Westsahara

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Gebiet Westsahara; für den darauf bezogenen Staat siehe Demokratische Arabische Republik Sahara.
Westsahara ist heute geteilt, der Westen steht unter der Kontrolle Marokkos (grün), der äußerste Osten und Süden unter der Kontrolle der Polisario (gelb)
Allein die gelbe, außerhalb des „Marokkanischen Walls“ liegende „Freie Zone“ befindet sich nicht unter marokkanischer Herrschaft

Die Westsahara (spanisch Sahara Occidental) ist ein Territorium an der Atlantikküste Nordwestafrikas, das nach dem Abzug der ehemaligen Kolonialmacht Spanien von Marokko beansprucht und größtenteils annektiert wurde. Marokko betrachtet das in vorkolonialer Zeit in einem losen Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stehende Gebiet als Teil seines Territoriums.

Die zu spanischen Kolonialzeiten entstandene, linksgerichtete „Befreiungsfront“ der Sahrauis (der Bevölkerung der Westsahara), die Frente Polisario, kämpft für einen unabhängigen Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara, auf dem gesamten Territorium von Westsahara. Seit dem Waffenstillstand von 1991 kontrolliert die Frente Polisario einen Streifen im Osten und Süden der Westsahara von der Grenze zu Algerien bis zur Atlantikküste (siehe Karte).

Die Vereinten Nationen verlangen die Durchführung eines Referendums über den endgültigen völkerrechtlichen Status des Gebietes. Über die Modalitäten der Durchführung eines solchen Referendums konnte bisher keine Einigkeit zwischen Marokko und den Vertretern des sahrauischen Volkes erzielt werden. Haupt-Streitpunkt ist hierbei die Frage, ob zu diesem Referendum auch die Mitglieder saharauischer Stämme, die zu Kolonialzeiten in Südmarokko gelebt haben (bzw. deren Nachkommen), als wahlberechtigte Einheimische gelten sollen (dies entspräche Marokkos Position).

Geographie[Bearbeiten]

Satellitenaufnahme der Topographie der Westsahara

Das Gebiet der Westsahara liegt im Nordwesten Afrikas an der Küste zum Atlantischen Ozean und umfasst eine Fläche von 266.000 km². Es teilt sich geografisch in einen nördlichen Teil, der zur spanischen Kolonialzeit etwa die Provinz Saguia el Hamra bildete und in dem flach gewellte Kies- und Geröllwüsten (Hammada) überwiegen. Das Gelände steigt von der Küste ins Landesinnere allmählich bis in eine Höhe von etwa 400 Meter, mit den höchsten Erhebungen über 700 Meter im Norden nahe der algerischen Grenze. Das südliche Gebiet entspricht etwa der ehemaligen Provinz Río de Oro und ist beinahe völlig flach mit vereinzelten Sanddünen (Erg), die in der gleichförmigen, fast vegetationslosen Geröllebene nur für wenig Abwechslung sorgen. Den dritten Landschaftstyp stellen die nach der Regenzeit stellenweise wasserführenden Trockenflusstäler (Wadis) dar, von denen der Saguia el Hamra für die Oasenwirtschaft die größte Bedeutung hat. Er ist bis zu seinem Ende bei Aaiún kurz vor dem Atlantischen Ozean mit 350 Kilometern der längste Fluss des Landes.

Klima, Flora und Fauna[Bearbeiten]

Wüstenklima herrscht vor, Regen ist selten, und in Küstennähe kommt es häufig zu Nebelbildung. Eine üppigere Vegetation ist nur um die Flussoasen und einige Gueltas zu finden. Man findet an den trockenen Lebensraum angepasste Tierarten, zum Beispiel Wüstenspringmäuse und Dornschwanz-Agamen. In den Höhlen an der Atlantikküste, vor allem auf der Cabo Blanco-Halbinsel, leben die größten Populationen der vom Aussterben bedrohten Mittelmeer-Mönchsrobbe.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Marokko gliedert die Westsahara in die fünf Provinzen Aousserd, Boujdour, Es Semara, Laâyoune und Oued ed Dahab. Ob die Polisario, die den Osten des Landes kontrolliert, eine abweichende Gliederung in Provinzen vorgenommen hat, ist nicht bekannt.

Die größten Städte sind (Volkszählung 2. September 2004):

Innenstadt von El Aaiún
  1. El Aaiún: 183.691 Einwohner
  2. ad-Dakhla: 58.104 Einwohner
  3. Smara: 40.347 Einwohner
  4. Boujdour: 36.843 Einwohner
  5. El Marsa: 10.229 Einwohner

Bevölkerung[Bearbeiten]

Die Bevölkerung des Gebiets Westsahara von 539.000 Einwohnern (Schätzung Juli 2013)[1] besteht vor allem aus Arabern und arabisierten Berbern. Bei den ursprünglich das Gebiet besiedelnden Sahrauis handelt es sich um arabische Nomaden, von denen jedoch ein Teil seit Jahren in Flüchtlingslagern bei Tindouf in Algerien lebt. Gesprochen wird überwiegend das marokkanische Arabisch von Zuwanderern aus dem Norden, daneben auch der Hassania-Dialekt der ursprünglichen Bevölkerung vor der marokkanischen Besiedlung, eine auch im benachbarten Mauretanien verbreitete regionale Form des Arabischen. Nahezu 100 % der Einwohner sind Muslime.

Geschichte[Bearbeiten]

Phönizische Niederlassungen haben kaum Spuren hinterlassen, und erst mit der Einführung des Kamels wurde das Gebiet als Karawanendurchgangsort bedeutend. Nach dem Vordringen des Islam entstanden auf dem Gebiet der heutigen Westsahara islamische Gruppen, die später auch als Almoraviden einen Großteil Nordafrikas und Südspaniens beherrschten.

Im Norden der Westsahara

1884 errichteten die Spanier auf der Halbinsel des Rio de Oro den Stützpunkt Villa Cisneros, die spätere Stadt Ad-Dakhla. Auf der Kongokonferenz 1884–1885 in Berlin teilten die Kolonialmächte Afrika unter sich auf. Spanien wurde die Westsahara zugesprochen. Der einflussreiche Sheikh Ma El-Ainin organisierte den Widerstand gegen die französischen und spanischen Kolonialarmeen in Nordwestafrika. Er gründete um 1900 die Stadt Smara, die sich zum religiösen, politischen und ökonomischen Zentrum der Region entwickelte. Die Stadt, kulturelles Zentrum der Sahara, wurde 1913 mitsamt ihrer bedeutenden Islamischen Universität und Bibliothek von den Franzosen zerstört. Nach jahrzehntelangem Widerstand der Sahrauis wurde das Gebiet der Westsahara durch spanische Truppen okkupiert.

Ab 1965 verlangte die UNO-Generalversammlung von Spanien wiederholt in – völkerrechtlich nicht bindenden – Resolutionen die Dekolonialisierung der Westsahara. Im Mai 1973 gründete sich die sahrauische Befreiungsfront Frente Polisario, die den bewaffneten Kampf gegen die spanische Kolonialmacht aufnahm.

1974 forderte Marokkos König Hassan II. den Anschluss der Westsahara an Marokko. Im Mai 1975 stellte eine UNO-Delegation in der Westsahara fest, dass die Bevölkerung die Unabhängigkeit wünsche und der Frente Polisario breite Unterstützung zukommen lasse. Der Internationale Gerichtshof, dessen Zuständigkeit in dieser Sache durch Marokko bestritten wurde, wies im gleichen Jahr Souveränitätsansprüche Marokkos und Mauretaniens zurück. Trotzdem kam es im Oktober 1975 zu ersten Übergriffen der marokkanischen Armee auf das Territorium der Westsahara.

Nach dem Tod Francisco Francos verließ Spanien das Gebiet. 1975 zogen im so genannten Grünen Marsch etwa 350.000 Marokkaner in die ehemalige Kolonie ein, um marokkanische Ansprüche auf das Gebiet geltend zu machen.

Im Süden der Westsahara. An der Hauptstraße nördlich von ad-Dakhla

Am 26. Februar 1976 stimmte eine Versammlung saharauischer Stammesfürsten der Aufteilung der Westsahara zwischen Marokko und Mauretanien zu, woraufhin am 27. Februar 1976 von der Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen wurde.[2][3] Marokko erkannte diesen Staat nicht an. Die Demokratische Arabische Republik Sahara wurde 1984 in die Organisation für Afrikanische Einheit aufgenommen. Als Reaktion darauf trat Marokko aus der Organisation für Afrikanische Einheit aus und ist seitdem das einzige afrikanische Land, welches nicht Mitglied dieser Organisation und der aus ihr hervorgegangenen Afrikanischen Union ist.

Marokko erklärte 1976 die Annexion der nördlichen zwei Drittel des Westsahara-Gebietes und 1979 des restlichen Territoriums, nachdem sich Mauretanien aus dem Gebiet zurückgezogen hatte. Diese Annexionen wurden von den Vereinten Nationen nicht anerkannt. Ebenso wenig wurden ohne die Abhaltung des von den Vereinten Nationen geforderten Referendums die Ansprüche der Demokratischen Arabischen Republik Sahara auf das Gebiet der Westsahara anerkannt.

