Weiße Silberwurz

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Weiße Silberwurz
Silberwurz (Dryas octopetala)

Silberwurz (Dryas octopetala)

Systematik
Rosiden
Eurosiden I
Ordnung: Rosenartige (Rosales)
Familie: Rosengewächse (Rosaceae)
Gattung: Silberwurzen (Dryas)
Art: Weiße Silberwurz
Wissenschaftlicher Name
Dryas octopetala
L.

Die Weiße Silberwurz (Dryas octopetala) gehört zur Gattung Dryas in der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Silberwurz ist eine arkto-alpine Art der Nordhalbkugel, die zirkumpolar verbreitet ist. Nachdem in Torfablagerungen in Schweden und Dänemark in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts markrofossile Überreste der Weißen Silberwurz außerhalb der rezenten Verbreitung auftauchten, bildeten diese sogenannten "Dryas-Torfe" den ersten Nachweis extremer klimatischer Veränderungen, die sich mehrere Jahrtausende nach dem Eisrückzug im letzten glazialen Maximalstand der Weichsel-/Würmeiszeit (LGM) ereignet hatten und der geologischen Epoche der Dryaszeit den Namen gaben. Es war der Beweis einer letzten plötzlichen globalen Klimaverschlechterung unmittelbar vor der holozänen Warmphase.[1] Die Silberwurz ist ein exemplarischer Klima-Indikator arktischer Verhältnisse und glazialer Perioden. Wo sie rezent in den mittleren Breiten auftritt, ist sie in jedem Fall auch ein Glazialrelikt. Sie ist eines der Wahrzeichen der arkto-alpinen Flora der Hochgebirge Europas und der Alpen und ökologisch auch der wohl markanteste Typus eines Spalierstrauches.

Namensherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gattung wurde im 16. Jahrhundert Chamaedrys genannt, was Zwergeiche (von griech. chamei = zwergartig und drys = Eiche) bedeutet. Carl von Linné gab der Gattung im 18. Jahrhundert den Namen Dryas mit dem botanischen Zusatz octopetala wegen der meist acht weißen Blütenblätter. Dies ist eine Ausnahme in der Familie, in der sonst fünfzählige Blüten üblich sind.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immergrüner stark verzweigte Spalierstrauch mit niederliegenden Langtrieben und nur 2–10 cm langen aufgerichteten Kurztrieben, vereinzelt Wurzeln treibend, rotbräunlich, meist angedrückt behaart, teilweise mit Blattgrundresten bekleidet, die zuletzt mit der Ringelborke abgestoßen werden.[2] Laubblätter an den kriechenden Sprossen angenähert zweizeilig, bei den aufgerichteten rundum stehend, immergrün, lederig derb. Blattstiel etwa 1–2 cm lang, behaart, Spreite oberseits dunkelgrün mit vertieftem Adernetz, meist kahl, unterseits dicht weißfilzig mit hervortretenden Haupt- und Seitennerven, am Rande gewöhnlich schmal nach untern umgefalzt, aus meist schiefem, abgerundetem bis etwas herzförmigem Grund länglich elliptisch bis angedeutet (verkehrt) eiförmig, vorn abgerundet oder stumpflich, jederseits mit 4–8(–10) meist stumpfen bis 2–3 mm langen Kerbzähnen, 5–30(–40) mm lang, 5–15(–20) mm breit. Nebenblätter meist trockenhäutig, behaart, sehr schmal linealisch-dreieckig, ungefähr zwei Drittel ihrer Länge mit dem Blattstiel verwachsen, der feie Abschnitt etwa 4–7 mm lang und 1–1,5 mm breit.

