Weißbuch (Bundeswehr)

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Das Weißbuch ist eine Veröffentlichung des Bundesverteidigungsministeriums der Bundesrepublik Deutschland, das für die kommenden Jahre die sicherheitspolitische Lage der Bundesrepublik Deutschland und der Verbündeten schildert und daraus Schlussfolgerungen für die Aufgaben der Bundeswehr und deren Personalstärke, Ausrüstung und Ausbildung zieht. Es wird nach Diskussion in parlamentarischen Gremien und Öffentlichkeit seit seiner Erstveröffentlichung am 11. Februar 1969 in unregelmäßigen Abständen unter unterschiedlichen Titeln herausgegeben. In der Öffentlichkeit wird es verkürzend und zur Abgrenzung zu Weißbüchern anderer Herausgeber auch als Verteidigungsweißbuch oder Bundeswehrweißbuch bezeichnet.

Weißbücher sind bisher in folgenden Jahren erschienen: 1969, 1970, 1971/72, 1972, 1973/74, 1975/76, 1979, 1983, 1985, 1994, 2006 und 2016. Sie sind inzwischen allesamt online einsehbar.[1] Inhaltlich spiegeln die Ausgaben die wechselnde innen- und außenpolitische, verfassungsrechtliche, militärische und volkswirtschaftliche Lage und ihre Diskussion zum jeweiligen Zeitpunkt wider.

Weißbuch 1994[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Weißbuch 1994, das von der Bundesregierung aus CDU und FDP unter Helmut Kohl wenige Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Erhalt der vollen Souveränität Deutschlands verabschiedet worden war, formulierte einen gegenüber früher deutlich umfassenderen Sicherheitsbegriff:

„Heute steht Europa am Beginn einer neuen Epoche. Die ehemals etwa 340.000 sowjetischen Soldaten in Deutschland werden im August 1994 in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Darüber hinaus wurden die Streitkräftepotentiale in Europa deutlich reduziert. Die jahrzehntelange Angst vor einer großen nuklearen Auseinandersetzung gehört der Vergangenheit an. Ebenso die Bedrohung, auf die sich der Auftrag der Bundeswehr bisher bezog: die Abwehr einer groß angelegten Aggression zahlenmäßig überlegener konventioneller Streitkräfte in Mitteleuropa nach einer relativ kurzen Warn- und Vorbereitungszeit. […] Die Risikoanalysen über künftige Entwicklungen müssen von einem weiten Sicherheitsbegriff ausgehen. Sie dürfen sich nicht auf Europa beschränken, sondern müssen die Interdependenz von regionalen und globalen Entwicklungen berücksichtigen. Sie müssen gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Tendenzen einbeziehen und in Beziehung setzen zur Sicherheit Deutschlands und seiner Verbündeten. Künftig gilt es, alle Faktoren in einer umfassenden politischen und strategischen Lagebeurteilung in Rechnung zu stellen. […] Deutschland ist aufgrund seiner Interessen, seiner internationalen Verflechtungen und Verpflichtungen vom gesamten Risikospektrum betroffen. […] Es ist ein Ansatz erforderlich, der für den konkreten Einzelfall politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, soziale, ökologische sowie militärische Aspekte berücksichtigt.“

Weißbuch 2006[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Weißbuch 2006 war schon im Entwurf vor allem kritisiert worden, da die Formulierung der Aufgaben der Bundeswehr im Rahmen von Auslandseinsätzen erneut ausgeweitet und als verfassungswidrig weit auslegbar angesehen wurde. Diese Ausweitung entsprach allerdings einer Rechtfertigung militärischer Einsätze, wie sie drei Jahre zuvor bereits der Europäische Rat in seiner Europäischen Sicherheitsstrategie vollzogen hatte, indem dort ausgeführt wurde, dass die „Energieabhängigkeit Europas in besonderem Maße Anlass zur Besorgnis gebe“ und der Einsatz von Instrumenten „bis hin zum militärischen Einsatz als letztem Mittel“ der Konfliktprävention und der Krisenbewältigung notwendig sein könne.[2] Das Weißbuch wurde nach Abstimmung zwischen den Regierungsparteien CDU und SPD der Großen Koalition unter Angela Merkel am 24. Oktober 2006 vom Kabinett verabschiedet und veröffentlicht.[1][3][4] Es betonte deutlicher als frühere Ausgaben, dass deutsche Sicherheitspolitik nach Auffassung der Bundesregierung auch wirtschaftliche Aspekte und Vorgänge weit außerhalb des Bundesgebiets umfasst:

„Der Prozess der Globalisierung erfasst weltweit alle Staaten und Gesellschaften. Die Entfaltung und zunehmende Vernetzung internationaler Handels-, Investitions-, Reise-, Kommunikations- und Wissensströme eröffnet in erster Linie neue Chancen. Deutschland, dessen wirtschaftlicher Wohlstand vom Zugang zu Rohstoffen, Waren und Ideen abhängt, hat ein elementares Interesse an einem friedlichen Wettbewerb der Gedanken, an einem offenen Welthandelssystem und freien Transportwegen. […] Deutschland hat aufgrund seiner immer engeren Verflechtung in der Weltwirtschaft besonderes Interesse an internationaler Stabilität und ungehindertem Warenaustausch. […] Verwerfungen im internationalen Beziehungsgefüge, Störungen der Rohstoff- und Warenströme, beispielsweise durch zunehmende Piraterie, und Störungen der weltweiten Kommunikation bleiben in einer interdependenten Welt nicht ohne Auswirkungen auf die nationale Volkswirtschaft, Wohlstand und sozialen Frieden. […] Energiefragen werden künftig für die globale Sicherheit eine immer wichtigere Rolle spielen. […] Deutsche Sicherheitspolitik muss auch Entwicklungen in geografisch weit entfernten Regionen berücksichtigen, soweit sie unsere Interessen berühren. […] Deutsche Sicherheitspolitik beruht auf einem umfassenden Sicherheitsbegriff. Risiken und Bedrohungen muss mit einem abgestimmten Instrumentarium begegnet werden. Dazu gehören diplomatische, wirtschaftliche, entwicklungspolitische, polizeiliche und militärische Mittel, wenn geboten, auch bewaffnete Einsätze. Letztere sind mit Gefahren für Leib und Leben verbunden und können weit reichende politische Folgen nach sich ziehen.“

Als der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Horst Köhler, am 22. Mai 2010 im Rahmen eines Rundfunk-Interviews zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Rahmen der ISAF inhaltlich diese Passagen des Weißbuchs referierte, löste dies heftige Kritik aus. Am 31. Mai 2010 trat er unter Hinweis auf diese Kritik, bei der er „Unterstellungen“ wahrnahm und den „notwendigen Respekt vor dem höchsten Staatsamt“ vermisse, von seinem Amt als Bundespräsident zurück.

Weißbuch 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kündigte im Oktober 2014 an, ein neues Weißbuch 2016 vorlegen zu wollen.[5] Die Auftaktveranstaltung zur Überarbeitung fand am 17. Februar 2015 in Berlin statt. Zum Beauftragten für das Weißbuch im Bundesministerium der Verteidigung wurde mit Wirkung vom 23. März 2015 Brigadegeneral Carsten Breuer berufen.[6] Das Bundeskabinett verabschiedete am 13. Juli 2016 das neue Weißbuch der Bundesregierung zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr.[7]

Ähnliche Dokumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiteres Dokument des Verteidigungsministeriums zum gleichen Thema sind die Verteidigungspolitischen Richtlinien.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Weißbuch 1969, Bonn 1969, DNB 011304730.
  • Weißbuch 1970-1983, Bonn, 1970-1983, ISSN 0723-3876.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Weißbuch 1985 – Zur Lage und Entwicklung der Bundeswehr. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1985. 417 Seiten, ISBN 3-452-32409-5, ISSN 0938-2631.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Weißbuch 1994. Weißbuch zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und zur Lage und Zukunft der Bundeswehr. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1994.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr. Berlin 2006. Damit Erscheinung eingestellt (1995-2005 nicht erschienen, 2007-2015 ebenfalls), DNB 981993168.
  • Weißbuch 2016, Berlin 13. Juli 2016, Startseite

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angelika Dörfler-Dierken, Gerd Portugall (Hrsg.): Friedensethik und Sicherheitspolitik. Weißbuch 2006 und EKD-Friedensdenkschrift 2007 in der Diskussion (= Schriftenreihe des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Band 8). VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-16747-3.
  • Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr. Kompass. Soldat in Welt und Kirche (Sonderausgabe zum Weißbuch 2016) http://www.katholische-militaerseelsorge.de/uploads/media/Kompass_Weissbuch2016.pdf

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Weißbücher der Bundeswehr
  2. Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP). Auswärtiges Amt, 30. Januar 2006, abgerufen am 22. März 2011.
  3. Tagesschau: Weißbuch 2006 verabschiedet (Memento vom 20. November 2009 im Internet Archive)
  4. IMI-Standpunkt 2006/082: Deutsche Kriegs(vorbereitungs)politik (Memento vom 19. Februar 2007 im Internet Archive)
  5. Von der Leyen will Sicherheitspolitik neu definieren. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Oktober 2014, abgerufen am 12. Februar 2015.
  6. Personalveränderungen in militärischen und zivilen Spitzenstellen - März 2015. Bundeswehr/BMVg Presse- und Informationszentrum Personal, 27. Mai 2015, abgerufen am 23. Juni 2015.
  7. Kabinett verabschiedet das Weißbuch. bmvg.de, 13. Juli 2016, abgerufen am 13. Juli 2016.