Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems

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Die Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems sind Maßnahmen unter der Leitung der Europäischen Zentralbank (EZB), die die Kreditvergabe im Euroraum unterstützen und die Inflation verstärken sollen. Sie wurden im Zuge der Finanzkrise ab 2007 und der Eurokrise gestartet und umfassen den Kauf zinstragender Wertpapiere öffentlicher und privater Emittenten durch das Eurosystem, das heißt durch die nationalen Notenbanken der Eurozone und durch die EZB. Diese Maßnahmen sind politisch und wissenschaftlich umstritten.

Pfandbriefkäufe von 2009 bis 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 2009 startete die EZB ein erstes Programm zum Aufkauf von Pfandbriefen (covered bond purchase programe, CBPP), um den von der Finanzkrise stark beeinträchtigten Pfandbriefmarkt zu stützen. Bis Juni 2010 erwarb das Eurosystem Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden Euro.[1][2] In einem zweiten Programm von November 2011 bis Oktober 2012 (CBPP2) wurden Pfandbriefe im Umfang von 16,4 Milliarden Euro gekauft.

Die Wertpapiere sollen bis zur Endfälligkeit gehalten werden. Im September 2016 waren noch Pfandbriefe im Wert von rund 24 Milliarden Euro aus dem CBPP- und CBPP2-Programm im Bestand des Eurosystems.[3]

Staatsanleihenkäufe von 2010 bis 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2010 begann das Eurosystem mit dem Kauf von Staatsanleihen (security markets programme, SMP) über den Sekundärmarkt. Die Käufe konzentrierten sich auf Staaten wie Griechenland, Portugal und Italien, die besonders von der Eurokrise betroffen waren.[4] Bis September 2012 wurden Wertpapiere im Umfang von ungefähr 210 Milliarden Euro erworben.[5]

Die Käufe wurden anfangs sterilisiert, das heißt in den Markt gepumptes Geld wurde an anderer Stelle wieder entzogen, um eine Ausweitung der Geldmenge zu verhindern. Angesichts der niedrigen Inflation im Euroraum entschied die EZB 2014, die Sterilisation aufzugegeben und das verbliebene Volumen von etwa 165 Milliarden Euro im Markt zu belassen.[6] Damit wurde das SPP-Programm nachträglich zu einer quantitativen Lockerung.

Outright Monetary Transactions[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Abschluss des ersten Staatsanleihen-Kaufprogramms (SPP) und während einer erneuten Eskalation der Eurokrise führte die EZB im September 2012 eine Maßnahme namens Outright Monetary Transactions (OMTs; deutsch etwa: als „endgültige Transaktionen“ durchgeführte geldpolitische Geschäfte) ein. Diese ermöglicht es einzelnen Staaten, parallel zu einer Aktivierung des Europäischer Stabilitätsmechanismus auch Staatsanleihenkäufe über den Sekundärmarkt durchführen zu lassen.[7]

Das OMT-Programm wurde bislang (Stand: August 2016) von keinem Staat in Anspruch genommen. Marktbeobachter gehen jedoch davon aus, dass alleine die Ankündigung eine beruhigende, zinssenkende Wirkung auf die Finanzmärkte hatte.[8]

Erweitertes Wertpapierkaufprogramm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf die ersten Serie von Kaufprogrammen in den Jahren 2009 bis 2012 folgte eine zweite ab Herbst 2014, die die EZB zusammenfassend als expanded asset purchase programme (EAPP; deutsch wörtlich: erweitertes Vermögenswerte-Kaufprogramm) bezeichnet.[9] Das EAPP hatte ab März 2015 ein monatliches Gesamtvolumen von 60 Milliarden Euro und sollte zunächst bis mindestens September 2016 laufen.[10][11] Im Dezember 2015 verlängerte die EZB es bis mindestens März 2017,[12] und im April 2016 weitete sie das Ankaufvolumen auf 80 Milliarden Euro pro Monat aus.[10][13]

Das EAPP umfasst bislang vier Einzelprogramme:

Pfandbriefkäufe seit 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2014 startete ein drittes Pfandbrief-Aufkaufprogramm (CBPP3). Es erlaubt der EZB, bis zu 70 Prozent Anteil an einzelnen Wertpapieren zu halten.[14] Im September 2016 hatte das Eurosystem Pfandbriefe im Wert von rund 191 Milliarden Euro aus diesem Programm im Bestand.[3]

ABS-Käufe seit 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit November 2014 kauft das Eurosystem im Rahmen des ABSSP-Programms auch forderungsbesicherte Wertpapiere (asset backed securities, ABS).[15] Der Bestand aus diesem Programm belief sich im September 2016 auf 20 Milliarden Euro.[3]

Staatsanleihenkäufe seit 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2015 begann das Eurosystem mit einem groß angelegten Kauf europäischer Staatsanleihen (public sector purchase programme, PSPP).[9][11] Im Gegensatz zum SPP-Programm von 2010 bis 2012 kaufen die nationalen Notenbanken beim PSPP nur noch Anleihen des eigenen Staates, um Bedenken wegen unerlaubter monetärer Staatsfinanzierung auszuräumen.[16][17] Zudem wurde ein fester Aufteilungsschlüssel für die einzelnen Euro-Länder eingeführt, der sich nach deren Anteil am Kapital der EZB richtet. Demnach entfällt das größte Volumen auf deutsche Anleihen, das zweitgrößte auf französische, das drittgrößte auf italienische usw. Der Anteil des Eurosystems an der Gesamtmenge einzelner Wertpapieren wurde auf 25 Prozent begrenzt (sogenanntes „ISIN-Limit“[18]) und der Anteil an den Schulden eines Staates auf 33 Prozent.[19] Im September 2015 erhöhte die EZB das ISIN-Limit von 25 auf 33 Prozent.[10] Die Rendite der gekauften Anleihen muss oberhalb des Einlagezinssatzes der EZB liegen.[20]

Bis Anfang September 2016 wurden im Rahmen dieses Programms Wertpapiere im Wert von rund 1000 Milliarden Euro erworben.[3] Die Kurse der europäischen Staatsanleihen stiegen in diesem Zeitraum stark an und die Zinsen fielen dementsprechend auf historische Tiefststände. Die Umlaufrendite der deutschen Staatsanleihen fiel in den negativen Bereich,[21] d. h. der Staat muss für neu ausgegebene Anleihen im Schnitt keine Zinsen mehr zahlen, sondern erwirtschaftet mit den Schulden einen Gewinn.

Kauf von Unternehmensanleihen seit 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Juni 2016 erwirbt das Eurosystem auch Unternehmensanleihen von Emittenten aus der Eurozone. Anders als beim Staatsanleihenkauf, der zur Vermeidung von direkter Staatsfinanzierung über den Sekundärmarkt erfolgt, können die Notenbanken die Unternehmensanleihen auch direkt von den Emittenten kaufen oder zeichnen.[17]

Im September 2016 belief sich der Bestand des Eurosystems an Unternehmensanleihen aus diesen Käufen auf 20,5 Milliarden Euro.[3] Die Umlaufrendite der deutschen Unternehmensanleihen fiel von Juni bis August 2016 von etwa 2,0 auf 1,6 Prozent.[21]

Inoffizielle Wertpapierkäufe durch nationale Notenbanken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Welt am Sonntag berichtete im November 2015 über „geheime“ Wertpapierkäufe der Notenbanken Frankreichs, Italiens und weiterer Länder. Im Zeitraum von 2006 bis 2012 sollen sie sich nach Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Daniel Hoffmann (im Rahmen seiner Dissertation) auf mindestens 510 Milliarden Euro belaufen haben, also wesentlich mehr als der Betrag der offiziellen Ankaufprogramme.[22][23][24]

Aktienkäufe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Angebot an geeigneten, durch das Eurosystem aufkaufbaren Staatsanleihen ist begrenzt, und das Ziel einer Inflation von nahe zwei Prozent konnte bislang nicht erreicht werden. Verschiedene Marktbeobachter diskutierten daher im Sommer 2016 eine mögliche Ausweitung der Ankaufprogramme auf Aktien beziehungsweise börsennotierte Aktienfonds, wie es in Japan schon seit Längerem der Fall ist.[25][26]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zusätzliche Liquidität für das Finanzsystem: 60 Milliarden Euro für Pfandbriefe, Handelsblatt, 5. Juni 2009.
  2. Covered bond purchase programme completed, EZB-Pressemeldung vom 30. Juni 2010.
  3. a b c d e Konsolidierter Ausweis des Eurosystems zum 2. September 2016, EZB, 6. September 2016.
  4. EZB kauft für 22 Milliarden Euro Staatsanleihen, FAZ.NET, 15. August 2011.
  5. European Central Bank: Summary of ad hoc communication. Related to monetary policy implementation issued by the ECB since 1 January 2007. Online, abgerufen am 7. September 2012.
  6. EZB beendet Sterilisierung ihrer Staatsanleihen-Käufe, Deutsche MittelstandsNachrichten, 5. Juni 2014.
  7. Technical features of Outright Monetary Transactions, EZB, 6. September 2012.
  8. Dazu im Einzelnen der Abschnitt „Auswirkungen auf die Zinsen für Staatsanleihen“. Vgl. auch Peter Spiegel und Michael Steen: Fears ECB bond scheme has its weakness. In: Financial Times (FT.com). 26. Februar 2013, abgerufen am 12. April 2015; Bench Press. In: The Economist. (Online). 8. Juni 2013, abgerufen am 12. April 2015.
  9. a b Asset purchase programmes, EZB, abgerufen am 27. August 2016.
  10. a b c More details on the public sector purchase programme (PSPP) - Questions & answers, EZB, 2. Juni 2016.
  11. a b Kauf von Staatsanleihen: EZB flutet Märkte mit 60 Milliarden Euro pro Monat, Spiegel Online, 22. Januar 2015.
  12. Die EZB bleibt unter den Erwartungen, FAZ.NET, 3. Dezember 2015.
  13. Notenbank drosselt Tempo der Anleihenkäufe, Handelsblatt, 2. Mai 2016.
  14. DECISION OF THE EUROPEAN CENTRAL BANK of 15 October 2014 on the implementation of the third covered bond purchase programme, Office Journal of the European Union, 22. November 2011.
  15. Asset-backed securities purchase programme, EZB, 19. November 2014.
  16. EZB-Anleihenkauf: Draghis Doppelfehler, Spiegel Online, 24. Januar 2015.
  17. a b EZB-Programm für Unternehmensanleihen: Draghis Milliardenspritze für die Mächtigen, Spiegel Online, 8. Juni 2016.
  18. EZB verkündet QE, NordLB, 22. Januar 2015
  19. Die Schwachstellen in Draghis Milliardenplan, Zeit Online, 19. März 2015.
  20. Michael Rasch: Bohrende Fragen an Mario Draghi, Neue Zürcher Zeitung, 7. September 2016.
  21. a b Quelle: Veröffentlichungen der Deutschen Bundesbank.
  22. Die geheimen Milliardengeschäfte der Notenbanken, Die Welt, 29. November 2015.
  23. Das große Geheimnis von Europas Geldmachern, Die Welt, 1. Dezember 2015.
  24. Heimliches Gelddrucken in Rom und Paris, FAZ.NET, 7. Dezember 2015.
  25. Wagt Mario Draghi jetzt den nächsten Tabubruch?, Die Welt, 17. August 2016.
  26. „Aktien kaufen? Eine absolute Schnapsidee“, Handelsblatt, 24. August 2016.