Er bildet eine starke Pfahlwurzel aus. Die kriechenden Äste und Zweige können hierbei eine Länge von bis zu einem Meter erreichen.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zwittrigen oder durch mehr oder minder starke Verkümmerung der Staub- oder Fruchtblätter polygamen, radiärsymmetrischen Blüten sind einzeln, auf endständigen, aufrechten, meist etwa 5–10 cm hoch, (filzig) dichthaarigen und besonders im oberen Teil dazu drüsenhaarigen Stielen, die sich zur Fruchtzeit noch etwas verlängern, bei ausgebreiteten Kronblättern etwa 2,5–4 cm breit.[3] Kelchzipfel meist (7–) 8 (–9), breitlinealisch- lanzettlich, wenig zugespitzt, 6–11 mm lang, 2–3,5 mm breit, außen bräunlich filzig und drüsig, innen kahl. Kronblätter in derselben Zahl wie die Kelchblätter, rein weiß, verkehrt eiförmig, 10–18 mm lang, 5–12 mm breit, kahl, bald nach der Blüte abfallend. Staubblätter zahlreich, kahl, 7–11 mm lang, nicht so hoch wie die Griffel oder diese überragend. Fruchtblätter zahlreich, dichthaartig, mit endständigem, zunächst schraubig gedrehtem und an der Spitze eingerolltem Griffel, der sich bei der Fruchtreife bis 2–3 cm verlängert und eine federig-weßie, silbern schimmernde Behaarung ausbildet. Fruchtboden schwach gewölbt, behaart, sich bei der Fruchtreife nicht streckend.

Blütezeit: Juni bis Juli. In tiefen Lagen schon im Mai. Im Hochgebirge und in der Arktis Mitte Juni bis Anfang August. Die Früchte verbreiten sich durch behaarte Fortsätze mit Hilfe des Windes (Windverbreitung). Die Fruchtreife tritt ab Juli ein.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 18 oder 36.[4]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiße Silberwurz auf dem Monte Piana, Italien
Nahaufnahme einer Weißen Silberwurz in den Ötschergräben, Niederösterreich

Rezent[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art ist arktisch-alpin verbreitet. Das Gebiet umfasst neben den Alpen und anderen Gebirgen Mittel- und Südeuropas die arktische Region, Nordeuropa, Sibirien, Ostasien und Nordamerika. In Nordschweden bildet die Silberwurz zusammen mit Moosen und Flechten die Hauptvegetation der Tundra. Im Süden reicht das Verbreitungsgebiet der Art bis Nordspanien, Mittelitalien, den Rhodopen in Südbulgarien, sowie in Griechenland an der Mazedonisch-Griechischen Grenze (Tzena, Voras-Gebirge) sowie Bulgarisch-Griechischen Grenze (Orvilos, Falakron in den Rhodopen).[5]

Als Standort werden Zwergstrauchheiden der arktischen Tundren, Moränenschutt, Felsflure, Matten und Kalkschuttflure oberhalb der Waldgrenze bevorzugt. In den Alpen ist diese Pflanzenart zwischen 1200 und 2500 Meter anzutreffen. In Nordeuropa werden eher saure Böden bevorzugt.

Dryas octopetala und häufiger noch ihre Hybride mit der nordamerikanischen Art Dryas drummondii, Dryas × suendermannii, finden gelegentlich als Zierpflanzen in Steingärten Verwendung.

Quartär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fossilien von Dryas sind Leitarten der Quartärflora, die fossilen Daten zur spätglazialen Verbreitung repräsentieren in deutlicher Weise eiszeitliche klimatischen Veränderungen.[6] So können aus dem Kontrast der heutigen zur spätglazialen Verbreitung während des Letzten Glazialen Maximums (LGM) Ableitungen zum Klima und Ausdehnung periglazialer Tundren in Europa rekonstruiert werden. So umfaßte das spätglaziale Territorium der Weißen Silberwurz die Flachländer von Ost-Irland, Großbritannien südlich Schottlands, die Bretagne, die Beneluxstaaten, Mittel- und Osteuropa sowie die nördliche pannonische- sowie praktisch die gesamte Po-Tiefebene.[7] Aus diesem kompakten und zusammenhängenden Verbreitungsgebiet wanderten die Populationen in den Warmphasen und Interstadialen in nördlichere, oder in höher liegende Standorte der Hochgebirge. Diese klimatisch induzierten Wanderungsbewegungen finden sich analog bei vielen anderen arktisch-alpinen Arten die als sogenannten arkto-alpine Disjunktion gilt.

Während der Jüngeren Dryaszeit (etwa 10.730–9.700 v. Chr.) war die Art überall in Europa verbreitet, was aus den Pollenanalysen aus dieser Zeit hervorgeht. Der Zeitabschnitt am Ende des Pleistozäns wurde nach dieser Pflanze benannt.

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Pflanze ist ausgesprochen genügsam, sofern sie genügend Licht bekommt. Da die Pflanze nur wenige Wochen im Jahr stoffwechselaktiv ist, kann sie ein hohes Alter von bis zu 100 Jahren erreichen.

Die Blüten werden während des kurzen arktischen bzw. Hochgebirgssommers wie eine Parabolantenne der Sonne nachgeführt. Als Wärmekollektor stellen sie somit einen attraktiven Landeplatz für Insekten dar. Die Spross- und Blütenknospen werden schon in der vorhergehenden Vegetationsperiode angelegt.

Die Weiße Silberwurz besitzt Wurzelknöllchen, die mit Actinomyceten der Gattung Frankia Luftstickstoff binden. Außerdem gehen sie eine Symbiose mit Ektomykorrhizapilzen ein, wie z. B. dem Starkriechenden Pfifferling, Tomentella sp., Dryadirhiza fulgens und Cenococcum geophilum [8].

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dryas integrifolia

Je nach Auffassung umfasst die Gattung zwei bis drei Arten (Dryas drummondii, Dryas octopetala und Dryas integrifolia).

Die blassgelb blühende Art D. drummondii und die weißblühende D. integrifolia besiedeln die Gebirge Nordamerikas, wobei D. integrifolia auch als Varietät von D. octopetala angesehen wird (D. octopetala var. integrifolia) [9].

Trivialnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Weiße Silberwurz bestehen bzw. bestanden auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Alpengamänderlin, Berggamanderlin, weißer Gathau (Pinzgau bei Fusch), Hirtzwurz, Kateinl (Pinzgau).[10]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weiße Silberwurz ist oft ausgezeichnet fossil erhalten. Die Blüten, Früchtchen und Pollen haben in eiszeitlichen Tonablagerungen zigtausend Jahre überstanden. Die Pflanzenart war mit Ausklingen der Eiszeit über ganz Deutschland verbreitet (Nachweis über Pollenanalysen). Nach dieser Pflanzenart wurde diese Zeit Dryas-Zeit (Silberwurzzeit) genannt.

Diese Pflanzenart steht gebietsweise unter gesetzlichem Schutz. Die Silberwurz ist die Symbolpflanze der schwedischen Provinz Lappland und seit 2004 Nationalblume Islands.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Weiße Silberwurz (Dryas octopetala) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Silberwurz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hilary H. Birks 2008: The Late-Quarternary history of arctic and alpine plants. In: Richard J. Abbott (Hrsg.) 2008: History, evolution and future of arctic and alpine flora. Plant Ecology & Diversity, Special Issue, Bd. 1/2, November 2008, 135-146. ISSN 1755-0874 Hier S. 137
  2. Heinrich E. Weber 1995: Dryas. In: Hans J. Conert, Eckehart j. Jäger, Joachim W. Kadereit, Wolfram Schultze-Motel, Gerhard Wagenitz, Heinrich E. Weber (Hrsg.) Gustav Hegi - Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band 4: Angiospermae - Dicotyledones 2(2), 3., 641-648, völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Weißdorn-Verlag, Jena 1995. ISBN 3-8263-3016-1 Hier S. 642
  3. Heinrich E. Weber 1995: S. 642
  4. Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3131-5. Seite 545.
  5. Arne Strid, Kit Tan 1986: Mountain Flora of Greece. Cambridge University Press, Bd. 1. ISBN 0521257379 Hier S. 401
  6. Hilary H. Birks 2008: S. 138
  7. Hilary H. Birks 2008: S. 139
  8. Harrington TJ, Mitchell DT., 2005. Ectomycorrhizas associated with a relict population of Dryas octopetala in the Burren, western Ireland II. Composition, structure and temporal variation in the ectomycorrhizal community. Mycorrhiza 15: 435–445.
  9. Erhardt/Götz/Bödeker/Seybold: Zander: Handwörterbuch der Pflanzennamen, 17. Auflage, Stuttgart 2002, ISBN 3-8001-3573-6.
  10. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 138.(online).