Werner Gladow

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Werner Gladow (* 8. Mai 1931 in Berlin; † 10. November 1950 in Frankfurt (Oder)) war der jugendliche Chef der Gladow-Bande im Berlin der Nachkriegszeit. Er wurde 1950 als einer der ersten Bürger in der DDR hingerichtet. Verurteilt wurde er wegen Mordes, Mordversuch und Raub.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werner Gladow, Sohn eines Fleischers[2][3] aus Berlin-Friedrichshain, betätigte sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 16-jährig zunächst als Schwarzhändler am Alexanderplatz.

Weiße Krawatten-Bande[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Absitzen einer Jugendstrafe deswegen lernte er Werner Papke kennen, mit dem er zunächst an der Sektorengrenze Beamte der Volkspolizei in 21 Fällen um deren Waffen erleichterte.[4] Kurz danach scharte Gladow eine Gruppe von Jugendlichen um sich und begann mit kleineren Diebstählen. Von seinen Kumpanen wurde er Doktorchen genannt, da er die Tertia einer Berliner Oberschule absolviert hatte und behauptete, einige Semester Medizin studiert zu haben[4]. Durch Bücher, Kinobesuche und Kriminalromane angeregt, träumte er von einem Leben à la Al Capone, reich und gefürchtet bei seinen Gegnern. Seinem Vorbild näherte er sich später auch modisch durch Tragen von schwarzen Maßanzügen, Maßschuhen und weißen Krawatten an. Die "Weißen Krawatten" waren Erkennungszeichen der Bande, die von der Presse so genannt wurde.

Er verübte Überfälle im West-Teil der Stadt und flüchtete dann in den Ost-Teil, an dessen Sektorengrenze die ihn verfolgende West-Berliner Polizei die Verfolgung abbrechen musste. Das nächste Mal verübte er einen Überfall im Ost-Teil der Stadt und flüchtete in eine angemietete Wohnung oder auf ein Trümmergrundstück im Westen. Bei diesen Grenzwechselaktionen wurde der Umstand genutzt, dass Ost- und Westpolizei kaum zusammenarbeiteten. Diese Treiben wurde von manchen Erwachsenen und der Presse in der Anfangszeit des Kalten Kriegs anfänglich mit Sympathie verfolgt. Gladow begann daraufhin seine Überfälle auch für die Medien zu inszenieren und „Visitenkarten“ am Tatort zu hinterlassen. Die Bande wuchs von 10 auf zeitweise 27 Mitglieder und beschaffte sich Waffen, beispielsweise bei einem Überfall auf eine Streife der Volkspolizei. Damit bestritt sie Banküberfälle, bei denen die ersten Schwerverletzten und auch zwei Tote zu beklagen waren, was letztlich zu einem Stimmungsumschwung in der Groß-Berliner Bevölkerung führte.

Verhaftung, Prozess und Hinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerade 18 Jahre alt, wurde Werner Gladow von der Ehefrau von Gustav Völpel, einem gefassten Bandenmitglied, verraten[4]. Von Beamten in der elterlichen Wohnung in der Schreinerstraße in Friedrichshain gestellt, konnte Gladow nach einem etwa einstündigen Feuergefecht mit der Volkspolizei verhaftet werden. Seine Mutter warnte ihn laut mit dem Ruf „Kriposchweine!“ vor den eindringenden Beamten, Gladow wiederum schoss, in beiden Händen eine Pistole, auf die Polizisten. Seine Mutter half ihm, die Pistolen nachzuladen und die Schüsse zu dirigieren. Gladow konnte erst überwältigt werden, nachdem er durch einen Beinschuss kampfunfähig geworden war.

