Wilfried Hagebölling

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Wilfried Hagebölling (* 9. Juni 1941 in Berlin) ist ein deutscher Bildhauer und Zeichner, der insbesondere für seine konstruktiven, begehbaren Stahlarbeiten bekannt ist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hagebölling studierte von 1963 bis 1967 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Robert Jacobsen. Er nahm an den internationalen Bildhauersymposien der Städte Soest (1973) und Homburg-Saar (1974) teil. Von 1977 bis 1986 hatte er einen Lehrauftrag an der Universität Paderborn, Fachbereich Architektur/Landschaftspflege, inne. Am Rande der Senne bei Paderborn eröffnete er 2002 einen eigenen Skulpturengarten, der im Sommer an jedem ersten Sonntag im Monat der Öffentlichkeit zugänglich ist. Nicht zuletzt für gelebte Werte wie Solidarität und Zivilcourage wurde Hagebölling am 7. Dezember 2012 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen.[1]

Hagebölling lebt und arbeitet in Paderborn. Er ist Mitglied im Deutschen Künstlerbund.[2]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raumpflug (1983/84), Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

Hageböllings frühes Interesse an der Architektur, insbesondere an dem Zusammenspiel von Architektur und Skulptur, wird an etlichen architekturbezogenen Arbeiten deutlich wie etwa der Gestaltung einer Betonwand an der Realschule in Sundern (1968/69) oder der Gestaltung einer 25 x 25 m messenden Lichtdecke aus Beton im Neubau der Sparkasse zu Arnsberg (1973/74).

Ein wiederkehrendes Thema in Hageböllings plastischem Werk ist die Brechung des rechten Winkels. Da sind zunächst einmal räumliche Gebilde, zusammengesetzt aus Vierkantstählen, Bögen, Winkeln, Rahmen und verschiedensten Flächenformen, um ein Gleichgewicht der Gesamtkomposition ringend. Anfang der 1980er Jahre werden die Formen reduzierter, flächiger und auch größer. Bei den „Bodenstücken“ und „Raumschneisen“ durchschneiden die im rechten Winkel hochgebogenen Teile mehrerer Stahlplatten scharf den Raum, während sie gleichzeitig im Boden verwachsen zu sein scheinen.

Ab Mitte der 1980er Jahre entstehen architektonische Skulpturen, begehbare „Stollen“, „Passagen“ und „Kreuzgänge“ aus Stahl, die Blicke versperren, Zugang beschränken, Fluchten definieren und Bewegung kanalisieren. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte sein „Keil-Stück“ (1987), eine vier Meter hohe Skulptur aus rund 20 Tonnen Stahl, ein Auftrag der Stadt Minden für den Martinikirchhof. Später wollte die Stadt das Kunstwerk wieder entfernen lassen – nicht zuletzt aufgrund von Unmut über das sperrige Stück in Kreisen der Bevölkerung. Das Landgericht Bielefeld gab in einem ersten Urteil im Jahr 2001 das Kunstwerk zur Verschrottung frei. Das später angerufene Oberlandgericht Hamm hob diese Entscheidung jedoch in einer Berufung auf: Ohne Einwilligung des Künstlers dürfe das Kunstwerk an keinem anderen Ort aufgestellt oder eingelagert werden, da dies das Kunstwerk beeinträchtige oder entstelle.[3] Das richtungweisende Urteil stärkte in Auseinandersetzungen um Kunst im öffentlichen Raum das Urheberrecht des Künstlers gegenüber dem Eigentumsrecht.

In den 1990er Jahren wandte sich Hagebölling verstärkt der Zeichnung zu. Ein größeres Konvolut von Zeichnungen des Künstlers befindet sich im Besitz der Städtischen Galerie am Abdinghof, Paderborn. Zudem entstanden politische Arbeiten wie z.B. Abu-Ghureib (2003/2004), eine Intervention im öffentlichen Raum als Protest gegen entwürdigende Behandlung von Menschen und gegen Folter. Abu-Ghureib nahm Bezug auf Folter an irakischen Insassen des Abu-Ghuraib-Gefängnisses durch US-amerikanisches Wachpersonal, die weltweit Aufsehen erregte. Am 30. Oktober 2004 stellte Hagebölling einen Käfig mit den Maßen 312 x 132 x 235 cm auf dem Gelände des ehemaligen Jesuitenkollegs am Kamp – heute Schulhof des Gymnasiums Theodorianum – im Zentrum von Paderborn auf. Ein Hinweisschild gab an:

„Abu-Ghureib 2003/2004 – Friedrich von Spee 1631/1632
Die Ad-hoc-Intervention im öffentlichen Raum ist ein Protest gegen Folter. Die Arbeit präsentiert eine Isolierzelle, wie sie U.S. Truppen für Abu-Ghureib-Häftlinge in Bagdad benutzen – eins zu eins – am Entstehungsort der 'cautio criminalis' (1631/1632) des Friedrich von Spee, auf dem Gelände des ehemaligen Jesuitenkollegs.[4]

Flugblätter in Geschäften und Kirchen sowie eine Pressemitteilung informierten die Bevölkerung. Dies setzte eine öffentliche Diskussion in Gang, in dessen Verlauf Hagebölling vom Bürgermeister, von der Schulleiterin und vom Schuldezernenten aufgefordert wurde, die Arbeit zu entfernen. Um die Entfernung der Arbeit zu verzögern, verbrachte Hagebölling auch selbst eine Nacht im Käfig. Später wurde der Käfig – aus Sicherheitsgründen – großräumig mit Absperrgittern abgeriegelt und schließlich, in Einvernehmen mit der Stadt, auf den Gehweg (öffentlicher Raum) umgesetzt. Am 29. November holte Hagebölling die Arbeit wieder ab. Der Ort, den Hagebölling für diese Intervention auswählte, erinnert an den Friedrich Spee, der an diesem Jesuitenkolleg von 1623 bis 1626 sowie von 1629 bis 1631 lehrte. In seinem Buch Cautio Criminalis oder Rechtliche Bedenken wegen der Hexenprozesse, das 1631 anonym erschien, verurteilte er engagiert Folter und erzwungene Geständnisse. Dieses Buch trug erheblich zur Abschaffung der Folter in Deutschland bei.[5]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen und Projekte (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1975 Skulpturen in der Stadt, Soest
Städtische Galerie Paderborn (Fritz Winter – Gemälde, Wilfried Hagebölling - Skulpturen)
  • 1980 Skulpturen in der Stadt, Soest
  • 1981 Lippisches Landesmuseum und Stadtgebiet, Detmold
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 1983 Palais des Congrès et de la Culture, Le Mans
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 1985 Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
Kunstpavillon Soest
Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Lübeck
Museum Bochum
  • 1988 Kunstverein Minden
Skulptur-Projekt Langenfeld/Rheinland
Projekt Kunsthalle Bielefeld
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 1989 Skulptur im Colombipark, Kunstverein Freiburg
Museum Abtei Liesborn
Städtisches Museum Gelsenkirchen
  • 1991 Städtische Galerie Paderborn
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
Museum am Ostwall Dortmund
Stadtmuseum Beckum
Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford
Stadtmuseum Oldenburg
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 2002 Kunsthalle Mannheim
  • 2003 Städtische Kunstsammlungen Augsburg (Zeichnungen)
Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 2006 Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 2008 Stadtmuseum Oldenburg
  • 2011 Hagebölling Hier. Skulpturen + Zeichnungen. Städtische Galerie Am Abdinghof, Paderborn[6]

