Weickartshain

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Weickartshain
Stadt Grünberg
Koordinaten: 50° 34′ 50″ N, 9° 1′ 2″ O
Höhe: 307 m ü. NHN
Fläche: 6,12 km²[1]
Einwohner: 561 (30. Jun. 2017)[1]
Bevölkerungsdichte: 92 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1970
Postleitzahl: 35305
Vorwahl: 06400
Karte
Stadtteile von Grünberg

Weickartshain ist ein ländlich strukturiertes Dorf mit etwa 600 Einwohnern in der Stadt Grünberg im mittelhessischen Landkreis Gießen.

Geografische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weickartshain ist ein Stadtteil Grünbergs und liegt in Oberhessen im Kreis Gießen. Der Ort befindet sich auf 311 m Meereshöhe 1 km oberhalb des Seenbachtales etwa 25 km östlich von Gießen am Fuß des Vogelsberges. Die Nachbarorte sind Stockhausen, Lardenbach, Freienseen und Lauter. Die Kernstadt Grünberg ist etwa 5 km in westlicher Richtung, die Stadt Laubach etwa 8 km in südöstlicher Richtung entfernt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Weickartshain etwa 1443 in einem Lehnsbrief des Seybold von Winthusen. Allerdings dürfte der Ort älter sein, bedingt durch die Erzförderung und das Auffinden von Rennöfen in der Gemarkung, aber die schriftlichen Hinweise fehlen. 1526 begann auch in Weickartshain die Reformationszeit, von 1634 bis 1875 mussten alle Taufen, Heiraten und Todesfälle im Kirchenbuch zu Merlau verzeichnet werden, da Weickartshain diesem Kirchspiel angeschlossen war. Der Dreißigjährige Krieg verschonte das versteckt in den Wäldern abseits der großen Heerstraßen liegende kleine Dorf zunächst. Doch zum Ende des grausamen Ringens kam 1635 die im Gefolge des Krieges ziehende Pest auch nach Weickartshain und raffte 42 Menschen dahin. Der Sage nach blieben nur 3 Frauen am Leben, deren Namen noch heute als Flurnamen in der Gemarkung erhalten sind.

Mussten die Schüler Sommer wie Winter nach Flensungen in die Schule, so änderte sich das 1685, als die Gemeinde einen eigenen Lehrer anstellte. Allerdings mussten die Schullasten auch weiterhin an die Kirchspielschule nach Merlau entrichtet werden. Dies änderte sich erst 1834. Allerdings war da das unter großen Mühen erbaute Schulhaus zum Armen- und Hirtenhaus herunter gesetzt worden. 1837 wurde eine Hofreite gekauft und zum Schulhaus umgebaut. Drei Jahre später baute man die Scheune zur Leichenhalle und Gebetsraum um. Doch erst 1842, als das Gebäude einen Glockenturm bekam, konnte man von einer Kirche sprechen. Bereits 1903 wurde Weickartshain an das Eisenbahnnetz angeschlossen. 1921 entschloss man sich zum Bau einer Elektrizitätsleitung und am 26. Januar 1922 wurde erstmals das Licht in Weickartshain eingeschaltet. 1931 wurde das baufällige Gotteshaus durch eine Bruchstein-Kirche ersetzt.

Nach 1945 stieg durch den Zuzug der Kriegs- und Nachkriegsvertriebenen die Einwohnerzahl auf 710 an. Die Beschaffung von ausreichendem Wohnraum wurde zum Problem, das durch Ausweisung eines großen Baugebietes am Seenbach (der sog. Seenbrücke) gelöst wurde. Kurz danach wurde der Eisenbahnbetrieb wieder eingestellt. Das Bahnhofsgebäude ist heute ein Wohnhaus, der Bahndamm ein beliebter Wanderweg.

1951 entstand eine ortseigene Pumpstation im Seenbachtal, die bis heute den Einwohnern erstklassiges Trinkwasser liefert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das Leben im bäuerlich geprägten Dörfchen erheblich. Waren die Einwohner bisher hauptsächlich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt, so wurde jetzt eine bescheidene Industrie angesiedelt. Eisenerz-Bergbau, eine Firma für Ladenbau und eine Molkerei gaben den Menschen Arbeit und Brot. Allerdings hielt das nicht lange vor. Schon zum Ende der 1950er Jahre verließen viele Bürger den Ort und suchten anderswo Arbeit. Die Bevölkerungszahl pendelt sich um 600 Bürger ein. Erst durch den Zuzug von Aussiedlern zu Beginn der 1990er Jahre wurde die heutige Einwohnerzahl erreicht.

Im Rahmen der Gebietsreform in Hessen wurde die Gemeinde Weickartshain am 31. Dezember 1970 auf freiwilliger Basis in die Stadt Grünberg eingegliedert.[2]

1977 bis 1980 baute man ein Dorfgemeinschaftshaus mit einem enormen Anteil an Eigenleistung, das allen Vereinen und den Einwohnern für jede Art von Festlichkeit zur Verfügung steht.

Eisenerz-Tagebau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Etymologie

Die Erzfunde in der Gemarkung spiegeln sich im Namen wider. Die damalige Schreibweise war vermutlich „Wychartzhain“, was in etwa der Bezeichnung Weich-Erz-Wäldchen entspricht. Hier wurde Brauneisenerz oberirdisch – also „weich“ – gefunden und im Tagebau abgebaut.

Das so geförderte Erz wurde über eine Drahtseilbahn zur Waschanlage auf der Seenbrücke verbracht, dort gewaschen und das so erhaltene Roherz in Güterwagen der Bahn verladen. Die Erdanteile wurden auf dem sogenannten Schlammteich abgelagert. Der Schlammteich ist heute noch vorhanden und dient als Naherholungsgebiet. Die Erzgruben existierten bis in die 1940er-Jahre. Ein plötzlicher Wassereinbruch durch eine angebohrte Quelle füllte die Grube schnell aus und bildete einen Teich. Außerdem nahm der Erzanteil immer mehr ab. Daraufhin wurde die Förderung 1943/44 vollständig eingestellt.

Das Gelände wurde in den 1970er-Jahren zum Naherholungsgebiet ausgebaut und heute steht hier eine Grillhütte; ein Zeltplatz ist ebenfalls vorhanden.

Inzwischen verläuft der „Erzweg Süd“ auch durch die Gemarkung und die Weickartshainer Schweiz. Auf diesem Wanderweg kann die Geschichte der Eisenerzförderung anschaulich verfolgt werden.[3]

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt im Überblick die Territorien, in denen Weickartshain lag, bzw. die Verwaltungseinheiten, denen es unterstand:[4][5]

Gerichte seit 1803[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Weickartshain das „Amt Grünberg“ zuständig. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Grünberg“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Weickartshain zuständig war.

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolgedessen die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Grünberg“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen.[9] Am 1. Juli 1968 erfolgte die Auflösung des Amtsgerichts Grünberg, Weickartshain wurde dem Amtsgericht Gießen zugelegt.[10] In der Bundesrepublik Deutschland sind die übergeordneten Instanzen das Landgericht Gießen, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[4]

• 1577: 018 Hausgesesse
• 1630: 011 zweispännige, 10 einspännige Ackerleute, 4 Einläuftige
• 1669: 071 Seelen
• 1742: 001 Geistliche/Beamter, 37 Untertanen, 17 Junge Mannschaften, kein Beisasse/Jude
Weickartshain: Einwohnerzahlen von 1669 bis 2017
Jahr  Einwohner
1669
  
71
1791
  
217
1804
  
250
1830
  
347
1834
  
347
1840
  
378
1846
  
362
1852
  
419
1858
  
407
1864
  
342
1871
  
369
1875
  
363
1885
  
332
1895
  
356
1905
  
398
1910
  
435
1925
  
417
1939
  
441
1946
  
645
1950
  
673
1956
  
621
1961
  
556
1967
  
532
2013
  
598
2017
  
561
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [4][1]; 1791:[6]

Religionszugehörigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[4]

• 1830: 347 evangelische Einwohner
• 1961: 466 evangelische, 89 römisch-katholische Einwohner

Erwerbstätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[4]

• 1961: Erwerbspersonen: 113 Land- und Forstwirtschaft, 119 Prod. Gewerbe, 30 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 26 Dienstleistungen und Sonstiges.

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kulturring Weickartshain organisiert turnusmäßig alle zwei Jahre gemeinsam mit den Vereinen ein Dorffest.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Weickartshain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Einwohnerzahlen. In: Internetauftritt. Stadt Grünberg, archiviert vom Original; abgerufen im Mai 2018. (Daten aus Archiv)
  2. Gerstenmeier, K.-H. (1977): Hessen. Gemeinden und Landkreise nach der Gebietsreform. Eine Dokumentation. Melsungen. S. 294
  3. Beschreibung der Wanderwege Erzring Süd und Erzweg Mitte bei www.erzwanderweg.de (Kulturring Weickartshain e.V)
  4. a b c d e Weickartshain, Landkreis Gießen. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 9. Februar 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  5. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Land Hessen. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  6. a b Hessen-Darmstädter Staats- und Adresskalender 1791. Im Verlag der Invaliden-Anstalt, Darmstadt 1791, S. 197, 283 (online bei HathiTrust’s digital library).
  7. Wilhelm von der Nahmer: Handbuch des Rheinischen Particular-Rechts: Entwickelung der Territorial- und Verfassungsverhältnisse der deutschen Staaten an beiden Ufern des Rheins : vom ersten Beginnen der französischen Revolution bis in die neueste Zeit. Band 3. Sauerländer, Frankfurt am Main 1832, S. 8 (online bei Google Books).
  8. Neuste Länder und Völkerkunde. Ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Kur-Hessen, Hessen-Darmstadt und die freien Städte. Band 22. Weimar 1821, S. 419 (online bei Google Books).
  9. Großherzog von Hessen und bei Rhein: Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1879 Nr. 15, S. 197–211 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 17,8 MB]).
  10. Der Hessische Minister der Justiz: Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (Ändert GVBl. II 210–16) vom 12. Februar 1968. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1968 Nr. 4, S. 41–44, Artikel 1, Abs. 2 a) und Artikel 2, Abs. 4 d) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).