Wiener Praterleben

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Wiener Praterleben ist ein von Siegfried Translateur im Jahr 1892 komponierter Walzer, der in den 1920er Jahren in Berlin auch unter dem Namen Sportpalastwalzer populär wurde.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1891 hatte sich Siegfried Translateur in Wien niedergelassen, um am Konservatorium Musik zu studieren. Bereits ein Jahr später, 17-jährig, komponierte er unter dem Eindruck des damaligen Wiener Praters den Walzer „Wiener Praterleben“. „Für jeden Tanz mussten 10 Kreuzer entrichtet werden. Damit auch die Armen in den Genuss eines Tanzes kamen, gab es einmal am Abend einen sogenannten „Vorzugstanz“ zu 4 Kreuzern, angekündigt wurde dieser durch Händeklatschen vom Tanzmeister. Dieses Signal, das dann vom Publikum weitergegeben wurde, nahm Translateur in seinen Walzer auf.“[1] Für diese Komposition erhielt er ein Honorar von 20,- Mark ausbezahlt.

Sportpalastwalzer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1923 wurde das Stück vom Orchester Otto Kermbach erstmals beim Berliner Sechstagerennen im Sportpalast gespielt. Das Stück war dort so beliebt, dass es weiter regelmäßig gespielt und schließlich „Sportpalastwalzer“ genannt wurde.

Das Stück ist untrennbar mit Reinhold „Krücke“ Habisch verbunden, einem großen Fan des Berliner Sechstagerennens, der seinen Traum, selbst Radrennfahrer zu werden, aufgeben musste, nachdem er durch einen Unfall ein Bein verloren hatte. „Krücke“ Habisch, auch genannt „Olle Krücke“, fing allmählich an, die vier gleichen Töne des Walzers, die nach den ersten zwei Takten der zweiten Walzersequenz folgen – also jenes von Translateur aufgenommene Händeklatschen –, scharf mitzupfeifen, was dann vom Publikum übernommen wurde. Diese Pfiffe wurden seitdem in die meisten Versionen des Walzers eingebaut. Damit wurde ein musikalischer Klassiker geschaffen, der bis heute mit den Sechstagerennen in Verbindung gebracht wird.

Weil Translateur nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als Halbjude galt, wurde ab 1934 verboten, den Sportpalastwalzer zu spielen. Er wurde dennoch gespielt. Allerdings fanden nach Januar 1934 nur noch zwei Sechstagerennen statt, in Dortmund und Berlin, weil sie sich aufgrund von unpopulären Regeländerungen durch die NS-Sportführung (z. B. keine Trikotwerbung, kein Antrittsgeld) als unrentabel erwiesen hatten. Erst 1949 fand wieder ein Sechstagerennen in Berlin statt.

Der Komponist Siegfried Translateur wurde 1944 im KZ Theresienstadt ermordet. Reinhold Habisch starb 1964 in Berlin. Der Sportpalast, in dem seit 1911 Sechstagerennen stattfanden, wurde 1973 abgerissen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zitiert aus: Kuhlmann, Friedhelm: Siegfried Translateur In: Deutsche Johann Strauss Gesellschaft (Hrsg.): Neues Leben - Mitteilungsblatt der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft, Heft 44 (2013, Nr. 4), Coburg, 2013. ISSN 1438-065X