Wessjolowka (Kaliningrad, Tschernjachowsk)

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Siedlung
Wessjolowka/Judtschen (Kanthausen)
Весёловка
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Tschernjachowsk
Frühere Namen Jutzschwentta (um 1577),
Jutschen (um 1590),
Juschen (um 1615),
Judschen (um 1887),
Judtschen(bis 1938),
Kanthausen (1938–1946)
Bevölkerung 269 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Höhe des Zentrums 40 m
Zeitzone UTC+2
Telefonvorwahl (+7) 40141
Postleitzahl 238161
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 239 816 003
Geographische Lage
Koordinaten 54° 35′ N, 22° 1′ OKoordinaten: 54° 35′ 20″ N, 22° 1′ 0″ O
Wessjolowka (Kaliningrad, Tschernjachowsk) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Wessjolowka (Kaliningrad, Tschernjachowsk) (Oblast Kaliningrad)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Kaliningrad‎

Wessjolowka (russisch Весёловка, bis 1938 deutsch Judtschen, 1938–1946 Kanthausen) ist ein Dorf im Rajon Tschernjachowsk der Oblast Kaliningrad (Russland). Heute ist es Ortsteil von Swobodnenskoje selskoje posselenije (Kantgemeinde Swoboda (Jänischken, 1938-1946 Jänichen)). Zur deutschen Zeit war Judtschen seit 1727 Kirchdorf, hatte ab 1860 Bahnanschluss und lag im Kreis Gumbinnen und Regierungsbezirk Gumbinnen in der Provinz Ostpreußen.

Kirche in Judtschen nach Wiederaufbau 1925, Skizze nach alter Postkarte
Ruine in Wessjolowka (ehem. Pfarrhaus, „Kanthaus“) (2013)
Ruine in Wessjolowka (ehem. Schule?) (2013)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gut einen Kilometer südlich des Ortes, auf dem Schlossberg, befindet sich der Ringwall einer prussischen Wehrburg. Er war in den 1930er Jahren noch gut erhalten.

Über die Siedlungsgeschichte und Dorfgründung ist nur wenig überliefert. Im 16. Jahrhundert wurden die Dörfer Launessieta und Ruduprastt zusammengelegt. 1557 wird der Ort Jutzschentta, Jutzwethen bzw. Jutzschwethen genannt. Der Ortsname kann aus dem Namen des dunkel aussehenden ersten Zinsers „Jotze“ bzw. „Joduz“ entstanden sein, wahrscheinlicher ist jedoch die Beschreibung des hier vorzufindenden Humusbodens, die sogenannte Schwarzerde, worauf auch der Name Judlaukis (prußisch für Schwarzacker) deutet. Bereits 1590 schrieb er sich Jutschen. In verschiedenen Urkunden wurde der Ort auch mit Judlaukis, Jüducze, bzw. Jodszen bezeichnet. Ab 1615 wird er in Urkunden mit „Juzchen“ bezeichnet und seit 1620 etablierte sich die Schreibweise „Judtschen“. Vom 17. bis 19. Jahrhundert finden sich in den verschiedenen Urkunden überwiegend die Schreibvarianten „Judtschen“, „Judschen“ und „Jutschen“.

1709 bis 1711 wütete die aus Polen gekommene Pestseuche in Ostpreußen und forderte zahlreiche Todesopfer. Weite Landstriche verödeten, besonders in "Preußisch-Litauen", darunter das Dorf Judtschen. Der preußische König initiierte und unterstützte die Einwanderung von Protestanten aus West-Mitteleuropa. Besonders zahlreich kamen ab 1711 reformierte Siedler aus der französischsprachigen Schweiz, auch nach Judtschen. Die Gemeinde blühte auf. 1713 erwirkte der "Kolonistenvater" Burggraf Alexander von Dohna den Entscheid zur Berufung eines französischen Predigers (David Clarenc) und zum Bau einer französisch-reformierten Kirche. Diese wurde 1727 eingeweiht, 1734 konnte auch ein neues Pfarrhaus bezogen werden. Anfang des 19. Jahrhunderts hörte der Gebrauch der französischen Sprache, auch in den Predigten auf.

In Judtschen lebte von 1747 bis 1750 der junge Immanuel Kant als "Studiosus philosophiae" beim Pastor Daniel Ernst Andersch (* 1701 in Lissa, † 1771 in Judtschen) und beim Schulmeister Johann Jacob Challet (* um 1686 in Moudon, Kanton Waadt, † 1771 in Judtschen) als Hauslehrer für deren Söhne. Kant war auch Taufpate für zwei Kinder aus Judtschen.

1810 baute man ein neues "Predigerhaus". 1848 wurde der Kirchturm erneuert, 1851 das Kirchenschiff einer "bedeutenden Reparatur" unterzogen. 1865 begann der Bau eines neuen Pfarrhauses, auf den Fundamenten der Vorgängerbauten.

1860 erhielt der Ort einen Bahnhof an der "Ostbahn" zwischen Königsberg und Eydtkuhnen, mit einer Bogenbrücke über die Angerapp. Er war von großer wirtschaftlicher Bedeutung für das landwirtschaftlich geprägte Judtschen und seine Umgebung.

Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde auch Judtschen von russischen Truppen besetzt. "Mutwillig" legten diese Feuer in der Kirche, sie brannte aus. 1925 konnte die wiederaufgebaute Kirche eingeweiht werden; der bis zur Zerstörung 50 Meter hohe, sehr schlanke Turm wurde durch einen gedrungenen abgelöst. Die Gemeinde errichtete ihren gefallenen und vermissten Soldaten ein Kriegerdenkmal im Stil der Zeit vor dem Pfarrhaus, mit darauf sich erhebendem, preußischem Adler. Im Dorf entstanden neue Häuser im Rahmen des Wiederaufbau-Programms für Ostpreußen.

Im Rahmen der Umbenennung zahlreicher Orte mit litauischen oder prussischen Namen erhielt Judtschen am 16. Juli 1938 den Namen "Kanthausen", den es bis 1946 beibehielt. 1939 hatte der Ort 374 Einwohner.

Im Oktober 1944 stieß die Rote Armee bereits vorübergehend in die Region vor (Nemmersdorf), sie wurde von der Wehrmacht wieder zurückgeworfen. Die Bewohner von Kanthausen wurden am 21. Oktober mit der Reichsbahn Richtung Westen evakuiert. Im Januar 1945 kam mit der Besetzung durch sowjetische Truppen das Ende des deutschen Dorfs Judtschen / Kanthausen. Es wurde mit zugezogenen Siedlern aus der Sowjetunion besiedelt, hauptsächlich Russen. Die Kirche war bei den Kriegshandlungen nicht zerstört worden, sie wurde landwirtschaftlich genutzt und später als Steinbruch für Schweinestall- und Straßenbau. 1985 wurden die letzten Reste abgetragen. Von der Ortschaft sind nur noch etwa 30 % der Gebäude aus der deutschen Zeit erhalten. Sie macht einen überwiegend verödeten und ruinösen Eindruck (2013).

1965 wurde in Wessjolowka ein Sendemast für die Verbreitung von UKW-Hörfunk- und Fernsehprogrammen errichtet.

Amtsbezirk Judtschen/Kanthausen (1874–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1874 und 1945 war Judtschen resp. Kanthausen Amtsdorf und damit namensgebend für einen Amtsbezirk im Kreis Gumbinnen im Regierungsbezirk Gumbinnen der preußischen Provinz Ostpreußen. Anfangs gehörten 16, zum Schluss nur noch 13 Gemeinden dazu[2]:

Deutscher Name Name (1938–1946) Russischer Name Deutscher Name Name (1938–1946) Russischer Name
Girnehlen Mühlenruh Pospelowo Lolidimmen Lolen Krasnoje
Groß Mixeln Bolschakowo Plimballen Mertinshagen Krasnoje
Groß Wersmeningken Großstangenwald Sarja Purwienen Altweiler (Ostpr.) Stepnoje
Groß Wischtecken Ullrichsdorf (Ostpr.) Schuwalowo Rosenfelde Nowo Schuwalowo
Judtschen Kanthausen Wessjolowka Schilleningken Kaimelskrug Cholmy
Klein Wersmeningken Kleinstangenwald Stannen Obertannen
Klein Wischtecken Ulrichshof (Ostpr.) Olschanskoje Stobricken Krammsdorf Kostino
Lampseden Lampshagen Karawaljewo Wingeningken Vierhufen

Bereits vor 1908 wurde die Landgemeinde Stannen in die Landgemeinde Stobricken eingemeindet, 1928 folgte der Gutsbezirk Girnehlen. Im gleichen Jahr kam der Gutsbezirk Klein Wischtecken zur Landgemeinde Groß Wischtecken. Bei den übrigen Landgemeinden änderte sich bis 1945 nichts.

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kirche Judtschen

1713 entstand in Judtschen durch Siedler eine französisch-reformierte Gemeinde mit (seit 1714) eigenem Geistlichen. Am 27. April 1727 wurde die neu erbaute Kirche eingeweiht, ein rechteckiger Ziegelbau mit Holzturm, der jedoch in der Folgezeit zahlreichen Veränderungen unterlag. Im Innern stand vor der die Ostwand bedeckenden Kanzelwand ein schlichter, reformierter Tradition entsprechender Altartisch. Nachdem die Kirche am 24. August 1914 vollständig ausgebrannt war, baute man sie bis 1925 wieder auf. Bis 1945 war die Kirche Judtschen in den Reformierten Kirchenkreis der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union integriert.

Nach 1945 blieb das Gotteshaus zunächst ungenutzt, wurde dann profanen Zwecken zugeführt. Im Jahre 1985 riss die sowjetische Armee das Gebäude ab und überführte die Steine dem Straßenbau. Heute liegt Wessjolowka im Einzugsbereich der neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde der Salzburger Kirche in Gussew (Gumbinnen) in der Propstei Kaliningrad[3] der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Grenz (Herausgeber): Gumbinnen. Stadt und Kreis Gumbinnen. Eine ostpreußische Dokumentation. Zusammengestellt und erarbeitet im Auftrag der Kreisgemeinschaft Gumbinnen. Marburg/Lahn: 1971
  • Herbert Stücklies und Dietrich Goldbeck: Gumbinnen Stadt und Land. Bilddokumentation eines ostpreußischen Landkreises 1900–1982. Im Auftrag der Kreisgemeinschaft Gumbinnen aus der Bildersammlung des Kreisarchivs Gumbinnen ausgewählt, zusammengestellt und erläutert. Band I und II. Bielefeld: 1985
  • Bruno Moritz: Geschichte der reformierten Gemeinde Gumbinnen. Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der Kirche 1739–1939. Sonderdruck aus dem „Evangelischen Volksblatt für die Ostmark“ 1939
  • Gumbinner Heimatbrief. Nachrichtenblatt für die Stadt und den Kreis Gumbinnen. Organ der Kreisgemeinschaft Gumbinnen/Ostpreußen. Erscheinen seit etwa 1952 ca. 2 mal im Jahr.
  • Peter Wörster: Kant und Judtschen. In: 25 Jahre Patenschaft Bielefeld - Gumbinnen 1954–1979. Festschrift, herausgegeben von der Kreisgemeinschaft Gumbinnen. Beiträge zur kulturellen Entwicklung des östlichen Ostpreußen. o. O. (Bielefeld): o. J. (1979)
  • Ernst Machholz, Zur Geschichte der evangel. Kirchengemeinden Judtschen, der evangel. Kirchengemeinde Goeritten und der eingegangenen französisch-reformierten Kirchengemeinde Gumbinnen, in: Zeitschrift der Altertumsgesellschaft Insterburg, Heft 10, 1907, S. 28 - 38.
  • Bernhard Haagen, Burggraf Alexander zu Dohna und die Schweizerkirche in Litauen. Zum zweihundertjährigen Gedächtnis der Entstehung der reformierten Gemeinden zu Judtschen und Gumbinnen 1713–1913, Berlin 1913.
  • Fritz Schütz, Ein Beitrag zur Heimatgeschichte - Die kirchliche Versorgung der Schweizerkolonie, in: Preußisch-Litauische Zeitung, Nr. 45, 120. Jg., Gumbinnen Sonntag, den 22. Februar 1931.
  • Bernhard Haagen, Auf den Spuren Kants in Judtschen, in: Altpr. Monatsschrift 1911, S. 382-411 u. 528-556.
  • Dierk Loyal: Zur Geschichte der vor 300 Jahren gegründeten Französisch-Reformierten Gemeinde Judtschen (Kanthausen) in Ostpreußen. In: "Hugenotten", 75. Jg., Nr. 4/2012, S. 143-176

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Rolf Jehke, Amtsbezirk Judtschen/Kanthausen
  3. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wessjolowka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien