weltwärts

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weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Es ist ein 2008 gegründeter Lerndienst, der sich an junge Menschen im Alter von 18–28 Jahren richtet. Im Unterschied zu einem Fachdienst setzt er kein Fachwissen in den Einsatzbereichen voraus.[1] Seit 2013 erfolgt der Austausch sowohl in Nord-Süd- als auch in Süd-Nord-Richtung.[2]

weltwärts-Aufenthalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dauer eines Dienstes in Entwicklungsländern kann zwischen 6 und 24 Monaten liegen. Während des Projektaufenthaltes sollen das gemeinsame Arbeiten, das alltägliche Voneinanderlernen und der kulturelle Austausch im Mittelpunkt stehen.

Voraussetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Programm richtet sich an alle 18- bis 28-jährigen. Interesse an entwicklungspolitischen Themengebieten sowie anderen Kulturen und den Lebensverhältnissen in den Entwicklungsländern wird erwartet.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als bei ähnlichen Programmen bewirbt man sich bei einer eingetragenen Entsenderorganisation für einen Dienst in einem anerkannten Entwicklungsprojekt. Diese fordert daraufhin Unterstützung beim BMZ. Die Vorbereitungsphase soll eine teilweise selbstständige Vorbereitung auf das Projekt ermöglichen, teilweise aus einem mehrwöchigen Vorbereitungsseminar bestehen.

Während des Projektaufenthaltes soll eine Einweisung durch einen persönlichen Mentor oder den vorherigen weltwärts-Freiwilligen erfolgen. Zudem ist ein Zwischenseminar vorgesehen. Nachdem das Projekt abgeschlossen ist, sollen weltwärts-Teilnehmer auf einem Nachbearbeitungsseminar ihre Erfahrungen mit anderen teilen und entwicklungspolitische Perspektiven erörtern.

Rückkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Freiwilligendienst bietet das WinD-Programm Ehemaligen die Möglichkeit zur Vernetzung und zum Erfahrungsaustausch. Das Rückkehrprogramm sollte dazu den Rahmen für die Beratung und Begleitung ehemaliger Freiwilliger für ein entwicklungspolitisches Engagement bieten.[3]

Rahmenbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Organisation ist in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Wirtschaftsförderung, Not- und Übergangshilfe, Umweltschutz, Wasser, Menschenrechte, Demokratieförderung, Jugendbeschäftigung, Sport und Ernährungssicherung tätig.

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Teilnahme ist für die Teilnehmer kostenneutral. Bei den meisten Entsendeorganisationen wird jedoch eine Eigenbeteiligung in unterschiedlicher Höhe gefordert, die durch Spenden realisiert werden soll. Jeder Teilnehmer wird mit bis zu 580 Euro pro Monat, jedoch mit höchstens 75 Prozent der Gesamtkosten durch das BMZ gefördert. Kosten, die nicht anderweitig finanziert werden, muss die Entsendeorganisation tragen. Zu den anfallenden Kosten zählen etwa Anreise, Betreuung, Versicherungsschutz, Verpflegung und ein Taschengeld in Höhe von mindestens 100 Euro. Für eine den örtlichen Gegebenheiten angemessene und kostenfreie Unterbringung sorgt die Entsendeorganisation oder die aufnehmende Organisation vor Ort. Ebenso werden die Seminare vor, während und nach dem Aufenthalt durch den Förderungsbetrag gedeckt.

Für die Pilotphase des Projektes (2008–2010) stand ein Etat von 70 Millionen Euro zur Verfügung. Mittelfristig sollte das BMZ pro Jahr 10.000 jungen Menschen einen internationalen Freiwilligendienst in einem Entwicklungsland ermöglichen. Nach der Bundestagswahl 2009 und der personellen Veränderung im BMZ wurde der angestrebte jährliche Etat jedoch von 40 Millionen Euro auf 29 Millionen Euro pro Jahr gekürzt.

Versicherungsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während eines Freiwilligenaufenthaltes sollen Freiwillige versichert sein. Als Anforderungen an den Versicherungsschutz, der von der Entsendeorganisation abgeschlossen wird, geben die weltwärts-Richtlinien vor, dass eine Auslandskrankenversicherung, eine Haftpflichtversicherung und eine Unfallversicherung enthalten sein müssen.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Beginn an gab es eine intensive Diskussion um die Frage, was denn junge Menschen, die kaum berufliche Kompetenzen mitbringen, in entwicklungspolitische Projekte einbringen können. Deutlich kritische Stellungnahmen[4] sprechen von weltwärts als einem „netten Bespaßungsprogramm für Leute, die ein Jahr im Ausland rumhängen wollen“[4] oder nennen den weltwärts-Dienst „organisierter Elendstourismus unter einem selbstlosen Etikett“.[4]

Zugespitzt fragen manche, ob es sich um „Egotrips ins Elend“[5] handele, andere stellen heraus, dass hier sehr wohl Unterstützung für Projekte möglich und nach der Rückkehr der jungen Leute mit einem verstärkten Engagement zu rechnen sei.[6] In starkem Maße kommt es offenbar auf die Vorbereitung und Begleitung der weltwärts-Freiwilligen an.[7] Die Berliner Politikwissenschaftlerin Claudia von Braunmühl sagte wörtlich: „Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?“ Sie gönne jungen Deutschen ja dieses „organisierte Abenteuer“, aber an „unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends“.[8]

Inzwischen liegen erste differenzierte Forschungsergebnisse zum Thema vor. Auch hier geht es im Wesentlichen um Fragen der Motivation, Vorbereitung und Begleitung aus der Sicht befragter Freiwilliger.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Haas, Benjamin: Ambivalenz der Gegenseitigkeit - Reziprozitätsformen des weltwärts-Freiwilligendienstes im Spiegel der Postkolonialen Theorie, 2012, Köln: Kölnerwissenschaftsverlag
  • Hannah Gritschke: Motive für den Kompetenzerwerb im Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 318–342, siehe (online, PDF).
  • Diana Grundmann, Bernd Overwien (Hrsg.): weltwärts pädagogisch begleiten. Erfahrungen aus der Arbeit mit Freiwilligen und Anregungen durch die Fachtagung in Bonn (18.–20. April 2011). Kassel University Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-86219-199-4 (online, PDF, 1,5 MB).
  • Hannah-Maria Kühn (2015): Da entwickelt sich was! : individuelle Lernprozesse im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst "weltwärts" in Benin. Köln
  • Katharina Schleich: Globales Lernen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 342–367, siehe (online, PDF).
  • Jürgen Deile, Claudia von Braunmühl: Ist „weltwärts“ entwicklungspolitisch sinnvoll? Der Freiwilligendienst kommt gut an, ist aber nicht unumstritten. In: Welt-Sichten, Heft 2/2010.
  • Brigitte Schwinge: Verkehrte Welten: Über die Umkehrung der Verhältnisse von Geben und Nehmen. Der weltwärts-Freiwilligendienst als Selbstbehandlung im Kulturkontakt zwischen Deutschland und Südafrika. Bonn 2011

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eigendarstellung, abgerufen am 6. Januar 2016
  2. Sabine Seifert: Kameruner im Freiwilligendienst: Unter Deutschen. Internationaler Austausch findet fast nur in Nord-Süd-Richtung statt. Ein Lehrer kam aus Kamerun, um bei einer NGO in Berlin zu arbeiten. www.taz.de, 12. August 2016, abgerufen am 12. August 2016: „2013 hat das BMZ, um der Kritik an dem einseitigen Ansatz zu begegnen, die „Süd-Nord-Komponente“ ins Leben gerufen.“
  3. https://www.engagement-global.de/wind.html, abgerufen am 3. Juli 2016
  4. a b c Christiane Oelrich: Junge Freiwillige: Als blondes Punk-Mädchen in Indonesien. In: Spiegel-Online, 7. August 2010, abgerufen am 12. Oktober 2011.
  5. Florian Töpfl: Egotrips ins Elend. Tausende von Jugendlichen gehen jedes Jahr als freiwillige Helfer in Entwicklungsländer. Aber wem nützen sie eigentlich? Am meisten sich selbst. In: Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 19/2008.
  6. Vgl. Jürgen Deile, Claudia von Braunmühl: Ist „weltwärts“ entwicklungspolitisch sinnvoll? Der Freiwilligendienst kommt gut an, ist aber nicht unumstritten. In: Welt-Sichten, Heft 2/2010.
  7. Vgl. Diana Grundmann, Bernd Overwien (Hrsg.): weltwärts pädagogisch begleiten. Erfahrungen aus der Arbeit mit Freiwilligen und Anregungen durch die Fachtagung in Bonn (18.–20. April 2011). Kassel University Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-86219-199-4 (online, PDF, 1,5 MB).
  8. Vgl. Spiegel-Online: Junge Freiwillige: Heimwärts statt weltwärts([1]).
  9. Vgl. Hannah Gritschke: Motive für den Kompetenzerwerb im Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 318–342; Katharina Schleich: Globales Lernen im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts. In: Hannah Gritschke, Christiane Metzner, Bernd Overwien: Erkennen, Bewerten, (Fair-) Handeln. Kompetenzwerb im globalen Wandel. Kassel 2011, S. 342–367 (online, PDF).
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