Werner Kaltefleiter

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Werner Kaltefleiter (* 21. April 1937 in Hagen; † 17. März 1998 in Kiel) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Sein Forschungsinteresse galt der Wahlforschung, der Medienforschung sowie den Internationalen Beziehungen, insbesondere der Sicherheitspolitik.

Akademische Stationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaltefleiter studierte ab dem Wintersemester 1957 an der Universität zu Köln Volkswirtschaftslehre (Wahlpflichtfach Politikwissenschaft), wurde dort promoviert und habilitierte sich ebenfalls in Köln. 1968/1969 hatte er ein Kennedy-Fellow-Stipendium des DAAD an der Harvard University und war dort u. a. Schüler von Carl J. Friedrich und Henry Kissinger. Von 1970 bis zu seinem Tod lehrte Kaltefleiter in der Nachfolge Michael Freunds als ordentlicher Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dem er viele Jahre als Geschäftsführender Direktor vorstand. Zudem war er von 1975 bis 1981 Vizepräsident der Kieler Universität und hochschulpolitisch sehr einflussreich. Als der CDU sehr nahestehend wurde er von Teilen der Studentenschaft zunächst scharf angefeindet und hat dies aggressiv und nachhaltig erwidert. Das Verhältnis zum politisch links stehenden Wilfried Röhrich – seit Dezember 1979 Inhaber einer zweiten politikwissenschaftlichen Professur an der Kieler Universität – war von Beginn an schlecht und artete zeitweise in einen regelrechten „Krieg“[1] aus, der darin gipfelte, dass das Studiencurriculum ab dem Wintersemester 1989/90 für einige Zeit nach wissenschaftstheoretischen Richtungen unterteilt wurde (empirisch-strukturell: Kaltefleiter, historisch-dialektisch: Röhrich).[2]

Er war zwischen 1970 und 1974 neben seiner Kieler Lehrtätigkeit Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Konrad-Adenauer-Stiftung in Alfter bei Bonn und hat während seiner dortigen Zeit insbesondere zur angewandten Wahl- und Medienforschung gearbeitet.

Kaltefleiters Diplomarbeit (im Fach Volkswirtschaftslehre) entstand bei Alfred Müller-Armack. Er war ein Schüler des Begründers der politikwissenschaftlichen Kölner Schule, Ferdinand A. Hermens, bei dem Kaltefleiter zunächst promoviert wurde und sich anschließend mit einer Arbeit über die Rolle des Staatsoberhauptes in parlamentarischen Systemen habilitierte.

Politikwissenschaftliche Grundhaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Schüler Müller-Armacks verfocht Kaltefleiter eine marktwirtschaftlich verfasste Wirtschaftsordnung. Damit eng verknüpft war seine Legitimierung der repräsentativen Demokratie, die nach seinem Plädoyer das Mehrheitswahlrecht nach britischem Vorbild zur Grundlage haben sollte. Hiermit stand er voll in der Tradition seines akademischen Lehrers Ferdinand A. Hermens. Diese Forderung brachte ihm von verschiedener Seite permanente Kritik ein. In vielen Presse- und Rundfunkinterviews warnte er bis zu seinem Tod stets vor den Gefahren einer Ausfransung des deutschen Parteiensystems, der allein durch die Einführung eines Mehrheitswahlrechtes begegnet werden könne. Der in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 herrschenden personalisierten Verhältniswahl stand er skeptisch bis ablehnend gegenüber und beendete Vorlesungen zu diesem Thema üblicherweise mit dem Ausspruch „Wir brauchen ein Ende der Listokratie“.

Außen- und sicherheitspolitisch vertrat er – auf den Ost-West-Konflikt bezogen – einen rein konfrontativen Kurs mit der Sowjetunion. Kaltefleiter war ein Verfechter der europäischen Einigung, warnte aber zusehends vor dem Verlust der Steuerungskapazitäten der EU-Mitgliedsstaaten und damit vor einer überbordenden Brüsseler Bürokratie.

Politisch-wissenschaftliche Interventionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das im Jahr 1980 von Elisabeth Noelle-Neumann vorgelegte Buch Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut hat Kaltefleiter stark beeinflusst. Er trat im Gefolge der Debatte um diese Publikation massiv für die Etablierung eines privat organisierten Rundfunks – seiner Forderung nach indes neben dem öffentlich-rechtlichen bestehend – ein.

1981 initiierte Kaltefleiter die Gründung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle als ideeller Trägerin des Instituts für Sicherheitspolitik (ISUK, später ISPK) an der Universität Kiel, dessen Gründungsdirektor er wurde. Ziel war laut Kaltefleiter die emotionsfreie Erhellung des Konfliktpotentials in der Welt. Nicht nur das militärische Kräfteverhältnis und die Fragen des Gleichgewichts, der Abrüstung in Ost und West sollen durchleuchtet werden, sondern auch ökonomische Hintergründe, deren Kenntnis zur Vermeidung militärischer Auseinandersetzungen von Bedeutung ist.[3]

Er war zudem 1981–98 Veranstalter des jährlichen „Postgraduate Summer Course on National Security“ in Kiel, an dem renommierte Wissenschaftler, Akteure aus Regierungen und Befreiungsbewegungen sowie Militärangehörige teilnahmen. Zwischen 1982 und 1988 gehörte er als ein von der schleswig-holsteinischen CDU-Landesregierung entsandtes Mitglied dem ZDF-Fernsehrat an.

Zwischen 1991 und 1993 organisierte Kaltefleiter zusammen mit seinem Schüler und Freund Karl-Heinz Naßmacher (Universität Oldenburg) einen Arbeitskreis zur „Neuordnung der Parteienfinanzierung“ in Deutschland. Da das Bundesverfassungsgericht 1992 die seinerzeit bestehende Form des Parteiengesetzes nach mehreren Skandalen um Parteispenden als mit dem Grundgesetz in wesentlichen Teilen unvereinbar verworfen hatte, hatten sich die Schatzmeister von CDU, SPD, CSU, B’90/Die Grünen sowie der FDP unter der Leitung von Kaltefleiter und Naßmacher zur Vorformulierung eines neuen Parteiengesetzes in Bonn getroffen, das dann 1994 in Kraft trat.

Werner Kaltefleiter hat regelmäßig Kolumnen für die Tageszeitung Handelsblatt, für die Wochenzeitung Welt am Sonntag sowie für die Zeitschrift Impulse verfasst.

Engagement als Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaltefleiter hat als CDU-Mitglied immer wieder Positionen der Bundespartei in Frage gestellt. Belegt ist die Kontroverse zwischen ihm und Teilen von CDU/CSU hinsichtlich der Bewertung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet. Kaltefleiter wurde in den 1970er Jahren vom Strauß-Flügel der CSU – regelmäßig im CSU-Presseorgan Bayernkurier – angegriffen. Doch referierte Kaltefleiter dann 1991 auf der Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth (nunmehr auf ausdrücklichen Wunsch des damaligen CSU-Parteivorsitzenden Theo Waigel) zum Thema der Entwicklung des deutschen Parteiensystems und zum Standort der CSU im Parteiensystem nach der Wiedervereinigung.

1980 bemühte sich Kaltefleiter um einen Sitz im Bundestag. Als CDU-Direktkandidat im Bundestagswahlkreis Rendsburg-Eckernförde versuchte er, mit einem an US-amerikanische Event-Wahlkämpfe angelehnten Konzept das Direktmandat zu gewinnen. Er unterlag jedoch der damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und späteren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis.[4] Nach 1980 ist er noch als Mitglied des CDU-Landesausschusses Schleswig-Holstein in Erscheinung getreten.[5]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 erhielt Kaltefleiter aus der Hand des damaligen schleswig-holsteinischen Kultusministers Peter Bendixen das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für sein Engagement zur Förderung und Erhalt der Hochschulautonomie in Deutschland.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Konsens ohne Macht? Eine Analyse der Bundestagswahl vom 19.9.1965. In: Ferdinand A. Hermens: Verfassung und Verfassungswirklichkeit, Jahrbuch 1966. Westdeutscher Verlag, Köln 1966
  • Zur Chancengleichheit der Parteien. In: Ferdinand A. Hermens: Verfassung und Verfassungswirklichkeit, Jahrbuch 1968 Teil 2. Westdeutscher Verlag, Köln 1968
  • Wirtschaft und Politik in Deutschland (1966, 1968)
  • Die Funktionen des Staatsoberhauptes in der parlamentarischen Demokratie. Westdeutscher Verlag, Köln 1970
  • Im Wechselspiel der Koalitionen – Analyse der Bundestagswahl 1969. (mit Peter Arend, Paul Kevenhörster, Rüdiger Zülch) In: Ferdinand A. Hermens: Verfassung und Verfassungswirklichkeit, Jahrbuch 1970 Teil 1. Carl Heymanns, Köln 1970
  • Zwischen Konsens und Krise – Analyse der Bundestagswahl 1972 (1973)
  • Geheimhaltung und Öffentlichkeit in der Außenpolitik (zus. mit P. Krogh, 1974)
  • Minoritäten in Ballungsräumen – Ein deutsch-amerikanischer Vergleich (zus. mit M. G. Eisenstadt, Bonn 1975)
  • Vorspiel zum Wechsel. Eine Analyse der Bundestagswahl 1976 (1977)
  • Weltmacht ohne Politik – Das amerikanische Regierungssystem nach den Wahlen von 1976 (zus. mit Edward Keynes, Berlin 1979)
  • Empirische Wahlforschung. Eine Einführung in Theorie und Technik (zus. mit P. Nißen, 1980)
  • Parteien im Umbruch. Düsseldorf 1984

Herausgeber (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verfassung und Verfassungswirklichkeit, Jahrbuch. Ab 1972 gemeinsam mit Ferdinand A. Hermens, Duncker Humblot, Berlin 1972 ff.
  • Conflicts, Options, Strategies In A Threatened World (mit Ulrike Schumacher) Papers presented at the International Summer Course on National Security, 1981 ff., Schriften des Instituts für Politische Wissenschaften an der Universität Kiel
  • Libertas Optima Rerum. Schriften des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, E.S.Mittler, Herford 1984 ff.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Katia H. Backhaus: Zwei Professoren, zwei Ansätze. Die Kieler Politikwissenschaft auf dem Weg zum Pluralismus (1971–1998). In: Wilhelm Knelangen, Tine Stein (Hg.): Kontinuität und Kontroverse. Die Geschichte der Politikwissenschaft an der Universität Kiel. Klartext Verlag, Essen 2013, S. 427–474, ISBN 978-3-8375-0763-8
  • GESTORBEN Werner Kaltefleiter. In: Der Spiegel. Nr. 13, 1998 (online).
  • Eine ausführliche Liste der Veröffentlichungen von Werner Kaltefleiter enthält die Gedenkschrift von Robert L. Pfaltzgraff und William R. Van Cleave (eds.): Strategy and International Politics. Essays in Memory of Werner Kaltefleiter, Frankfurt: Lang, 2001, S. 275–302.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Katia Backhaus: Zwei Professoren, zwei Ansätze. S. 452.
  2. Vgl. Katia Backhaus: Zwei Professoren, zwei Ansätze. S. 466–470.
  3. Kieler Nachrichten vom 19. November 1982, zitiert nach Politik in Schleswig-Holstein im Spiegel der Presse Nr. 12, 1985 bearbeitet von Bernd Bronstert, Institut für Politische Wissenschaft der Universität Kiel
  4. Dieser Wahlkampf 1980 war durch eine starke Polarisierung – auch innerhalb der CDU – geprägt, ausgelöst durch die Person des Kanzlerkandidaten von CDU und CSU Franz Josef Strauß. Im Gefolge dieser Entwicklung konnte die CDU in Schleswig-Holstein bei der Bundestagswahl 1980 kein einziges Direktmandat erringen. Vgl. Peter Schindler, Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestags 1980–1984, Nomos, Baden-Baden 1986, S. 70.
  5. Sein Nachfolger als Direktkandidat im Bundestagswahlkreis Rendsburg-Eckernförde zur Bundestagswahl 1983 war der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg.