Weiße Bö

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Eine Weiße Bö in der Magellanstraße am 25. Oktober 2009

Eine Weiße Bö (englisch white squall) ist eine extrem starke, ohne Vorwarnung aufkommende Fallbö, die teilweise von Nebel, Sturzregen oder sogar Schnee begleitet wird.

Weiße Böen sind ein seltenes und in der Seefahrt gefürchtetes Wetterphänomen auf hoher See. Ohne die sonst üblichen Anzeichen bestimmter Sturmwolken wird die See infolge der plötzlichen Windböen weiß (Schaumkronen auf den Wellen); manchmal baut sich bei sonst klarem Himmel extrem schnell eine aufsteigende weiße Wolke auf. Diese Begleiterscheinungen – weiße Schaumkronen, Nebel, die Wolke und in bestimmten Breiten auch Schnee – gaben dem Phänomen den Namen.

Ursache dieser Erscheinung sind wahrscheinlich starke Veränderungen wie Luftdruck-Einbrüche in Wolkenschichten der oberen Atmosphäre, die quasi eine stoßartige Luftlawine von Orkanstärke auslösen und zu extremen Turbulenzen wie in Hurrikanen bis auf Seeniveau führen. Das Geschehen dauert meist nur wenige Sekunden bis einige zehn Minuten. Besonders gefährlich wird dieses Phänomen Segelschiffen, da es nur sehr schwer früh genug erkennbar ist und damit keine Möglichkeit für Gegenmaßnahmen – wie Reduktion der Segelfläche und Kurskorrektur – lässt.

Obwohl schon in der Literatur des 19. Jahrhunderts häufig beschrieben, wurde dieses Wetterphänomen wegen seiner Seltenheit oft als Seemannsgarn abgetan und von vielen Seglern unterschätzt. Das Segelschulschiff Niobe sank 1932 in der Ostsee vor der Insel Fehmarn in einer solchen Bö.

Erst in jüngerer Zeit wurden Weiße Böen häufiger als Unglücksursachen anerkannt. Am 2. Mai 1961 sank das Segelschulschiff Albatross auf der Fahrt von Mexiko nach Nassau auf den Bahamas (verfilmt als White Squall – Reißende Strömung), was zum Teil einer Weißen Bö zugeschrieben wird. Das Ereignis löste bei der US-Küstenwache eine Überprüfung der Bestimmungen über die Bauweise von Segelschulschiffen aus, die in einem Gesetzesbeschluss im Jahre 1982 mündete (Sailing School Vessels Act of 1982). Ein ähnliches Unglück ereilte den Rahschoner Pride of Baltimore, einen Nachbau eines historischen Baltimoreklippers, am 14. Mai 1986: Das Schiff wurde 250 Seemeilen nördlich von Puerto Rico vermutlich von einer Weißen Bö getroffen und sank. Der Kapitän und drei Mannschaftsmitglieder starben; die acht Überlebenden wurden vier Tage und sieben Stunden später vom norwegischen Tanker Toro aus einem Rettungsfloß gerettet. Für beide Untergänge konnte allerdings der Windjammersegler Daniel Parrott Hinweise zusammentragen, die eine Weiße Bö als alleinige Unglücksursache unwahrscheinlich machen und die ausreichende Stabilität der Schiffe infrage stellen, die vor allem durch große Segelflächen beeinträchtigt gewesen sei. Damit schließt Parrott nicht generell das Auftreten Weißer Böen aus, argumentiert aber gegen die unwiderstehliche Stärke der Böen in den beiden konkreten Fällen, da sie bei ausreichender Stabilität vermutlich hätten abgewettert werden können.[1]

Manche Seeleute vermuteten auch eine Weiße Bö als Ursache des plötzlichen und spurlosen Verschwindens der deutschen Fünfmastbark Maria Rickmers nach Verlassen der Sundastraße am 24. Juli 1892 in den Indischen Ozean.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel S. Parrott: Tall Ships Down – The Last Voyages of the Pamir, Albatross, Marques, Pride of Baltimore, and Maria Asumpta. McGraw Hill, 2003, ISBN 0-07-139092-8.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Charles „Chuck“ Gieg & Felix Sutton: The Last Voyage of the Albatross. Duell, Sloan and Pearce, New York 1962. (Erlebnisbericht von der letzten Fahrt der Albatross)
  • John Conroy Hutcheson: The White Squall: a Story of the Sargasso Sea. Blackie & Son, London 1887 und 1893.
  • Richard E. Langford: White Squall: The Last Voyage of Albatross. Bristol Fashion, 2000, ISBN 1-892-216361. (Erlebnisbericht von der letzten Fahrt der Albatross)