In einem aufsehenerregenden Prozess wurde Werner Gladow zusammen mit zwei weiteren Bandenmitgliedern 1950 zum Tode verurteilt und in Frankfurt (Oder) als einer der ersten Bürger auf dem Staatsgebiet der DDR hingerichtet.[5] Der Anwalt eines Mitangeklagten resümierte später „Der Prozess damals war kein Schauprozess. Es war ein Prozess streng nach der Prozessordnung, aber […] hart geführt.“[6] Vor ihm war am 26. Juli 1950 Willi Kimmritz hingerichtet worden. Angeblich klemmte zunächst das Fallbeil und blieb zweimal im Hals des vor Schmerzen schreienden 19-Jährigen stecken. Der dritte Anlauf war letztlich erfolgreich.[7] Dem Vernehmen nach fiel der Staatsanwalt während dieser Hinrichtungsprozedur in Ohnmacht.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gladow wird im Zusammenhang mit der Verkündung seines Urteils der Ausspruch zugeschrieben: „Wissen Sie, Herr Richter, die dreifache Todesstrafe, einmal lass ich mir das ja gefallen, die Birne abhauen, aber det andere beede Mal würde ich sagen, dat is Leichenschändung.“[8]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben Gladows wurde mehrfach verfilmt, unter anderem von dem Dichter-Regisseur Thomas Brasch in dem Spielfilm Engel aus Eisen (Bundesrepublik Deutschland, 1980, den Gladow spielt Ulrich Wesselmann). Der Film zeichnet ein realistisches Bild des damaligen Trümmer-Berlin. Vor allem das verdunkelte West-Berlin zu Zeiten der Berliner Luftbrücke bedeutete für die Gladow-Bande einen idealen Ort für Raubzüge. Der Film ist unterlegt mit dem ständigen, über der Stadt liegenden Brummen der Rosinenbomber, die im Abstand von drei Minuten landeten, ihre Ladung löschten und dann wieder aufstiegen, um neue Hilfsgüter heranzuschaffen.

Im Jahr 2000 produzierte der SFB als fünfte Folge der Dokumentationsreihe „Die großen Kriminalfälle“ unter der Regie von Ute Bönnen und Gerald Endres den Beitrag „Die Gladow-Bande. Chicago in Berlin“.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Mittmann: Große Fälle der Volkspolizei. Band 5: Gladow-Bande. Die Revolverhelden von Berlin. Das Neue Berlin, Berlin 2003, ISBN 3-360-01228-3.
  • Peter Niggl, Hari Winz: Tod in Berlin. Kriminalfälle aus der Metropole. 2. überarbeitete Auflage. Das Neue Berlin, Berlin 2001, ISBN 3-360-00789-1.
  • Bernd Oertwig: Großstadtwölfe. Gladows Bande – der Schrecken von Berlin (= Ullstein-Buch 20152). Verlag Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1981, ISBN 3-548-20152-0.
  • Gerald Endres: Die Gladow-Bande – Chicago in Berlin. In: Helfried Spitra (Hrsg.): Die großen Kriminalfälle. Deutschland im Spiegel berühmter Verbrechen (= Piper 3806). Piper Verlag GmbH, München u. a. 2003, ISBN 3-492-23806-8, S. 11–35.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.tagesspiegel.de/medien/rbb-film-ueber-die-gladowbande-klein-chicago-an-der-spree/12557998.html
  2. „Tatort Berlin“ des RBB. Die Gladow-Bande schießt wieder. In: Der Tagesspiegel. 15. Juni 2015 (tagesspiegel.de [abgerufen am 7. Juli 2019]).
  3. Vom Metzgersohn zum Gangsterboss. In: Deutschlandfunk. 8. April 2005 (deutschlandfunk.de [abgerufen am 7. Juli 2019]).
  4. a b c Rüdiger Strempel: Berliner Nachkriegs-Bandenchef Werner Gladow: Der Mörder mit dem Milchgesicht. In: Der Spiegel. 16. Mai 2019 (spiegel.de [abgerufen am 7. Juli 2019] Beruf des Vaters von Gladow falsch mit Polizist angegeben).
  5. Der Spiegel: Todesstrafe in der DDR: Erich Mielkes ganz kurze Prozesse. Peter Maxwill, 17. Juli 2012, abgerufen am 17. Juli 2012.
  6. http://www.deutschlandfunkkultur.de/vom-metzgersoh-zum-gangsterboss.932.de.html?dram:article_id=128939
  7. B.Z.: Unsere Stadt: Gladow-Bande hingerichtet. Henker in Haft. 25. September 2002.
  8. http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/363740/
  9. Die Gladow-Bande": Heute Abend im Ersten: ein spannendes Kapitel Berliner Kriminalgeschichte, Der Tagesspiegel, 21. Juni 2000 (abgerufen am 9. Juni 2012)