Wildwasseranlage

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Wildwasserstrecke am Eiskanal in Augsburg

Eine Wildwasseranlage ist eine künstlich angelegte Wildwasserstrecke für das Wildwasserpaddeln, Playboating, Hydrospeed, Sit-on-Top und Rafting, sowie zum Trainieren und für Wettkämpfe im Wildwasserrennsport, Kanuslalom und Freestyle.

Die Errichtung künstlicher Wildwasserstrecken ist ein seit 20 Jahren international verstärkt anhaltender Trend.

künstliches Wildwasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wassersportler auf der stehenden Welle im Münchner Eisbach
Eiskanal in Augsburg ohne Wasser, mit abgerundeten Betonhindernissen

künstliche Wellen
Die einfachste Form von künstlichem Wildwasser ist eine nachgeahmte stehende Welle in einem natürlichen Flussbett, wie beispielsweise die beiden stehenden Wellen in der Mur unter der Erzherzog-Johann- und der Radetzkybrücke in Graz. Häufig finden sich künstliche Wellen auch an Bauwerken die für einen anderen Zweck gebaut wurden, beispielsweise am Ausfluss einer Pegelfassungen oder an künstlichen Stufen, die zur Minderung der Fliessgeschwindigkeit in einen Fluss gebaut wurden. Künstliche Wellen können auch in einen Kanal eingebaut werden, wie die Eisbach-Welle in München. Künstliche stehende Wellen sind nicht nur bei Kanuten beliebt, sondern auch bei Surfern.

künstliche Wildwasserstrecken
Künstliche Wildwasserstrecken können auch nebenbei beim Wasserbau entstehen. So werden nicht selten in Aussenkurven von schnell fliessenden Flüssen in regelmäßigen Abständen Steinverhaue eingebaut, welche einerseits die Fliessgeschwindigkeit bremsen und andererseits Kehrwässer bilden. Beispiele sind die Lieserschlucht bei Spittal oder die Thur bei Gütighausen (Koordinaten: 47.595561, 8.717512, auf dem Satellitenbild sind die Steinverhaue in der Aussenkurve sichtbar).

künstliche Wildwasseranlagen
Eine künstliche Wildwasseranlage besteht aus mehreren aneinandergereihten Hindernissen, die für den Wassersport gebaut wurden. Sie kann entweder in einem natürlichen Flussbett eingebaut werden oder in einem künstlichen Wilwasserkanal. Gegenüber einer natürlichen Wildwasserstrecke bieten Wildwasseranlagen mehrere Vorteile. Im Wettbewerb und im Training können künstliche Anlagen für gleichmäßigere Bedingungen sorgen. Sie sind gut zugänglich, wohingegen natürliche Strecken typischerweise in abgelegenen Gebirgstälern liegen. Wildwasseranlagen sind sicherer, da dort unterspülte Ufer und ähnliche Gefahrenquellen nach Möglichkeit ausgeschlossen werden. Der Wasserpegel kann oft durch Schleusen beeinflusst werden und es gibt in der Regel keine gefährlichen Pegelschwankungen (Sunk und Schwall) durch Wasserkraftwerke. Künstliche Anlagen kompensieren zumindest teilweise den mit dem zunehmenden Bau von Wasserkraftwerken einhergehende Verlust von natürlichen Wildwasserstrecken auf Wildflüssen und Wildbächen.

Bau und Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wildwasseranlagen benötigen einen Höhenunterschied und genügend Wasser, damit die Strömung stark genug ist. Sie funktionieren entweder durch Einspeisung aus einem natürlichen Fluss, durch Pumpen, oder über die Tide.

Über veränderbare Einbauten und eine regulierbare Wasserströmung können mehrere Kombinations- und Variationsmöglichkeiten von Hindernissen und Wasserströmung eingestellt werden. Damit lassen sich sehr hohe Schwierigkeitsgrade erreichen, ohne unnötige Gefährdung der Wassersportler.

Kanuslalomstrecke der Olympischen Spiele 2004 in Athen

Beim Wildwasserkanälen mit Pumpen wird das Wasser wieder hochgepumpt nachdem es den Kanal heruntergeflossen ist. Solche Kanäle sind meist 300 m lang und kreis- oder U-förmig. Neben den Kosten zum Bau einer Anlage fallen hohe Betriebskosten an, typischerweise werden 1-2 MW Strom benötigt, um 15 m3/s Wasser 5 m hoch zu pumpen. Die Kosten müssen durch Eintrittsgelder gedeckt werden. Deshalb ist eine hohe Auslastung vonnöten. Ein Freestyler oder Playboater, der längere Zeit in einer Welle übt, ist dabei nicht so attraktiv wie möglichst viele Freizeitsportler in einem Raft. Insofern sind sehr aufwendige Anlagen nicht unbedingt die besten Trainingsstätten. Nachts werden die Pumpen aus Kostengründen meist abgeschaltet.

Für die olympische Kanusportart Kanuslalom muss die Paddel-Strecke bestimmte Kriterien erfüllen. Deshalb wurden im Zuge von Olympischen Spielen bereits mehrere Wildwasseranlagen mit Pumpen gebaut, wenn die austragende Stadt keine Strecke mit natürlichem Fluss in der Nähe besitzt. Die hohen Kosten für die Errichtung einer Anlage mit Pumpen gaben Anlass zu der Überlegung, den Kanuslalom aus den Olympischen Sportarten zu streichen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als erste künstliche Wildwasseranlage wurde für die Olympischen Spiele 1972 der Augsburger Eiskanal gebaut. In Sydney entstand das Penrith Whitewater Stadium für die Spielen 2000. In Athen wurde das Olympic Canoe/Kayak Slalom Centre im Helliniko Olympic Complex für die Spielen 2004 gebaut. Für die Bewerbung Leipzigs als Kandidat für Olympia 2012 entstand in Markkleeberg eine Wildwasserstrecke am Markkleeberger See. Nach Sydney und Athen wurde hier die dritte künstliche Sport- und Wettkampfanlage der Welt errichtet, die den neuen Richtlinien des Kanuslalomsports des ICF entspricht