Die Vereinten Nationen sind mit einer ständigen Beobachtermission MINURSO im gesamten Gebiet der Westsahara präsent. Der endgültige Status des Gebietes ist bis heute ungeklärt, da kein Referendum über die Zukunft des Gebietes abgehalten wurde.

1991 wurde eine Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Marokko und der Polisario geschlossen. Bis heute leben etwa 100.000 Sahrauis in vier Flüchtlingslagern nahe der Stadt Tindouf in der algerischen Sahara. Das Gebiet von Westsahara ist zurzeit durch eine befestigte und verminte Grenzanlage geteilt. Sie wurde von Marokko entlang der Waffenstillstandslinie errichtet.

Siehe auch den Hauptartikel Westsaharakonflikt.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Polizeicheckpoint am Stadtrand von El Aaiún

Weite Teile des Landes sind wirtschaftlich noch unerschlossen, das Straßennetz ist dünn. Die wesentlichen Wirtschaftszweige sind die Fischerei, der Abbau von Bodenschätzen (besonders Phosphat, das Vorkommen gilt als eines der größten der Welt) und der Anbau von Dattelpalmen (Oasenwirtschaft). Der Westküste wird ein großes Potenzial für die Gewinnung von Windenergie zugeschrieben. Die gesamte Wirtschaft der westlichen Teile der früheren spanischen Kolonie wird mit Steuermitteln aus Marokko stark subventioniert und im Rahmen der Besiedelung durch Marokkaner kräftig ausgebaut, während der nicht besetzte Ostteil sowie die Flüchtlingslager in Algerien weitgehend von internationaler Unterstützung abhängig sind.

Von besonderer Bedeutung ist der Phosphat-Tagebau bei Bou Craa, welcher mit dem Hafen von El Aaiún mit dem längsten Förderband der Welt verbunden ist. Da es sich um den unerlaubten Abtransport von Bodenschätzen aus völkerrechtswidrig besetztem Gebiet handelt, kam es in der Vergangenheit vor, dass dies als Diebstahl angeprangert und die Schiffe mit ihrem Namen, ihrer IMO-Nummer und der Reederei veröffentlicht wurden. Vor dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Marokko und der Frente Polisario wurde das Förderband oft von Kämpfern der Frente Polisario zerstört. Es gibt Staaten wie z. B. Indien, die einerseits die Demokratische Arabische Republik Sahara anerkennen und andererseits genau dieses Phosphat importieren.

Die Westsahara wird von Marokko zunehmend auch für den Fremdenverkehr erschlossen. Insbesondere die Strände bei Dakhla werden bereits in Ansätzen touristisch genutzt. Die touristische Infrastruktur ist aber noch schwach entwickelt, obwohl es inzwischen auch spanische Direktflüge von den benachbarten Kanarischen Inseln gibt. Pauschaltourismus findet kaum statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Creyaufmüller: Nomadenkultur in der Westsahara. Die materielle Kultur der Mauren, ihre handwerklichen Techniken und ornamentalen Grundstrukturen. Burgfried-Verlag, Hallein (Österreich) 1983; 3. Auflage: Verlagsbuchhandlung Creyaufmüller, Stuttgart 1995, ISBN 3-9801032-1-8.
  • John Mercer: Spanish Sahara. George Allen & Unwin Ltd, London 1976, ISBN 978-0-04-966013-7
  • René Pélissier: Spanish Africa – Afrique Espagnole. Études sur la fin d'un empire (1957–1976). Éditions Pélissier, Orgeval (Frankreich) 2005, ISBN 2-902804-12-1
  • Ali Omar Yara: Le siècle guerrier franco-saharaoui 1910–2010. L'Harmattan, Paris 2010, ISBN 978-2-296-11930-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikimedia-Atlas: Westsahara – geographische und historische Karten
 Commons: Westsahara – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Westsahara – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikivoyage: Westsahara – Reiseführer

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. CIA – The World Factbook: Übersicht zu Westsahara
  2. Carta de Proclamación de la Independencia de la República Arabe Saharaui Democrática, Bir Lehlu, 27 de Febrero de 1976 (spanisch) bei ARSO
  3. Horst Möller, Klaus Hildebrand, Gregor Schöllgen (Hrsg.): Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1977, Band 2, Seite 915. ISBN 978-3-486-58338-0, abgefragt am 26. Februar 2011

24.446512823109-12.717942232317Koordinaten: 24° 26′ 47″ N, 12° 43′ 5″ W