrisierung betroffene Menschen. Psychiatriebetroffene waren von Beginn mit geringerer Dauer beinahe ausschließlich auf Honorarstellen beschäftigt. Seit März 2014 wird es mehrheitlich von professionellen, nicht-betroffenen Sozialarbeitern und -pädagogen geführt. Der Widerspruch, der dem Konzept des Berliner Weglaufhauses innewohnt, sowohl den Anforderungen des psychiatrischen Systems an pädagogische Ziele (Reedukation) und dem politischen Ziel der ursprünglichen Bewegung (Selbstbestimmung) nachzukommen, hat sich einseitig aufgelöst: Der Anspruch, die lebensweltlichen Erfahrungen der Psychiatriebetroffenen in eine Methode antipsychiatrischer Praxis aufzunehmen, wurde durch die Systemimperative des psychiatrischen System kommodifiziert; was angesichts der Ursprünge der Bewegung - in der materialistischen Kritik der "abstrakten Arbeit" - eine kritische Reflexion des Zustandes einer zweckrational und ökonomisiert orientierten Sozialarbeit eröffnen würde. Statt sich in der Tradition der Anti-Psychiatrie selbstkritisch diesem gesellschaftlichen Widerspruch zu öffnen, stellt das Weglaufhaus diese Situation weiterhin pragmatisch als "eine temporäre Notlösung" dar, die daraus resultiere, dass "nicht genügend Bewerbungen von professionellen Sozialarbeitern und -pädagogen mit Psychiatrieerfahrung eingegangen waren und der Betrieb des Weglaufhauses ohne Personal nicht aufrechterhalten werden konnte." In Bochum hat sich eine Weglaufhaus-Initiative Ruhrgebiet gebildet, die den Aufbau einer ähnlichen Einrichtung plant.[7] Im Juni 2005 entstand mit dem Verein Hilfe zur Selbsthilfe in seelischen Krisen Saarland eine weitere Initiative für ein Weglaufhaus in Saarbrücken.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Festschrift. 10 Jahre Weglaufhaus Villa Stöckle. Weglaufhaus Berlin, S. 3, archiviert vom Original am 5. Februar 2009; abgerufen am 22. April 2014 (PDF; 428 kB). Siehe auch Wehde: Das Weglaufhaus (1991) mit einer Darstellung der Gekkenbeweging
  2. Jan Steyaert: 1971. Jan Foudraine: wie is van hout? canonsociaalwerk.nl, 20. Juni 2009, abgerufen am 22. April 2014 (niederländisch).
  3. Festschrift. 10 Jahre Weglaufhaus Villa Stöckle. Weglaufhaus Berlin, S. 4, archiviert vom Original am 5. Februar 2009; abgerufen am 22. April 2014 (PDF; 428 kB). Das Haus ist zu Ehren der am 8. April 1992 gestorbenen Mit-Initiatorin Tina Stöckle benannt.
  4. kulturkritik.de, Peter Lehmann: Zum Davonlaufen. Wie die Weglaufhausgruppe entstand. Auszug aus Kempker (Hrsg.): Flucht in die Wirklichkeit. (1998), abgerufen am 5. November 2007; dort auch Darstellung der Hintergründe zur Abspaltung von der Irren-Offensive
  5. Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. berlin.de, abgerufen am 22. April 2014.
  6. Einzelfallhilfe Support (Memento des Originals vom 17. November 2007 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.weglaufhaus.de, dort auch das Konzept des Projekts als PDF, abgerufen am 5. November 2007
  7. weglaufhaus-nrw.de, dort auch Konzept (Memento des Originals vom 16. Juli 2006 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.weglaufhaus-nrw.de (PDF), abgerufen am 5. November 2007
  8. weglaufhaus-saar.de (Memento des Originals vom 6. Oktober 2007 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.weglaufhaus-saar.de, dort auch Gründungsprotokoll (Memento des Originals vom 6. Oktober 2007 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.weglaufhaus-saar.de (PDF), abgerufen am 5. November 2007

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Petra Hartmann & Stefan Bräunling: “Finding common strength together: The Berlin Runaway House”. In: Peter Stastny & Peter Lehmann (Eds.), Alternatives beyond psychiatry (pp. 188–199). Berlin / Eugene / Shrewsbury 2007, ISBN 978-0-9545428-1-8 (UK), ISBN 978-0-9788399-1-8 (USA)
  • Petra Hartmann & Stefan Bräunling: “Gemeinsam(e) Stärke finden – Das Berliner Weglaufhaus”. In: Peter Lehmann & Peter Stastny (Hg.), Statt Psychiatrie 2 (S. 195-207). Berlin / Eugene / Shrewsbury 2007, ISBN 978-3-925931-38-3
  • Kerstin Kempker: “Absetzen im Weglaufhaus”. In: Peter Lehmann (Hg.), Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern (S. 299-301). 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Berlin / Eugene / Shrewsbury 2008, ISBN 978-3-925931-27-7
  • Kerstin Kempker: “Withdrawing from psychiatric drugs in the Runaway-House”. In: Peter Lehmann (Ed.), Coming off psychiatric drugs: Successful withdrawal from neuroleptics, antidepressants, lithium, carbamazepine and tranquilizers (pp. 270–272). Berlin / Eugene / Shrewsbury 2004, ISBN 978-0-9545428-0-1 (UK), ISBN 978-0-9788399-0-1 (USA)
  • Kerstin Kempker (Hrsg.): Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus. Antipsychiatrieverlag, Berlin 1998, ISBN 978-3-925931-13-0.
  • Uta Wehde: Das Weglaufhaus – Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene. Erfahrungen, Konzeptionen, Probleme. Antipsychiatrieverlag, Berlin 1991, ISBN 978-3-925931-05-5.