Wildnispädagogik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wildnispädagogik vermittelt Techniken und Fähigkeiten, die es ermöglichen, sich draußen in der Natur heimisch zu fühlen. Sie umfasst einen eigenständigen Bereich der Umweltbildung.[1] Sowohl in ihren Inhalten als auch in den Lehr- und Lernformen unterscheidet sich die Wildnispädagogik von anderen natur- und umweltpädagogischen Strömungen.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptanliegen der Wildnispädagogik ist es, den Zugang zur Natur wieder zu öffnen. Ein übergreifendes Ziel ist die Förderung von Achtsamkeit gegenüber dem Leben, einem Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in den ökologischen Systemen und das Entwickeln einer Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Mensch und Mensch.

Eine ausführliche und einheitliche Ausarbeitung der wildnispädagogischen Methoden, ihrer Inhalte und Ziele liegt bislang nicht vor. Als Quelle dienen der Wildnispädagogik überliefertes Wissen und die Erziehungsmethoden aus untergegangenen oder den wenigen noch existierenden Naturvölkern.[2] Daher bestimmt sie die Auseinandersetzung mit deren subsistenter Lebensweise, Weltsicht, Kultur und Handwerk sowie ihrem Verhältnis zur Natur als ihren Gegenstand.[3] Von dieser Schwerpunktsetzung leitet sich der wesentliche Inhalt der Wildnispädagogik ab: das (Über-) Lebenstraining in der Natur.[4]

Gerhard Trommer bemerkt, dass Wildnispädagogik „geradezu auf den Kopf zu stellen (scheint), worum es in der Pädagogik schon immer ging: Die Befreiung des Menschen vom Urzustand, das Herausführen aus dem Zustand der Unmündigkeit. Pädagogik bemühe sich in aller Regel nicht um eine Erziehung, die für das Leben in der fernen Wildnis lebenstauglich macht.“[5]

Erxleben hebt das Ziel der Verbundenheit besonders hervor und spricht von „bedeutungsvollem Eingebundensein“. Intensives Naturerleben solle einen nachhaltigen Lebensstil fördern: „Wenn jemand wirklich tief mit der Natur vertraut ist, lebt er auch in Einklang mit ihr. Und Einklang bedeutet das Bedenken von Nachhaltigkeit.“[6]

Durch wildnispädagogische Methoden können die Erlebnisse in der „Wildnis“ und die Begegnung mit der Natur zu einer Wiederentdeckung der „vollen Sinnlichkeit“, des affektiven und imaginativen beitragen und dadurch eine Verfeinerung der Wahrnehmungsfähigkeit fördern. Psychologische und neurologische Studien bestätigen die Bedeutung, die eine sinnliche und emotionale Beziehung zu Natur bei der Entwicklung des Menschen spielt.[7][8][9]

Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wildnispädagogik hat unterschiedliche Ausrichtungen. Den Ausdruck benutzte erstmals Gerhard Trommer 2002 in einer Fachpublikation.[5] Anja Schendzielorz teilte 2003 die wildnispädagogischen Ansätze in zwei Kategorien ein: Wildnispädagogik der Nationalparke und diejenige der freien Wildnisschulen.[10][1]

Wildnispädagogik in Nationalparks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hinweistafel mit Pilzen. Anhand der Pilzmodelle können auch Blinde die Form der Pilze erfahren

Entsprechend ihrem Bildungsauftrag führen auch die deutschen Nationalparks Programme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zur Umweltbildung durch. Seit mit dem neuen Schlagwort „Natur, Natur sein lassen!“[11] der Wildnisgedanke von den Organisatoren der Nationalparks aufgegriffen wurde, gibt es in der Nationalparkbewegung Deutschlands zunehmend Überlegungen dazu, wie Menschen denn an diese „Wildnis“ heranzuführen sind.

Die Bildungsarbeit in den Nationalparks orientiert sich meist an verschiedenen Bildungskonzepten und ist eine Mischung aus Naturpädagogik (Göpfert 1987), Ökopädagogik (Beer & De Haan 1987), Erlebnispädagogik (Janssen 1988), Rucksackschule (Trommer 1991), Flow Learning (Cornell 1991, 1999), Earth Education (VAN MATRE 1990) und vielen anderen.[12]

Wildnispädagogik in Wildnisschulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörtrichter am „Wilden Weg“ im barrierefreien Naturerlebnisraum „Wilder Kermeter“ im Nationalpark Eifel.

Unabhängig von der Entwicklung im Nationalpark entwickelte sich die Wildnispädagogik in den Wildnisschulen.[13] Wildnisschulen betrachten Wildnispädagogik als von Großschutzgebieten unabhängig und wenden sie unabhängig davon an. Die Übergänge zwischen Zivilisation, Kulturland und Wildnis werden als fließend angesehen. Anja Erxleben schreibt, naturnahe Landschaften können viel Unmittelbares anbieten; für jemanden aus der Großstadt habe der nächste Wald, mit Geräuschen wie Vogelgezwitscher statt Autolärm, bereits etwas Wildes und Anregendes. Es gehe darum die „kleine Wildnis“ zu entdecken, die einen vor jeder Haustür erwartet.[6]

Die Bildungsarbeit der Wildnisschulen wurde maßgeblich von Tom Brown jr. und Jon Young,[14] aus den USA beeinflusst und leitet sich eher von der „Kultur der Wilden“, als von der „Wildnis“ als Landschaft ab. Die Wildnisschulen sehen ihre Tradition u. a. basierend auf den Lehren Indigener Völker und Jäger und Sammler Kulturen.

Mit der Diplomarbeit: Einheimisch werden in der Natur[6] wurde ein wildnispädagogischer Lehrgang zum ersten Mal wissenschaftlich begleitet. Der erste einjährige Wildnispädagogik-Lehrgang wurde 2003 von Gero Wever durchgeführt. Der MDR hat in seiner Reihe LexiTV einen Bericht über den Wildnispädagogik-Lehrgang einer Wildnisschule gesendet.[15]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Angebote der Wildnispädagogik werden von Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Jugendgruppen, Schulen und Universitäten, von Firmen, Privatgruppen und Familien in Anspruch genommen.

Im Jahr 2000 wurde ein Netzwerk von Wildnispädagogen, das „W.I.N.D - Wildnisschulen Netzwerk Deutschland“ gegründet.[16] Seit 2007 existieren wildnispädagogische Waldkindergärten. Im selben Jahr fand der erste dreijährige Wildnispädagogik-Lehrgang statt. Eine internationale Infrastruktur für das weltweite Netzwerk der Wildnispädagogik versucht das 2009 in den Vereinigten Staaten gegründete 8 Shields Institute zu etablieren.[17]

Die These, dass es sinnvoll ist, auch unabhängig von Großschutzgebieten zu arbeiten, stößt aktuell auf immer mehr Anerkennung.[18] Die Vertreter der zwei Grundlinien der Wildnispädagogik arbeiten mehr und mehr in Projekten in und außerhalb der Wildparks zusammen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Malte Hoevel: Ein Konzept für die "Wildnispädagogik" im Nationalpark Eifel. Diplomarbeit. Friedrich-Wilhelms-Universität, Geographisches Institut, 2005.
  2. Jon Young, Ellen Haas, Evan McGown: Coyote´s Guide to Connecting With Nature. Owlink Media, 2008.
    Jörn Lies: Wildheit als Weg - Über die Unerledigtheit von Wildnis. Diplomarbeit. HGB Leipzig, 2004, S. 43.
  3. Paul Stöcker: Wildnispädagogik im bildungstheoretischen Kontext. Masterarbeit. HNE-Eberswalde, 2010, S. 22 f.
  4. David Kremer: Überleben lernen. Wildnistraining zwischen Erlebnispädagogik und Umweltbildung. Diplomarbeit. Westfälische Wilhelms-Universität, Erziehungswissenschaft, Münster 2004, S. 16 (PDF; 842 kB [abgerufen am 6. April 2016]).
  5. a b Gerhard Trommer: Wildnispädagogik – Eine wichtige Zukunftsaufgabe für Großschutzgebiete. In: Nationalpark. Nr. 4, 2002, S. 8–11.
  6. a b c Anja Erxleben: Einheimisch werden in der Natur. Diplomarbeit. FH Eberswalde, 2008 (PDF; 3,99 MB [abgerufen am 6. April 2016]).
  7. Die Natur der Kinder; Lasst sie raus! In: GEO. Nr. 8, 2010, S. 90–108.
  8. Norbert Jung: Psychotope als Gegenstand der Mensch-NaturBeziehung.
  9. Gerald Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. (= Sammlung Vandenhoeck). 6. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 978-3-525-01464-6.
  10. Anja Schendzielorz: Was wird unter Wildnispädagogik verstanden? Konzepte der Wildnispädagogik im Vergleich. Zulassungsarbeit zur ersten Staatsprüfung. Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg, S. 97.
  11. Hans Bibelriether: Natur Natur sein lassen. In: P. Prokosch (Hrsg.): Ungestörte Natur - Was haben wir davon? Tagungsber. 6 Umweltstift. WWF Deutschland, Husum 1992, S. 85–104.
  12. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Hrsg.): Wildnisbildung, ein Beitrag zur Bildungsarbeit in Nationalparken. 2002 (PDF; 194 kB [abgerufen am 6. April 2016]).
  13. Wildnisschulenportal Europa
  14. Jon Young
  15. LexiTV Video: Überleben leicht gemacht
  16. W.I.N.D. Website
  17. 8shields.org
  18. Fachtagung „Neue Wege in der Waldpädagogik“, 09. und 10. November 2009, Erfurt (PDF-Datei; 1,03 MB)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • P. Kahn, S. Kellert: Children and nature: psychological, sociocultural, and evolutionary investigations. MIT Press, 2002, ISBN 0-262-11267-1.
  • Elke Loepthien: Verbundenheit als Aspekt einer Ökologie des Lernens. Diplomarbeit an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH). 2011, ISBN 978-3-656-16834-8.
  • Elke Loepthien: Von der Umweltbildung zur Umweltbindung. Hausarbeit an der HNE Eberswalde, 2008, ISBN 978-3-640-64412-4.
  • Richard Louv: Last Child in the Woods: Saving Our Children from Nature-Deficit Disorder. Algonquin Books, 2005, ISBN 1-56512-391-3.
  • Richard Louv: Web of Life: Weaving the Values That Sustain Us. 1998.
  • Susanne Nülle: Coyote Teaching / Wildes Wissen und die Auswirkungen in der Waldkindergartenarbeit. Praxisbericht an der Universität Bremen, 2008.
  • Wolfgang Peham: Der Wald in uns - Nachhaltigkeit kommunizieren. Oekom Verlag, München 2008, S. 30–37.
  • Henning Thiessen: Wildnisse in Schleswig-Holstein? In: P. Prokosch (Hrsg.): Ungestörte Natur - Was haben wir davon? Tagungsbericht 6 Umweltstift. WWF Deutschland, Husum 1992.
  • Gerhard Trommer (Hrsg.): Natur wahrnehmen mit der Rucksackschule. Westermann, Braunschweig 1991.
  • Gerhard Trommer: Wildnis - die pädagogische Herausforderung. Deutscher Studienverlag, Weinheim 1992.
  • Gerhard Trommer, R. Noack: Die Natur in der Umweltbildung - Perspektiven für Großschutzgebiete. Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1997.
  • Gerhard Trommer: Psychotop Wildnis - Wildnis und Verwilderung - Begriffsdefinitionen und Hintergründe. In: Polit. Ökologie. 59, 1999, S. 10–12.
  • Gerhard Trommer: Die Gila Wilderness - erstes Wildnis-Schutzgebiet in den USA. In: Nationalpark. 2/99, 1999, S. 36–39.