Wildenmannlisloch

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Lage der Höhle

Das Wildenmannlisloch (im Dialekt auch Wildmannlisloch[1]) ist eine alpine Karsthöhle im Toggenburg (Kanton St. Gallen) in der Schweiz.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Höhle liegt auf einer Höhe von 1635 Metern im Seewerkalk am Nordhang des Seluns (einem der sieben Churfirsten), auf dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde Alt St. Johann (heute politische Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann). Sie hat eine vermessene Länge von 150 Metern und eine Höhendifferenz von 2,4 m. Ihr Eingang ist gegen Nordosten gerichtet.

Bildergalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte und Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste Erwähnung der Höhle findet man in der Beschreibung der toggenburgischen Gebirge des Pfarrers Johann Heinrich Scherrer. Dort heisst es: … unter diesem (Se)Lunerruck wird ein Loch gefunden, durch welches man mit einer Latern wenigst ein halb Viertelstund in den Berg hineingehet"[2]. Der Name „Wildenmannlisloch“ erscheint zum ersten Mal 1819 im Büchlein «Zwinglis Geburtsort» von Pfarrer J. Fr. Franz: An dem Fusse des Selunerrückens zwischen den Alpen Selun und Breitenalp befindet sich eine grosse Höhle, das Wildenmännlis-Loch genannt, die anfangs sehr weit und hoch ist, so dass man mit Pferden und Wagen hineinfahren könnte, sich dann aber verenget und wieder erweitert, dann wieder verenget und in solchen Abwechslungen und verschiedenen Krümmungen sich eine Viertelstunde lang hinziehet, bis man ihr Ende erreicht. Bey rauhem Wetter sucht an ihrem Eingang das Vieh Schutz und Obdach."[3]

Am 15. Juli 1906 unternahm Emil Bächler die erste Untersuchung der Höhle. Eine Versuchsgrabung brachte Zähne und Knochensplitter von Höhlenbären zu Tage. Eine genauere Erforschung der Höhle erfolgte aber erst 1923. Am 1. Oktober richtete sich Emil Bächler zusammen mit Alfred Ziegler aus Unterwasser und einigen Helfern in der Höhle ein und begann eine Arbeit, die – jeweils im Herbst – bis 1927 dauern sollte; insgesamt 218 Tage. Unterstützt wurde das Unterfangen mit finanzieller Unterstützung des Naturhitorischen Museums und des Bürgerrats von St. Gallen sowie durch die Sektion Togggenburg des Schweizer Akpenklubs.

Die Forscher fanden eine Unmenge von Knochenresten; fast alle stammen vom Höhlenbären. Die häufigsten Funde stammen aus tieferen Schichten. Am Hauptfundplatz, der Höhlenkammer II, wurden Überreste von rund 50 ein- bis achtjährigen Höhlenbären gefunden. Die Knochen lagen verstreut, wie auf einem Abfallhaufen. Schädel fand man ganz zuhinterst, am Ende der Höhle. Von folgenden Tieren fanden sich Knochenreste: Höhlenbär, Bruchstücke eines Höhlenlöwen, Gemsen, Murmeltier, Schneehase, Wolf, Fuchs, Hermelin und Edelhirsch. Knochen von Mammuts wurden nicht gefunden. Am 26. Oktober fand Emil Bächler einen grünlichgrauen, bearbeiteten Ölquarzit. Diese Steine kommen im Selunergebiet nicht vor; sie müssen also hinaufgetragen worden sein. Versuche ergaben, dass einfache Schläge auf den rohen Quarzit scharfe Steinmesser ergaben. Weiter fanden sich auch Knochenwerkzeuge und Bruchstücke von Röhrenknochen des Höhlenbären, alle mit Gebrauchsspuren.

Die Funde von Emil Bächler wurden 1955 durch Elisabeth Schmidt überprüft. Neuere Forschungen kommen zu dem Ergebnis, daß das Wildenmannlisloch seit der Zeit vor etwa 90.000 Jahren immer wieder von Höhlenbären aufgesucht wurde, die dort ihren Winterschlaf hielten. Schwache Tiere verendeten während der langen und harten Winterzeit. Damit ist der überwiegende Fund von Knochen vor alten von alten bzw. jungen Höhlenbären zu erklären. Seit der Zeit von vor etwa 40.000 – 30. 000 Jahren wurde die Höhle im Sommer auch von Jägern und Sammlern aufgesucht. Die Jagd der Neandertaler war jedoch nicht auf Höhlenbären ausgerichtet. Von einer Bärenjägerkultur bzw. von einem Bärenjägerkult, wie dies noch von Emil Bächler bzw. seinem Sohn Heinz Bächler angenommen wurde, kann man laut heutigem Forschungsstand nicht mehr sprechen. Die von ihnen angenommene (auch kultische) Bearbeitung der Bärenknochen werden wohl als Erosionsprozesse durch Wasser zu interpretieren sein.[4] Es dürfte von einer abwechselnden temporären Besiedelung durch Höhlenbären und Neandertalern gekommen sein.

Sagen und Geschichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rund um das Wildenmannlisloch ranken sich zahlreiche Sagen und Geschichten, die bis heute ihre Verbreitung finden, etwa auf dem touristisch aufbereiteten Sagenweg zwischen der Alp Sellamatt und dem Wildenmannlisloch. Es handelt sich dabei um den Sagenschatz, der sich um die "Wilden Männli" bzw. "Wilden Wibli" rankt, die sich angeblich im und in der Nähe des "Wildenmannlislochs" aufgehalten hätten. Eingang haben diese Geschichten in die Sagensammlung des Jakob Kuoni gefunden[5]. Die kleingewachsenen Gestalten wären den Menschen wohl gesonnen gewesen aber durch deren Neugier vertrieben worden. Es dürfte sich dabei um eine kollektive Erinnerung und Umdeutung des Auftretens der sgn. Walen (Venediger) gehandelt haben. Diese waren als Erz- und Minerialiensammler seit dem 14. Jahrhundert im Auftrag Venedigs in den Alpen tätig.

Eng verknüpft ist das Wildenmannlisloch auch mit der Geschichte des Johannes Seluner, der einige Zeit in der Höhle verbracht haben soll. Ihm wurden auch die Züge eines Neandertalers zugeschrieben, was eng mit den Funden im Wildenmannlisloch zusammenhängen durfte, sich aber als eine rassistisch begründete Annahme erwies.

Erreichbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kistenbahn von Starkenbach

Am einfachsten erreicht man das Wildenmannlisloch mit der Selunbahn («Kistenbahn») von Starkenbach aus und nach einem Fussweg von circa zehn Minuten. Über die Alp Sellamatt führt ein Wanderweg zur Höhle.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wildenmannlisloch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wildmannlisloch auf map.geo.admin.ch
  2. Johann Heinrich Scherer: Beschreibung der Toggenburgischen Gebirgen. In: Helvetiae Stoichcheiographia. Orographia et Oreographia. Oder Beschreibung der Elementen, Grenzen und Bergen des Schweitzerlandes. Band 1. Zürich 1716.
  3. Johann Franz Friedrich: Zwinglis Geburtsort. Ein Beytrag zur reformatorischen Jubelfeyer 1819. Zürich 1819.
  4. Archäologie Schweiz: Altsteinzeit. Abgerufen am 16. Juni 2017.
  5. Jakob Kuoni: Sagen des Kantons St. Gallen. Abgerufen am 26. Juni 2017.

Koordinaten: 47° 10′ 4″ N, 9° 15′ 19″ O; CH1903: 737724 / 225684