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1974 Salon de la Jeune Sculpture, Paris
  • 1975 Salon de la Jeune Sculpture, Paris
Salon Contra Diction, American Center, Paris
Salon Grands et Jeunes d'Aujourd'hui, Paris
  • 1976 Salon de la Jeune Sculpture, Paris
  • 1982 „Bildhauer in Deutschland 1962/82“, Nordjyllands Kunstmuseum, Aalborg (Bergen, Stavanger, München)
„96 Künstler aus Westfalen“, Westfälisches Landesmuseum, Münster
„dreidimensional - aktuelle Kunst aus der BRD“ (Stationen: Kunsthalle Mannheim; 1984 Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg; National-Museum of Modern Art, Tokio; Museum Seoul, 1984/85 Metropolitan Museum, Manila; 1985 National Museum, Singapur)
  • 1986 „Nur Rost...?“, Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl
„Annäherungen“, Verein für aktuelle Kunst/ Ruhrgebiet, Oberhausen
  • 1987 „Steel sculpture“ (Stationen: Krefeld; 19. Biennale für Skulptur, Stadtpark Antwerpen; 1987/88 Wantijpark, Dordrecht; 1988 Yorkshire Sculpture Park, Wakefield; 1988/89 Kunsthalle Bremen)
  • 1989 „4. Triennale Fellbach: Kleinplastik“, Fellbach
„Schwerpunkte: Skulptur und Papier“, Städtische Kunsthalle Mannheim
  • 1990 „Bis jetzt. Von der Vergangenheit zur Gegenwart. Skulptur im Außenraum der BRD“, Georgengarten, Hannover-Herrenhausen
  • 1991 „Übersicht. Kunst in NRW“, Städtische Galerie Lüdenscheid u. a.
„Steine und Orte“, Museum Morsbroich Leverkusen
„Nationale der Zeichnung“, Nürnberg
  • 1993 „Sammlung Morsbroich. Die Skulpturen“, Museum Morsbroich Leverkusen
„Stahlplastik in Deutschland 1993“, Staatliche Galerie Moritzburg, Halle/Saale
  • 1993/94 „Die Neuerwerbungen der Kunsthalle Bremen 1985–1993“, Kunsthalle Bremen
  • 1994 „Stahlskulptur“, Wittmund (im Stadtgebiet)
  • 1995 „Übersicht 2. Kunst in NRW“, Städtische Galerie Haus Seel, Siegen u. a.
  • 1997 „STAD(t)T-Art. Kunst in 56 homöopathischen Dosen“, Heiligenhaus
„Zeichnungen von Bildhauern. Wilfried Hagebölling, Ansgar Nierhoff, Heinz Günther Prager“, Galerie Monika Hoffmann, Paderborn
  • 1999 „Hier und Jetzt“, Gustav-Lübcke-Museum, Hamm
  • 2000 „Plastische Graphik“, Kunsthalle Mannheim
  • 2009–2011 „colossal“. Kunstprojekt zum Thema 2000 Jahre Varusschlacht, gestaltet von Jan Hoet. Landschaftsverband Osnabrücker Land in Kooperation mit Museum und Park Kalkriese[7]

Arbeiten in öffentlichen Sammlungen und im öffentlichen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hagebölling in Detmold. Katalog Stadt Detmold, 1981, 40 S. (mit Texten u.a. von John Anthony Thwaites)
  • Wilfried Hagebölling. Skulpturen. Katalog Städtische Galerie Paderborn, 1991, 88 S. (mit Texten u.a. von Manfred Schneckenburger)
  • Wilfried Hagebölling Skulpturen – Zeichnungen. Katalog Museum am Ostwall Dortmund / Emschertalmuseum, Herne / Stadtmuseum Beckum /Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford / Stadtmuseum Oldenburg, 1993, 114 S. (mit Texten u.a. von Manfred Schneckenburger)
  • Hagebölling. eins zu eins. Zeichnungen. Kunsthalle Mannheim 2002 (mit Texten von Thomas Köllhofer und Gerhard Kolberg)
  • Wilfried Hagebölling. Hrsg. Städtische Galerie Am Abdinghof, Paderborn, Konzeption und Gestaltung: Monika Hoffmann, DruckVerlag Kettler, Bönen, 2011. Anlässlich der Ausstellung Hagebölling. Hier. Skulpturen + Zeichnungen, Städtische Galerie Am Abdinghof, Paderborn, 20. November 2011 bis 12. Februar 2012

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wilfried Hagebölling – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verleiht den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen an 14 Bürgerinnen und Bürger, Landesregierung Nordrhein-Westfalen
  2. kuenstlerbund.de: Mitglieder "H" / Wilfried Hagebölling (abgerufen am 12. August 2015)
  3. Urteil des Oberlandesgerichtes Hamm zur Entfernung des Keilstücks abgerufen September 2011
  4. Wilfried Hagebölling. Abu-Ghureib 2003/2004 – Friedrich von Spee 1631/1632. Dokumentation der Intervention im öffentlichen Raum Paderborn, 30. Oktober – 29. November 2004. Verlag Galerie Monika Hoffmann, 2005, S. 5
  5. Wilfried Hagebölling. Abu-Ghureib 2003/2004 - Friedrich von Spee 1631/1632. Dokumentation der Intervention im öffentlichen Raum Paderborn, 30. Oktober - 29. November 2004. Verlag Galerie Monika Hoffmann, 2005, S. 7
  6. Hagebölling Hier. Skulpturen + Zeichnungen. Ausstellungsflyer, Städtische Galerie Am Abdinghof, Paderborn, 20. November 2011 – 12. Februar 2012
  7. Colossal. Kunst - Fakt - Fiktion, Kunstprojekt zum Thema 2000 Jahre Varusschlacht, gestaltet von Jan Hoet. Landschaftsverband Osnabrücker Land in Kooperation mit Museum und Park Kalkriese, 2009 - 2011
  8. Kreuz-Stück (1987/91), konstruktive Stahlplastik, Francksen-Villa, Stadtmuseum Oldenburg