Wehrmachtgefängnis Torgau

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Wehrmachtgefängnisse bestanden in Torgau zwischen 1936 und 1945. Während der NS-Zeit gab es in Torgau zunächst zwei von acht Wehrmachtgefängnissen („Fort Zinna“ und „Brückenkopf“).

Heute bzw. seit den 1990er Jahren informiert das Dokumentations- und Informationszentrum Torgau (DIZ), Arbeitsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, über die Geschichte der Torgauer Haftstätten während der Zeit des Nationalsozialismus, der sowjetischen Besatzung und der DDR.

Da der zentrale Haftort Fort Zinna als Justizvollzugsanstalt des Freistaats Sachsen genutzt wird, befindet sich das DIZ Torgau nicht dort, sondern im nahegelegenen Schloss Hartenfels.[1]

Bis Ende des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fort Zinna, eine Festung, war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Militärgefängnis der preußischen Armee. Nach Abschaffung der Militärjustiz in der Weimarer Republik wurde die Haftanstalt zivil genutzt. Sie wurde 1936 von der Wehrmacht ausgebaut und dadurch zum größten und modernsten Gefängnis der Wehrmacht.

1941 war diese Anstalt eine Zwischenstation; viele Verurteilte, die von hieraus zu Strafbataillonen weitertransportiert wurden, saßen hier eine Weile ein. 1943 wurde die Festung Sitz des Reichskriegsgerichtes, das aus Berlin nach Potsdam und dann nach Torgau verlagert wurde. Von 1943 bis 1945 wurden über tausend Todesurteile in Torgau gefällt und dort wie auch andernorts vollstreckt.

Der Brückenkopf wurde erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1939 als Militärgefängnis eingerichtet. Es war anfänglich Fort Zinna unterstellt, erlangte aber bald einen eigenen Gefängnisstatus.

Ferner gab es noch zwei provisorische militärische Gefangeneneinrichtungen: Feldstraflager I und Feldstraflager II.

Fort Zinna wurde Ende April 1945 von der 69. US-Infanteriedivision befreit.

→ vgl. auch: Strafdivision 500

Prominente Gefangene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Torgau waren einige französische (z. B. Vizeadmiral Hervé de Penfentenyo ((1879–1970)) und Levacher), britische und US-Offiziere inhaftiert. Die Wachmannschaften behandelten sie nach den Genfer Konventionen, sie brauchten also nicht zu arbeiten, bekamen regelmäßig Ausgang aus ihren Zellen und erhielten via IRK (Internationales Rotes Kreuz) Briefe und Verpflegungspakete. Die Offiziere nutzten offenbar systematisch ihre Privilegien, um Kontakt zu vertrauenswürdigen deutschen Gefangenen herzustellen. Der Chef der 7. Gefangenenkompanie auf Fort Zinna, Hauptmann Clausnitzer, war unter den Häftlingen für seine antinazistische Gesinnung bekannt. Eine Flucht war nicht möglich, auch weil es eine Außenbewachung des Forts unter Führung besonders linientreuer Offiziere gab.

Regelmäßige Bibelabende des Gefängnispfarrers ermöglichten den Gefangenen Gedankenaustausch. Dort wurden auch Lebensmittel und sogar Waffen getauscht. Der Widerstandskämpfer Werner Krauss arbeitete eine Zeitlang auf der Schreibstube des Gefängnisses und kam so an interessante Informationen.

In den allerletzten Stunden vor der US-Besetzung des Forts überredeten die politischen Gefangenen ihre Bewacher, in Zivilkleidung zu flüchten. Als die Amerikaner dort eintrafen, saßen in den Zellen noch 129 politische Gefangene aus den Reihen der Wehrmacht. Darunter war unter anderem Karlheinz Ziesemer.

Nachnutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sowjetische Besatzungsmacht betrieb zwischen September 1945 und Oktober 1948 in Torgau die Speziallager Nr. 8 und Nr. 10 Torgau. Bereits in Torgau starben 800 Internierte, viele weitere nach ihrer Deportation in die Sowjetunion.

Heute befindet sich in Fort Zinna die Justizvollzugsanstalt Torgau, der Brückenkopf ist ein Treff für vorwiegend linksorientierte Jugendliche und bietet Proberäume für einheimische Bands. Die Geschichte des Ortes wird vom Dokumentations- und Informationszentrum Torgau, Arbeitsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, aufgearbeitet und erzählt; in der Stadt gibt es einige Erinnerungsorte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Eberlein, Norbert Haase: Luxemburger Zwangsrekrutierte im Wehrmachtgefängnis Torgau – Fort Zinna 1943–1945. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft, Dresden 1996, ISBN 3-9805527-0-5 (Lebenszeugnisse – Leidenswege 1).
  • Michael Eberlein, Norbert Haase, Wolfgang Oleschinski: Torgau im Hinterland des Zweiten Weltkriegs. Militärjustiz, Wehrmachtgefängnisse, Reichskriegsgericht. Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft Bd. 6, Leipzig 1999, ISBN 3-378-01039-8.
  • Kurt Kohlsche: „So war es! Das haben Sie nicht gewußt.“ Konzentrationslager Sachsenburg 1935/36 und Wehrmachtgefängnis Torgau-Fort Zinna 1944/45 – ein Häftlingsschicksal. Eingeleitet und kommentiert von Yvonne Hahn. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft, Dresden 2001, ISBN 3-9805527-6-4 (Lebenszeugnisse – Leidenswege 7).
  • Bernd Ziesemer: Ein Gefreiter gegen Hitler. Auf der Suche nach meinem Vater. Hoffmann und Campe, Frankfurt/Main; Februar 2012, ISBN 978-3-455-50254-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. DIZ Torgau: Dauerausstellung, zuletzt eingesehen am 1. März 2012.

Koordinaten: 51° 33′ 53″ N, 12° 58′ 59″ O