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Werner Kaegi (Historiker)

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Kaegi (1977)

Werner Kaegi (* 22. Februar 1901 in Oetwil am See; † 15. Juni 1979 in Basel) war ein Schweizer Historiker.

Leben und Wirken

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Werner Kägi-von Speyr (1901–1979) Dr. phil., Historiker, Übersetzer, Biograph, Grab auf dem Friedhof Hörnli, Riehen, Basel
Grab auf dem Friedhof am Hörnli, Riehen, Basel

Werner Kaegi war Sohn von Paul Kägi, dem reformierten Pfarrer in Oetwil am See. Sein älterer Bruder Paul war in Zürich Fürsorgebeamter und mit der Frauenrechtlerin, Flüchtlingshelferin und humanitären Aktivistin Regina Kägi-Fuchsmann verheiratet.[1] Nach dem Besuch des Literaturgymnasiums in Zürich studierte er von 1919 bis 1924 an den Universitäten Zürich, Leipzig und Florenz Geschichte, Kunstgeschichte und italienische Literatur. 1924 wurde Kaegi in Leipzig mit einer Arbeit zu Hutten und Erasmus. Ihre Freundschaft und ihr Streit zum Dr. phil. promoviert. Weitere Studien führten ihn nach Paris und darauf nach Basel. Dort wohnte er bei seinem Onkel Paul Wernle, dem Ordinarius für Kirchengeschichte. Daneben unterrichtete er am Mädchengymnasium. Aufsehen erregte seine Leistung als Übersetzer der Erasmus-Biographie des großen holländischen Historikers Johan Huizinga, welche 1928 in großzügiger Ausstattung erschienen ist[2] und mehrere Auflagen erlebte. Mit Huizinga entwickelte sich in der Folge eine kollegiale Freundschaft und lebhafte Korrespondenz[3], Kaegi hat später auch noch mehrere andere Bücher des Niederländers übersetzt.

Werner Kaegi wurde 1933 an der Universität Basel habilitiert und 1935 zum Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte berufen. Den Ausschlag für die Wahl des jungen und noch wenig bekannten Gelehrten gab der Umstand, dass man in Anbetracht der Zeiten keinen Dozenten aus Deutschland haben wollte. Kaegi wirkte dort bis 1971 und hatte viele, auch nicht-studentische Hörer und Hörerinnen. Er erarbeitete sich einen achtsemestrigen Vorlesungszyklus, der vom spätrömischen Reich bis zur französischen Revolution führte und den er immer wieder ergänzte.[4] Sein Konzept von Geschichte war durchaus traditionell und auf die großen europäischen Mächte fokussiert. Er war sehr gescheit, geist- und kenntnisreich, ein geschickter Darsteller seines Stoffes und Meister der wissenschaftlichen Prosa. Der fast gleichaltrige Kollege, Edgar Bonjour, der kurz vorher auf den Lehrstuhl für Schweizer Geschichte und neuere allgemeine Geschichte der Universität Basel berufen worden war, schreibt über ihr Verhältnis in seinen Erinnerungen: „Kaegi betonte, seiner Veranlagung und Neigung gemäß, die Geistes- und Kulturgeschichte, ich die politische und institutionelle, beide widmeten wir uns auch der Historiographie [...]“, und Bonjour erwähnt „die tüchtigen Dissertationen [...] die aus unseren Seminarien hervorgingen und die wir in der von uns beiden gemeinsam herausgegebenen Reihe Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft veröffentlichten“.[5]

