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Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte ist der Titel eines Artikels des Satiremagazins Titanic vom August 2000, der eine Aktion der Zeitschrift am Vorabend der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dokumentierte.[1][2] Die Formulierung diente 2006 auch als Titel einer Ausstellung der Caricatura-Abteilung des Historischen Museums in Frankfurt am Main[3] sowie als Untertitel des 2005 erschienenen Buchs Ich tat es für mein Land von Martin Sonneborn, auf dem ein Kurzfilm gleichen Titels von 2010 basiert.

Am Abend des 5. Juli 2000, dem Tag vor der Wahl des ausrichtenden Verbandes durch die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees, sandte der damalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn nacheinander zwei Faxe an das Grand Hotel Dolder in Zürich, in dem die Tagungsteilnehmer übernachteten. Er bat die Rezeptionistin, die „hochwichtige Nachricht“ den Komiteemitgliedern Chung Mong-joon (Südkorea), Jack Warner (Trinidad und Tobago), Ricardo Teixeira (Brasilien), Abdullah Al-Dabal (Saudi-Arabien), Ismail Bhamjee (Botswana), Charles Dempsey (Neuseeland) und Chuck Blazer (USA) zukommen zu lassen. Die Hotelangestellte steckte die Faxe in Umschläge und schob diese umgehend unter den Zimmertüren durch. Die Rezeptionistin war von allein auf die Idee mit den Umschlägen gekommen und sorgte damit, „für den letzten Schliff, der der Aktion endgültig Authentizität verlieh“.[4]

In dem ersten, mit dem Pseudonym „Martin Hansen“ unterzeichnete Fax wurde den sieben Delegierten „ein kleines Geschenk“ für den Fall angeboten, dass sie ihre Stimme der Bewerbung Deutschlands gäben. Sie wurden darum gebeten, sich telefonisch zu melden, wenn sie „bestimmte Wünsche“ hätten. Nachdem keiner der Adressaten die angegebene Nummer angerufen hatte, sendete Sonneborn ein mit eigenem Namen unterzeichnetes zweites Fax, in dem den Delegierten konkret ein Präsentkorb mit Spezialitäten aus dem Schwarzwald (Schinken, Würste, eine Kuckucksuhr und ein Bierkrug) angeboten wurde:

“[…] in this difficult situation, Germany would like to emphasize the urgency of its appeal to hold the World Cup 2006 in Germany. Let me come straight to the point: In appreciation of your support we would like to offer you a small gift for your vote in favour of Germany: A fine basket with specialities from the black forest [sic], including some really good sausages, ham and – hold on to your seat – a wonderful KuKuClock [sic]! And a beer mug, too! Do we leave you any choice???
We trust in the wisdom of your decision tomorrow,
sincerely yours
Martin Sonneborn
Secretary TDES
(WM 2006 initiative)”

„[…] In dieser schwierigen Situation möchte Deutschland die Dringlichkeit seines Angebots betonen, die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auszurichten. Lassen Sie mich gleich auf den Punkt kommen: In Anerkennung Ihrer Unterstützung möchten wir Ihnen ein kleines Geschenk für Ihre Stimme zugunsten Deutschlands anbieten: einen schönen Korb mit Spezialitäten aus dem Schwarzwald, darunter einige wirklich gute Würste, Schinken und – halten Sie sich fest – eine wunderbare Kuckucksuhr! Und einen Bierkrug gibt’s auch noch! Lassen wir Ihnen da noch eine Wahl???
Wir vertrauen auf die Weisheit Ihrer morgigen Entscheidung,
mit freundlichen Grüßen
Martin Sonneborn
Sekretär TDES
(Initiative WM 2006)“[5]

Abstimmung und Folgen

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Das FIFA-Exekutivkomitee entschied sich schließlich mit 12:11 Stimmen für die Bewerbung Deutschlands. Ausschlaggebend dafür war, dass der Neuseeländer Dempsey, der von der Oceania Football Confederation beauftragt war, für Südafrika zu stimmen, kurz vor der Abstimmung den Raum verließ und sich somit der Stimme enthielt.[6] Bei einem Stimmenpatt hätte das Votum des FIFA-Präsidenten Sepp Blatter, dessen Sympathie für Südafrika bekannt war, doppelt gezählt. Obwohl die Abstimmung geheim war, wurde Dempseys Enthaltung von Blatter offengelegt.

Was genau Dempsey zur Stimmenthaltung bewog, ist umstritten. Live auf CNN erklärte er „This final fax broke my neck“, hat dies aber nie wiederholt. In einem seiner wenigen späteren Interviews sprach er von „Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen“, als Hauptgrund gab er an „dass im Kreis meiner Kollegen getuschelt wurde, ich würde Geld von der Delegation Südafrikas nehmen. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten.“[6] Dempsey betonte, er habe sich auf Rat von UEFA-Präsident Lennart Johansson entschieden, nach dem Ausscheiden Englands aus dem Bewerbungsrennen keinem anderen Bewerber seine Stimme zu geben.

Nach Bekanntwerden der Aktion versammelten sich zahlreiche Vertreter der Medien vor dem Sitz der Titanic-Redaktion in Frankfurt-Bockenheim. Sonneborn erklärte dabei der Nachrichtenagentur Reuters auf deren Frage nach seiner Motivation „Ich tat es für mein Land!“.

Der Deutsche Fußball-Bund drohte Titanic mit einer Schadenersatzforderung von 600 Millionen D-Mark. Da diese Summe „das Jahresgehalt eines TITANIC-Redakteurs übersteigen“ würde, unterzeichnete Sonneborn am 26. Juli 2000 eine von einem Anwalt des DFB vorbereitete Unterlassungserklärung. Darin verpflichtete er sich gegenüber dem DFB, „es künftig bei Meidung einer vom DFB festzusetetzenden Vertragsstrafe […] zu unterlassen, anläßlich von Abstimmungen / Wahlen über von der FIFA bzw. der UEFA zu treffenden Entscheidungen zugunsten der Abstimmenden Gegenleistungen / Vergünstigungen für den Fall eines bestimmten Abstimmungsverhaltens anzukündigen“.[7.1]

Veröffentlichungen

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2005 veröffentlichte Sonneborn eine Dokumentation der Aktion in Buchform unter dem Titel Ich tat es für mein Land.[4]

Vom 18. Mai bis 9. Juli 2006 (dem Tag des Finales der Weltmeisterschaft 2006) fand im damals noch im Foyer des Historischen Museums Frankfurt untergebrachten Caricatura Museum für Komische Kunst die Ausstellung „Wie TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Dokumentation einer Bestechung“ statt.

Die Bild-Zeitung erschien mit der Schlagzeile „Böses Spiel gegen Franz“ (gemeint war der damalige Präsident des deutschen WM-Organisationskomitees Franz Beckenbauer). Sie veröffentlichte die Telefonnummer der Titanic-Redaktion und rief ihre Leser dazu auf, dort anzurufen und ihre Meinung zu sagen. Mitschnitte von ca. 20 Minuten Anrufe, in denen die Redakteure als „Vaterlandsverräter“ und „Nestbeschmutzer“, die „in einem Rechtsstaat ins KZ“ gehörten, beschimpft wurden, veröffentlichte die Titanic später auf der CD Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure.[8] Smudo bezeichnete diese CD gegenüber dem Rolling Stone als eines seiner Lieblingsalben.[9]

Das Buch Ich tat es für mein Land diente Nico Raschick (Regie), Jochen Franken (Drehbuch) und Birke Birkner (Produktion) 2010 als Grundlage für die Kurzfilm-Komödie „The Final Fax“ an der Filmakademie Baden-Württemberg, mit Jan Dose als Martin Sonneborn und Frank Leo Schröder als Franz Beckenbauer.[10][11][7]

  • Martin Sonneborn: Ich tat es für mein Land – Wie TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte: Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. Bombus-Verlag, München 2005, ISBN 3-936261-37-7.
  1. Joseph Blatter [Pseudonym]: Wie TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. (Auf der Titelseite bzw. im Inhaltsverzeichnis „(Südafrika ärgert sich schwarz:) TITANIC holt (die) WM nach Deutschland(!)“). In: Titanic. Das endgültige Satiremagazin. 8 (August 2000), Juli 2000, S. 12–19 (titanic-magazin.de [PDF]).
  2. Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. In: TITANIC – Das endgültige Satiremagazin. Juli 2000, abgerufen am 14. April 2026.
  3. CR: Frankfurt. In: tageszeitung. 27. Mai 2006, abgerufen am 14. April 2026.
  4. 1 2 Martin Sonneborn: „Ich tat es für mein Land“. Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte: Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. Bombus-Verlag, München 2005, ISBN 978-3-936261-37-0.
  5. Abschrift des Originalfaxes. TDES steht laut Sonneborn als Abkürzung für „Titanic – Das endgültige Satiremagazin.“ (Memento vom 15. Januar 2017 im Internet Archive)
  6. 1 2 Was Dempsey zu den Vorwürfen sagte. In: 20 Minuten. 16. Juli 2012.
  7. THE FINAL FAX BROKE MY NECK. SATIRE – frei nach einer WAHREN Geschichte. Ein FILM von Birke Birkner und Nico Raschik. (PDF; 8,1 MB) In: The Real Futbol. Jobst Elster, 2010, abgerufen am 16. April 2026.
    1. Faksimile der Unerlassungserklärung auf S. 13
  8. Bild-Leser beschimpfen TITANIC-Redakteure! Ausschnitte aus der CD-Veröffentlichung „Sie sind ein ganz großes Schwein, die Titanic! BILD-Leser beschimpfen Titanic“ zum Download im MP3-Format. In: TITANIC – Das endgültige Satiremagazin. Juli 2000, abgerufen am 15. April 2026.
  9. "Titanic" und die Fußball-WM: "Ich tat es für mein Land!" In: Spiegel Online. 1. Dezember 2010, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 16. April 2026]): „Die schönsten Schmähanrufe, die bei der "Titanic" eingingen, gibt es übrigens als Aboprämien-CD. Die ist, glaubt man dem "Rolling Stone", eines der Lieblingsalben von Fanta-4-Boss Smudo.“
  10. Informationen zu „The Final Fax“ auf ARTE (Memento vom 18. Juli 2012 im Internet Archive)
  11. Nico Raschick: The Final Fax (2010). In: YouTube. Filmakademie Baden-Württemberg, 22. Juni 2015, abgerufen am 16. April 2026.