Wiener Psychoanalytische Vereinigung

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Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) war die erste psychoanalytische Organisation der Welt. Sie wurde am 15. April 1908 in Wien gegründet und war ein Gründungsmitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Heute ist die WPV die größte psychoanalytische Gruppe in Österreich.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wartezimmer in einer späteren Möblierung

Im Oktober 1902 schickte Sigmund Freud Postkarten an Alfred Adler, Max Kahane, Rudolf Reitler und Wilhelm Stekel und lud sie ein, in seinem Hause in der Berggasse 19 über seine Arbeit zu diskutieren. Sie kamen im Wartezimmer der Praxis Freuds zusammen, da dieses mit einem langen Tisch ausgestattet war.[1] Die Sitzungen dieser somit ersten psychoanalytischen wissenschaftlichen Gesellschaft erhielten von den Teilnehmern den Namen Psychologische Mittwoch-Gesellschaft. Stekel, der für das Neue Wiener Tagblatt schrieb, veröffentlichte im Feuilleton dessen Sonntagsausgabe Berichte über die Sitzungen.[1] Der 22-jährige Gewerbeangestellte Otto Rank, der von Freud ein Stipendium zur Erlangung der Hochschulreife erhielt, stellte sich 1906 mit seinem Manuskript „Der Künstler : Ansätze zu einer Sexual-Psychologie“ in der Gruppe vor und führte ab Herbst 1906 als bezahlter Sekretär das Sitzungsprotokoll. Diese Funktion hatte er bis 1915 inne.[2] Unter den Mitgliedern dieser ersten Phase bis 1908 waren Max Graf mit einem Vortrag über Dichterpsychologie[3], der spätere Verleger Hugo Heller, Alfred Meisl, Paul Federn (ab 1903), Eduard Hitschmann (1905), Isidor Sadger (1906), Guido Brecher (1907), Maximilian Steiner und Fritz Wittels (1906).[1] In der ersten Zeit spendierten sie sich in der Weihnachtszeit einen geselligen Abend.[1]

Aus dieser Mittwoch-Gesellschaft ging 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor, die deshalb gelegentlich auch als Wiener Psychoanalytische Gesellschaft bezeichnet wird. Die offizielle Gründung fand am 12. Oktober 1910 statt.

1910 wurde mit der Ärztin Margarete Hilferding die erste Frau in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung gewählt.[4] 1922 wurde Anna Freud in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen, ihr Einführungsvortrag trug den Titel Schlagephantasie und Tagtraum, eine auf eigenen Erfahrungen beruhende Fallstudie zum Vater-Tochter-Verhältnis. 1925 wurde Grete Bibring-Lehner Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

Gegen die mit Professionalisierung einer neuen Therapierichtung verbundenen Folgen – wie dem Hervortreten von standespolitischen Belangen und geldwerten Vorteilen – hatte Freud Vorbehalte. Die Vereinigung wurde 1938 nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Vereinigung 68 Mitglieder. Die meisten von ihnen konnten ins Ausland fliehen. Viele von ihnen wurden an ihren neuen Wirkungsstätten zu prägenden Persönlichkeiten für die Entwicklung von Psychiatrie, Psychologie, Sozialarbeit und psychosomatische Medizin.

Die Neugründung der Vereinigung erfolgte am 10. April 1946. Bald darauf war sie auch wieder Mitglied der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ und konnte ihre Lehrtätigkeit fortsetzen.

Vorsitzende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Aichhorn: Wer war August Aichhorn? Briefe, Dokumente, Unveröffentlichte Arbeiten. Löcker & Wögenstein, Wien 1976.
  • Thomas Aichhorn (Hrsg.): Zur Geschichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 1938 – 1949 (= Luzifer-Amor. Heft 31–32, ISSN 0933-3347). Band 1–2. Edition Diskord, Tübingen 2003.
  • Ernst Federn: Die Emigration von Sigmund und Anna Freud. Eine Fallstudie. In: Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft. Band 2: Internationales Symposium. 19. bis 23. Oktober 1987 in Wien. Jugend und Volk, Wien u. a. 1988, ISBN 3-224-16525-1, S. 247–250.
  • Hubert Grabitz: Freud unterm Protokoll. Zu den Diskussionen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung WPV. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2015, ISBN 978-3-945610-23-7.
  • Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933 (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 2, ZDB-ID 1193393-8). Geyer-Edition, Wien u. a. 1977.
  • Wolfgang Huber (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse in Österreich (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 4). Geyer-Edition, Wien u. a. 1978.
  • Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Band 2. Übers. v. Katherine Jones und Gertrud Meili-Doretzki. Huber, Bern 1962
  • Roland Kaufhold: Bettelheim, Ekstein, Federn. Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung (= Psychoanalytische Pädagogik 12). Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, ISBN 3-89806-069-1.
  • Roland Kaufhold: Biographische Kontinuität, Emigration und psychoanalytisch-pädagogisches Engagement. Laudatio auf Ernst Federn zu seinem 90. Geburtstag. In: psychosozial. 28. Jg., Nr. 100, Heft 2, 2005, ISSN 0171-3434, S. 75–83.
  • Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung von 1902 – 1938. Edition diskord, Tübingen 1992, ISBN 3-89295-557-3.
  • Hermann Nunberg, Ernst Federn (Hrsg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 4 Bände. Fischer, Frankfurt am Main (Neuausgabe. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008, ISBN 978-3-89806-598-6);
  • Richard F. Sterba: Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers (= Fischer 7354 Fischer-Wissenschaft). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-27354-4.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Berggasse 19 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band 2, 1962, S. 20–23
  2. Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse, 1992, S. 250
  3. Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band 2, 1962, S. 404
  4. [1]