Werner Vordtriede

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Werner Vordtriede (* 18. März 1915 in Bielefeld; † 25. September 1985 in İzmir, Türkei) war ein deutsch-amerikanischer Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Herausgeber und Schriftsteller. Da er als „Halbjude“ zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurde, musste Vordtriede als junger Mann in die Emigration.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werner Vordtriede wuchs die ersten sieben Jahre in Bielefeld auf. Aufgrund des Ersten Weltkrieges und der frühen Scheidung seiner Eltern zog er mit seiner alleinerziehenden Mutter, der später bekannt gewordenen Journalistin Käthe Vordtriede und seiner Schwester Fränze Vordtriede 1922 zunächst nach Todtmoos im Schwarzwald. Im Frühjahr 1923 zogen sie in das badische Freiburg. Ab 1926 wuchs Werner Vordtriede im Stadtteil Haslach auf. Seinen Vater, den Fabrikanten Gustav Adolf Vordtriede (1882–1929), konnte er nie sehen. Dieser starb bei einem Unfall in Herne.

Bereits in jungen Jahren interessierte sich Vordtriede für Deutschsprachige Literatur sowie Lyrik und korrespondierte mit literarischen Größen wie Kurt Tucholsky, Arthur Schnitzler oder André Gide. Seine Mutter setzte sich dafür ein, dass er das Gymnasium besuchen konnte. Das Schulgeld belastete die ohnehin knappe Haushaltskasse. Als Sechzehnjähriger gewann er einen Paris-Aufenthalt mit dem Schülerwettbewerb Wer schreibt den schönsten Verständigungsbrief? 1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, machte der Achtzehnjährige seine Reifeprüfung am Realgymnasium Freiburg (späteres Kepler-Gymnasium) und emigrierte noch im gleichen Jahr in die Schweiz. Dort arbeitete er als Hauslehrer und schrieb nebenbei Artikel und Buchbesprechungen für die Neue Zürcher Zeitung. Um nicht die Aufmerksamkeit der Schweizer Fremdenpolizei zu erregen, publizierte Vordtriede unter den Pseudonymen Werner Salasin, r. e. und Werner Stoutz. Gleichzeitig studierte er im Hauptfach Germanistik und im Nebenfach Anglistik an der Universität Zürich. Seine Professoren waren Emil Ermatinger sowie Bernhard Fehr. 1934 traf er die Philosophin Edith Landmann in Basel und kam so in engen Kontakt mit dem George-Kreis. 1937 erhielt er ein Reise-Stipendium und verbrachte einen Sommer in der Universitätsstadt Cambridge.

1938 wanderte Werner Vordtriede in die USA aus. Der betagte englische Romancier Robert Hichens ermöglichte ihm die Überfahrt mit der Niew Amsterdam nach New York. Mit Hilfe der Organisation American Guild for German Cultural Freedom erhielt er ein Stipendium. Vordtriede setzte seine Studien an der University of Cincinnati fort und erreichte 1939, mit einer Arbeit über den Lyriker Friedrich Hölderlin, seinen Magister Artium. Anschließend arbeitete er als Tutor an der Northwestern University in Evanston (Illinois). Bei einem Europabesuch wurde Vordtriede in Frankreich vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges überrascht und als Enemy Alien interniert.[1] Erst durch Interventionen kam er Monate später frei und durfte zurück nach Amerika fahren. 1941 traf er seine ebenfalls in die USA emigrierte Mutter in New York, die ab 1942 ebenfalls am Studienort Evanston wohnte. Im Exil machte Vordtriede Bekanntschaft mit dem Dichter Saint-John Perse, dem Romancier Richard Beer-Hofmann und der Wissenschaftlerin Christiane Zimmer. Im Mai 1943 traf er in Oberlin auf den Generalsekretär Prinz zu Löwenstein, der dort gerade Öffentlichkeitsarbeit für das American Guild for German Cultural Freedom machte.

Es folgten Tätigkeiten an der Rutgers University sowie der Central Michigan University; 1945 die Erwerbung des Doktorgrades Ph.D. an der Northwestern University, mit einer Dissertation über den Schriftsteller Stéphane Mallarmé und den Lyriker Stefan George. Zuvor erfolgte die Änderung seiner Studienfächer in das Hauptfach Romanistik und Nebenfach Germanistik. Danach arbeitete Vordtriede als Dozent für französische und deutsche Literatur, unter anderem an der Princeton University. Dort lernte er den Historiker Erich von Kahler sowie den Schriftsteller Hermann Broch kennen. 1946 erhielt der Wissenschaftler die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten. Im Jahr 1947 folgte er einem Ruf der Universität von Wisconsin, wo er Professor für Germanistik wurde. Im gleichen Jahr emigrierte auch seine Schwester Fränze in die USA. 1957 erhielt Vordtriede ein Guggenheim-Stipendium (Guggenheim Fellow).[2] Bis Ende der 50er-Jahre unternahm er regelmäßig Studienreisen nach Europa; dabei besuchte er auch seine alte Heimat Freiburg.

1961 kehrte Werner Vordtriede nach Deutschland zurück und liess sich als freier Schriftsteller in München nieder. 1962 war er zunächst Privatdozent für Literaturwissenschaft an der Universität München und 1963 auch Gastprofessor an der Ohio State University. 1965 erfolgt die Umhabilitation zum Universitätsprofessor. In den 60er-Jahren war Vordtriede Stammgast im Literaturtreff Schelling-Salon, nahe der Universität. 1966 zog Christiane Zimmer ins gleiche Haus wie Vordtriede. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1976 hielt er Gastvorlesungen an den Universitäten zu Berlin, Heidelberg und Göttingen. Zu seinen bekanntesten Studenten gehörten Dieter Borchmeyer, Joseph von Westphalen und Werner Herzog. 1985 feierte er seinen 70. Geburtstag. Dabei wurde erstmals ein Kapitel seines vierten Romans vorgestellt. Das Werk konnte allerdings nicht mehr veröffentlicht werden.

Ende September 1985 starb Werner Vordtriede bei einer Reise in die Türkei. Die Studienreise hatte der Freundeskreis der Glyptothek in München veranstaltet. Bereits Monate vorher hatte er einen ersten Herzinfarkt erlitten. Die Urnenbeisetzung auf dem Münchner Nordfriedhof fand am 25. Oktober 1985 statt. Nachkommen hatte Werner Vordtriede keine. Die Nachlassverwaltung übernahm Professor Dieter Borchmeyer, ein ehemaliger Student und Freund. Ein Teil des Vermächtnisses erhielt das Literaturarchiv Marbach. Dort wird er als Germanist geführt. Mit Victor Lange und Arno Schirokauer zählte Vordtriede zu den Germanisten deutscher Herkunft, die in Amerika eine bemerkenswerte Bedeutung erlangt haben. 2015 wurde sein Grab aufgelöst.

Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2014 widmet sich das Vordtriede-Haus Freiburg der emigrierten Familie Vordtriede. Diese lebte von 1926 bis 1938 in der Fichtestraße 4 von Freiburg-Haslach. Neben Käthe Vordtriede gehören auch die damaligen Kinder Fränze und Werner Vordtriede dazu. Es war ihre letzte gemeinsame Wohnstätte. Von 2016 bis 2017 wurde Werner Vordtriede, im Rahmen der Sonderausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ des Augustinermuseums neben seiner Mutter erwähnt.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Novalis und die französischen Symbolisten. Stuttgart 1963.
  • Gedichte. Engl. und dt. Frankfurt am Main 1964.
  • Der Nekromant. Text für eine Oper. München 1968.
  • Heine Kommentar zu den Schriften zur Literatur und Politik. München 1970.
  • Das verlassene Haus. Tagebuch aus dem amerikanischen Exil 1938–1947. München 1975.
  • Geheimnisse an der Lummer. Wien 1979.
  • Der Innenseiter. München 1981.
  • Ulrichs Ulrich oder Vorbereitungen zum Untergang. München 1982.
  • Ghaselen. Unveröffentlicht. (München 1985.)

Zeitschriftenbeiträge (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Tod als ewiger Augenblick. In: Modern Language Notes. Zeitschrift der Modern Language Association. Ausgabe 8, 1948, S. 520–525.
  • Vorläufige Gedanken zu einer Typologie der Exilliteratur. In: Akzente. Zeitschrift für Exilliteratur. Ausgabe 15, 1968, S. 556–575.

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Borchmeyer, Till Heimeran: Weimar am Pazifik. Literarische Wege zwischen den Kontinenten. Festschrift für Werner Vordtriede zum 70. Geburtstag. de Gruyter, Berlin 1985, ISBN 3-484-10521-6.
  • Regina Weber: Werner Vordtriede (1915–1985). Nachlassbericht. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Band XXXII 1988. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-520-88801-7, S. 406–422.
  • Vordtriede, Werner – Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. In: Brockhaus Enzyklopädie, in 24 Bänden. Band 23: Us–Wej. F. A. Brockhaus-Verlag, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1123-5, S. 448.
  • Gesa Schönermark: Telemachs Wandlung. Werner Vordtriede. Eine wissenshistorische Biographie. Herbert Utz Verlag, München 1995, ISBN 3-8316-7532-5.
  • Käthe Vordtriede: „Mir ist es noch wie ein Traum, dass mir diese abenteuerliche Flucht gelang.“ Briefe nach 1933 aus Freiburg i. Br., Frauenfeld und New York an ihren Werner. Hrsg. von Manfred Bosch. Libelle Verlag, Lengwil 1998, ISBN 3-909081-10-X.
  • Beate Schmeichel-Falkenberg: Es ist hier nicht mehr auszuhalten. Käthes und Werners Exil ohne Ende. In: Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert. Literatur- und kulturgeschichtliche Studien. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2310-2, S. 151–165.
  • Vordtriede, Werner – Literaturwissenschaftler (1915–1985). In: Große Bayerische Enzyklopädie von Hans-Michael Körner. de Gruyter Saur, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-097344-8, S. 456, 2027.
  • Ulrich Raulff: Werner Vordtriede als George-Jünger. In: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59225-6, S. 177, 296, 306, 312 und 503.
  • Ulrich Raulff: Das verlassene Haus. Werner Vordtriede und die Geisterinseln des Exil. In: Intellektuelle im Exil. Wallstein Verlag, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0781-0, S. 261–276.
  • Walter Olma: Vordtriede, Werner, auch: Werner Stoutz, Werner Salazin. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Band 12: Vo–Z. de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-022038-4, S. 24–25.
  • Jürgen Lang: Werner Vordtriede. In: Das Vordtriede-Quiz. 50 Fragen und Antworten zur emigrierten Freiburger Familie. BoD, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7392-0492-5, S. 17–18.
  • Klaus Weissenberger: Das literarische Tagebuch. Die junge Generation: Werner Vordtriede und Jenny Aloni. In: Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa im NS-Exil. Verkannte Formen literarischer Identitätsbestätigung. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17446-1, S. 19–27.
  • Werner Vordtriede (1915–1985) – Bibliographie. Zusammengestellt von Gesa Schönermark. In: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933 in 5 Bänden. Band 4: Bibliographien. Schriftsteller, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den USA von John M. Spalek (Hrsg.). de Gruyter Saur, Bern/München 2018, ISBN 978-3-110-97553-6, S. 1922–1932.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulrich Weinzierl: Europahaus, verlassen. Neu zu entdecken: Werner Vordtriedes Tagebuch aus dem amerikanischen Exil 1938–1947. Auf: Die Welt. 1. Februar 2003, abgerufen am 3. Januar 2017.
  2. Guggenheim Fellowship von Werner Vordtriede. Im Verzeichnis der John Simon Guggenheim Memorial Foundation, abgerufen am 2. Januar 2017.