Liste von Wildwasseranlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlage Land Länge Typ WW Bemerkungen
Augsburger Eiskanal Deutschland (Bayern) 660 m (olympische Strecke) Kanal IV Erste künstliche Wildwasseranlage, angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 1972; Bundesleistungszentrum, Olympiastützpunkt
Kanupark Markkleeberg Deutschland (Sachsen) 270 m (Trainingsstrecke 130 m) Pumpen IV Erste komplett künstliche Anlage in Deutschland mit elektrischen Umwälzpumpen, 2007 eröffnet
Salinental Bad Kreuznach Deutschland (Rheinland Pfalz) Fluss I-II Angelegt in der Nahe; Landesleistungszentrum
Kanusportanlage Bischofsmühle Hildesheim Deutschland (Niedersachsen) Fluss I Angelegt in der Innerste
Wildwasserpark Hohenlimburg, Hagen Deutschland (Nordrhein-Westfalen) 300 m Fluss Angelegt in der Lenne, 2015 umgebaut[1]; Bundesstützpunkt, Landesleistungszentrum, Olympiastützpunkt
Wildwasserarena Flattach Österreich (Kärnten) 350 m, Höhendifferenz 3 m Fluss III 2014 gebaute[2] Strecke in der Möll; fest installierte Slalomtore, mittlerer Abfluss von 10-20 m3/s [3]
Wildwasserpark Hüningen Frankreich (Elsass) 350 m Kanal II-III Angelegt im Hafen Hüningen des Hüningen-Kanals
Stade d’eau vive de L’Argentière-la-Bessée Frankreich (Hautes Alpes) 450 m, Höhendifferenz 4 m Fluss III 1993 eröffnete Wildwasserstrecke in der Durance mit rund 1 % Gefälle; 2007 umgebaut, geeigneter Durchfluss 50 - 80m3[4]
St. Clément Frankreich (Hautes Alpes) 200 m, Höhendifferenz 2 m Fluss II künstliche Strecke in der Durance mit 1 % Gefälle; 32 fest installierte Slalomtore, 3 Spielbootwellen, Treidelkanal zum Aufstieg, geeigneter Durchfluss 20 - 100m3/s[5]
Centre Eaux Vives Bourg St. Maurice Frankreich (Savoien) 300 m ICF-Strecke, 200 m Trainingsstrecke Fluss IV künstliche Strecke in der Isère; Der obere Abschnitt von der Eisenbahnbrücke bis zur Strassenbrücke hat mit 4 % Gefälle und 12 m Höhenunterschied[6] ICF-Niveau. Dort fanden die Slalom-Weltmeisterschaften von 1969, 1987 und nach dem Umbau nach dem Hochwasser von 1996 erneut 2002 statt. Nach der Eisenbahnbrücke folgt eine rund 200 m lange Trainingsstrecke mit ca. 1,5 % Gefälle, so dass die Strecke insgesamt 500 m lang ist.[7] Ein geeigneter Durchfluss ist 20m3/s, bei mehr als 30m3/s nehmen die Schwierigkeiten stark zu.
Čunovo Water Sports Centre Slowakei (bei Bratislava) 356 m (Wettkampf), 460 m (Training) Kanal II 1996 auf einer kleinen Donauinsel beim Stausee Kraftwerk Gabčíkovo mit einer Höhendifferenz von 6.6 m bei beiden Strecken gebaut[8]
Ocoee Whitewater Center Vereinigte Staaten (Tennessee) 415 m, Höhendifferenz 9 m Fluss Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta, erster Naturkurs in der olympischen Geschichte.[9] Der Upper Ocoee River liegt wegen eines Wasserkraftwerks normalerweise trocken und wird für das kommerzielle Rafting an Sommerwochenenden zur Mittagszeit geflutet. Die Strecke hat ein Gefälle von 2,2 %.
Penrith Whitewater Stadium Australien (Sydney) 320 m, Höhendifferenz 5 m Pumpen Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 2000. Die Strecke hat ein Gefälle von 1,6 %.
Helliniko Olympic Canoe/Kayak Slalom Centre Griechenland (Athen) Pumpen Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 2004. Für den olympischen Wettkampf wurden 17.5 m³/s gepumpt.[10] Im August 2014 lag die Anlage trocken.[11]
Olympischer Ruder- und Kanupark Shunyi VR China, (Peking) Pumpen Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 2008, nicht mehr in Betrieb[12]
Lee Valley White Water Centre England (Waltham Cross) 300 m Pumpen Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 2012. Die Strecke hat ein Gefälle von 1,8 %.
Olympic Whitewater Stadion Brasilien (Rio de Janeiro), Stadtviertel Deodoro 280 m Pumpen Angelegt anlässlich der Olympischen Spiele 2016 in der X-Park Sektion des Deodoro Olympic Parc, eine olympische WW III-IV Strecke und eine WW II-III Trainingsstrecke [13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wildwasseranlagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hohenlimburg, WAZ Der Westen, 9. Juni 2015
  2. Wildwasserarena Flattach
  3. Pegel Flattach
  4. Sports d’eau vive, letzter Abschnitt Le Stade d’eau vive de l’Argentière-la Bessée
  5. Saint Clément sur Durance
  6. Bourg-Saint-Maurice
  7. Bourg saint Maurice
  8. Bratislava Guide, abgerufen am 2. Februar 2016
  9. Ocoee Whitewater Center auf blueridgemountains.com (englisch)
  10. Webseite der Konstruktionsfirma des Helliniko Olympic Canoe/Kayak Slalom Centre
  11. Olympics: Athens venues lie empty as tenth anniversary nears, BBC
  12. Die verrosteten Reste der Olympischen Spiele auf zeit.de, 12. April 2012, Bild 11 zeigt den trockenen Wildwasserkanal
  13. Rio 2016