Kaegi forschte hauptsächlich zur Geistes- und Ideengeschichte. Schwerpunkte seines Interesses waren Erasmus und Jacob Burckhardt. Beide waren ihm auch persönliche Vorbilder. Von der Politik hielt er sich fern, er beobachtete die Welt, ohne selber aktiv mitzugestalten, konnte aber sehr deutlich seine Meinung dazu sagen. Mit dem Alter verstärkte sich seine konservative, elitäre Haltung. Ein neueres Forschungsgebiet pflegte er mit dem Nachleben der erasmianischen Tradition zwischen Reformation und Gegenreformation, nicht zuletzt dem Toleranzgedanken Sebastian Castellios. Lebenslange Freundschaft verband ihn mit seinem italienischen Kollegen Delio Cantimori[6], dessen einschlägiges Hauptwerk er ins Deutsche übersetzte.[7] Zu seinem Lebenswerk aber wurde die Biographie von Jacob Burckhardt.[8] Im Hinblick darauf forderte er Max Burckhardt, seinen ersten Doktoranden auf, die Briefe des großen Gelehrten zu sammeln und herauszugeben.[9] Der erste Band der Biographie erschien 1947, und bei Kaegis Tod lag der siebente und letzte erst zur Hälfte fertig vor. Von diesem monumentalen Werk abgesehen publizierte er vor allem kurze, essaiartige Texte zu begrenzten Themen, die er mit weit gefasster Kenntnis und in geschliffener Sprache behandelte. Die wichtigsten sind in seinen Historischen Meditationen gesammelt.

1948 wurde Werner Kaegi auswärtiges Mitglied der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften.[10] Ab 1951 war Kaegi Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.[11] 1976 wurde er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society.[12] Er erhielt 1954 den Gottfried-Keller-Preis, 1971 den Jacob-Burckhardt-Preis der Basler Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung und 1977 den Erasmuspreis.

Werner Kaegi war ab 1935 mit Adrienne von Speyr verheiratet, der Witwe seines Amtsvorgängers Emil Dürr, die als katholische Mystikerin und durch ihre Zusammenarbeit mit Hans Urs von Balthasar bekannt wurde. Er wohnte und arbeitete in Basel am Münsterplatz 4 als Mieter der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG). Als diese den Verkauf ihrer Liegenschaft beschloss, fühlte sich der alte Gelehrte nicht mehr im Stande, mit Hausrat, Bibliothek und seinen Papieren umzuziehen; ihm kam der Mäzen Paul Sacher zu Hilfe, indem er das Haus 1974 für seine Paul-Sacher-Stiftung erwarb, Kaegi aber das Wohnrecht darin gewährte. Aus Dankbarkeit vermachte ihm der Gelehrte seine Bücher und den wissenschaftlichen Nachlass. Erst 2022 ging der Bestand an die Universitätsbibliothek Basel über.

Werke (Auswahl)

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  • Jacob Burckhardt. 7 Bände. Schwabe Verlag, Basel 1947–1982.
    • Band I: Kindheit und frühe Jugend. Mit 27 Abbildungen.
    • Band II: Das Erlebnis der geschichtlichen Welt. Mit 32 Abbildungen.
    • Band III: Die Zeit der klassischen Werke. Mit 32 Tafeln.
    • Band IV: Das historische Amt und die späten Reisen. Mit 33 Tafeln.
    • Band V: Das neuere Europa und das Erlebnis der Gegenwart. Mit 29 Tafeln.
    • Band VI, 1/2: Weltgeschichte, Mittelalter-Kunstgeschichte, die letzten Jahre 1886–1897. Mit 29 Tafeln.
    • Band VII: Griechische Kulturgeschichte, das Leben im Stadtstaat, die Freunde. Mit Personen- und Ortsregister zum Gesamtwerk.
  • Historische Meditationen [I]. Fretz & Wasmuth, Zürich 1942, 313 S., ill.; darin die Aufsätze: Entstehung der Nationen; Die Rheingrenze in der Geschichte Alemanniens; Erasmus von Rotterdam; Vom Glauben Machiavellis; Machiavelli in Basel; Erasmus im 18. Jahrhundert; Voltaire und der Zerfall des christlichen Geschichtsbildes; Der Kleinstaat im europäischen Denken.
  • Historische Meditationen [II]. Fretz & Wasmuth, Zürich 1946.
  • Historische Meditationen [III]. Eingeleitet und hrsg. von René Teuteberg, Schwabe, Basel 1994, ISBN 3-7965-0965-7 (mit Werkverzeichnis).
  • Europäische Horizonte im Denken Jacob Burckhardts: Drei Studien; Winterthur 1962 (Neujahrsblatt der Buchdruckerei Winterthur; 9), darin die Aufsätze: Jacob Burckhardt und die englisch sprechende Welt; Spanien und die Gegenreformation; Niederländische Blütezeit und italienische Klassik.
  • Hans Rudolf Guggisberg: Werner Kaegi (1901-1979). In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 30 (1980), S. 96–98.
  • Hanno Helbling: Europäischer Schweizer Historiker, zum 100. Geburtstag von Werner Kaegi. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 47, 26. Februar 2001, S. 25.
  • Hendrik Richard Hoetink (Hrsg.): Werner Kaegi als universeel historicus. Meulenhoff, Amsterdam 1977, ISBN 90-290-0766-4 (darin S. 210–237 von Kaegi erstellte Auswahl-Bibliographie).
  • Christian Simon: Die Berufung Werner Kaegis sowie Würdigung von dessen Leben und Werk. Christian Simon: An der Peripherie des nazifizierten deutschen Hochschulsystems. Zur Geschichte der Universität Basel 1933-1945. Schwabe, Basel 2022, S. 521–579.
  • René Teuteberg: [Einleitung] zu: Werner Kaegi: Historische Meditationen, [III]. Schwabe, Basel 1994, S. 9–22, 35 f., ISBN 3-7965-0965-7 (mit Werkverzeichnis).
  • Manfred Welti: Ohne Frauen geht es nicht: Werner Kaegi (1901–1979). Selbstverlag, Basel 1993.

Einzelnachweise

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  1. Werner Kaegi: Erinnerung an meinen Bruder. In: Werner Kaegi: Historische Meditationen [III], hrsg. von René Teuteberg. Schwabe, Basel 1994, ISBN 3-7965-0965-7, S. 279–295.
  2. Johan Huizinga: Erasmus. Deutsch von Werner Kaegi, mit Holz- und Metallschnitten von Hans Holbein d.J. Schwabe, Basel 1928.
  3. Johan Huizinga: Briefwisseling. 3 Bde. Tjeenk Willink, Veen 1989–1991.
  4. René Teuteberg, in: Werner Kaegi: Historische Meditationen, [Band 3], eingeleitet und hrsg. von René Teuteberg, Schwabe, Basel 1994, S. 9–22, bes. S. 19.
  5. Edgar Bonjour: Erinnerungen; Helbing & Lichtenhahn Verlag, Basel 1983, 304 Seiten, ISBN 3-7190-0851-7, S. 95.
  6. Patricia Chiantera-Stutte (Hrsg.): Animus comune. Le lettere di Werner Kaegi a Delio Cantimori (1935-1966). Scuola Normale Superiore, Pisa 2019, ISBN 978-88-7642-674-2 (enthält auch die Briefe von Cantimori an Kaegi).
  7. Delio Cantimori: Italienische Haeretiker der Spätrenaissance. Schwabe, Basel 1949.
  8. Werner Kaegi: Jacob Burckhardt, eine Biographie, Schwabe, Basel 1947–1982, 7 Teile in 8 Bänden.
  9. Jacob Burckhardt: Briefe, vollständige und kritische Ausgabe, bearbeitet von Max Burckhardt. 10 Bde. und Register. Schwabe, Basel 1949–1994.
  10. Past Members: W. Kaegi. Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 16. Mai 2023 (mit Link zum Nachruf, niederländisch).
  11. Michael Assmann, Herbert Heckmann (Hrsg.): Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Wallstein, Göttingen 1999, S. 32.
  12. Member History: Werner Kaegi. American Philosophical Society, abgerufen am 16. Oktober 2018.