weltwärts

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weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Lerndienst richtet sich an Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren. Seit Beginn des Programms im Jahr 2008 haben bis 2017 über 30.000 Freiwillige daran teilgenommen. Der Nord-Süd-Austausch und das gemeinsame interkulturelle und Globale Lernen stehen im Mittelpunkt. Im Unterschied zu einem Fachdienst setzt weltwärts kein Fachwissen in den Einsatzbereichen voraus.[1] Seit 2013 erfolgt der Austausch beidseitig, sowohl in Nord-Süd- als auch in Süd-Nord-Richtung.[2] Seit 2012 ist weltwärts als Gemeinschaftswerk von Staat und Zivilgesellschaft organisiert. Die administrative Koordinierung des Programms liegt im Auftrag des BMZ bei der Engagement Global gGmbH.

weltwärts-Aufenthalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dauer eines Dienstes in Entwicklungsländern kann zwischen sechs und 24 Monaten liegen. Während des Projektaufenthaltes sollen das gemeinsame Arbeiten, das alltägliche voneinander Lernen und der kulturelle Austausch im Mittelpunkt stehen.

Voraussetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Programm richtet sich an alle 18- bis 28-jährigen. Für Freiwillige mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung liegt die Altersgrenze bei 35 Jahren. Ein Haupt- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder vergleichbaren Erfahrungen wird vorausgesetzt, alternativ die Fachhochschulreife beziehungsweise das Abitur. Freiwillige müssen die deutsche Staatsbürgerschaft oder ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht vorweisen können. Außerdem wird Interesse an entwicklungspolitischen Themengebieten sowie anderen Kulturen und den Lebensverhältnissen in den Entwicklungsländern erwartet.[3]

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interessierte bewerben sich bei einer der durch das Programm anerkannten deutschen Entsenderorganisation für einen Dienst in einem anerkannten Entwicklungsprojekt. Die Organisation beantragt Fördermittel beim BMZ. Die Vorbereitungsphase soll eine teilweise selbstständige Vorbereitung auf das Projekt ermöglichen. Zudem sind mindestens zwölf Orientierungs- und Vorbereitungstage für die Freiwilligen verpflichtend.

Während des Projektaufenthaltes soll eine Einweisung durch die Partnerorganisation oder vorherige weltwärts-Freiwillige erfolgen. Mentoren unterstützen bei Fragen oder Schwierigkeiten im Projekt und darüber hinaus. Zudem ist ein Zwischenseminar vorgesehen. Nach dem Abschluss des Projektes sollen weltwärts-Teilnehmer auf einem Nachbearbeitungsseminar ihre Erfahrungen mit anderen teilen und entwicklungspolitische Perspektiven erörtern.

Rückkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Freiwilligendienst bieten verschiedene Programme von Engagement Global Fördermöglichkeiten für das entwicklungspolitische Engagement der Freiwilligen, zum Beispiel das „Förderprogramm Entwicklungspolitische Bildung“ (FEB) sowie das „Aktionsgruppenprogramm“ (AGP). Das WinD-Programm für Rückkehrerinnen und Rückkehrer sowie die Förderung durch den weltwärts-Rückkehrfonds laufen Ende 2017 aus.[4]

Rahmenbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freiwilligendienste mit weltwärts sind in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Wirtschaftsförderung, Not- und Übergangshilfe, Umweltschutz, Wasser, Menschenrechte, Demokratieförderung, Jugendbeschäftigung, Sport und Ernährungssicherung tätig.

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Teilnahme ist für die Freiwilligen kostenneutral. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit übernimmt sämtliche Kosten, die nicht durch das BMZ getragen werden. Jeder Teilnehmer wird mit bis zu 620 Euro pro Monat, zuzüglich der Förderung für die Qualitätsarbeit sowie der Förderung der Gesundheitskosten, jedoch mit höchstens 75 Prozent der Gesamtkosten durch das BMZ gefördert. Kosten, die nicht anderweitig finanziert werden, muss die Entsendeorganisation tragen. Zu den anfallenden Kosten zählen etwa Anreise, Betreuung, Versicherungsschutz, Verpflegung und ein Taschengeld in Höhe von in der Regel 100 Euro. Für eine den örtlichen Gegebenheiten angemessene und kostenfreie Unterbringung sorgt die Entsendeorganisation oder die aufnehmende Organisation vor Ort. Ebenso werden die Seminare vor, während und nach dem Aufenthalt durch den Förderungsbetrag gedeckt.[5]

Dem BMZ steht gegenwärtig ein jährlicher Betrag von circa 40 Millionen Euro für weltwärts zur Verfügung (Stand 2017).[6]

Versicherungsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während eines Freiwilligenaufenthaltes sind die Teilnehmer versichert. Als Anforderungen an den Versicherungsschutz, der von der Entsendeorganisation abgeschlossen wird, geben die weltwärts-Förderleitlinien vor, dass eine Auslandskrankenversicherung, eine Haftpflichtversicherung und eine Unfallversicherung enthalten sein müssen.

Süd-Nord-Komponente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2013 können auch junge Menschen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa einen Freiwilligendienst mit weltwärts in Deutschland absolvieren. Dies wird über die Süd-Nord-Komponente des Programms realisiert. Die Komponente soll zu mehr Gleichberechtigung im Programm führen [7] und dazu beitragen, dass weltwärts seinen Anspruch als entwicklungspolitischen Lern- und Austauschdienst konsequent erfüllt[8].

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Beginn an gab es eine intensive Diskussion um die Frage, was denn junge Menschen, die kaum berufliche Kompetenzen mitbringen, in entwicklungspolitische Projekte einbringen können. Deutlich kritische Stellungnahmen[9] sprechen von weltwärts als einem „netten Bespaßungsprogramm für Leute, die ein Jahr im Ausland rumhängen wollen“[9] oder nennen den weltwärts-Dienst „organisierter Elendstourismus unter einem selbstlosen Etikett“.[9]

Zugespitzt fragen manche, ob es sich um „Egotrips ins Elend“[10] handele, andere stellen heraus, dass hier sehr wohl Unterstützung für Projekte möglich und nach der Rückkehr der jungen Leute mit einem verstärkten Engagement zu rechnen sei.[11] In starkem Maße kommt es offenbar auf die Vorbereitung und Begleitung der weltwärts-Freiwilligen an.[12] Die Berliner Politikwissenschaftlerin Claudia von Braunmühl sagte wörtlich: „Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?“ Sie gönne jungen Deutschen ja dieses „organisierte Abenteuer“, aber an „unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends“.[13]

Inzwischen liegen differenzierte wissenschaftliche Forschungsergebnisse zum Thema vor. Hier geht es unter anderem um Fragen der Motivation, Vorbereitung und Begleitung aus der Sicht befragter Freiwilliger [14] und  um die Bildungswirkungen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes[15].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Benjamin Haas: Ambivalenz der Gegenseitigkeit - Reziprozitätsformen des weltwärts-Freiwilligendienstes im Spiegel der Postkolonialen Theorie. Kölnerwissenschaftsverlag, Köln 2012.
  • Hannah Gritschke: Motive für den Kompetenzerwerb im Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 318–342, siehe (online, PDF).
  • Diana Grundmann, Bernd Overwien (Hrsg.): weltwärts pädagogisch begleiten. Erfahrungen aus der Arbeit mit Freiwilligen und Anregungen durch die Fachtagung in Bonn (18.–20. April 2011). Kassel University Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-86219-199-4 (online, PDF, 1,5 MB).
  • Hannah-Maria Kühn: Da entwickelt sich was! : individuelle Lernprozesse im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ in Benin. Köln 2015.
  • Katharina Schleich: Globales Lernen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 342–367, siehe (online, PDF).
  • Jürgen Deile, Claudia von Braunmühl: Ist „weltwärts“ entwicklungspolitisch sinnvoll? Der Freiwilligendienst kommt gut an, ist aber nicht unumstritten. In: Welt-Sichten, Heft 2/2010.
  • Brigitte Schwinge: Verkehrte Welten: Über die Umkehrung der Verhältnisse von Geben und Nehmen. Der weltwärts-Freiwilligendienst als Selbstbehandlung im Kulturkontakt zwischen Deutschland und Südafrika. Bonn 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. weltwärts: Programm. Abgerufen am 1. September 2017
  2. Sabine Seifert: Kameruner im Freiwilligendienst: Unter Deutschen. Internationaler Austausch findet fast nur in Nord-Süd-Richtung statt. Ein Lehrer kam aus Kamerun, um bei einer NGO in Berlin zu arbeiten. www.taz.de, 12. August 2016; abgerufen am 12. August 2016: „2013 hat das BMZ, um der Kritik an dem einseitigen Ansatz zu begegnen, die „Süd-Nord-Komponente“ ins Leben gerufen.“
  3. weltwärts: Was wird vorausgesetzt? Abgerufen am 1. September 2017.
  4. WinD: BMZ stellt WinD Programm ein! Abgerufen am 20. September 2017
  5. weltwärts: Was kostet es? Abgerufen am 18. September 2017.
  6. Bundesministerium der Finanzen: Bundeshaushalt. Abgerufen am 24. Oktober 2017.
  7. Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: weltwärts – der entwicklungspolitische Freiwilligendienst. Abgerufen am 18. September 2017.
  8. weltwärts: Süd-Nord-Komponente anbieten. Abgerufen am 1. September 2017.
  9. a b c Christiane Oelrich: Junge Freiwillige: Als blondes Punk-Mädchen in Indonesien. In: Spiegel-Online, 7. August 2010, abgerufen am 12. Oktober 2011.
  10. Florian Töpfl: Egotrips ins Elend. Tausende von Jugendlichen gehen jedes Jahr als freiwillige Helfer in Entwicklungsländer. Aber wem nützen sie eigentlich? Am meisten sich selbst. In: Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 19/2008.
  11. Vgl. Jürgen Deile, Claudia von Braunmühl: Ist „weltwärts“ entwicklungspolitisch sinnvoll? Der Freiwilligendienst kommt gut an, ist aber nicht unumstritten. In: Welt-Sichten, Heft 2/2010.
  12. Vgl. Diana Grundmann, Bernd Overwien (Hrsg.): weltwärts pädagogisch begleiten. Erfahrungen aus der Arbeit mit Freiwilligen und Anregungen durch die Fachtagung in Bonn (18.–20. April 2011). Kassel University Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-86219-199-4 (online, PDF, 1,5 MB).
  13. Vgl. Spiegel-Online: Junge Freiwillige: Heimwärts statt weltwärts([1]).
  14. Jörn Fischer: Pfefferminzbonbons vs. Gummibärchen oder die Bildungswirkungen internationaler Freiwilligendienste. In: Forum Jugendarbeit International 2011 – 2012. Bonn 2012, S. 54–66.
  15. Benjamin Haas: Internationale Freiwilligendienste als global-politische Lernorte. Empirische Erkenntnisse, aktuelle Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen am Beispiel des weltwärts-Programms. In: Journal für politische Bildung 2/2014, Jg. 4. 2014, S. 36–44.
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