Wie soll ich dich empfangen

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Duccio di Buoninsegna: Einzug in Jerusalem, 1308

Das Lied Wie soll ich dich empfangen von Paul Gerhardt (1607–1676) erschien erstmals im Jahr 1653 in der fünften Auflage des Gesangbuchs Praxis Pietatis Melica[1] von Johann Crüger, der dazu auch die Melodie schuf.

Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lied gliedert sich zum einen in die Strophen 1 bis 5, gekennzeichnet durch die rahmenden Verben „empfangen“ und „umfangen“. Sie entfalten als individuelle Ansprache an den kommenden Christus Gottes bedingungslose Zuwendung an die Menschen, wie sie die lutherische Rechtfertigungslehre erkannt hatte. Dies erfolgt unter Bezugnahme auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1–15 LUT) (die „Fackel“ in Strophe 1) und die Perikope von Jesu Einzug in Jerusalem (Mt 21,1–9 LUT) (Strophe 2).

Die Strophen 6 bis 10 wenden sich als seelsorgerlicher Zuspruch an die Gemeinde, die als in Gram, Not, Schrecken und Anfeindung befindlich dargestellt wird. Die erfolgt unter besonderer Bezugnahme auf das in der Offenbarung des Johannes dargestellte herannahende Weltgericht (Strophe 6: der Kommende „steht vor der Tür“, Offb 3,20 LUT), wobei in den Strophen 7 bis 10 der Begriff Advent (lat.: „Ankunft“, Offb 22,20 LUT) vierfach entfaltet wird: Er kommt aus Gnade, als Heiland, als König und als Richter.

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie soll ich dich empfangen, Textfassung des Erstdrucks

1. Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.

2. Dein Zion streut dir Palmen
und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen
ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen
in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen,
so gut es kann und weiß.

3. Was hast du unterlassen
zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen
in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen,
da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen
und hast mich froh gemacht.

4. Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren,
wie irdisch Reichtum tut.

5. Nichts, nichts hat dich getrieben
zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben,
damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast.

6. Das schreib dir in dein Herze,
du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze
sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet
die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet
und tröstet, steht allhier.

7. Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst.

8. Auch dürft ihr nicht erschrecken
vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken
mit seiner Lieb und Huld.
Er kommt, er kommt den Sündern
zu Trost und wahrem Heil,
schafft, dass bei Gottes Kindern
verbleib ihr Erb und Teil.

9. Was fragt ihr nach dem Schreien
der Feind und ihrer Tück?
Der Herr wird sie zerstreuen
in einem Augenblick.
Er kommt, er kommt, ein König,
dem wahrlich alle Feind
auf Erden viel zu wenig
zum Widerstande seind.

10. Er kommt zum Weltgerichte:
zum Fluch dem, der ihm flucht,
mit Gnad und süßem Lichte
dem, der ihn liebt und sucht.
Ach komm, ach komm, o Sonne,
und hol uns allzumal
zum ewgen Licht und Wonne
in deinen Freudensaal.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Choral, der sich im Evangelischen Gesangbuch (EG 11) findet, wurde auch teilweise von Dietrich Buxtehude vertont. Weltbekannt wurde seine erste Strophe als Bestandteil des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, der sie auf die Melodie O Haupt voll Blut und Wunden zu dem Choral Nr. 5 gestaltete.

Der Choral fand auch Eingang in das freikirchliche Gesangbuch Feiern & Loben (FL 182), das Mennonitische Gesangbuch (MG 236/237) und das Alt-Katholische Gesangbuch Eingestimmt (EGST 307).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften. München 1957, S. 1–3 (online. Bei Zeno.org.).
  • Johann Friedrich Bachmann: Paulus Gerhardts geistliche Lieder: historisch-kritische Ausgabe. Oehmigke, Berlin 1866, S. 95–97 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  • Christian Bunners: 11 – Wie soll ich dich empfangen. In: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Nr. 2. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-50321-0, S. 7–10 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wie soll ich dich empfangen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Crüger: Praxis Pietatis Melica. Das ist: Übung der Gottseligkeit in Christlichen und trostreichen Gesängen. Editio V. Runge, Berlin 1653, S. 779 ff. (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek).